Tina
Immer wieder fallen meine langen blonden Haare in den Schweiß eines Brathähnchenens. Mich wundert, daß ich die Kundschaft noch nicht verjagt habe. Wie oft haben sie schon einzelne Haare von den gebräunten Schlegeln picken müssen? Aber eigentlich muß ich mir keine Gedanken machen. Ich stehe an einem Highway. Das ist Laufkundschaft, die ich bediene. Ich habe mich schon oft gefragt, was das für ein Leben ist, mein Leben. Ich wollte es nach Hollywood schaffen, aber ich habe nur ständig diesen Brathähnchenduft in meinen Klamotten. Und die Männer, es sind fast ausschließlich Männer, LKW-Fahrer sind nicht gerade eine Augenweide. Wenn sie ihre fetten Ranzen an meinen Hähnchenwagen schieben, weiß ich oft nicht, was widerlicher ist, die Männer oder die Hähnchen. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der es mir machen könnte. Dabei suche ich doch nur nach dem Einen, der meine Oberweite würdigt.
Claudia
Ich bin von Europa nach New York geflogen. Mich schimpft man jetzt hier Aupair. Die Kinder sind nicht so reizend. Es ist eine kleine aufmüpfige Schar, die nur ihr Ego kennt. Am Anfang ist mir die Kleine mal gleich mit dem Fahrrad weggefahren und verschwunden. Ich hatte leider die Mutter schon informiert. Vor lauter Aufregung hat sie mich ständig angerufen. Es gäbe ja so viele Kinder, die in den USA verschwinden. Die Milchtüten, auf denen die gesuchten Kinder abgebildet wären, sprächen Bände. Gefunden wurde die Kleine im Basement bei dem Portier. Vielleicht sind Kinder ja so. Ich glaube ich war auch so ähnlich. Damals, vor knapp 5 Jahren. Vielleicht bin ich auch noch zu jung für diesen Job, ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines, ich möchte zeichnen und malen lernen. Ich will Künstler werden. Daß ich gut aussehe schert mich einen Dreck.
Arne
Ständig diese Schüsse im Rücken. Eigentlich müsste ich wissen, sie kommen vom Fernseher. Aber ich spüre sie leiblich. Verfolgt fühle ich mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe mal so einen Wisch bei der Scientology in der Fußgängerzone unterschrieben. Seitdem höre ich seltsame Stimmen, die irgendwie aus dem OFF kommen und ganz metallisch klingen. Wenn jemand mit mir redet, weiß ich oft nicht, ob das in meinem Kopf ist oder ob die Worte von der Person mir gegenüber kommen. Ich starre dann immer auf den Mund der Person. Wenn er sich bewegt, dann weiß ich aha, der scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen. Ich höre dann aber gar nicht zu, sondern konzentriere mich auf die Stimmen im Kopf. Deshalb sage ich so wenig. Ich glaube, ich bin sehr einsam.
Tina
Wenn ich heimkomme, schmeiße ich die stinkenden Klamotten auf den Boden und steige in die Dusche. Manchmal mache ich es mir mit dem Duschkopf, besonders nach so einem Tag, an dem ich wegen meiner großen Oberweite öfters angemacht wurde. Und dann denke ich mir, wo bleibt mein amerikanischer Traum? Wann werde ich wohl entdeckt werden? Meistens fängt meine Mutter, während meiner Duschorgie an zu zetern, wann ich endlich zum Essen komme. Am liebsten würde ich dann ewig unter der Dusche bleiben, da ich ihr vor Fett triefendes Zeug hasse. Und manchmal wünschte ich mir, mein Papa wäre noch da. Dann würde die Alte nicht immer um mich herumschleichen. Mein Papa ist abgehauen, als ich noch ein Baby war. Aber sowas ist ja in der Zwischenzeit stinknormal.
Claudia
Jedesmal pinkelt die Kleine auf dem Weg zum Bus in die Hosen und jedesmal muß ich ihr diese schrecklich stinkende Strumpfhose vom Leib zerren, damit das Prinzesschen beim Geräteturnen unter ihren Genossen nicht stinkt. Ich kann mir beim Ausziehen nicht die Nase zuhalten, da sie das der Mama erzählen würde. Kinder sind schrecklich. Ich will niemals ein Kind haben. Die Mama ist in der Filmbranche, der Papa ist Architekt und sie können sich so ein richtig tolles Appartment auf der Upper East Side leisten. Leider nur im Basement. Deshalb wuselt es dort auch nachts vor Kakkerlakken, wenn man das Licht anmacht. Widerlich. Mein Zimmer ist der Durchgang zum Kinderzimmer. Ich finde hier keine Ruhe. Deshalb klaue ich mir auch jeden Abend eine Flasche Wein und ein Päckchen Erdnüße. Das lenkt mich ab. Ich werde nicht auf mich selbst zurückgeworfen.
Arne
Neulich war ich wieder in der Fußgängerzone und habe sie nochmal gesehen. Sie waren ganz dunkel gekleidet. Ich bin von ihnen abgerückt und habe mich in ein Eck gestellt. Zuerst begann ich, ganz leise eine Melodie in moll zu summen, als ob ich mich beruhigen wollte. Die Leute schauten schon ganz komisch. Aber was scherten mich die Leute? Und vielleicht gerade deshalb hob ich an: Ich begann, so laut zu singen, als ob ein ganzes Orchester in meinem Kopf tobte. Ich fühlte mich richtig toll da auf dem Präsentierteller. Aber dann kam einer der Dunkelgekleideten und hat mir einen Penny hingeschmißen. Ich habe aufgehört zu singen, bin wie in Panik heimgerannt, habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und mir die Decke über die Ohren gezogen. Ich habe mir geschworen. Ich will hier nie wieder raus.
Tina
Als ich heute morgen wieder so einen widerlich geilen Blick kassiert habe, fragte ich den Typ:
„Und, findest mich wohl sexy oder?“
Während ich fragte, habe ich meine knallrot geschminkten Lippen geschürzt und ein bißchen meine Zungenspitze ausgefahren. Er starrte mich an, als ob ich nicht von diesem Planet sei. Schließlich habe ich mir die Lippen geleckt und dabei auf sein Ding gestarrt. Ich schwöre, es war ganz dick geschwollen. Er hatte da eine richtige Kanonenkugel in der Hose. Mit hochrotem Kopf hat er mir das Geld hingelegt, hat sich umgedreht und ist gegangen. Er hat sich nochmal umgedreht. Da hab ich ihm mit dem vor Fett triefenden Geschirrtuch hinterher gewunken.
Ich habe diesen Test noch mehrmals bei anderen stinkenden Bierbäuchen wiederholt. Es gab auch manche, die sich trauten mir zu sagen, daß sie mich supergeil und sexy fänden. Also, ich verdiene hier ja nicht viel. Am Abend fragte ich mich, ob ich meine Kurven nicht lohnender anlegen könnte.
Claudia
An den langweiligen Abenden habe ich Arne seitenlange Briefe geschrieben. Ich finde es schon sehr seltsam, daß er mir nicht zurückschreibt. Unser einmonatiger Urlaub nach dem Abi in Griechenland steht noch vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Und jetzt sitze ich hier mit dem Telefonhörer in der Hand und weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, ihn anzurufen. Als Aupair verdient man ja nicht viel. Es reicht gerade für das Nötigste. Schließlich gebe ich mir ein Ruck und wähle. Es müßte jetzt eigentlich eine humane Zeit in Deutschland sein. tutututut. Ich lasse es ewig lange klingeln, bis doch jemand abhebt. Ich schreie fast in den Hörer:
„Arne, bist du das? Warum schreibst du mir nicht?“
Eine weibliche etwas ältere Stimme antwortet:
„Arne ist nicht ansprechbar.“
„Sind Sie die Mutter von Arne?“
„Ja“
„Was ist mit Arne?“
Ich weiß es nicht, es geht seit Tagen so. Er kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Türe ist verriegelt.“
„Hä? Nicht mal zum Esssen?“
„Nein, jedesmal, wenn ich mit dem Essen vor der Tür stehe und ihn frage, ob er keinen Hunger hätte, antwortet er, er habe keinen Hunger und keine Zeit zum Essen.“
„Ich muß jetzt Schluß machen, sonst wird es zu teuer. Ich würde die Tür eintreten! Tschüß!“
Ich starre das Telefon an wie ein neugeborener Koalabär. Irgendetwas ist seltsam, sehr seltsam.
Arne
Ich habe mein gesamtes Zimmer nach Wanzen abgesucht. Die gesamten Möbel habe ich auseinandergenommen. Die Briefe von Tina durchsucht. Sie könnte ja auch eine von denen sein. Die alten Stofftiere habe ich aufgerissen und das Innere nach Außen gestülpt. Meine Mutter habe ich auch im Verdacht. Sie könnte ja schon damals, als ich noch Baby war...
Ich habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie ein abgerissenes Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir jetzt im Moment sicher, daß es eine Wanze ist. Ich bin erleichtert, daß ich sie letztendlich doch noch gefunden habe. Natürlich werfe ich sie jetzt im Moment auf die Straße. Dann wird Ruhe einkehren. Ich werde die Fenster mit Kartonagen verkleiden, damit sie mich nicht mehr beobachten können und dann endlich werde ich frei sein, an meinem Konzept zu schreiben, wie ich die Welt vor diesem Übel, diesen schwarzgekleideten Scientologen retten kann.
...wenn meine Mutter bloß nicht ständig mit dem Essen nerven würde!
Tina
Seit gestern arbeite ich als Stripperin. Die hellbraunen Haare habe ich platinblond gefärbt. Wenn ich tanze, ist mein Schmollmund knallrot geschminkt und ich trage schwarze Netzstrümpfe zu dem spitzenbesetzten Panty. Ich habe gestern 300 Dollar Trinkgeld kassiert. Es wird doch! Und heute bin ich so richtig in Angriffslaune. Zu meinem gestrigen Outfit habe ich mich noch zusätzlich mit falschen langen dunklen Wimpern geschmückt. Ich warte jetzt hinter dem Vorhang auf meinen Auftritt. Ich prüfe nochmal, ob meine Brüste auch gut sitzen. Das Mieder presst sie richtig nach oben und ich denke, es ist ein geiler Anblick für mein Publikum. Endlich hebt sich der Vorhang, die Musik und die Lichter gehen an. Ich stolziere in meinen hohen Hacken auf die Bühne. Zuerst zeige ich ihnen nur meinen Rücken. Sie johlen! Angefeuert durch ihre Rufe drehe ich mich langsam im Takt der Musik herum. Im Publikum sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und trinkt Champagner. Er prostet mir zu. Langsam, während ich mein Mieder ausziehe, gehe ich auf ihn zu. Er scheint zu sabbern und ich denke mir, das ist Daddy! Ich setze mich auf seinen Schoß und ziehe mir bedächtig die Strümpfe von den Beinen. Seine knochige alte mit Leberflecken übersäte Hand streicht über meine nackte weiße Haut und es kribbelt mir wie nie. Es ist schon fast Leichenschändung, was ich hier betreibe. Der Kerl ist bestimmt schon fast 90 Jahre alt. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und wir prosten uns zu. Seine alten gelben Augen tragen Tränen. Gerührt drücke ich ihm einen Kuß auf die faltigen Wangen. Er schiebt mir eine 500-Dollar-Note zu. Jetzt aber wieder schnell ab auf die Bühne!
