Die Schnitte

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mög
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Die Schnitte

Beitragvon mög » 04.12.2004, 00:43

Wie er den Kopf schief hält, den Halsansatz bloßlegend - beiß rein! säuselt das -, den Blick senkt, die Augen aufschlägt: reine Koketterie.

Eng umschlungen tanzt er mit Zora, tiefe Blicke. Und jetzt - kann's wahr sein, wir packen's nicht - führt er doch tatsächlich den Finger zum Mund, schleckt ihn ab, streicht sich damit über die Brust. Was ist das für ein Film, bitte? Wer will ernsthaft Laszivität bei einem Mann? - Und könnte er uns wenigstens die Singerei ersparen? Doch immerhin hat sich der Herr ja mal bei Starmania beworben und schmalzt seinem Objekt in Bearbeitung solchermaßen qualifiziert inbrünstig jeden Refrain entgegen. Es ist pathetisch - der Einsatz aller Tricks, um Zora doch noch ein bisschen weiter rumzukriegen. Denn die weiß schon was sie will, genau genug, dass er sich da bloß nicht täuscht, und ihn will sie eigentlich nicht so wirklich. Gut, im Moment vielleicht schon, ein bisschen, küssen kann er ja und nett fürs Auge ist er auch. Aber doch: nicht so wirklich, nicht genug für Weiteres. Denn er scheitert zwangsläufig, scheitert bei seiner Hauptaufgabe als Mann: ihr Ego zu bestätigen. Hat sie schon festgestellt.

Das Schnittchen ist nämlich ein Flittchen.

Zora greift selber gern zu, wenn sich was anbietet, aber verarschen lässt sie sich nicht. Sie muss nicht immer die Frau des Lebens sein - aber die Frau des Abends, ist das zu viel verlangt? Er war ihr erster Aufriss in der neuen Stadt gewesen , noch am selben Abend hatte er was mit einer anderen gehabt, und die Vorstellung, er hätte sich deswegen womöglich vor sich selber toll vorkommen können, hatte sie mehr erbost als alles andere. Wir weiden uns noch immer an dem Bild ihrer Rache: "Weißt du was, ich könnte dir eine knallen" schnaubt eine zornige Zora und rauscht am entgeisterten Jüngling vorbei. "Achwas, was heißt, könnte - ich tus auch!" -macht kehrt, und tút's.

Heute probiert er's trotzdem wieder, und in Anbetracht der Vorgeschichte ist es vielleicht durchaus angebracht, das Köpfchen ein bisschen schief zu halten.

Ist ja auch wirklich ein niedliches Köpfchen, allerliebst, fein geschnitten das Gesicht und die Haare so wuschelig-weich, wie von den Musen zärtlich zerzaust, die würdige Krone einer Schönheit. Ein sehr niedliches Köpfchen .

Aber kein besonders helles.

Denn schon grinst es uns wieder an, anzüglich über Zoras Schulter hinweg, während wir noch die Pose bewundern.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

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Re: Die Schnitte

Beitragvon Hamburger » 08.12.2004, 15:58

Hallo mög,

weißt du was mein alter WP-Lehrer Rose an der Realschule immer zu uns sagte? Er sagte, da es sich bei denen die sich für das Wahlpflichtfach "Deutsch" in der 10.Klasse der Realschule entschieden hatten (wie es zu dieser Konstruktion kam ist schwer zu erklären und ich tue es nur auf entschiedene Nachfrage ;-) ) nur um Jungen handelte: “Jungs, lasst euch eins gesagt sein. Seid Männer. Bleibt Männer. Ein Schönling, Jungs (dabei gestrenger Blick auf unseren Klassenschönling Christian), ein Schönling wird niemals ernst genommen.“

Das war mein erster Gedanke zu dieser Geschichte und der zweite Gedanke war, dass ich deine Geschichten mag. Es handelt sich für mich um kleine, edle Alltagsmomentaufnahmen, die mich immer wieder überraschen, die ich gerne lese.
Ich finde sowohl den kokettierenden Jüngling, die Zora, als auch das Publikum sehr überzeugend dargestellt.
Einen heterosexuellen Mann als Flittchen so gut darzustellen ohne dass es im Mindesten peinlich wird ist ungewöhnlich. Das und die Tatsache, dass die Figur der Zora eine gute Gegenspielerin bildet machen den Hauptreiz der Geschichte aus. Denn sie, als durchaus selbstbewusst (Stichwort „Egobestätigung“) und kokett (Stichwort „erster Aufriss“) angedeutete Figur wird nicht gebändigt, sondern zornig gemacht durch einen Mann, der die tradierte Rollenverteilung bricht. Etwas, was man sonst nur Homosexuellen wie selbstverständlich zuspricht. Ein feiner Kniff.

Stark der Moment ihrer Rache, dieses Schimpfen, Weggehen, Wiederkommen und Zuschlagen.

