Vergeblichkeit

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
chiron
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Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 05.07.2005, 21:47

Vergeblichkeit,
geweiht dem Augenblick
klar erkennt die Seele
es gibt kein Weg zurück

Gefangen im Warten ,Glauben, Hoffen,
bleibt ein Ende für immer offen.

Ist die Vergangenheit geblieben,
wird die Zukunft nicht geschrieben.

Dichtes Schweigen,
stummes Klagelied
der Abschied erzwingt das Leiden
damit die Wahrheit siegt...

Voran zu gehen scheint endlos schwer
Die Gegenwart ohne Hoffnung , leer
Die Wahrheit die ich vermied:
Wirklichkeit ist auch das
was nicht geschieht...

razorback
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon razorback » 07.07.2005, 16:19

Und nochmal Hallo!

Zum "kleinen Bruder" sage ich nichts, da der für mich einiges der wenigen Themen behandelt, bei denen es meines Erachtens nicht egal für die Bewertung ist, ob es autobiographisch geschrieben ist oder nicht.

Also zu dem, wozu ich etwas sagen möchte, nämlich "Vergeblichkeit".

Zunächst mal: Besser als "der Morgen danach". In den Schwächen ähneln sich die Texte, aber der hier hat Stärken, die "der Morgen..." nicht hat.

Zu den Schwächen:

Auch hier wieder ein sehr wirrer Reimschemenwechsel und auch dieses Gedicht wirkt etwas zu sehr auf die Reime hin konstruiert. Grammatik ist auch wieder kritisch (es gibt keinEN Weg zurück). Und auch hier schreibst Du wieder sehr bombastisch und wirfst mit großen Worten und Bildern nur so um Dich:

Seele, Hoffen, Leiden, Wahrheit, Wirklichkeit... puh, das reicht anderen für ein Lebenswerk. Und Du packst das alles in ein Gedicht. Leider, wie ich finde, auf recht losem Grund verankert. Ein Beispiel:

Dichtes Schweigen,
stummes Klagelied
der Abschied erzwingt das Leiden
damit die Wahrheit siegt...


Natürlich spricht nichts dagegen, Eindrücke zu schildern ("dichtes Schweigen"). Aber "erzwungenes Leid", "Wahrheit" - das sind keine Eindrücke, das sind monolithische Ausdrücke. Und die stehen bei Dir einfach so in der Landschaft rum. Selbstverständlich kann ich mir einen logischen Zusammmenhang konstruieren, in dem das alles einen Sinn ergibt. Aber ob der dann noch irgend etwas mit dem zu Tun hat, wovon Du hier sprichst - wer weiß. Wenn Du also ein Gedicht über Leid und Wahrheit schreiben willst - nur zu. Aber es wäre besser, solche verbalen Monstren nicht wie flüchtige Bilder zu streuen.

Denn - und damit komme ich zum Besseren - wenn Du Dich vom Bombast löst, kommen, wie ich finde, recht gelungene Eindrücke und Bilder zu Stande. Und außerdem gefallen mir die letzten beiden Zeilen sehr gut (wobei ich einen Punkt da besser fände als drei Punkte. Der Satz ist gut, denn kannst Du hart beenden).

Wie wäre es, wenn Du einmal versuchen würdest, ein Gedicht zu schreiben - zum Beispiel über Vergeblichkeit - Dir dabei aber große Worte (Seele, Liebe, Glaube, Hoffnung, Ewigkeit, Wahrheit, Nichtigkeit etc., etc.,) entweder ganz verbietest, oder nur einmal erlaubst. Das Problem mit den Bombastworten ist, dass sie zwar unglaublich raumgreifend sind, aber beliebig wirken, wenn man sie raumgreifend einsetzt. Kleine, alltägliche Worte und Bilder sind da oft viel schärfer und präzieser.