Claudia
Ich putze nun bei einem Künstler in Chinatown, um mein Gehalt aufzubessern. Schließlich will ich auch mal ins Palladium, um mal Andy Warhol oder einen anderen Star zu treffen. Ich bin nicht besonders gründlich, denn immer wieder fallen meine Blicke auf seine comicstyligen Gemälde. Er sagte mir, er sei Illustrator bei dem New Yorker. Da mußte ich meinen Hut ziehen. Im Moment habe ich noch nicht viel an Kunstwerken zusammengebracht wegen der Erdnüße und der Flasche Wein am Abend. Irgendwie kann ich mich nicht so richtig konzentrieren. Ich könnte ja tagsüber arbeiten, aber da will ich New York erkunden. Was habe ich mir schon die Hacken auf der Fifth Avenue, der Lexington Avenue und am Rande des Central Parks abgelaufen? All diese schimmernden Läden mit den Markenklamotten und dazwischen die Penner mit ihren Einkaufswägen, die Plastiktüten zu sammeln scheinen. Wenn sie mir nach einem Penny hinterherschreien, versuche ich sie zu ignorieren. Ich bin ja selber nur eine kleine Null, die nichts zu geben hat.
Der Künstler in Chinatown meinte, ich sehe gut aus und ob ich nicht ein Portfolio für eine Modellkarriere zusammenstellen wolle. Ich guckte ihn an wie ein Kamel. Warum um himmelswillen Modell? Ich wollte Künstler werden. Schließlich willigte ich ein. Er würde sich um einen Fotografen und das Outfit bemühen. Welchen Weg würde mein Leben gehen?
Arne
Mein Kopf wird oft so leicht, wenn ich an meinem Computer sitze und schreibe. Schreiben ist eine Droge wie Cocaine. Seit einigen Tagen wage ich mich wieder zum Essen heraus, da ich so Hunger hatte. Mein Essens-Kreislauf scheint sich viel schneller zu bewegen als früher. Als ob ich von einer geheimen Brennstoffzelle angeschoben würde. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Gespenst, da ich so viel abgenommen habe. Ich weiß, die Scientologen haben mir ein Chip implantiert, damit ich soviel abnehme. Sie wollen mich aushungern, bis ich eine Leiche bin. Ich habe schon meinen ganzen Körper nachts unter der Bettdecke nach dem Chip abgesucht. Als mein Penis eine Verhärtung zeigte, wußte ich, dort haben sie ihn plaziert. Aber ich traue mich nicht zum Arzt. Das wäre vielleicht eine Bloßstellung. Wenn jetzt mein Penis in Stellung geht, denke ich an irgendetwas Abtörnendes, wie zum Beispiel meine Mutter. Das zügelt den Appetit. Ich stelle sie mir dann immer vor, wie sie versoffen in einem abgewetzten Bademantel durch die Wohnung wankt und dann gibt sich das schon. Den Gedanken an Claudia schiebe ich immer weiter weg. Sie ist nicht von meiner Welt.
Tina
Nach dem Auftritt sitze ich in der kleinen Garderobe des Ladens beim Abschminken, als es plötzlich an der Türe klopft. Verwundert öffne ich und vor mir sitzt der alte Herr. Er grinst mit seinem glatten Schädel wie ein Neugeborenes. Kinder und Greise haben doch eine frappierende Ähnlichkeit. Er lädt mich ein, mit ihm in sein Haus zu kommen. Da er mir gefällt, stimme ich zu. Ich vertrete mir die Füße auf dem Parkplatz, während ich auf sein Auto warte. Mir fallen fast die Augen aus den Höhlen, als eine riesig lange schwarze Limousine mit Chauffeur vorfährt. Während der Fahrt trinken wir wieder Champagner. Er erzählt, daß er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hatte. Aber als er mich gesehen hätte, wäre sein Herz seit langem mal wieder am Hüpfen gewesen. Ich streiche ihm über seinen kahlen Kopf und gebe ihm einen Kuß auf die Wange. Er nimmt meine Hand und streichelt sie. Während der ganzen Fahrt habe ich nicht auf die Umgebung geachtet, als die Limousine plötzlich ein gewaltiges Eisentor erreicht und sich langsam automatisch öffnet. Wir fahren durch einen riesigen Park mit uralten hohen Bäumen, bis der Blick auf ein kleines Schloß freiliegt. Wie in einem alten schwarz-weiß-Film öffnet eine Bedienstete, gekleidet mit einem gestärkten weißen Schürzchen. In dem Moment frage ich mich, in welchem Roman ich gelandet bin. Sollte das das Glück sein, das ich mir immer erträumt hatte? Nachdem er mir alle Zimmer in seinem Schloß gezeigt hat, schenkt er uns in seiner Bibliothek einen Scotch ein. Ich trinke gierig, um meine Aufregung zu übertünchen. An diesem Abend regnet es Scotch und je besoffener wir beide werden, desto freizügiger werden die Gespräche. Er spricht von meiner Brustvergrößerung, und meiner darauffolgenden Karriere in Hochglanzmagazinen. Gegen Ende, als ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, fährt er mit seinem Rollstuhl ganz aufgeregt hin und her. Und schließlich presst er den Satz doch heraus. Er möchte mich mit einer Frau im Bett sehen und dabei zuschauen. Ich lache, knutsche ihn auf den Mund und sage: „Das wirst du alles noch haben, mein Schatz!“ Daß ich von dem Besitzer des Brathähnchengrills schwanger bin, verschweige ich in dem Moment.
Claudia
Alles steht bereit zum Fotoshooting. Ein Fotograf und ein Visagist haben sich bei dem Illustrator eingefunden. Zuerst schmiert mir der Visagist pfundweise Make-Up auf die Haut. Ich komme mir vor, als ob ich zwei Häute hätte. Am liebsten würde ich mir diese ganze Kleisterparade sofort wieder herunterwaschen! Als er fertig ist, erkenne ich mich kaum selber wieder. Das soll ich sein? Dieses Püppchen da? Der Illustrator kommt mit einer alten abgewetzten schwarzen Lederjacke an. Die sollte ich anziehen ohne etwas darunter. Widerwillig ziehe ich mich aus und die Jacke an. Ich lehne dann aufgestützt auf eine Negerstatue vor einer Graffiti-Wand. So fotografiert er mich dann bestimmt hundertmal, während ich schwitze unter dem pfundweise aufgetragenen Make-Up. Die nächste Einstellung sind Portraits. Ich trage ein altes T-Shirt, das am Kragen bewußt so zurechtgeschnitten wurde, daß die Fransen zu sehen sind. Ich heule fast. Ich will doch Künstlerin werden. Während des gesamten Shootings haben der Illustrator, der Fotograf und der Visagist sich einen hinter die Binde gegossen. Sie lallen schon fast und dann passiert das Unausweichliche. Sie fordern ihren Lohn. Sie schmeißen mich auf das Bett in der kleinen Loft und dann kommt jeder mal dran. Der Illustrator von hinten. Der Fotograf von vorne und der Visagist schiebt mir seinen Schwanz in den Mund, so daß ich fast kotze. Sie entschuldigen sich danach und ich ziehe meinen Schwanz ein, den ich nicht habe. Geschändet laufe ich völlig verwirrt durch die blinkenden Straßen. Eine 18-jährige mit den ersten negativen Erfahrungen in ihrem Leben. Sie wollten Spaß und sie haben mich nicht ernst genommen. Ich war das kleine Arschloch für sie. Und so muß ich das sehen. Ich stehe an der 42nd Street außer Atem. Hier stehen die richtigen Nutten. Ich frage, ob ich mich heute zur Nutte gemacht habe. Ich denke an die zärtlichen unbeholfenen Umarmungen von Arne und habe richtig Sehnsucht. Wie lange halte ich es hier noch aus? Ich muß zurück zu Arne.
Arne
Ich habe mich in einer Wattewolke mit guter Musik eingehüllt, während meine Mutter besoffen durch die Wohnung krakeelt. Sie ist so ein Ekel. Ich kann sie nicht mehr anschauen. Schon morgens trinkt sie ihren fahlen Prosecco. Ungekühlt! Nachmittags ist es am schlimmsten, wenn sie sich die Whisky-Flasche schnappt. So oft torkelt sie in mein Zimmer und schreit, ich sei ein Nichtnutz, ein auf-der-Tasche-Lieger. Dabei hat sie in ihrem Leben doch auch nichts auf die Reihe gebracht. Wir leben von der Sozialhilfe. Und hinter uns steht die Scientology und will uns die Türen einrennen. Daß ich hier in meinem Zimmer endlich mal etwas Sinnvolles fabriziere, will sie nicht einsehen. Ich rede ja auch gar nicht mehr darüber, was ich mache. Ich tippe und tippe und glaube es wird richtig gut. Ich plane einen großen Auftritt, aber den will ich nicht verraten.
Tina
Ich erwache mit einem zertrümmerten Schädel neben dem alten Herr in seinem Schloßbett. Das ist Fenster geöffnet und die Vögel veranstalten ein Hupkonzert, das mich in dem Moment nur nervt. Gib mir noch ein paar Stündchen Schlaf, damit ich nicht so durch die Welt torkeln muß! Zwischen uns liegen zwei geleerte Scotch-Flaschen. Das schlimmste ist, ich kann mich nicht erinnern, was wir in dem Bett des alten Herrn getrieben haben. Ich weiß nur noch, daß er versprochen hat, mich in New York zu heiraten. Soweit ich mich erinnere, habe ich „ja“ gelallt. Ich frage mich, ob ich es ihm mit seinen 90 Jahren noch besorgt habe. Und dann hüpfe ich im Geiste, obwohl der Kopf dröhnt. Ich wäre abgesichert für mein Leben, hätte alles Geld der Welt, denn er hat mir gestanden, er sei Millardär. Das ist mein amerikanischer Traum und plötzlich bin ich hellwach. Ich setze mich aufrecht. Dir Brüste kugeln mir über die Bettdecke. Ich bin nackt. Anscheinend habe ich es ihm doch besorgt. Ich beuge mich zu ihm, spüre seinen schlechten altersbedingten und alkoholisierten Atem. Er schnarcht und hat gelbe Zähne. Ob er wohl schon jemals etwas von Zahnreinigung gehört hat? Vielleicht hat er ja auch ein Gebiß, aber das wird doch nicht gelb. Ich schiebe all diese Gedanken weg und wiege mich in meiner Zukunft, die von nun an von Geld und Erotik geprägt sein wird. Schließlich ist Geld auch ein Mittel, das die Erotik macht. Ich setze mich auf ihn, schaukle ganz langsam und er erwacht aus seinem Dämmerzustand.