Komplettiert und erst so richtig rund wird diese Geschichte dann durch den sehr starken Schluss. Hier passt alles: Man kann bei der Beschreibung des niedlichen Köpfchens den Hohlraum in demselbigen spüren.

Auch dass das Publikum die Pose des Mannes dennoch bewundert sorgt noch einmal für einen schönen Bruch am Schluss.

Insgesamt: Respekt!

So, aber zwei minimale Meckerpunkte habe ich auch, sonst wäre ich nicht der Hamburger...


Doch immerhin hat sich der Herr ja mal bei Starmania beworben


Die Stelle fand ich schwach, aber da sie eine gute Funktion erfüllt...


und schmalzt seinem Objekt in Bearbeitung solchermaßen qualifiziert inbrünstig jeden Refrain entgegen.


...kann ich da eigentlich nichts gegen sagen.

Die Feststellung...


Aber kein besonders helles.


...ist unnötig, aber da dir aber der Übergang zum letzten Satz so schön gelingt ziehe ich auch das wieder zurück. ;-)

Liebe Grüße vom

Hamburger
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Re: Die Schnitte

Beitragvon Silentium » 08.12.2004, 16:04

wie es zu dieser Konstruktion kam ist schwer zu erklären und ich tue es nur auf entschiedene Nachfrage


*entschieden nachfrag*
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Re: Die Schnitte

Beitragvon Hamburger » 08.12.2004, 16:14

*entschieden nachfrag*

Grrr, das hab`ich gewusst. Das ist wieder typisch für dich!!!! ;-)

Also Silentium, wir hatten damals in der 10.Klasse natürlich das reguläre Fach Deutsch und mussten nun noch ein Wahlpflichtfach wählen. Dieses wurde zwar benotet, aber wenn es keine 5 oder 6 werden würde, dann, so war mir klar, konnte es mir egal sein. Denn entscheidend für den Sprung aufs Gymnasium waren nur die Noten in den drei Fächer, in Englisch, Deutsch und Mathe.

Zur Auswahl für die Wahlpflichtfächer standen nur so grandiose Sachen wie Textilgestaltung oder Kunst...brrr...das gefährdete mich ganz schön bis...ja bis Herr Rose sich erbot zusätzlich zum regulären Deutsch auch noch das Wahlpflichtfach Deutsch anzubieten. Eine kleine Schar von ich glaube 6 Jungen nahm dankend an, alle beseelt von dem Gedanken möglichst irgendwie ne 4 zu kriegen und sonst nix in den Kurs zu investieren. Denn er fand Freitags in der 7.Stunde statt...gähn.

Doch Herr Rose entpuppte sich gar nicht so sehr als der Spiesser wie wir dachten. Wir hörten sogar mal in Helge-Schneider-Cassetten rein (!!!) - insgesamt war es doch okay - und hängen geblieben ist, neben einer 2 als Note (prahl!!!) der zitierte Spruch.

Zufrieden? ;-)

Hamburger
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Re: Die Schnitte

Beitragvon Silentium » 08.12.2004, 16:24

Halbwegs zufrieden... :-D
Wir sind nämlich im Deutsch-WPG sechs Mädchen und ein der Hansi, den ich dazu überredet hab. Der Arme kämpft auf verlorenem Posten...
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Re: Die Schnitte

Beitragvon Hamburger » 14.12.2004, 03:37

Ach mög,

dein Text hat mich übrigens an einen anderen Text erinnert. Schau mal in den Thread "Die Bohemia" in "Songs & Lyrics"...

Liebe Grüße,

Hamburger
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Re: Die Schnitte

Beitragvon razorback » 18.12.2004, 18:08

Mal eben zurück zum Text :-p

Ich bin nicht ganz so begeistert wie Hamburger, mög. Der Anfang ist gut, diese Entrüstete Attitüde, sehr schön, auch die Beschreibung des Knaben. Aber dann kommt Dir leider die Handlung abhanden - ziemlich genau ab der Schnittchen/Flittchen stelle. Auch Ironie braucht ja einen Träger, und hier... hm...

Ich habe ja nichts gegen die Situationsbeschreibung an sich, aber hier ist sie nicht genug. Zuviel Handlung und Motive für eine Beschreibung, zu wenig für eine Geschichte, irgendwo in der Mitte bleibst Du stecken.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

mög
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Re: Die Schnitte

Beitragvon mög » 03.01.2005, 17:40

ad Hamburger:
tut mir leid, dass ich so spät reagiere. Hab den Text in Songs und Lyrics gelesen und mich sehr gefreut, solche Assoziationen zu wecken.

ad Razor:
deiner Kritik kann ich nichts entgegensetzen. Ironie braucht einen Träger? Bezieht sich das auf das Objekt der ironischen Betrachtung oder auf den ironischen Betrachter? Danke jedenfalls fürs Feedback.

lg
mög
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