...

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Khadija
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...

Beitragvon Khadija » 16.09.2005, 13:31

[ohne Titel]

Eingeschlossen in einer Plastiktüte
Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen
Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren
Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch

Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.





So. Damit Ham und Dirk aufhören dauernd zu drängeln.
...words strain,
Crack and sometimes break, under the burden,
Under the tension, slip, slide, perish,
Decay with imprecision, will not stay in place,
Will not stay still.

Glaukos
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Re: ...

Beitragvon Glaukos » 16.09.2005, 13:45

Hallo Khadija,

nach ...praxisgeruch vielleicht noch ein Punkt?
Ansonsten - gefällt es mir, jetzt mit gebührendem Abstand - noch besser. Auch wenn ich noch immer nicht ganz durchdringe, was erzählt wird; gerade das reizt so hübsch ;-)

Beste Grüße
Tolya

Hamburger
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Re: ...

Beitragvon Hamburger » 18.09.2005, 21:07

Hallo Khadija,

danke für deinen Mut. :-) Wir haben…


So. Damit Ham und Dirk aufhören dauernd zu drängeln.


…aus guten Gründen gedrängelt wie dieses Gedicht beweist.

Ich kann mich erinnern, dass du in Wien meintest das Gedicht sei vielleicht zu offensichtlich, darin könne also eines seiner Mängel liegen. Die Diskussion bei der Textwerkstatt ergab: Dem ist (zumindest für uns) nicht so. Meine erneute Reflexion über das Gedicht hat dasselbe ergeben – und gerade weil das so ist, ist das Gedicht sehr reizvoll. Ich finde an dem Text übrigens nicht ein Wort zu viel. Es ist nix Überflüssiges dabei wo sich in mir Widerstand regt, wo ich sagen würde: Streichen. Und es ist auch nicht so dass mir die Intention des Gedichtes ins Auge springt, eher habe ich zwei Interpretationsansätze (dazu später). Aber erstmal ein große Lob dafür dass deine Befürchtung bezüglich der Offensichtlichkeit nicht zutrifft. Ob das wirklich am Text liegt ist die Frage – es kann immer auch an den Kritikern liegen die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Allerdings würde ich hier sehr große Wetten darauf eingehen, dass auch Leser, die in der Lyrikinterpretation relativ erfahren sind, nach der Lektüre dieses Gedichtes nicht sagen würden: „Damit will uns die Autorin X sagen und das sagt sie leider viel zu offensichtlich“ – eine Annahme, die mein Lob noch einmal unterstreicht.

Nun zum Gedicht selbst:


[ohne Titel]


Schade eigentlich. Gerade ein Titel hätte hier bei der Interpretation den Lesern sehr viel helfen können. Gut, du gingst von anderen Vorraussetzungen aus (Stichwort Offensichtlichkeit), aber ich finde es grundsätzlich schön wenn das Baby einen Namen hat, möglichst keinen so offensichtlichen Namen, der noch mindestens eine zweite Ebene hat und selber im Blickpunkt der Interpretation stehen kann – aber eben einen Namen. Würde mich freuen, wenn du es noch nachbetitelst.

Als ich das Gedicht das erste Mal hörte war mir nicht klar wo sich das LI befindet. Befindet es sich in der Plastiktüte oder erzählt es von außen etwas über den Vorgang? Rike machte dann eine Anmerkung bezüglich des Zeilensprungs, die glaube ich ein bisschen unterging und – wenn ich sie noch richtig erinnerte – darauf abzielte dass der Zeilensprung nur so Sinn macht wenn sich das LI in der Tüte befindet. Denn…


Eingeschlossen in einer Plastiktüte
Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen
Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer


…der Zeilensprung scheint auf die Sicht des LI`s aus der Tüte nach draußen hinzuweisen. So nach dem Motto Draußen…passiert dies und das wie ich euch aus der Tüte heraus erzählen kann. Dem stimme ich zu, für mich befindet sich das LI in der Tüte – ich habe nicht mehr im Kopf ob wir das so bei der Diskussion festgehalten haben. Wenn ich diese Interpretation konsequent durchhalte, dann beschreibt das LI in der zweiten Strophe zunächst…


