Inas Stadionbesuche beschränkten sich auf zwei langweilige, torlose Unentschieden. Das Letzte dieser beiden Spiele lag 7 Jahre zurück. Sie konnte sich nicht einmal mehr an die Namen der Mannschaften erinnern. Also lebte sie lange in dem Glauben Fussball sei ein öder Sport ohne große Aufreger – beobachtet von einer anfangs euphorischen, bald wütend pfeifenden und schließlich dumpf dahin vegetierenden Masse.
Juckel hingegen besuchte in den achtziger Jahren reglemäßig die Heimspiele des FC St.Pauli, und auch wenn er davon abgekommen ist, so weiß er immer noch Bescheid. Er kennt Aufstiegsfreuden, Abstiegsqualen und das ekstatische Gefühl Teil der elektrisierten Zuschauermasse zu sein, während der eigene Club gerade eine Pokalsensation einfährt. Ihm ist das Bibbern vor einem Strafstoß der eigenen Elf ebenso vertraut wie das Gefühl der Ohnmacht bei lächerlich dummen Gegentoren oder von Unfähigkeit zeugenden Schiedsrichterentscheidungen.
Beim Betreten des Stadions konnte ich mich also nur an ihn wenden, wollte ich höfliches Nicken vermeiden: „Sie werden sich schwer tun. Glaub` mir. Das gibt ein fürchterliches Gegurke. Gerade nach Bremen. 1-0 in der 90. würde mich glücklich machen.“
Juckel winkte ab: „Emden, Mirko. Emden. Kickers Emden! Ich bitte dich. 3- oder 4-0.“
Kurz darauf erklommen wir den Aufgang zur Gegengerade des legendären Millerntors.
Vor einer Woche erst hatte Pauli hier Werder Bremen, den Tabellendritten der Bundesliga, in einem furiosen Spiel mit 3-1 aus dem Pokal geworfen. Es war einer der Abende meines siebenjährigen Fan-Daseins, um den mich meine fussballkundigen Bekannten noch lange beneiden würden: Völlig losgelöstes Gehüpfe zum Refrain von Blurs „Song 2“ bei jedem Tor, Freudentränen, Gesänge, Umarmungen, Eckkneipe „Millers“, wieder Umarmungen, vollkommene Heiserkeit auf dem Heimweg spät in der Nacht, daheim stundenlange Schlaflosigkeit vor lauter Freude und...genau deshalb würde es heute schief gehen. Abstiegskandidat Kickers Emden, die symphatische Dorftruppe aus Ostfriesland, zum ersten Mal überhaupt in der Regionalliga Nord, würde uns den Rückrundenauftakt vermasseln. Schon bevor Ina mir einige Tage nach dem Pokalspiel gratulierte und sagte, jetzt würde sie auch gerne mal ans Millerntor („vielleicht kommt Juckel ja auch mit“) wusste ich es. Wer Bremen schlägt nimmt Emden nicht ernst. Schon hundertmal bestätigt durch Beispiele von Mannschaften, die nach grandiosen Erfolgen im nächsten Spiel erbärmlich baden gingen. Wir würden uns also blamieren und vom Neid meiner Freunde würde nur kalter Spott übrig bleiben. Da Juckel, unverzeihlich arglos geworden durch seine jahrelange Abstinenz, als ernstzunehmender Gesprächspartner ausfiel, redete ich in meiner Verzweiflung auf Ina ein: „Es wird grausam. Eigentlich kein gutes Spiel für dich um heute hier zu sein.“
Sie überging meine Taktlosigkeit: „Hauptsache, es fallen ein paar Tore. Ich will was erleben.“
„Unterhaltung“, brummelte ich vor mich hin.
Als die Mannschaften unter dem frenetischen Jubel der 20.000 zu den ersten Glockenschlägen von „Hells Bells“ einliefen raunzte Juckel: „Keine Angst, wirst schon sehen.“
Dann begann das Spiel. Das Spiel? Ein schlimmes Gestolpere war es! Kein Torschuss unsererseits in der ersten halben Stunde. Dafür hatte Emden eine gute Chance und hätte einen Elfmeter bekommen können, aber die Situation war unübersichtlich und von unserem Platz aus nicht zu entscheiden. Juckel regte sich schnell auf über dieses schlimme Fehlpassfestival. Ina gähnte.
Nach 35 Minuten rammte unser Stürmer Felix Luz den Emdener Keeper samt Ball über die Linie. Der Schiri zeigte sofort zur Mitte. Tor! Ich sprang auf und ab vor Erleichterung. Irregulär. Natürlich. Aber niemand ist perfekt. Weder Schiedsrichter, noch Paulis Abwehrspieler. Und so machte Emden kurz vor der Pause den verdienten Ausgleich. 2000 Ostfriesen in der Südkurve waren völlig aus dem Häuschen.