Claudia
Ich bin durch ganz New York wie eine Irre gerannt. Von Chinatown bis zur Upper East Side. Ich hätte mich in die U-Bahn setzen können, aber ich hatte keinen klaren Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Spaziergang dauerte. Ich wollte nur eines laufen, weglaufen. Ich torkelte gegen einen Penner und schmiß ihm den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten um. Noch heute hallt sein empörtes Geschrei in meinem Hirn. Am liebsten hätte ich ihn abgeknallt, für das was mir angetan wurde. Ich rannte in einen sehr gut aussehenden Herrn in einem teuren, dunklen Anzug. Bei dem Aufprall fiel ihm sein Hut vom Kopf. Ich habe ihn nicht aufgehoben, den Herrn habe ich keines Blickes mehr gewürdigt. Ich rannte. Gegen zehn Uhr abends war ich in meinem armseligen Zuhause. Die Eltern schauten mich betreten an. Ich hätte das Abendessen vorbereiten sollen. In dem Moment hatte ich nur einen Gedanken: die Dusche. Ich sprach kurz ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch. Das Wort Shower hatten sie dann doch verstanden. Und dann stand ich endlich darunter, um mir die ganze Scham abzuwaschen. Eine geschlagene Stunde rauschte das Wasser über mich hinweg und es war immer noch nicht genug. Wem konnte ich das erzählen, was mir passiert war? Für mein Leben würde ich schweigen wie ein Grab. Trotzdem, echt komisch, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.
Arne
Heute morgen, als noch alles dunkel war, habe ich hinter die Kartonagen auf die Straße geschaut. Sie stehen da immer noch mit ihren Handys und unterhalten sich über mich. Ich war versucht, etwas auf die Straße zu schreien. Stattdessen habe ich den Computer angemacht und beschrieben, was die da unten machen. Mehrere gutgekleideten Herren tauschten kleine Dinge aus. Ich bin mir sicher, es ist eine neue Information für einen Chip, der implantiert werden soll. Wahrscheinlich in mich. Aber an mich kommen sie nicht mehr heran. Als ich gerade den letzten Absatz tippte, tat es einen Riesenschlag nebenan. Wahrscheinlich sind sie in die Wohnung eingedrungen. Ich werde jetzt ein Weilchen nicht mehr aus meinem Zimmer hinausgehen. In Panik, sie könnten kommen, habe ich meinen Schrank vor die Türe gerückt. Ich habe mich mit Lebensmitteln eingedeckt. Eine Weile kann ich hier überleben.
Claudia
Es hat mich zwei Wochen gekostet, um wieder einigermaßen auf den Beinen zu stehen. Die Putzstelle habe ich endgültig gestrichen. Eine Freundin hat mich heute abend ins Palladium eingeladen. Als wir in der Schlange stehen, sehe ich wie ein Weißhäuptiger der Laden verläßt. Meine Freundin flüstert mir ehrfurchtsvoll zu: das war Andy Warhol. Ich recke nochmal den Kopf, aber da sehe ich schon seine Gestalt davonreiten. Wahrscheinlich bin ich immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dementsprechend mißmutig betrete ich dann auch den Laden. Was ist schon ein Abend ohne Andy? Zuerst schaue ich mir die Toiletten an. Dort kleben tausende von bunten Comicgestalten. Ich komme mir wie in einem Film vor. Ich will auch einmal solche Comics gestalten.
Meine Freundin ist wie vom Erdboden verschwunden. Ich suche sie auch nicht richtig, ich bin nur fast glücklich von Floor zu Floor zu schleichen. 10mal die Lichter auf der Treppe begutachten. Irgendwo stehenzubleiben, um kurz die Highsociety von New York zu sehen. Einmal denke ich, den gutaussehenden Herrn zu sehen, in den ich an dem Chaos-Abend gerannt bin. Schnell drehe ich mich aber weg und schiebe den Gedanken weg: es gibt tausende, die ihm gleichsehen. Er ist austauschbar wie ein kleines Streichholz.
Später stehe ich an der Bar und immer wieder fixiert mich so eine mollige Blondine. Ich starre auf ihre ausladende Brust. Komische Mama-Gedanken kommen mir dabei. Am liebsten würde ich ausreißen, aber seltsamerweise bleibe ich und beginne mit ihr zu flirten. Obwohl sie gräßliches Zeug in einem schrecklichen Mid-West-Slang lallt, fühle ich mich gut bei ihr. Wahrscheinlich hängt das mit meinem schrecklichen Erlebnis zusammen. Bei einer Frau kann mir nichts passieren. Sie kann mich nicht penetrieren. Sie beginnt immer wilder, mit mir zu flirten. Gesteht, daß sie im vierten Monat schwanger ist von einem Typ, den sie gar nicht wollte. Erzählt wirres Zeug von einem alten Schloß, in das sie mich mitnehmen will. Sie hat mir schon drei Drinks bezahlt und da denke ich, warum nicht. Warum es nicht einmal mit einer Frau versuchen?
Arne
Nach zwei Wochen riecht mein Zimmer nach Scheiße und Urin. Ich halte den Gestank nicht mehr aus. Es gibt nur eins, raus hier. Das Pamphlet ist fertig und ich kann jetzt endlich nach Bonn fahren. Ich schiebe den Schrank von der Türe weg. Als ich die Klinke heruntergedrückt habe, kommt mir noch ein üblerer Geruch entgegen. Es stinkt nach Aas. Vorsichtig tappe ich in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich habe mich bislang nicht gewundert, daß sie nicht mehr an meiner Tür gerüttelt hat. Und plötzlich verstehe ich es. Ihr Kopf liegt in einer Blutlache. Sofort denke ich an einen Übergriff der Scientology. Das war also der Lärm an dem Morgen vor zwei Wochen. Sie sind hier eingedrungen und haben meine Mutter überwältigt. In dem Moment ist meine Mutter ein Held. Sie hat ihren Kopf für mich hingehalten. Ich gehe zu ihr. In ihrer Hand hält sie noch im Todeskrampf eine Schnapsflasche. Ich hebe ihren Kopf. Eine Made kriecht aus ihrem Mund. Liebevoll wische ich ihr das eklige Tier vom Leib. Doch dann stehe ich in Panik auf. Ich weiß, jetzt muß ich endgültig weg hier. Meine Stunden sind gezählt.
Tina
Ich habe eine Frau im Palladium für die Hochzeitsnacht aufgegabelt. Der alte Herr hat sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als zuzusehen, wie ich mit einer Frau Sex habe. Sie schläft jetzt vollgepumpt von den Drinks, die ich ihr bezahlt habe, an meine Schulter gelehnt, während wir mit dem Taxi in Richtung Schlößchen fahren. Sie sieht aus wie ein Fotomodell, trotz ihrer Protest-Kleidung. Ein rasanter strohblonder Kurzhaarschnitt und eine verratzte schwarze Motorradjacke krönen ihr Aussehen. Ich bin gespannt, was der alte Herr sagt, wenn ich mit ihr einlaufe.
Als wir angelangt sind, versuche ich sie wachzurütteln. Mit leicht torkelndem Kopf wird sie schließlich wach. Ich helfe ihr aus dem Taxi. Sie scheint einen Zentner zu wiegen, als ich sie auf meinen roten Stöckelschuhen wackelnd, zu stützen versuche. Ständig lallt sie: Ich bin müde, will nach Hause. Aber ich schleppe sie ins Haus und langsam gehen wir die ausladende Treppe nach oben in Richtung Schlafzimmer. Ich habe dem alten Herr gesagt, daß ich ihm ein Zeichen geben werde, wenn wir mittendrin sind, damit mein Opfer sich nicht gleich am Anfang davonstiehlt. Der Plan ist, daß ich dreimal mit einer leeren Flasche auf den Boden haue. Ich lege sie ins Bett und beginne sie auszuziehen. Sie ist willenlos wie ein toter Fisch. In dem Zustand könnte ich wahrscheinlich alles mit ihr anstellen. Als sie nichts mehr auf dem Leib hat, beginne ich, ihre Scham zu lecken. Sie stöhnt leicht und windet ihren Kopf hin und her. Kurz blitzt ihre Zunge durch ihre Lippen. Ich arbeite mich mit Küssen über ihre Brust zu ihren Lippen vor und schließe ihren großen Mund mit einem langen schweren Kuss. Langsam beginne ich mich, selbst auszuziehen und als ich nackt bin, schlage ich mit der leeren Gin Tonic-Flasche dreimal auf den Boden.
Arne
Ich sitze im Zug und kontrolliere ständig, ob ich das Geld, das ich unter dem Bett im Schlafzimmer meiner Mutter gefunden habe, noch bei mir trage. Auf dem Bahnhof bin ich auf das nach Pisse stinkende Klo gegangen und habe es gezählt. Es sind ungefähr 60.000 DM. Ein Stricher haute mich nach Heroin an. Achselzuckend schaute ich zu, wie er mir seine durchstochenen Arme zeigte. Ich hatte kein Heroin. Ich hätte ihm meinen Kopf schenken können, denn der ist voll mit Heroin.
Ich frage mich jetzt, wie sie soviel Geld als Sozialhilfeempfängerin sparen konnte. Und warum haben die Scientologen nicht nach dem Geld gesucht? Ständig steht mir das vertrocknete Blut, in dem meine Mutter lag, im Gedächtnis. Den Gedanke an die Made versuche ich ständig wegzuschieben, aber es gelingt mir nicht so recht. Wenn ich meine Augen in dem Geratter des Zuges schließe, kriechen Riesenmaden über meinen Körper und versuchen, mich zu verschlingen. Ich hatte vor, das Pamphlet nocheinmal während der Zugfahrt durchzugehen, aber daran ist nicht zu denken. Immer wieder schweifen meine Gedanken zu Riesenmaden.