Colaflaschen Aschenbecher verzerrt


Den Zustand innerhalb der Tüte. Das Bild mit den Colaflaschen und Aschenbechern löst bei mir negative Assoziationen aus, so was wie Rumgammeln, wie „Sich-gehen-lassen“, das sorgt bei mir für Entfremdung. Die Colafalschen alleine täten das nicht, verbunden mit den Aschenbechern jedoch ist es so. Das da irgendwas nicht stimmen kann und das Bild auch eher ins Negative tendiert zeigt das Wort „verzerrt“. Allerdings bin ich mir da über die Bedeutung völlig im Unklaren. Verzerrt ist natürlich der Blick aus der Tüte – aber was hat die Beschreibung des Zustandes innerhalb der Tüte mit Verzerrung zu tun? Das ist einer der Punkte an denen ich nicht weiter komme. Gehe ich an diesem Punkt von meiner Interpretation ab und sage hier wird schon von Beginn der zweiten Zeile an die Situation außerhalb der Tüte beschrieben, dann passt das zwar für die ersten drei Wörter – aber warum dann per Bindestrich und Zeilensprung das „draußen“ so deutlich hervorheben? Hier also, wie gesagt, kriege ich Probleme mit der Interpretation.

Die Zeilen 3-6 finde ich bis auf einen kleinen Kritikpunkt äußerst gut:


Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren
Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch


Das ist meine Lieblingspassage in dem Gedicht. Diese fragmentarische Außenwelt, die nur bruchstückhaft dargestellt wird, ist dir sehr gut gelungen. Und die Art dieser bruchstückhaften Darstellung sorgt bei mir dafür dass ich diese Außenwelt instinktiv ablehne und mich sofort mit dem LI identifiziere, mit ihm fühle. Das hast du in 4 Zeilen hinbekommen und das ist hohe Kunst. So viel Identifikation geschaffen mit so wenig Aufwand – Respekt.

Zum Kritikpunkt…


Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren


Vielleicht bin ich was Töne angeht nicht so bewandert, aber wie können Töne schwarze Schlieren ziehen? Schwatze Schlieren sind für mich etwas Sichtbares, etwas, dass auf eine Eintrübung der Wahrnehmung hindeutet – diese aber wird ja gleich im Schlussabschnitt in der ersten Zeile geschildert. Irgendwie geht das Bild nicht auf – die Gesichter, die Münder, den Stummfilm, die gedämpften Laute die in die Tüte kommen, die sterilen Wände und den Zahnarztpraxisgeruch – alles kann ich mir vorstellen, nur die schwarzen Schlieren die die Töne ziehen nicht.
Der Schluss:


Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.


An den Wasserfarben hatte ich mich ja erst gestoßen – zu positiv dieses Bild für das Gedicht. Aber ein Wasserfarbenglas, in dem sich alles vermischt ist natürlich nachher schmutzig – und weist auf die Eintrübung der Wahrnehmung des LI hin. Irgendwie ist diese erste Zeile für mich auch so etwas wie eine Rekapitulation des ersten Abschnittes in Kurzform: Die Wahrnehmung der Außenwelt durch das LI wird trüber und trüber – was dort ja in zahlreichen Bildern beschrieben wird.
Sehr schön dann die Verbindung „Ausguss-Aufprall“ – von Tolya bereits zurecht bei der Textwerkstatt gelobt.