Greetz

Razor
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chiron
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 07.07.2005, 17:20

Hallo razorback....
Grammatik schwach...o.k. auf dieses Problem bin ich gestossen.
Was die bombastische Wortwahl betrifft, so ist es absichtlich. Wer schon einmal 2 Jahre lang einfach eine Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen wollte und immer wieder gehofft, gewartet und geglaubt hat der kennt den stillen, ewigen Schmerz der nicht zum Ausdruck gebracht werden kann weil so unverständlich. Daher der Ausdruck " dichtes Schweigen, stummes Klagelied." Bis eines Tages die Erkenntnis greift wie sehr man dadurch fest hält und am Leben vorbei lebt. Wenn ich Seele schreibe dann meine ich auch diese. Ein Eindringen von Gefühlen die eine ganze Persönlichkeit verändern,die prägend sind. Motor dafür ist der Leidensdruck deshalb sei es gestattet von Leid und leiden zu reden. Um ganz ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung von Reimen, welchen Takt ich da einhalten muss . Eigentlich handelt es sich eher um den Versuch etwas was mich tief Innen bewegt in Worte zu kleiden.
Gruss
chiron

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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon razorback » 07.07.2005, 18:23

Ja, ausgerechnet gegen das dichte Schweigen habe ich ja auch gar nichts, im Gegenteil. Habe ich mich wohl etwas unklar ausgedrückt.

Das Problem mit den Bombastworten ist einfach: Die sind so gross und so oft gebraucht, da hängen dermassen viele Assoziationen dran (ganz abgesehen von 4000 Jahren Geistesgeschichte :-D ), dass das, was Du ausdrücken willst, von den Worten erschlagen wird.

Ich habe übrigens auch keine Ahnung, warum man wann wie reimt (ich schreibe selber entweder Prosa oder streng gebundene Arbeitsvorlagen, von ein paar Liedtexten mal abgesehen, und die folgen selbstverständlich dann einem einfachen Rhythmus) aber meinem Eindruck nach hat die Art und der Aufbau des Reimschemas üblicherweise in irgendeiner Form mit dem Gegenstand des Gedichts zu tun - und wenn kein Schema vorhanden ist, hat das auch etwas damit zu tun. ;-)
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon Hilbi » 07.07.2005, 21:56

Warum bitte kann man Liebeskummer nicht einfach so beschreiben wie er ist. Warum wird, nur weil man ein Gedicht darüber schreibt alles so pathetisch..
warum schreibt keiner wie man es
ausdrücken würde wenn man mit seinem besten freund darüber spricht




ich schaue aus dem fenster und mir ist kotzübel
meine frau hat mich verlassen und so
wie die sache steht lieb ich sie noch

verdammte kacke

kein büchsenwurf von hier entfernt spielt irgendein schlagzeuger ein trauriges lied
ich möchte den mist nicht hören
schon gar nicht von nem besoffenen schlagzeuger....


meine frage. woher kommt dieser völlig unnötige Pathismus.
Wenn mir ein Mensch gefällt sage ich doch auch nicht...

meine seele brennt wie ein windrad das
schon lange keine lakritzschnecke mehr gesehen hat....


sagt mir...

warum pathos?
Wenn der Himmel so blau ist, warum wird es dann finster?

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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 07.07.2005, 23:18

Hallo Hilbi...
wenn Du Liebeskummer so ausdrücken möchtest ist das o.k.
Ich finde manche Gefühle viel zu subtil oder zu überwältigend als sie anders ausdrücken zu wollen. In diesem Gedicht geht es um etwas anderes als um Liebeskummer. Es geht um die Unfähigkeit eine Wirklichkeit zu akzeptieren. Es geht darum wie sehr man sich verändert wenn es endlich gelingt Abschied zu nehmen von einem Traum und einer Hoffnung.Von der Erkenntnis wie vergeblich meine Hoffnung ist und wie sehr mich mein eigenes Handeln dem Leben entfremdet.
Was wäre unsere Literatur ohne Poesie, Pathos ? Würden wir dann nicht nur verlängerte Inhaltsangaben lesen die ein Geschehen beschreiben ohne den Leser zu berühren ?
Ausserdem habe ich fest gestellt das es für vieles was einen bewegt keine Worte gibt (oder ich keine finde). Also bleibt nur die Umschreibung die etwas vermitteln will das dem Anliegen nahe kommt.
Viele Grüße
chiron