Claudia
Ich will meine Augen nicht öffnen. Alles dreht sich. Und über mir ein Leib, der mich zu verschlingen droht. Ich bin gefangen in einer klebrigen Venusfliegenfalle, die gleich zuschnappen und mich verdauen wird. Was wird mit meinem Körper, der zu Saft wird? Ich will schreien, doch da verschließt mir eine Zunge den Mund. Energisch drehe ich den Kopf weg, öffne die Augen und mir starrt das Objektiv einer Kamera entgegen. Dicke Finger verschließen meine Augen und ich verharre in dieser Stellung, wehre mich nicht mehr. Meine Brüste werden geknetet, meine Vagina wird gespreizt und ich spüre etwas in meiner Höhle. Minutenlanges Auf und Ab bis es mir kommt und ich einen kleinen spitzen Schrei ausstoße. Plötzlich wach, wälze ich den dicken Körper von mir und setze mich auf. Ein alter Mann im Rollstuhl hält die Kamera. Entsetzt schaue ich ihn an. Was will er? Dieser alte geile Sack? Panisch suche ich nach meiner Kleidung. Ziehe mich hastig an und gehe auf den Alten zu. Energisch reiße ich ihm die Videokamera aus der Hand, hau ihm eine runter und dann noch ein letzter Blick auf das Zimmer, das zerwühlte Bett, die hübsche ausladende Blondine. Dann bin ich auch schon draußen und suche meinen Weg aus diesem Labyrinth von Schloß. Vor der Tür lache ich hysterisch in mich hinein. Das eben konnte doch nicht wahr sein! Was für eine perverse Gesellschaft. Im selben Moment beschließe ich, abzureisen, zurück nach Europa, Deutschland, zurück zu Arne. Die Videokamera mit der Kassette werde ich mitnehmen als Souvenir.
Arne
Ich stehe vor dem Bundestag mit meinen Blättern in der Hand. Es stürmt und sie rascheln ganz aufgeregt. Meine Handgelenke schmerzen so, als ob ich etwas verloren hätte. Wahrscheinlich mein Hirn an eine fremde Gottheit. Ein Krankenwagen mit schallendem Martinshorn fährt vorüber. Suchen sie mich? Bin ich denn nicht wichtig? Ich halte das ganze System in meinen Händen. Ich habe mit beiden Seiten verhandelt, dem KGB und der CIA. Ich bin die Verbindung, der Schlüssel und das, was ich in den Händen halte, ist wertvoller als alles Vermögen dieser Welt. Noch in Gedanken gehe ich die Treppe hoch. Niemand hält mich auf und ich schreite weiter zum Herzen des Geschehens. Langsam öffne ich die Türe und da sitzen sie, die Abgeordneten. Ich könnte auf sie hinunterspucken wie ein alter Römer im Amphietheater bei Brot und Spielen. Jemand, den ich nicht kenne, hält gerade eine langweilige Rede. Ich beuge mich über das Geländer und versuche, in ihre Gesichter zu schauen. Ich bin doch wichtig. Ich drehe hier am Rad. Ich bin der, den ihr immer gesucht habt. Und plötzlich wenden sich mir alle Gesichter zu. Ich bin das Herz des Geschehens. Ja! Und dann regnet es plötzlich Blätter. Wie kleine Leichname segeln meine dicht beschriebenen Blätter auf die Köpfe der Abgeordneten, schließen sie weg, unter eine Decke - wie Schnee.
Tina
Nachdem dieses kleine freche Biest mit der Videokamera abgehauen ist, schauen wir uns befremdet an. Was nun? Die Hochzeitsnacht vermasselt, das Video mit der Erinnerung geklaut. Plötzlich fängt mein frischgebackener Ehemann an, etwas blöde zu kichern. Zuerst starre ich ihn an wie einen Geist, dann stimme ich mit ein, bis mein Kichern in einem lauthalsen Lachen endet. Ich setze mich auf seinen Schoß und küße seinen nach Schnaps stinkendes altes Maul. Während ich ihm das Glied massiere, überlege ich mir, ob er wohl noch die Geburt des Bastards erleben wird, ob ich es ihm gestehen soll, daß ich schwanger bin von dem Brathähnchengrillbesitzer. Aufeinmal überkommt mich der Hunger nach so einem richtig fettigen Brathähnchen und während ich nun an seinem Teil lutsche, könnte ich glatt hineinbeißen. Sein Ding ist labberig wie ein gekochter Spargel. Er hat zu viel gesoffen. Also lasse ich von ihm ab, stelle mich vor den Spiegel, massiere meine Brüste und stecke mir dann die Hand unten rein, bis ich komme. Mein Schrei schreckt ihn von seinem Nickerchen auf. Beleidigt, daß er mir nicht zugeschaut hat, gehe ich in den Küchentrakt und suche nach Brathähnchen.
Claudia
Zurück in Deutschland ist mein erster Gang zu Arne. Leider finde ich ihn nicht in seiner Wohnung auf. Seine Mutter öffnet mir. Leicht erschreckt nehme ich etwas Abstand. Ich sehe sie zum ersten Mal. Sie trägt nachmittags um 14.00 Uhr einen geblümten Morgenrock, hat Lockenwickler im Haar und ist im Gesicht aufgedunsen wie eine Qualle. Als ich näher trete, rieche ich ihre Schnapsfahne. Sie bittet mich trotz ihres seltsamen Aufzugs hinein. Die Wohnung ist ein einziger Chaoshaufen, überall leere Flaschen, der Dreck steht auf den Böden und der Müll steht gesammelt in einer Ecke in der Küche und genauso stinkt es auch. Nach verwesten Essensresten, Alkohol und Zigaretten. In jenem Moment frage ich mich, ob hier nicht auch Ratten aus den Löchern kriechen oder sich Maden und Ameisen in der Wohnung verbreiten. Ich wundere mich, daß sie sich nicht schämt und würde ihr am liebsten die Lockenwickler aus dem Haar reißen.
„Wo ist Arne?“ frage ich agressiv mit einer gewissen Abscheu.
„Er ist mit meinem Geld abgehauen. Keine Ahnung.“ lallt sie
„Darf ich sein Zimmer sehen?“
„Ja, warum nicht, kommen Sie.“
Während sie in dem Türrahmen steht, schaue ich mich in Arnes Zimmer um. Es scheint in dem Zustand zu sein, in dem er es verlassen hat. Die Fenster sind mit Kartonagen verklebt. Alle Schubladen sind aufgerissen und der Inhalt auf dem Boden verteilt. In einer Ecke finde ich angeschimmelte Essensreste. In dem ganzen Raum stinkt es nach Scheiße und Urin. Er muß sich nicht mehr nach draußen auf das Klo getraut haben. Er hatte sein Geschäft in einen Eimer erledigt. Der PC ist noch an. Ich setze mich trotz des Gestanks hin und beginne, das geöffnete Dokument zu lesen. Ich ärgere mich über den Anfang und scrolle zum Ende: Dort steht: Bestimmungsort: Bonn.
Arne
Mann war das toll, eh Mann. Ich wurde mit einer Polizeieskorte abgeführt und die hat mich in einen Hochsicherheitstrakt geschafft. Sie wollten mich in Sicherheit wissen. So haben sie es gesagt. Ist ja schließlich kein Pappenstiel als Geheimagent zu funktionieren. Ich frage mich bloß, wie ich von hier aus weiter agieren soll. Ist ja alles vergittert und ich kann nicht raus. Lauter Sicherheitstüren und so richtig Stacheldraht, da wo mal Fenster waren. Moment mal, nee Fenster gibt es hier gar nicht. Ist eher so wie in einem Tunnel. Unter der Erde. Die Leute hier sind echt abgespaced, die laufen im Kreis und geben grunzende Geräusche von sich. Manche schreien und mehrmals habe ich schon mitgeschrien. Also, ein Schönheitssalon ist ein Scheißdreck dagegen. Ich habe schon angefangen, mir Löcher in die Jeans zu schneiden, damit ich aussehe wie die. Irgendwie will ich auch dazugehören, aber ich habe das Gefühl, die akzeptieren mich nicht so recht. Ich bin mir totsicher, die alle sind totgestellte Geheimagenten.
Tina
Seit letzter Woche bin ich auf der Titelseite eines der bekanntesten Sexmagazine in den USA mit nackten Brüsten zu sehen. Mein Gott, was bin ich stolz, meine prallen Dinger, an jedem Kiosk, an dem ich vorbeilaufe, anzuschauen. Der alte Herr hat mir den Job vermittelt und ich war ihm so dankbar, daß ich ihm letzte Nacht gestand, daß ich schwanger sei. Er hat nur seinen Schildkrötenhals hin- und hergedreht und dann mit dem Kopf genickt. Gesagt hat er nichts. Es war so, als ob ich jetzt einen Freibrief hätte, mit anderen Männern zu vögeln. Natürlich bin ich auch gleich mit dem Fotografen im Bett gelandet. Wie wild ist er auf meinem schwangeren Bauch herumgerobbt. Er weiß ja nicht, daß ich schwanger bin. Komischerweise hatte ich nach dem Sex keinen Abgang. Das fischige kleine Brathähnchen-Ding scheint in mir festzusitzen wie ein Fels im Meer. Ich bin jetzt im fünften Monat und kann es kaum erwarten bis es herausrobbt, damit ich es sogleich strangulieren kann, wenn es einen Ton von sich gibt. Schließlich will ich weiter Karriere machen in Hochglanzmagazinen. Ein Säugling wäre meinem Erfolg nur abträglich.
Claudia
Ich habe mir in Bonn die Füße wund gelaufen, um nach Arne zu suchen. Zuerst war ich bei der Polizei. Fünf Stunden habe ich mich dort mit dem Polizeibeamten unterhalten. Er hat nichts, keine Eintragung auf Straffälligkeit im Computer gefunden. In einer billigen Pension ging ich dann pennen. Nachts bin ich immer wieder aufgewacht von dem Ticken der Heizung im Zimmer. Es war so, als ob mein letztes Stündlein tickte. Völlig gerädert klapperte ich daraufhin die Krankenhäuser in Bonn ab. Nichts. Niemand hatte etwas von Arne gehört oder gesehen. Nach dem letzten Krankenhausbesuch verspürte ich solch eine Wut auf die Mutter von Arne, daß ich am liebsten in unseren Heimatort zurückgefahren wäre, um dort das Haus von Arnes Mutter anzuzünden. Stattdessen ging ich nochmal in die Pension. Ich habe mir da eine Flasche Wein reingekippt. Geschlafen habe ich bis exakt halb sechs und bin erwacht von dem Ticken. Nichts hielt mich mehr im Bett. Ich mußte eine Großfahndung beginnen. Während ich durch die Stadt lief, überlegte ich mir: „Wo könnte ein Irrer sein?“ Plötzlich blieb ich wie angewurzelt vor einem Kiosk stehen: „Im Bundestag regnete es einen Roman.“ Ich kaufte mir die Bildzeitung und setzte mich in ein Café. Ich schaute immer wieder das Bild an. War das Arne oder nicht? Er trug einen roten Bart. Als wir zusammen waren, hatte er sich immer frisch rasiert. Und warum war sein Bart rot, während seine Haare blond waren? Es könnte etwas mit dieser Verwahrlosung in seinem Heimathaus zu tun haben, daß er sich plötzlich nicht mehr rasierte. Ich stand auf und schnappte mir eine Straßenbahn. Ich war auf seiner Fährte.