Aber insgesamt, was will uns dieses Ende, was will uns dieses Gedicht im Gesamten sagen. Ich habe, wie gesagt, zwei Interpretationsansätze. Der erste Interpretationsansatz ist Einer, den ich erst bei der erneuten Reflexion hatte und diesen nenne ich auch zuerst:

1) Es könnte sein das das LI ein Tier ist. So lässt sich das Gedicht auf jeden Fall lesen – und zwar ohne große logische Lücken. In diesem Fall würde konkret beschrieben was das tierische LI wahr nimmt. Es ist – was bei einem Tier möglich aber bei einem Menschen praktisch unmöglich ist – in einer Plastiktüte eingeschlossen in der sich auch Colaflaschen und Aschenbecher befinden (kleines Problem: Aschenbecher in der Plastiktüte?). Die Wahrnehmung des tierischen LI (meinetwegen einer Fliege) ist generell im Verhältnis zu menschlichen Objekten „verzerrt“ – und natürlich auch beim Blick nach draußen aus der Tüte. Während es versucht aus der Tüte zu entkommen (weiteres Problem: dieser Versuch wird nicht geschildert, aber zwingend muss er das auch nicht) verschwimmt auf Grund der Luftknappheit die Wahrnehmung des tierischen LI mehr und mehr. Die eh schon verzerrte Welt wird zum „Wasserfarbenglas“.
Na ja, und Tiere die sich in irgendein Objekt hineinmanövrieren, aus dem sie nicht mehr herauskommen, die sterben relativ schnell an Luftknappheit. Was machen viele Menschen, wenn sie ein solches Tier finden? Sie klauben es mit irgendeinem Hilfsgerät auf und spülen es in den Ausguss. Dort prallt es sozusagen noch ein letztes Mal auf, denn – somit wären die letzten drei Worte als Gesamtfazit zu betrachten – es starb an „zu wenig Luft“.

Soweit Variante Nummer 1, hat irgendwie was, finde ich. Auch wenn das nicht so intendiert war – und wenn Gedichte so viel hergeben ohne große logische Verrenkungen machen zu müssen zeigt das ihre Qualität.

Variante Nummer 2 geht davon aus, wovon wir alle bei der Textwerkstatt ausgingen…

2) ...das LI ist menschlich. Da sich ein Mensch nur sehr schwer selbst in eine Plastiktüte wird einschließen können ist das Gedicht nun im übertragenen Sinne zu deuten. Es geht nicht um die Beschreibung einer konkreten Handlungssituation, wenngleich die verwendeten Bilder sehr realistisch wirken. Illustriert werden soll die Abschottung eines LI von seiner Außenwelt. Es gibt ein Drinnen (Welt des LI) und ein Draußen (Außenwelt). Beide Welten sind – stärker als es „normal“ der Fall ist - voneinander getrennt. Warum dies so ist, darüber erfahren wir als Leser nichts. Die Wahrnehmung des LI trübt sich immer mehr ein auf Grund der Grenze zwischen seiner eigenen Welt und der Außenwelt. Es kann oder will sich nicht aus seiner kleinen Welt lösen und in die Außenwelt hinaustreten. Diese Außenwelt erscheint auch ganz und gar kein erstrebenswerter, lebenswerter Ort zu sein. Dies kann so sein weil das LI die Außenwelt verzerrt wahrnimmt oder aber, weil es tatsächlich so ist. Erstere Variante würde ich hier bevorzugen. Schließlich trübt sich die Wahrnehmung der Außenwelt für das LI soweit ein, dass es nichts mehr erkennen kann („Wasserfarbenglas“). Der Kontakt zur Außenwelt reißt somit ab, da alles eine trübe Mischung geworden ist. Nun teilen sich die Wege meiner Interpretation ein bisschen. Die letzten zwei Zeilen…


ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.


…interpretiere ich auf zwei ähnliche Weisen mit leichten Unterschieden. Entweder…

das ganze ist ein Fortlauf. Die eingetrübte Wahrnehmung landet eben im Ausguss, sprich es kann kein Kontakt mehr zwischen Innen- und Außenwelt hergestellt werden und das LI prallt sozusagen an dieser Realität auf, erwacht vielleicht aus einer Hoffnung. Es hat aber „zu wenig Luft“ und stellt fest so nicht weiter existieren zu können. Den Rest können wir uns denken und das Ganze wäre dann ein trauriges Ende für unser LI

Oder aber…

Das „ab in den Ausguss“ wird als versuchter Aufbruch des LI interpretiert. Das LI ist nicht passiv wie in Interpretation 1, sondern es versucht noch einmal sich aufzuraffen, versucht einen Kontakt zur Außenwelt herzustellen – aber es prallt an der Realität auf, erwacht vielleicht….und hier geht das Ganze wieder zu Variante 1 zurück.