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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 07.07.2005, 23:28

Hallo razorback..
so unterschiedlich ist Wahrnehmung, rein Subjektiv.
So oft denke ich die Worte treffen nicht das was ich sagen will, viel zu trivial.
Du empfindest es als erschlagen werden von zu grossen Worten.
Gefühle nüchtern zu betrachten ohne sich ihnen wirklich hin zu geben ist eine Domäne des männlichen Geschlechts. Die Intensität des Erlebens variiert sehr stark und für starke Gefühle suche ich starke Worte, denen es dennoch nicht gelingt wirklich das zu beschreiben was bewegt.
Mit Suvjektivität kann ich leben...
Viele Grüße
chiron

Madeleine
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon Madeleine » 07.07.2005, 23:52

Hallo Chiron !

Ein kleiner Tipp am Rande : Wenn du mehreren Usern antworten willst, kannst du das auch in einem Posting tun. Schreibe doch einfach ein @ und dann den Usernamen. So ist es einwenig unkomlizierter :-)


Grüße,

Madeleine

Glaukos
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon Glaukos » 08.07.2005, 00:04

He he,
aus der Debatte hier könnte ich schließen, dass der Pathos also was Weibliches sei.

(oder das Pathos?)

Würde ich aber nicht unterschreiben.
Es gibt solchen und solchen Pathos, solche und solche Nüchternheit. Man könnte meinen, ein Thomas Bernhard schreibt nüchtern und ohne Pathos. Vordergründig ja. Untergründig gibts bei ihm viele Gefühle, selbst durch die Gedankenprosa hindurch.

Es gibt wundervolle Hymnen in der Musik, die meisten wurden von Männern geschrieben.

Also, ich fürchte, es hat wenig damit zu tun, dass der Pathetische nah am Gefühl ist
und der Nüchterne fern vom Gefühl. Sie drücken es nur verschieden aus.



Chiron, was dein Gedicht (und die anderen hier) anbelangt - sie sind für mich sehr provokativ. Sie zeigen ein deutliches Leid an, ein Leiden an der Welt, an sich selbst. Sie kommen ziemlich barock daher ... aber ihnen fehlt die Eleganz, um zu überzeugen. Lies mal die Verse von Surjaninov, die hier zu finden sind. Er nutzt auch ein "altmodisches Vokabular". Aber er arbeitet nicht nur mit großen Begriffen, sondern auch mit vielen Bildern. Du bleibst vorwiegend bei Gedanken. Das ist in der Poesie schwierig, Bilder machen es leichter.

Die Reime finde ich auch zu gezwungen.

Und dass man nur für sich selbst schreibt, herrje, das nehme ich keinem ab, der im Internet seine Texte publiziert; er mag höchstens so tun, als ob ihm eigentlich ganz egal sei, was die Leute davon halten, aber es ist ihm nicht egal.
Du willst auch gefallen mit deinen Versen. Wenn du gefallen willst, musst du, sofern du nicht sofort auf Begeisterung stößt, überlegen, wie du es schaffst, dass deine Verse gefallen. Also: Offen sein für Anregungen. Neue Wege gehen wollen. Wenn du glaubst, du bist fertig, deine Texte sind fertig, alles ist perfekt und überhaupt ... dann bist du tot - und deine Texte sind dann wirklich "barock".



Herzliche Grüße,
Tolya

P.S.: Ich mag Pathos; solang er nicht klebt.