Ich stehe jetzt vor einem Maschendrahtzaun wie bei einem Gefängnis und muß an die RAF-Inhaftierten in Stammheim denken. Vor mir ein Glashäuschen und dort schaue ich in die Augen eines bunt geschminkten Mannes. Zuerst denke ich Transvestit und dann egal, da mußt du jetzt durch.
„Ich will zu Arne Feige.“
„Station 5b2“ kommt es nach kurzem Suchen aus einer bewußt kehligen Stimme.
„Aber Sie müssen sich ausweisen. Sind Sie eine Angehörige?“
Ich zeige brav meinen Ausweis.
„Ja, die Kusine.“ Er läßt mich durch.
Mein Herz hüpft. Ich bedanke mich, artig wie ich bin und laufe durch einen verwahrlosten Park. Männer in Bademänteln mit nikotingelben Fingern ziehen gierig an ihren Zigaretten. Frauen mit aufgelösten Frisuren irren schreiend ziellos durch das Gelände. Ich komme mir vor wie in einem vor Millionen Jahren verlassenen Paradiesgarten, der vor kurzem mit Figuren aus der Hölle bestückt wurde. Ich tue so, als ob es mir gut geht und laufe hastig weiter. Drehe mich auch nicht um. „Nein, ich will das jetzt nicht sehen.“
Auf der Station finde ich Arne vor einem alten schiefen kleinen nicht funktionierenden Tischkicker. Immer wieder wirft er den Ball in das Fußballfeld. Aber der Ball fällt nach zweimal Spielerdrehen wieder auf den Balkon, da der kleine Tischkicker nur auf drei Beinen steht. Er macht komische Bewegungen, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
Ich rufe: „Arne! Erkennst du mich?“
Er antwortet mit lahmer Zunge, als ob er eine Flasche Schnaps gesoffen hätte: „Was willst du denn hier? Zieh Leine! Das ist kein Spaß hier.“
Tina
Ich liege schweißgebadet in einem Bett, in einer Klinik für Gebärende. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen, da ich Herzklopfen habe. Nach 12 Stunden Wehen kam das Fischlein zur Welt. Es ist ein Junge mit einem echten Pimmel. Ich wollte ihn auch gar nicht in einem Blumentopf verscharren oder in der Gefriertruhe verstecken. Er ist einfach süß, wenn er wie ein Vampirchen an meinem Turbobusen herumnuckelt. Ich habe so viel Milch, daß ich gleich einen ganzen Liter abpumpen mußte. Ich könnte Drillinge oder Vierlinge ernähren. Was bin ich stolz!
Der alte Herr hat mich in der Klinik besucht und hat geguckt wie ein greises Großväterchen, als er den Kleinen gesehen hat. Er war auch ganz hin und weg.
Nur jetzt liege ich hier und kann nicht schlafen vor lauter Aufregung. An Sex ist hier im Krankenhaus ja nicht zu denken. Ich hätte so einen im weißen Kittel überfallen können, aber die gucken ja immer so arrogant, als ob die Gott wären. Ich glaube, ich mache es mir jetzt selber. Vielleicht finde ich ja dann etwas Schlaf.
Claudia
Ich stehe mit Arne auf dem Balkon des Raucherzimmers. Immer wieder klopft er auf das Eisenrohr. Er raucht wie ein Schlot. Eine nach der anderen. Er hat vorher nie geraucht. Wir schweigen uns an. Aber es ist kein gemeinsames Schweigen. Vielmehr ist es so, als ob jeder vor einem Abgrund der Einsamkeit steht. Am liebsten würde ich zu ihm gehen, ihn halten, ihn umarmen, aber er hat mir den Rücken zugekehrt. In jenem Moment muß ich an ein Gürteltier denken. So eines mit einem eisernen Panzer, an das man nicht herankommt. Als ich ihn anspreche, antwortet er nur mit dem Klopfen auf das Rohr. Er hat vorher erwähnt, er mache das, um die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langsam spüre ich, wie mir das Wasser in den Augen zusammenläuft und dann kullern sie, die Tränen. Ich fasse ihn am Arm und reisse ihn herum, damit er mich anschaut. Aber er sieht die Tränen nicht. Sein Blick geht ins Leere.
„Arne, was haben sie mit dir gemacht? Das ist kein Ort für dich.“
Lange antwortet er nicht. Und ich weiß nicht, ob er meine Tränen sieht.
Schließlich presst er lallend heraus:
„Ich muß hier sein. Draußen bin ich nicht sicher. Sie suchen nach mir.“
„Aber wer, wer sucht nach dir?“
„Der KGB, die CIA und die Scientology.“
Ich schaue ihn schief an. Vor Schreck sind mir die Tränen versiegt. Wie soll man mit solch einer Antwort umgehen? Ich drehe mich um und gehe in das Raucherzimmer. Dort sitzen mehrere Patienten, die gedrehte Zigaretten wie blöde rauchen. Plötzlich steht einer auf und ruft:
„Alle wurden abgemetzelt! Meine gesamte Familie!“
Die Augen sind weiß, in Panik, weit aufgerissen.
Ich gehe hinaus und sammle mich. Ich will einen Arzt sprechen. Das kann kein Mensch aushalten. Das ist schlimmer als die Vergewaltigung, die mir widerfahren ist und schlimmer als das Erlebnis mit der Sexblondine.
(wird fortgesetzt, weiß noch nicht, wie lange der text wird)
über hühnchen
Re: über hühnchen
Tina
Ich war eine Woche daheim mit dem Fischchen. Habe ihm das Näbelchen zusammen mit der Hebamme versorgt. Habe es gebadet. Bin nachts aufgestanden, wenn es geschrien hat. Tagsüber hat es zufrieden genuckelt. Manchmal dachte ich, soviel Milch kann keine Frau haben. Es mußte meine Bestimmung sein, Kinder zu haben. Wenn das Fischchen angespritzt wurde mit meiner Milch, habe ich gelacht. Und Fischchen verzog das Mündchen und ich dachte, es lacht auch.
Komisch, aber dann ist der alte Herr einfach so an einem kalten Dienstag abgenippelt. Plötzlich fühlte ich, wie das Schlößchen gefror. Ich fühlte mich nicht mehr als Mama. Ich fühlte gar nichts mehr. Ich übergab das Fischchen einer Amme und starrte nur noch aus dem Fenster auf dem Baum, der wie verdorrt aussah, weil er keine Blüten trug. Ich hatte nur noch ein Bild vor den Augen. Wie er eines Morgens erkaltet neben mir im Bett lag und keinen Laut mehr von sich gab. Als ob er wie ein Fisch mit dem Bauch nach oben in einem radioverseuchten Gewässer schwomm. Meine Milch war eingefroren in einem Palast, der nur das Blühen kennt.
Als der alte Herr jedoch den Erdboden fand, erwachte ich wieder. Meine Bestimmung war es nun für das Erbe zu kämpfen und weitere Sexseiten zu ködern. Das Fischchen hatte ich weit von mir geschoben. Es war gut aufgehoben bei seiner Amme. Hin und wieder ließ ich es mir bringen. Starrte es an und dachte dann: hinweg, was willst du von mir? Ich bin die Tina, die auf der Titelseite des Playboymagazin mit ihren Titten Furore gemacht hat. Weg!
Claudia
Dieser weiße Kittel. Unbeholfen. Jung und unerfahren. Sowas schimpft sich Psychiater! Immer wieder mußte ich seine Augen suchen hinter den starken Brillengläsern.
„Wir haben ihm Haldol verschrieben. Sie können froh sein, vor ein paar Jahrzehnten gab es noch gar nichts gegen die Krankheit. Das Mittel ist stark, mit entsetzlichen Nebenwirkungen, aber es hilft, die Symptome zu bekämpfen.“
„Aber was ist denn so schlimm, was hat Arne?“
Er räuspert sich, rückt seine irritierenden Brillengläser zurecht.
„Eine Psychose. Früher war die Krankheit unheilbar. Wir sortieren das in die Schizophrenie ein.“
Ich robbe verzweifelt auf meinem Stuhl hin und her.
„Was bedeutet das, Schizophrenie?“
„Wahrnehmungsverlust, Paranoia, Stimmen hören. Mehr wissen wir im Moment noch nicht.“
Ich starre ihn an, als ob er ein Kaninchen wäre. Und in dem Moment beschließe ich, mir Literatur zu besorgen.
„War er tatsächlich im Bundestag und hat seinen Roman regnen lassen?“
Ich verkrampfe meine Hände ineinander.
„Ja, tatsächlich, das sind typische Anzeichen, als ob er größenwahnsinnig wäre. Er hält sich für ein Genie oder einen Agenten oder vielleicht auch für Napoleon oder eine sonstige Größe. Wir wissen noch nicht viel auf dem Gebiet. Aber es sind Anzeichen und Sie sollten ihn für eine Weile hier zur Beobachtung lassen.“
Als ich von dem Stuhl aufstehen will, ist es so, als ob das gesamte Polyester der Welt an mir klebt, mein Rock ist wie elektrisiert. Ich setze mich nochmal.
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Nein, nein, das wird schon. Ist irgendetwas mit dem Stuhl?“
Als ich diesen Satz sage, denke ich wie doof, vielleicht behält er mich jetzt gleich auch noch hier?
„Nicht gerade die neueste Möblierung hier. Wir haben kein Geld.“
Ich lache nervös. Dann erhebe ich mich doch noch, gebe ihm die Hand, danke für das Gespräch und fliehe nach draußen durch die ganzen abgehobenen Gestalten. Ich drehe mich nochmal um und meine Arne auf dem Balkon stehen zu sehen. Flüchtig winke ich ihm. Ich weiß nicht, ob ich ihn nocheinmal sehen will. Mir ist das zuviel. Ich nicke dem Transvestiten zu. Draußen renne ich in einen Kiosk. Dort brennt mir das Titelbild von Tina in die Augen. Wie gestört bin ich eigentlich? Ich kaufe mir die Zeitschrift und renne in mein Elternhaus. Dort wird es auch nicht besser. In meinem Zimmer lege ich die Zeitschrift auf mein Nachtkästchen und hoffe, endlich mal schlafen zu können.
Tina
Seit zwei Jahren geht es mit meiner Karriere steil aufwärts. Ich bin in der Zwischenzeit eines der meist gebuchten Modells in den USA. Vor zwei Monaten habe ich mir die Brust noch weiter vergrößern lassen. Wenn ich jetzt noch das Erbe meines verstorbenen Mannes antreten kann, bin ich die reichste Frau in den USA.