Ich lästerte die ganze Pause vor mich hin, als könne ich damit das Schicksal wenden, denn vor meinem geistigen Auge schlugen sich Axel, Ulf und Hendric abwechselnd auf die Schenkel und prusteten:
„1-4...hihi...ge...gegen Emden...muahahaha.“
Am Ende meiner Selbstgesprächslitanei, kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit, wandte ich mich präventiv an Juckel: „Erzähl` mir ja nie wieder, dass alles gut wird. Gar nichts wird gut. Klar?!“
Er schüttelte den Kopf und schwieg. Ina schaute etwas eingeschüchtert zwischen uns Beiden hin und her.
St.Pauli hatte Anstoss und griff sofort über rechts an. Ein sehr komplizierter Spielzug wurde vollendet durch einen Volleyschuss, den ein Emdener Spieler ins eigene Tor abfälschte. Vier Minuten später folgte ein Platzverweis für die Gäste nach angeblicher Tätlichkeit.
„Juckel steckte sich genussvoll eine Zigarette an und wagte es mich trotz meiner Warnung anzusprechen: „So, das war`s. Nun können wir es genießen.“
Ich nickte. 2-1, ein Mann mehr, und Pauli drängte auf das entscheidende, dritte Tor, während die Emdener immer müder wirkten. Wenigstens eine ordentliche Halbzeit sollte uns also vergönnt sein. Die ganze Gegengerade sang „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ und ich sang und schunkelte mit. Ich war wieder ganz Fan und musste lächeln über meine Befürchtungen vor dem Spiel, tröstete mich aber damit, dass sie aus Leidenschaft und nicht aus der Lust am Meckern selbst geboren waren.
Da bekam Emden mitten in der Party einen Freistoß und ihr turmhoher Mittelstürmer van Buskirk lief in unseren Strafraum. Kein Pauli-Spieler begab sich in seine Nähe. Wozu decken? Es lief doch. Der würde schon nicht...doch! Im ersterbenden Gesang landete ein prächtiger Kopfball in unserem linken Torwinkel. Und während die komplette Emdener Mannschaft vor dem Gästeblock das Tor feierte brach es aus mir heraus: „Ah ja. 2-2. Sehr schön, sehr schön. Wir sind ja wer. Wir haben Bremen geschlagen. Wir...wisst ihr was: Ihr seid schrecklich heute! (mittlerweile schrie ich) Und zwar den ganzen Tag schon! Wenn ihr es nicht könnt, dann hört doch auf. Hort doch auf! Hört doch auf, Fussball zu spielen.“
Ina zog mich am Ärmel, doch bevor sie sprechen konnte, zischte ich von der Seite: „Nein, Ina. Es ist nicht nur ein Spiel. Du verstehst das eh` nicht. Um zu begreifen müsstest du...vergiss es. Jedenfalls bin ich nicht bereit mich auch nur ansatzweise für mein Verhalten zu entschuldigen.“
Ein älterer Mann in der zusammengequetschten Menge drehte sich zu mir um und schaute mir prüfend ins Gesicht. Links von mir tuschelten zwei Pärchen und zeigten auf mich. Ich legte brüllend nach: „Ohne Schiri wärt ihr doch gar nicht mehr im Spiel, Jungs. Das ist die Wahrheit.“
Nur einen Moment später wurde mir der Sinn meiner Worte bewusst und ich fasste einen Entschluss: Wir hatten es nicht verdient dieses Spiel zu gewinnen! Ich musste alles tun um einen solchen Sieg zu verhindern!
Also bewunderte ich die geschickten taktischen Fouls der Emdener Abwehr, zeigte Verständnis für das ständige Zeitschinden der gesamten Mannschaft und stellte mit Genugtuung Paulis zunehmende Hilflosigkeit fest. Wir, vielmehr Die , droschen die Bälle nur noch aus allen Lagen hoch in den Emdener Strafraum und ich betete zum Fussballgott, er möge meinen tapferen zehn verbliebenen Dorf-Kickern beistehen. Jene feuerten nun jeden der weiten Angriffsbälle unter großem Jubel der Gästekurve und meinen einsamen Anfeuerungsrufen („Sehr gut!“, „Wehrt Euch!“, „Gebt den Punkt nicht wieder her!“) zurück in Paulis Hälfte. Manchmal entstand ein Kuddelmuddel im Strafraum, aber irgendwie hatten sie immer einen Fuß dazwischen. Doch zehn Minuten vor Schluss versprang der Ball im Sechzehner und ditschte einem Gästespieler an den Unterarm. Noch bevor ich entsetzt Richtung Schiri schauen konnte stand die Entscheidung: Elfmeter!