Insgesamt ein klasse Gedicht und ich hoffe das Gedicht und diese bescheidene Vorlage bieten noch viel Gesprächsstoff. Das Gedicht und die Autorin haben es allemal verdient.

Liebe Grüße,

Ham
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Eja
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Re: ...

Beitragvon Eja » 19.09.2005, 00:01

So, nun versuche ich mich auch mal an einem, hoffentlich konstruktiven feedback:
Ich weiss nit, ob ichs schriftlich so hinbekomm, wie ich’s mein...aber...ich versuchs mal.

Wegen dem Titel, da gebe ich Hamburger recht, aber dir wird sicher einer einfallen. Immerhin, wie ich dich kenne, wirst du den Text nochmals 200 mal überarbeiten, da wirst du dann schon einen passenden Titel finden ^^


Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen


Diese Stelle verstehe ich nach wie vor nicht. Ich komm nicht dahinter, was gemeint ist.

Eingeschlossen in einer Plastiktüte


damit könnte gemeint sein, wie man sich fühlt. In der Welt, wenn man lebt. In einer Plastiktüte, kaum Bewegungsfreiheit, Eingeschränkt. Eingesperrt.

Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer


Gesichter, die als solche nicht zu erkennen sind. Menschen, die eine Maske tragen.
„Pinsel hingeworfene Farbtupfer“ Masken, die verschwimmen, die man durchschaut?
Oder auch formlose Hüllen, ausdruckslose Hüllen, denen man so Leben einzuhauchen versucht, oder eine Illusion erschaffend, sie lebendig scheinen lässt

Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren


Münder, die sich bewegen und doch nichts sagen. Dass das gesprochene die Wand/Mauer/Hülle der Tüte nicht durchdringen kann, dort ihre Muster hinterlassen. Man kann sehen, dass jemand gesprochen hat, aber es nicht verstehen. Man ist getrennt von den anderen, deren Worte erreichen einen nicht.
Also sitzt man in einem Raum, angefüllt mit Stille...

Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch


Zahnarztpraxisgeruch, damit verbindet man doch automatisch etwas unangenehmes, unerfreuliches.
Sterile Wände, klingt auch nicht sehr einladend. Ein relativ unangenehmes Umfeld, ein Ort, von dem man am liebsten abhauen möchte und es geht nicht. Eingeschlossen in einem Raum, den man verabscheut. Ohne Entkommen.
Diese Stelle klingt traurig.

Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.


wenn ich diese Zeilen les, dann bekomm ich so ein Bild, das zu flüchtig ist um es festzuhalten und genauer zu studieren. Es klingt so gleichgültig, zumindest der Teil „ab in den Ausguss“... klingt wie „ich bin dem oder dem überdrüssig, hauen wirs einfach weg“
Wasserfarbenglas? So etwa wie, „die Welt schliesst sich ein und mich mit dazu“ „sie wird zu einem Gefängnis“

Ich steig bei manchen Stellen nicht so dahinter, aber mal davon abgesehen, find ich’s klasse!
Wenn ich mir deinen Text so durchlese, erscheinen einem Bilder, also der Text erzeugt Vorstellungen, gefällt mir.

Hoffe dieses feedback taugt was ^^

__
²Hamburger: du hast mir eben das Leben gerettet, indem du gepostet hast. Sie wollte schon jemandem(also mir)das Leben nehmen, weil niemand was geschrieben hat...

als ich ihr gsagt hab,. Dass du gepostet hast war ihre Reaktion
> Juhu! Yippie! :- ) Na endlich! *freude*< ;-) :-D

okay, das wars mal von meiner Seite^^
(wow, erster langer post!) :-))

lg Eja
..., oda.