Das Kind wird immer mehr zu einem nervigen Anhängsel. Ich habe beschlossen, es nur noch in Obhut der Kinderfrau zu lassen. Am Wochenende nehme ich es für ein bis zwei Stunden zu mir, aber selbst das ist mir zuviel.
Claudia
Ich habe ein Kunststudium begonnen trotz der Warnungen meiner Eltern, es bringe kein Geld. Sie bezahlen mir auch nichts, da sie dies nicht unterstüzten wollen. Deshalb fahre ich nachts Taxi. Arne habe ich, seitdem ich ihn das letzte Mal besucht habe, nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, ob er noch bei den Irren ist. Seit ein paar Monaten habe ich eine neue Beziehung. Es ist mein Prof für Malerei. Er ist verheiratet. Seit letzter Woche ist meine Periode überfällig. Ich habe heute einen Test aus der Apotheke geholt. Wenn es nach dem Test geht, bin ich schwanger.
Arne
Vor einem Jahr wurde ich auf wackligen Beinen vollgestopft mit Medikamenten aus der Psychiatrie entlassen. Ich hause jetzt wieder in meinem alten Zimmer bei meiner Mutter. Ich habe ihr das Geld zurückgegeben und sie war ganz glücklich. Sie hat es wieder irgendwo versteckt. Diesmal weiß ich nicht, wo.
An Arbeit oder Studium ist im Moment nicht zu denken, da ich mich unter den Medikamenten schlecht konzentrieren kann. Ich habe mir schon oft überlegt, sie einfach ins Klo zu spülen. Die Psychose war soviel schillernder, blühender als diese Leere, die mich jetzt ständig im Schatten der Welt stehen lässt. Oft weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Als ob zwei Parteien an meinen Händen Tauziehen üben würden. Und wenn ich hinausgehe für einen Spaziergang, springt mich das Grün des Rasens wie eine Dogge an. Bin ich auf meinem Zimmer, sitze ich herum und mache mir Gedanken. Oft sind es Abwärtsspiralen bis in den Abgrund. Werde ich denn ewig zur Untätigkeit mit schlechten Gedanken verdammt sein? Es muß ein Ende geben. Gestern habe ich mir ein Buch gekauft: Es heißt „Anleitung zum Selbstmord“.
20 Jahre später
Tina
Ich habe gerade eine Tochter geboren. Den Vater kann ich leider nicht bestimmen, da ich in der letzten Zeit mit so vielen Männern geschlafen habe. Meine letzten Jahre waren ein einziger Rausch mit Drogen, Parties, Frauen, Männern... Welch ein Leben liegt hinter mir! Aber ab sofort - ich habe es schon beschlossen, fängt das Leben für meine Tochter an.
Sie schläft jetzt gerade in dem kleinen Glassarg neben meinem Bett. Glassarg habe ich es genannt, da man die Kleine von allen Seiten anschauen und beobachten kann, damit ihr nichts passiert. Gegenüber sitzt mein 20-jähriger Sohn. Er sieht gar nicht gut aus, seitdem er gerade von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht verkraftet er es nicht, daß ich nochmal ein Kind geboren habe.
„Ist etwas, Junge?“
Er lallt, man sieht nur das Weiß in den Augen. Verstehen kann ich nichts.
Und plötzlich kippt er seitlich weg. Fällt einfach so vom Stuhl.
Ruhig stehe ich auf. Das ist bestimmt nur Show. Er will Aufmerksamkeit.
Aber er atmet nicht mehr.
Ich renne schreiend aus dem Zimmer und schreie wie gestört:
„Ich brauche einen Arzt, schnell einen Arzt!“
Claudia
Ich sitze neben Arne am Strand in Südfrankreich und bekomme plötzlich komische Gedanken. Ich kann mich auf mein Buch nicht mehr konzentrieren und schaue auf die Weite des Meeres. Als ob mich wieder die Sehnsucht überkommt. Aber nach was? Ich habe alles. Zwei nette kleine Kinder, die gerade eine Wasserschlacht veranstalten. Einen wunderbaren sensiblen Menschen zum Ehemann, der zwar hin und wieder ausflippt, aber gerade das macht den Kick unseres Leben aus. Ich wollte nie mit einem alten spießigen Langweiler verheiratet sein. Wir haben wenig Geld, sind aber glücklich, mit dem was wir uns erarbeitet haben. Unser Brot sind unsere Kinder.
Seit 10 Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Die besten Jahre meines Lebens habe ich an den verheirateten Prof verschwendet. Das Kind habe ich abtreiben lassen. Ich war immer nur seine Geliebte. Seiner Frau hat er nie etwas über unsere Beziehung gesagt. Ich war seine Frau auf Abruf. Wenn er Zeit hatte, war ich für ihn da. Wenn er keine Zeit hatte, war ich im Schmach nach ihm. Aber ich konnte nicht von ihm lassen. Ich war sein Spielzeug, seine Gummipuppe. Und wenn ich es in Gedanken Revue passieren lasse, hat er mich wie den letzten Dreck behandelt hat, indem er mich ewig hingehalten hat und mir dumme Versprechungen gemacht hat. Und wenn ich ehrlich sein will, als Künstlerin hat er mich auch blockiert. Er hat immer gelacht über Frauen, die Kunst machen. Soweit hat er mich sogar gebracht, daß ich fünf Jahre lang gar nichts produziert habe und stattdessen nur Taxi gefahren bin.
Ich weiß noch diesen Moment, als mir plötzlich ein anderer Mann begegnet ist. Ich habe ihn gar nicht erkannt, so gut sah er aus. Es war in meinem Café ums Eck, wo ich auf den dummen Prof wartete. Wo ich mal wieder versetzt wurde. Wie oft hat er mich eigentlich versetzt? Ich kann mich nicht erinnern. Er saß am Nebentisch und war in ein Buch vertieft. Ich mußte immer wieder zu ihm hinüberschauen. Die halblangen Haare mit silbernen feinen Fäden durchsponnen, sah er so gedankenverloren wie er war, gleich einem leicht vertrottelten Künstler aus. Immer wieder versuchte ich den Titel des Buchs zu erhaschen, aber es gelang mir nicht. Schließlich zündete er sich eine Zigarillo an und da schaute er auf und fand meinen starr auf ihn gerichteten Blick. Ich versank in dieses Meer von Augen und da erkannte ich ihn. Es war Arne. Meine Augen schienen zu sprechen und so sprachen auch seine. Er erkannte mich.
„Was liest du?“
„Nietzsche.“
„Und was machst du jetzt?“
„Bin gerade fertig mit meinem Philosophiestudium. Man hat mir eine Stelle an der Uni angeboten.“
Tina
Ich könnte Amok laufen. Er ist tot, tot, tot. Das ganze Leben habe ich ihn abgeschoben und nun ist er tot.
Die Kleine habe ich der Amme übergeben.
Ich habe meine Koffer und meine Drogen gepackt. Ich muß raus hier. Raus hier. Scheiße! Was ist falsch gelaufen in meinem verdammten Leben? Ich muß mich abtöten. Schnell weg hier. Flucht ist das einzige, was mir bleibt. Miami, das ist mein Ziel. Ein Hotel in Miami. Da bin ich gerne. Da kann ich spielen.
Claudia
Wieder mal bleibe ich an einem Kiosk stehen.
„Topmodell stirbt an einer Überdosis Drogen.“
Ich nehme die Zeitschrift mit und beginne noch im Laufen zu lesen. Als ich den Artikel in meinem Café ums Eck zu Ende gelesen habe, kann ich es nicht erwarten, bis Arne heimkommt, um ihm zu berichten.
Arne
Claudia hat mir den Zeitungsausschnitt gezeigt. Das Topmodell wurde gefilmt, wie es starb. Das war eine Inszenierung. Ich bin mir sicher. Ein inszenierter Tod, an dem Leute ein Vermögen verdienen. Gleich darauf zeigte mir Claudia das Video in der Hochzeitsnacht vor 20 Jahren in New York.
„Und willst du es veröffentlichen?“
„Nein. Wir sind glücklich. Lass es uns bleiben, bitte oder brauchst du das Geld?“
„Nein.“
E N D E
Ich war eine Woche daheim mit dem Fischchen. Habe ihm das Näbelchen zusammen mit der Hebamme versorgt. Habe es gebadet. Bin nachts aufgestanden, wenn es geschrien hat. Tagsüber hat es zufrieden genuckelt. Manchmal dachte ich, soviel Milch kann keine Frau haben. Es mußte meine Bestimmung sein, Kinder zu haben. Wenn das Fischchen angespritzt wurde mit meiner Milch, habe ich gelacht. Und Fischchen verzog das Mündchen und ich dachte, es lacht auch.
Komisch, aber dann ist der alte Herr einfach so an einem kalten Dienstag abgenippelt. Plötzlich fühlte ich, wie das Schlößchen gefror. Ich fühlte mich nicht mehr als Mama. Ich fühlte gar nichts mehr. Ich übergab das Fischchen einer Amme und starrte nur noch aus dem Fenster auf dem Baum, der wie verdorrt aussah, weil er keine Blüten trug. Ich hatte nur noch ein Bild vor den Augen. Wie er eines Morgens erkaltet neben mir im Bett lag und keinen Laut mehr von sich gab. Als ob er wie ein Fisch mit dem Bauch nach oben in einem radioverseuchten Gewässer schwomm. Meine Milch war eingefroren in einem Palast, der nur das Blühen kennt.
Als der alte Herr jedoch den Erdboden fand, erwachte ich wieder. Meine Bestimmung war es nun für das Erbe zu kämpfen und weitere Sexseiten zu ködern. Das Fischchen hatte ich weit von mir geschoben. Es war gut aufgehoben bei seiner Amme. Hin und wieder ließ ich es mir bringen. Starrte es an und dachte dann: hinweg, was willst du von mir? Ich bin die Tina, die auf der Titelseite des Playboymagazin mit ihren Titten Furore gemacht hat. Weg!
Claudia
Dieser weiße Kittel. Unbeholfen. Jung und unerfahren. Sowas schimpft sich Psychiater! Immer wieder mußte ich seine Augen suchen hinter den starken Brillengläsern.
„Wir haben ihm Haldol verschrieben. Sie können froh sein, vor ein paar Jahrzehnten gab es noch gar nichts gegen die Krankheit. Das Mittel ist stark, mit entsetzlichen Nebenwirkungen, aber es hilft, die Symptome zu bekämpfen.“
„Aber was ist denn so schlimm, was hat Arne?“
Er räuspert sich, rückt seine irritierenden Brillengläser zurecht.
„Eine Psychose. Früher war die Krankheit unheilbar. Wir sortieren das in die Schizophrenie ein.“
Ich robbe verzweifelt auf meinem Stuhl hin und her.