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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 08.07.2005, 01:07

@Madeleine.. Danke für den Tip, scheine gerne die Umwege zu gehen... grins
@Glaukos....
ich suche Feedback und Gleichgesinnte..
Pathos weiblich ? Männlich ? Gemeint ist die allgemeine Tatsache das Männer besser in der Lage sind Gefühle zu kontrollieren, beherrschen, sich ihnen nicht in dem Umfang ergeben. Ohne Wertung. Aber erklärend wenn es um das Verständnis geht. Ich weiss nur wie ein Stück Zucker schmeckt wenn ich es schon einmal gegessen habe. Ansonsten bleibt der Versuch es zu erklären vergeblich.
Meine Gedichte kommen zu barock daher ? Barock heisst für dich was ? Altertümlich ? Oder sollte es ausdrücken das ich scheinbar eine Freundin großer Worte bin ?
Dein Vorschlag mehr Bilder zu erzeugen, über diesen Weg vielleicht eine Stimmung zu vermitteln nehme ich an, in der Hoffnung es möge mir gelingen. Vielleicht sind die Texte ja wirklich zu direkt und wirken damit krass oder " barock" ;-)
Gruß
chiron

mög
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon mög » 10.07.2005, 17:21

Liebe Chiron,

du sitzt schon wieder so einem kapitalen Missverständnisse auf, dass ich einfach nicht anders kann, als zumindest zu versuchen, es aufzuklären. Vor allem scheinst du eine völlig falsche Vorstellung von Subtilität zu haben.

Hoffnung, Verzweiflung, Leidenschaft, Leid - das kann sich schon mal in einem Gedicht äußern.
Aber dann auch Hoffnung! Verzweiflung! Leidenschaft! Leid! hinschreiben -
das ist Holzhammer.
Subtil wäre, diese großen Emotionen zwischen den Zeilen unterzurbringen - wie es Hilbi übrigens oft schafft, du solltest seine Gedichte lesen. Sie wirken seltsamerweise auf mich (und höchstwahrscheinlich nicht nur auf mich, auch wenn man nicht von sich auf andere schließen sollte) viel anrührender als deine, gerade weil sie ohne die großen Worte auskommen.

Ja, Gefühle sind schwer in Worte zu fassen - vor allem nicht in die, die ohnehin jeder verwendet, und die ihre Unbrauchbarkeit zu diesem Behufe also schon oft genug unter Beweis gestellt haben. Du hast das schon erkannt, sehr gut! und schreibst das auch immer wieder, ich frage mich nur, warum du es trotzdem dauernd versuchst?

Würde ernsthaft interessieren,

die mög

PS:
Mit "Gefühle nüchtern betrachten und sich ihnen nicht wirklich hingeben" hat die hier geäußerte Kritik aber auch wirklich gar nichts zu tun.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon razorback » 10.07.2005, 17:35

Obwohl es irgendwo völlig vermessen ist, wenn wir hier Mitglieder dieser Gemeinschaft als Beispiele vorschlagen ;-) , schöpfe ich dann auch mal aus dem bereits offenen Fass:

Für den leichten Umgang mit grossen Themen würde ich die Auseinandersetzung mit Spidermans Texten empfehlen. :beatnicker:
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Re: Vergeblichkeit

Beitragvon chiron » 10.07.2005, 18:58

Hallo Mög...
da ich gerade erst vor ein paar Minuten geschrieben habe dir sei alles verziehen , ändere ich meine Meinung jetzt nicht.
Das genau waren einige der wertvollen Hilfen hier im Forum. Das meine Zeilen viel zu mittelbar gewählt sind. Sie wirken dadurch krass und phrasenhaft. Das Eigentliche geht verloren. Große Gefühle beschreibt man nicht in großen Worten.
Ich habe nach den Texten von Hilbi geschaut wie Du geraten hast,leider habe ich wohl das verkehrte gelesen, in denen es nicht um Gefühle geht. Kannst Du mir gezielte Beispiele nennen ?
Viele Grüße
Chiron

Hallo Razorback...
Spidermanns Texte..... uff.... denke habe erst einmal genug zu tun...
Dennoch danke... Komme später bestimmt darauf zurück...
Gruß
chiron


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