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Re: ...

Beitragvon Flocke » 19.09.2005, 11:03

Liebe Khadija,

o.k. jetzt mal ein gänzlich anderer Standpunkt. Ich hatte mich ja in Wien bei der Diskussion schon vornehm zurückgehalten, aus einem einfachen Grund.

Ich weiß absolut nicht, was du mit dem Gedicht sagen willst. Ich habe es jetzt noch mehrfach gelesen und ich kann deine Bilder im großen und ganzen nachvollziehen, zumindest diesen Teil:

Eingeschlossen in einer Plastiktüte
Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen
Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren
Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch

Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,


Aber dann setzt es für mich aus. Ich weiß nicht, was dann am Ende im Ausguss landet, aufprallt, erstickt. Das LI, das Wasserfarbenglas, dessen Inhalt, die Tüte oder was? Und kann mir auch nicht erklären, warum... Das läßt mich ein wenig unzufrieden zurück.

Auch wenn ich die verschiedensten Deutungsversuche gehört habe, ich kann mir persönlich keinen Reim darauf machen.
Ich will damit nicht sagen, es wäre ein schlechtes Gedicht. Das ist es sicher nicht, denn die Bilder sind durchaus nachvollziehbar und für mich auch stimmig.
Nur, es löst nichts in mir aus, ich finde einfach keinen Zugang.

Vielleicht würde es wirklich helfen, wenn es einen Titel hätte, der zumindest ein bißchen in die Richtung zeigt, wo du den Leser haben willst.

Ansonsten sage ich mir, ich muß nicht alles verstehen. Aus der "Grableuchterin" habe ich vor unserem Chat damals auch nicht soviel rausgelesen wie ihr, obwohl ich das Gedicht absolut toll finde.

Dies erstmal dazu.

Lieber Gruß
Flocke
...Der den Wind kennt / besser als alle Bücher / den Baum / frag nach Wahrheit...

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Re: ...

Beitragvon Glaukos » 19.09.2005, 12:04

Ich subsummiere mal:
Das Gedicht stößt fast ausschließlich auf interpretatorische oder emotionale Ablehnung oder erzeugt eine Reserviertheit im Leser. Sprachlich-stilistisch scheint es über Kritik erhaben.
Letzteres weist auf gutes Handwerk hin. Ersteres auf eine gelungene Provokation. Es geht um Verstörung, die Verstörung des LI, welche bis zur Grenze, vielleicht Lebensgrenze getrieben wird. Angst, die das LI haben könnte, wird neutral geschildert. Die Emotionen entstehen allein durch die Assoziationen im Leser, etwa auf "steril", "Zahnarztpraxisgeruch" (wonach riecht es dort eigentlich genau? Aseptisch? oder der "Geruch der Angst" selbst?)
Hier ist nichts rührselig, selbstbemitleidend. Sollte es ein Lyrisches-Ich-scheide-aus-dem-Leben-Skizze sein, dann ist sie schon im Begriff des Formuliertwerdens sehr sehr distanziert, geradezu von aus dem Jenseitigen her geschrieben ...
Es muss nicht staunen, dass solch eine sehr perspektivlose, also auch nicht den Tod etwa schwülstig umwerbende oder traurig ablehnende Position auf Ablehnung stößt. Die Neutralität des Poems ist etwas, das den Leser selbst zu Einfühlung, zu Durchdringung des Undurchdringbaren scheinbar zwingen will ...
Es klatscht sich da schlecht. Ähnlich schlecht, wie wenn jemand neutral eine Vergewaltigung schildert ... nur mal als Beispiel.
Ich finde erstaunlich, dass es ganz ohne den Gestus von Hass oder traurige Entbehrung geschrieben ist wie wohl die Vielzahl an Poemen, die sich solchen latent depressiven Inhalten widmen. Ja, Neutralität wird hier gewahrt, wo es eigentlich nicht üblich ist, sie zu wahren. Das gefällt mir an dem Gedicht.