„Was bedeutet das, Schizophrenie?“
„Wahrnehmungsverlust, Paranoia, Stimmen hören. Mehr wissen wir im Moment noch nicht.“
Ich starre ihn an, als ob er ein Kaninchen wäre. Und in dem Moment beschließe ich, mir Literatur zu besorgen.
„War er tatsächlich im Bundestag und hat seinen Roman regnen lassen?“
Ich verkrampfe meine Hände ineinander.
„Ja, tatsächlich, das sind typische Anzeichen, als ob er größenwahnsinnig wäre. Er hält sich für ein Genie oder einen Agenten oder vielleicht auch für Napoleon oder eine sonstige Größe. Wir wissen noch nicht viel auf dem Gebiet. Aber es sind Anzeichen und Sie sollten ihn für eine Weile hier zur Beobachtung lassen.“
Als ich von dem Stuhl aufstehen will, ist es so, als ob das gesamte Polyester der Welt an mir klebt, mein Rock ist wie elektrisiert. Ich setze mich nochmal.
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Nein, nein, das wird schon. Ist irgendetwas mit dem Stuhl?“
Als ich diesen Satz sage, denke ich wie doof, vielleicht behält er mich jetzt gleich auch noch hier?
„Nicht gerade die neueste Möblierung hier. Wir haben kein Geld.“
Ich lache nervös. Dann erhebe ich mich doch noch, gebe ihm die Hand, danke für das Gespräch und fliehe nach draußen durch die ganzen abgehobenen Gestalten. Ich drehe mich nochmal um und meine Arne auf dem Balkon stehen zu sehen. Flüchtig winke ich ihm. Ich weiß nicht, ob ich ihn nocheinmal sehen will. Mir ist das zuviel. Ich nicke dem Transvestiten zu. Draußen renne ich in einen Kiosk. Dort brennt mir das Titelbild von Tina in die Augen. Wie gestört bin ich eigentlich? Ich kaufe mir die Zeitschrift und renne in mein Elternhaus. Dort wird es auch nicht besser. In meinem Zimmer lege ich die Zeitschrift auf mein Nachtkästchen und hoffe, endlich mal schlafen zu können.
Tina
Seit zwei Jahren geht es mit meiner Karriere steil aufwärts. Ich bin in der Zwischenzeit eines der meist gebuchten Modells in den USA. Vor zwei Monaten habe ich mir die Brust noch weiter vergrößern lassen. Wenn ich jetzt noch das Erbe meines verstorbenen Mannes antreten kann, bin ich die reichste Frau in den USA.
Das Kind wird immer mehr zu einem nervigen Anhängsel. Ich habe beschlossen, es nur noch in Obhut der Kinderfrau zu lassen. Am Wochenende nehme ich es für ein bis zwei Stunden zu mir, aber selbst das ist mir zuviel.
Claudia
Ich habe ein Kunststudium begonnen trotz der Warnungen meiner Eltern, es bringe kein Geld. Sie bezahlen mir auch nichts, da sie dies nicht unterstüzten wollen. Deshalb fahre ich nachts Taxi. Arne habe ich, seitdem ich ihn das letzte Mal besucht habe, nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, ob er noch bei den Irren ist. Seit ein paar Monaten habe ich eine neue Beziehung. Es ist mein Prof für Malerei. Er ist verheiratet. Seit letzter Woche ist meine Periode überfällig. Ich habe heute einen Test aus der Apotheke geholt. Wenn es nach dem Test geht, bin ich schwanger.
Arne
Vor einem Jahr wurde ich auf wackligen Beinen vollgestopft mit Medikamenten aus der Psychiatrie entlassen. Ich hause jetzt wieder in meinem alten Zimmer bei meiner Mutter. Ich habe ihr das Geld zurückgegeben und sie war ganz glücklich. Sie hat es wieder irgendwo versteckt. Diesmal weiß ich nicht, wo.
An Arbeit oder Studium ist im Moment nicht zu denken, da ich mich unter den Medikamenten schlecht konzentrieren kann. Ich habe mir schon oft überlegt, sie einfach ins Klo zu spülen. Die Psychose war soviel schillernder, blühender als diese Leere, die mich jetzt ständig im Schatten der Welt stehen lässt. Oft weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Als ob zwei Parteien an meinen Händen Tauziehen üben würden. Und wenn ich hinausgehe für einen Spaziergang, springt mich das Grün des Rasens wie eine Dogge an. Bin ich auf meinem Zimmer, sitze ich herum und mache mir Gedanken. Oft sind es Abwärtsspiralen bis in den Abgrund. Werde ich denn ewig zur Untätigkeit mit schlechten Gedanken verdammt sein? Es muß ein Ende geben. Gestern habe ich mir ein Buch gekauft: Es heißt „Anleitung zum Selbstmord“.
20 Jahre später
Tina
Ich habe gerade eine Tochter geboren. Den Vater kann ich leider nicht bestimmen, da ich in der letzten Zeit mit so vielen Männern geschlafen habe. Meine letzten Jahre waren ein einziger Rausch mit Drogen, Parties, Frauen, Männern... Welch ein Leben liegt hinter mir! Aber ab sofort - ich habe es schon beschlossen, fängt das Leben für meine Tochter an.
Sie schläft jetzt gerade in dem kleinen Glassarg neben meinem Bett. Glassarg habe ich es genannt, da man die Kleine von allen Seiten anschauen und beobachten kann, damit ihr nichts passiert. Gegenüber sitzt mein 20-jähriger Sohn. Er sieht gar nicht gut aus, seitdem er gerade von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht verkraftet er es nicht, daß ich nochmal ein Kind geboren habe.
„Ist etwas, Junge?“
Er lallt, man sieht nur das Weiß in den Augen. Verstehen kann ich nichts.
Und plötzlich kippt er seitlich weg. Fällt einfach so vom Stuhl.
Ruhig stehe ich auf. Das ist bestimmt nur Show. Er will Aufmerksamkeit.
Aber er atmet nicht mehr.
Ich renne schreiend aus dem Zimmer und schreie wie gestört:
„Ich brauche einen Arzt, schnell einen Arzt!“
Claudia
Ich sitze neben Arne am Strand in Südfrankreich und bekomme plötzlich komische Gedanken. Ich kann mich auf mein Buch nicht mehr konzentrieren und schaue auf die Weite des Meeres. Als ob mich wieder die Sehnsucht überkommt. Aber nach was? Ich habe alles. Zwei nette kleine Kinder, die gerade eine Wasserschlacht veranstalten. Einen wunderbaren sensiblen Menschen zum Ehemann, der zwar hin und wieder ausflippt, aber gerade das macht den Kick unseres Leben aus. Ich wollte nie mit einem alten spießigen Langweiler verheiratet sein. Wir haben wenig Geld, sind aber glücklich, mit dem was wir uns erarbeitet haben. Unser Brot sind unsere Kinder.
Seit 10 Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Die besten Jahre meines Lebens habe ich an den verheirateten Prof verschwendet. Das Kind habe ich abtreiben lassen. Ich war immer nur seine Geliebte. Seiner Frau hat er nie etwas über unsere Beziehung gesagt. Ich war seine Frau auf Abruf. Wenn er Zeit hatte, war ich für ihn da. Wenn er keine Zeit hatte, war ich im Schmach nach ihm. Aber ich konnte nicht von ihm lassen. Ich war sein Spielzeug, seine Gummipuppe. Und wenn ich es in Gedanken Revue passieren lasse, hat er mich wie den letzten Dreck behandelt hat, indem er mich ewig hingehalten hat und mir dumme Versprechungen gemacht hat. Und wenn ich ehrlich sein will, als Künstlerin hat er mich auch blockiert. Er hat immer gelacht über Frauen, die Kunst machen. Soweit hat er mich sogar gebracht, daß ich fünf Jahre lang gar nichts produziert habe und stattdessen nur Taxi gefahren bin.
Ich weiß noch diesen Moment, als mir plötzlich ein anderer Mann begegnet ist. Ich habe ihn gar nicht erkannt, so gut sah er aus. Es war in meinem Café ums Eck, wo ich auf den dummen Prof wartete. Wo ich mal wieder versetzt wurde. Wie oft hat er mich eigentlich versetzt? Ich kann mich nicht erinnern. Er saß am Nebentisch und war in ein Buch vertieft. Ich mußte immer wieder zu ihm hinüberschauen. Die halblangen Haare mit silbernen feinen Fäden durchsponnen, sah er so gedankenverloren wie er war, gleich einem leicht vertrottelten Künstler aus. Immer wieder versuchte ich den Titel des Buchs zu erhaschen, aber es gelang mir nicht. Schließlich zündete er sich eine Zigarillo an und da schaute er auf und fand meinen starr auf ihn gerichteten Blick. Ich versank in dieses Meer von Augen und da erkannte ich ihn. Es war Arne. Meine Augen schienen zu sprechen und so sprachen auch seine. Er erkannte mich.
„Was liest du?“
„Nietzsche.“
„Und was machst du jetzt?“
„Bin gerade fertig mit meinem Philosophiestudium. Man hat mir eine Stelle an der Uni angeboten.“
Tina
Ich könnte Amok laufen. Er ist tot, tot, tot. Das ganze Leben habe ich ihn abgeschoben und nun ist er tot.
Die Kleine habe ich der Amme übergeben.
Ich habe meine Koffer und meine Drogen gepackt. Ich muß raus hier. Raus hier. Scheiße! Was ist falsch gelaufen in meinem verdammten Leben? Ich muß mich abtöten. Schnell weg hier. Flucht ist das einzige, was mir bleibt. Miami, das ist mein Ziel. Ein Hotel in Miami. Da bin ich gerne. Da kann ich spielen.
Claudia
Wieder mal bleibe ich an einem Kiosk stehen.
„Topmodell stirbt an einer Überdosis Drogen.“
Ich nehme die Zeitschrift mit und beginne noch im Laufen zu lesen. Als ich den Artikel in meinem Café ums Eck zu Ende gelesen habe, kann ich es nicht erwarten, bis Arne heimkommt, um ihm zu berichten.
Arne
Claudia hat mir den Zeitungsausschnitt gezeigt. Das Topmodell wurde gefilmt, wie es starb. Das war eine Inszenierung. Ich bin mir sicher. Ein inszenierter Tod, an dem Leute ein Vermögen verdienen. Gleich darauf zeigte mir Claudia das Video in der Hochzeitsnacht vor 20 Jahren in New York.
„Und willst du es veröffentlichen?“
„Nein. Wir sind glücklich. Lass es uns bleiben, bitte oder brauchst du das Geld?“
„Nein.“
E N D E
Re: über hühnchen
so war jetzt das ende, sind ca. 25 din a4-seiten getippt, also schätze so 40 buchseiten. liest das jemand?