Es dauerte einige Minuten bis zur Ausführung und die Diskussionen der Gäste mit dem Schiri nutzten die Pauli-Fans um das berühmte „You`ll never walk alone“ anzustimmen. Ich gebot Ina das Mitsummen zu unterlassen: „Das ist etwas Heiliges. Entweihe es nicht!“
Schließlich wurde der Ball freigegeben und der Paulianer Meggle verwandelte sicher zur dritten Führung. Trotzig verweigerte ich Juckel inmitten um uns hüpfender Menschen einen versöhnenden Handschlag, stieß Ina sanft, aber bestimmt zur Seite und schrie, um den Lärm zu übertönen: „Findest das gerecht, was?“
Er schrie zurück: „Mirko, das ist Fussball, verdammt noch mal. Fehlentscheidungen gehören dazu, und...“ – den Rest hörte ich nicht mehr. Ich beschloss, für eine sinnlose Diskussion mit einem derart unmoralischen Menschen nicht der Richtige zu sein und stellte auf Durchzug. Ich sagte mir selbst einen weiteren nicht gegebenen Elfer für Emden und ein 4-2 in der 90. für Pauli voraus. Kurz darauf warf Emden alles nach vorne und der Schiri verweigerte ihnen den Elfer. Pauli aber traf schon zwei Minuten vor Schluss. Ich blieb ruhig. Diesmal hatte ich mich immerhin darauf vorbereiten können. Die letzten Spielminuten nutzte ich, um mich wieder zu fassen. So durfte der Abend nicht enden. Jeder soll seinen Spaß haben und ich bin kein nachtragender Mensch. Einige Minuten nach dem Abpfiff (ich versuchte zunächst zu begreifen weshalb Paulis Spieler eine Ehrenrunde liefen) nahm ich mich also zusammen: „Und du? Wie hat es dir eigentlich gefallen? Super Stimmung, nicht wahr?“
Ina sah mich an.
Freitags, halb Acht in Hamburg
Freitags, halb Acht in Hamburg
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Jedenfalls bin ich nicht bereit mich auch nur ansatzweise für mein Verhalten zu entschudligen.
:rofl: Fanatiker du!
Großartig, großartig, nur:
Fussball sei ein öder Sport ohne große Aufreger – beobachtet von einer anfangs euphorischen, bald wütend pfeifenden und schließlich dumpf dahin vegetierenden Masse.
Ist es NICHT? 8-o
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
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Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Hi Silly,
beim erneuten Korrekturlesen stieß mir ein Wort in dem von dir nicht zitierten Satzanfang sauer auf…
Daher Suggestiv-Nachfrage an die Expertin: Einfach nur „Glauben“ würde auch reichen, oder?
Dass es sich dennoch um einen Irrglauben handelt beweist eines meiner Bücher. Interesse?
Liebe Grüße und danke fürs Feedback
,
Ham
beim erneuten Korrekturlesen stieß mir ein Wort in dem von dir nicht zitierten Satzanfang sauer auf…
Also lebte sie lange in dem Irrglauben
Daher Suggestiv-Nachfrage an die Expertin: Einfach nur „Glauben“ würde auch reichen, oder?
Dass es sich dennoch um einen Irrglauben handelt beweist eines meiner Bücher. Interesse?
Liebe Grüße und danke fürs Feedback
Ham
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Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Stimmt- Glauben würde Reichen, weil der Erzähler ja ganz offensichtlich anderer Meinung ist. Und es wär weniger aufdringlich.
Welches Buch - derzähl!
(das "d" ist kein Tippfehler, sondern gehört sich hier so)
Welches Buch - derzähl!
(das "d" ist kein Tippfehler, sondern gehört sich hier so)
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon
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Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
"Irrglauben" ist nun nicht mehr "irr" - danke für die Bestärkung.
Das Buch heißt "Ballfieber". Von Nick Hornby. Immer noch Interesse?
Das Buch heißt "Ballfieber". Von Nick Hornby. Immer noch Interesse?
"If it's a hit? - Yeah, that's me! If it's a miss? - Yeah, that's me!" (Robert Palmer)
Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Bin ab sofort desinteressiert! 8-o
Aber nicht wegen dem Titel, sondern wegen dem Autor. Ich meine, ich hab ja nur "how to be good" von ihm gelesen, habe aber definiv beschlossen, dass der keine zweite Chance bei mir kriegt. Jessas!
Aber nicht wegen dem Titel, sondern wegen dem Autor. Ich meine, ich hab ja nur "how to be good" von ihm gelesen, habe aber definiv beschlossen, dass der keine zweite Chance bei mir kriegt. Jessas!
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- Ursula Vernon
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Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Dann werde ich jetzt bald "How to be good" lesen, womit sich dann der Kreis schließt

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Re: Freitags, halb Acht in Hamburg
Tu es nicht, Ham, tu es nicht.
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- Ursula Vernon
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