Und die Debatte gefällt mir auch. Dieses Beikommen-wollen-und-nicht-können. So schlägt man Anker. Oder: Schießt Pfeile mit Widerhaken.

Überhaupt, das wäre mein Titelvorschlag: MIT WIDERHAKEN ;-)

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Re: ...

Beitragvon Hamburger » 19.09.2005, 17:06

Hallo zusammen,

gut subsummiert werter Tolya. Und: Guter Titelvorschlag. B-)

Zwei Anmerkungen:


Das Gedicht stößt fast ausschließlich auf interpretatorische oder emotionale Ablehnung oder erzeugt eine Reserviertheit im Leser.


Das ist mir zu allgemein formuliert und zu wenig ausdiffernziert. Ich meine nimmt man das auseinander wenn du sagst, dann sagst du: Das Gedicht erzeugt entweder

a) interpretatorische Ablehnung oder

b) emotionale Ablehnung oder

c) eine gewisse Reserviertheit.


Und das alles (oder einzeln?) "fast ausschliesslich."

Zu a) Ich weiß nicht genau was du damit meinst. Eja lehnte es ja mitnichten ab das Gedicht zu interpretieren und ich tat das auch nicht. Du hast es zunächst nicht interpretiert und dann subsummiert, Flocke kann damit so recht nichts anfangen, d.h.
für mich: wir stießen alle 4 auf Interpretationsschwierigkeiten - von
interpretatorischer Ablehnung kann aber keine Rede sein, zumindestens nicht fast ausschliesslich.

Zu b und c) Da bin ich mir auch nicht so ganz sicher. Würde man nach dem reinen Gefallen gehen so bezeichnet Flocke das Gedicht als "nicht schlecht" und du, Eja und ich finden es sehr gut - Eja und ich sogar explizit "klasse". Wo ist da die emotionale Ablehnung? Ist das nicht vielmehr ein Beweis dafür, dass wir das, was du sehr treffend beschreibst versuchen bzw. versucht haben...


Die Neutralität des Poems ist etwas, das den Leser selbst zu Einfühlung, zu Durchdringung des Undurchdringbaren scheinbar zwingen will ...


...und uns so eine emotionale Basis geschaffen haben die dafür sorgt dass uns dieses Gedicht gefällt? Also sollte man schon sagen, das die Bedingungen b) und c) dem ersten Eindruck nach auf das Gedicht zutreffen - dann jedoch immer weniger. Vielleicht aber habe auch nur ich - kann auch sein - eine hohe Identifikation mit dem LI des Gedichtes und für andere Leser bleibt es, trotz Einfühlungs-und Durchdringungsversuchen, sehr steril. Bei mir jedoch war, vielleicht eine Einzelerscheinung, die Identifikation mit dem LI von Beginn an höher, da es mir in seiner ebgeschotteten Welt leid tat und ich mit ihm fühlte - ein Aspekt, der sich im Laufe meiner Auseinandersetzung mit dem Gedicht eher verstärkt als abgeschwächt hat.


Und die Debatte gefällt mir auch. Dieses Beikommen-wollen-und-nicht-können.


Mir gefällt die Debatte auch. Sie beweist vor allem Khadijas unbegründete Angst kein Mensch würde was zu ihrem Gedicht sagen, wenn sie es ins Forum stellt. ALSO KHADIJA; ICH HOFFE WIR HABEN DIR EINDRUCKSVOLL DAS GEGENTEIL DEMONSTRIERT :-D

Ich für meinen Teil will dem Gedicht jedoch nicht zwanghaft beikommen - ich brauche am Schluss keine eindeutige Deutung, kein sicheres durch die Autorin bestätigtes Wissen, dass sie uns genau DAS damit sagen wollte.
Denn ich glaube dass die Diskussion eines Gedichtes und die geistige Auseinandersetzung mit den Werken von Autoren überhaupt viel wertvoller ist als jedes vermeintlich sichere Wissen über vermeintlich sichere Intentionen. Damit will ich aber nicht denen das Wort reden, die jeden Ansatz als gleich viel wert überall hineininterpretieren wollen und das nur durch logische Verrenkungen schaffen - diesen Standpunkt, den ein Mitschüler im Gymnasium von mir oft mit Vehemenz vertrat, habe ich schon vor 10 Jahren unsinnig gefunden ;-)

Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Mir GEFIEL deine Subsummierung insgesamt sehr gut, nur diese beiden Punkte, die wollte ich ein wenig behandeln, ausschweifend - wie es nun mal meine Art ist ;-)

Liebe Grüße an euch alle,

Ham
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Re: ...

Beitragvon Glaukos » 19.09.2005, 17:20

Lieber Ham,

deine Ausschweifungen sind wunderbar ... halte dich nur nicht zurück ;-)
Entschuldige aber, dass meine Kürze dann oft auch eine Verkürzung bedeutet.
Mein Zwei-Oder-Satz war ein Ausgangssatz ... einiges habe ich später dann auch noch erläutert. Interpretationsschwierigkeiten trifft es vielleicht besser. Ich meinte mit Ablehnung auch nur, dass vielfach - insbesondere in Wien selbst - Vorschläge gemacht wurden, wie das Gedicht umzubauen wäre, zu kürzen oder umzuformulieren, damit es eine klarere Aussage und damit auch klarere Interpretierbarkeit bekommt. Weil also mancher Leser an dem schwer sondierbaren Inhalt des Poems gescheitert ist, habe ich in die Umbauversuche dann eine "Ablehnung" hineingedeutet. Man kann ja ein Gedicht auch stehenlassen und nur über das Gedicht debattieren: Das wäre dann wohl eine "Schwierigkeit". Aber wenn man es ändern will - Zeilen kürzen wie etwa die Vorletzte, oder das Wasserfarbenglas als Problem deklariert ... dann zeugt das doch von einer Ablehnung des vorgelegten Textes. Nicht des Stils. Es geht um die Klarheit der Aussage.

Alle Unklarheiten beseitigt? ;-)
Beste Grüße an dich + alle
Tolya

Hamburger
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Re: ...

Beitragvon Hamburger » 19.09.2005, 17:29

Lieber Tolya,

ja, jetzt ist mir klarer worauf du hinauswolltest. Ich habe diese "Umbauversuche" bei der Textwerkstatt auch so empfunden. Mir war nur nicht klar dass du dich auch auf Wien bezogen hast, ich dachte du beziehst dich jetzt "nur" auf die Forumsdiskussion.

Aber wenn das so ist trifft weder der Begriff "interpretatorische Ablehnung" noch "Interpretationsschwierigkeiten" zu.

Wir sollten dem Baby dann schon einen eigenen Namen geben, sagen wir doch "interpretatorische Umbaumaßnahmeversuche zwecks Verwirklichung der Bestrebungen der Erreichung einer einheitlichen Poem-Aussage" ;-)

Beste Grüße,

Ham
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Re: ...

Beitragvon Glaukos » 19.09.2005, 17:33

Respekt, das ist sehr präzise ausgedrückt ... werther Herr Logiker ;-)
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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Re: ...

Beitragvon Silentium » 23.10.2005, 20:17

Liebe Khadija!

Pah! von wegen

ich brauche am Schluss keine eindeutige Deutung

Ich schon! Wenn's Ham nicht wissen mag, dann musst du's mir eben so erklären, dass er's nicht mitbekommt.

Ich erinnere dich daran, dass du da was gesagt hast, am Treffen. Da du ganz dagegen warst, zu sagen, worum es geht, hast du ungefähr gesagt: "Also, ich stell's ins Forum und lass es dann einige Zeit stehen und so, also, und dann sag ich von mir aus woran ich dabei gedacht hab."

So. Die Neugierde frisst mir die Leber und JETZT SAGT MIR GEFÄLLIGST JEMAND WORUM'S GEHT! :-/ :-D

Biiiitte!

Bettelgruß, Silly

P.S. Gottogott, das klingt jetzt fast ein bisserl barsch. Sorry. Suderante Allgemeinstimmung heute. :-D
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: ...

Beitragvon Eja » 27.10.2005, 10:14

gut, ich habs jetz noch einmal gelesen und komme nun zu dieser these:

es könnte sein, dass dieses gedicht die welt aus der sicht einer person beschreibt, dass sich dieses gedicht um jene person dreht, sich in ihre tiefen wohlfühlt. zwar wird hier niemand namentlich genannt, auch überhaupt nichts, was nur darauf hinweisen könnte, aber jetz nach einem gewissen abstand zu dem gedicht hatte ich das gefühl.

ich stelle es mir so vor:
jemand geht in der welt spazieren, in sich gekehrt.

Eingeschlossen in einer Plastiktüte

kommt sich gefangen vor, vielleicht ist mit "plastiktüte" der körper gemeint? die seele kommt sich im körper gefangen vor, kann nicht heraus nur mit dem tod. kann sich wheren so viel sie will, aber ein entkommen aus dem gefängnis gibt es nicht. "plastiktüte" könnte auch ein symbol für ersticken sein? sich in den gefängnis eingeengt fühlen, daran ersticken.

Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen

wenn ich es so betrachte, habe ich soger eine erklärung für diesen satz, den ich bisher nicht verstanden habe.
"draußen" - vielleicht außerhalb des körpers?
"colaflaschen verzerrt" - weint sie? oder ist ihr blick durch etwas getrübt? dadurch kann die person nicht richtig etwas sehen...eben verzerrt - unwirklich?

Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren

sie nimmt ihre außenwelt wahr, die umgebung, aber nicht bewusst. kommt sich wie in einem film vor, alles so gezwungen. alles so unwirklich, so aufgesetzt...genau, das war das wort, dass ich suchte "aufgesetzt"

Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch

verknüpfung mit dem unangenehmen. "zahnarztpraxisgeruch"- auch vielleicht mit dem schmerz?
mit dem tristen. es ist doch traurig, wenn alle wände weiß wären, kein bisschen farbe. farbe für emotionen, für gefühle.
innerlich abgestumpft, alles so monoton.
eintönigkeit.

Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.

ein letzter aufschrei? der versuch, doch noch zu entkommen? oder sich seinem schiksal zu fügen.
"wasserfarbenglas" - vielleicht besteht doch noch interesse an diesem theater namens Leben? und dann...
"ab in den ausguss." - doch noch weg. eine alternative zum Leben. so in etwa, wie "sich die kugel geben"?
"aufprall." - unten angekommen. tiefer gehts nicht mehr. liegt am boden. ob sie noch kraft hat, wieder aufzustehen? aber der nächste satz nimmt einem dann wieder die gewonnene hoffnung
"zu wenig luft" - hängt doch mit der "plastiktüte" zusammen. ersticken. und die luft wird noch weniger.
folge: der tod. damit: die erlösung.

eigentlich ein recht trauriges gedicht, wenn ich es aus diesem winkel betrachtet.
..., oda.

Silentium
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Re: ...

Beitragvon Silentium » 13.08.2006, 22:45

Jetzt fällt mir das wieder ein! Beinahe hättest du mich dran gekriegt, Schurkin! :-D

ABER: Ich hab ja dein Versprechen, dass du mir erklärst, worum's geht, wenn nach einem Monat keiner draufgekommen ist. Es ist fast ein Jahr lang keiner draufgekommen und jetzt musst du's mir sagen.
Das heißt, wenn es sich bei deinem Schweigen um künstlerische Zurückhaltung handelt. Solltest du schweigen, weils um was unangenehm Persönliches geht, dann geht's mich natürlich nichts an. Aber künstlerische Zurückhaltung gilt nicht.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon


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