Re: über hühnchen
na logo, pati. nehms mir übers wochenende an den see mit. vielleicht hol ich mir davor in der braike(das beste salatbuffett der stadt) noch einen geflügelsalat und brötle in die kühlbox fürs richtige feeling 
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: über hühnchen
sind glaub noch viele fehler drin. muß es selber nochmal lesen, aber ich glaub, ich leg mich jetzt zuerst mal ab ins bett. schreiben strengt an.
ist es schlimm, daß es ein halbes happy end ist?
ist es schlimm, daß es ein halbes happy end ist?
Re: über hühnchen
liebe patina,
ich habe jetzt den anfang diese textes gelesen und muss sagen dass er mich gespannt macht auf die fortsetzung.
aber wie immer habe ich auch was zu mosern:
das ist erstmal nur eine idee:
ich fände es spannender wenn nicht über jedem absatz stände welche person gerade dran ist. ich glaube du könntest deiner charakterisierung so weit trauen, dass das eigentlich nicht notwendig ist. halt deine leser nicht für zu doof.
so zu den einzelnen erzählsträngen:
Tina
irgendwie kommt sie mir... komisch vor. velleicht auch weil sie ein charackter ist der mir fremd ist. aber ich finde sie auch zimelich einseitig: sie hat nie skrupel, ekelt sich nie, das einzige mal das sie scheinbar eine zweite seite beommt ist bei der geburt des kindes. das wird aber nicht sehr ausebaut.
zur zeit ist sie mir... nicht vielschichtig genug. ich meine das ist ja nur der anfang, aber mir fehlt etwas das sie mir nahebringt. aber das ist natürlich noch möglich durch ein wandlung oder etwas derartiges.
claudia:
die figur die ich am besten gezeichnet finde. sie ist interessant, ihr passiert was.
arne:
prinzipliell eine interessante figur. aber ich finde du fällst manchmal aus der rolle raus. dann erkt man das dir, dem autor bewusst ist, das der arme arne verrückt ist. aber arne sollte das eigentlich nicht bewusste sein
ich hatte ein beispiel, moment ich suchs mal wieder
ch habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie ein abgerissenes Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir jetzt im Moment sicher, daß es eine Wanze ist.
das müsste nmeines erachtens heißen:
hinter der wand fand ich eine wanze in form eines abgerissen kopfhörerteils
ich glaube sowas gibts noch mehr, du solltest es daraufhin noch mal untersuchen.
ich habe jetzt den anfang diese textes gelesen und muss sagen dass er mich gespannt macht auf die fortsetzung.
aber wie immer habe ich auch was zu mosern:
das ist erstmal nur eine idee:
ich fände es spannender wenn nicht über jedem absatz stände welche person gerade dran ist. ich glaube du könntest deiner charakterisierung so weit trauen, dass das eigentlich nicht notwendig ist. halt deine leser nicht für zu doof.
so zu den einzelnen erzählsträngen:
Tina
irgendwie kommt sie mir... komisch vor. velleicht auch weil sie ein charackter ist der mir fremd ist. aber ich finde sie auch zimelich einseitig: sie hat nie skrupel, ekelt sich nie, das einzige mal das sie scheinbar eine zweite seite beommt ist bei der geburt des kindes. das wird aber nicht sehr ausebaut.
zur zeit ist sie mir... nicht vielschichtig genug. ich meine das ist ja nur der anfang, aber mir fehlt etwas das sie mir nahebringt. aber das ist natürlich noch möglich durch ein wandlung oder etwas derartiges.
claudia:
die figur die ich am besten gezeichnet finde. sie ist interessant, ihr passiert was.
arne:
prinzipliell eine interessante figur. aber ich finde du fällst manchmal aus der rolle raus. dann erkt man das dir, dem autor bewusst ist, das der arme arne verrückt ist. aber arne sollte das eigentlich nicht bewusste sein
ich hatte ein beispiel, moment ich suchs mal wieder
ch habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie ein abgerissenes Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir jetzt im Moment sicher, daß es eine Wanze ist.
das müsste nmeines erachtens heißen:
hinter der wand fand ich eine wanze in form eines abgerissen kopfhörerteils
ich glaube sowas gibts noch mehr, du solltest es daraufhin noch mal untersuchen.
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: über hühnchen
hi ede,
also wenn da nicht immer die person steht, wird es glaub echt unordentlich. ich denke da immer an mich selber und vielleicht bin ich auch nicht so intelligent wie du
also die tina soll ja nun so derbes nichtsahnendes wesen sein. man wurde mir sogar gesagt, sie reflektiere noch zu viel. uppps! keine ahnung, was da besser ist.
naja, claudia, das bin ja mehr oder weniger ich.
)
das mit arne kann ja vielleicht sein, aber ich glaube so ein schizophrener hat immer noch auch so ein bißchen den hang zur realität. zumindest bei mir war es so. ich wußte, daß irgendetwas anders ist.
geiles zitat als signatur übrigens. magst du sarah kane? sie ist ja nun leider schon tot. schade, sehr schade...ich habe diese bühnenstücke von ihr hier stehen. gibts da noch mehr?
also wenn da nicht immer die person steht, wird es glaub echt unordentlich. ich denke da immer an mich selber und vielleicht bin ich auch nicht so intelligent wie du
also die tina soll ja nun so derbes nichtsahnendes wesen sein. man wurde mir sogar gesagt, sie reflektiere noch zu viel. uppps! keine ahnung, was da besser ist.
naja, claudia, das bin ja mehr oder weniger ich.
das mit arne kann ja vielleicht sein, aber ich glaube so ein schizophrener hat immer noch auch so ein bißchen den hang zur realität. zumindest bei mir war es so. ich wußte, daß irgendetwas anders ist.
geiles zitat als signatur übrigens. magst du sarah kane? sie ist ja nun leider schon tot. schade, sehr schade...ich habe diese bühnenstücke von ihr hier stehen. gibts da noch mehr?
Re: über hühnchen
liebe patina,
ich liebe dieses zitat. ich kannte das bevor ich irgendwas von ihr gelesen hatte und das ist so als hätte jemand etwas in worte gekleidet wa sich immer so irgendwie gedacht und gespürt habe, wofür ich aber keine worte hatte, zumindest nicht so präzise.
ich habe auch nur die 5 bühnenstücke, aber ich glaube es gibt noch lyrik, die habe ich aber nicht gelesen.
ich habe gerade bei amazon nachgeschaut, als buch scheint es das nicht zu geben. hmm.
als ich mit 4.48 psychose durch war habe ich sehr überlegt ob ich nicht gleich wieder von vorne anfange. das buch liegt noch immer neben meinem bett rum
so den rest habe ich jetzt auch gelesen.
ich muss sagen ein happy end schadet prinzipiell nicht. ich finde das nur etwas schnell.
hmm. also wieder einzeln:
das arne und claudia sich wiederkriegen finde ich eigentlich gut. auch mal schön. ich fänds schön, wenn noch etwas mehr über arne käme vor dem 20 jahre später bruch. vielleicht das sich ein besserung abzwichnet, oder ein motivationsschub, der ja wie man später merkt auch gekommmen sein muss.
claudia ist schon ok glaub ich..
tina: hmm vielleicht wirklich noch bedeutungsloser machen. das ihr sohn so komisch stirbt kommt mir merkwürdig vor, wie eine seltsame dramatische wendung wie: wir brauchen einen anlass für einen selbstmord, hmmm. lassen wir mal den sohn tod umfallen. ich fänds fast besser wenn sie ihn ganz abgeschoben hätte. einfach weg und raus. so ist er so ein halber charakter.
wie sie noch ein letzetes mal claudias leben berührt finde ich gut, aber ich finde es fast unnötig sie vorher nochmal so auftreten zu lassen. so als wäre ihr erstes kind eine letztes chance auf ein wirkliches leben gewesen, das schiebt sie dann von sich um ihre "karriere" voranzutreiben.
zuletzt die meldung das sie an dorgen gestorben ist und sogar das noch vermarkten wollte...
nur so als gedanken
ich liebe dieses zitat. ich kannte das bevor ich irgendwas von ihr gelesen hatte und das ist so als hätte jemand etwas in worte gekleidet wa sich immer so irgendwie gedacht und gespürt habe, wofür ich aber keine worte hatte, zumindest nicht so präzise.
ich habe auch nur die 5 bühnenstücke, aber ich glaube es gibt noch lyrik, die habe ich aber nicht gelesen.
ich habe gerade bei amazon nachgeschaut, als buch scheint es das nicht zu geben. hmm.
als ich mit 4.48 psychose durch war habe ich sehr überlegt ob ich nicht gleich wieder von vorne anfange. das buch liegt noch immer neben meinem bett rum
so den rest habe ich jetzt auch gelesen.
ich muss sagen ein happy end schadet prinzipiell nicht. ich finde das nur etwas schnell.
hmm. also wieder einzeln:
das arne und claudia sich wiederkriegen finde ich eigentlich gut. auch mal schön. ich fänds schön, wenn noch etwas mehr über arne käme vor dem 20 jahre später bruch. vielleicht das sich ein besserung abzwichnet, oder ein motivationsschub, der ja wie man später merkt auch gekommmen sein muss.
claudia ist schon ok glaub ich..
tina: hmm vielleicht wirklich noch bedeutungsloser machen. das ihr sohn so komisch stirbt kommt mir merkwürdig vor, wie eine seltsame dramatische wendung wie: wir brauchen einen anlass für einen selbstmord, hmmm. lassen wir mal den sohn tod umfallen. ich fänds fast besser wenn sie ihn ganz abgeschoben hätte. einfach weg und raus. so ist er so ein halber charakter.
wie sie noch ein letzetes mal claudias leben berührt finde ich gut, aber ich finde es fast unnötig sie vorher nochmal so auftreten zu lassen. so als wäre ihr erstes kind eine letztes chance auf ein wirkliches leben gewesen, das schiebt sie dann von sich um ihre "karriere" voranzutreiben.
zuletzt die meldung das sie an dorgen gestorben ist und sogar das noch vermarkten wollte...
nur so als gedanken
ich wünschte ich hätte musik, doch ich habe nur worte
sarah kane
sarah kane
Re: über hühnchen
ja, wau, muß mal wieder die psychose von sarah kane lesen. ist echt klasse.
wahrscheinlich, hast du recht, werde ich über arne noch ein bißchen einflechten. vielleicht ein kleiner selbstmordversuch oder so...
zu der tina, ich beschreibe da ja was reales, das leben der anna nicole smith, zumindest andeutungsweise und es ist wirklich so gewesen, daß sie, kurz darauf, nachdem ihr sohn am kindbett saß und starb sich selber eins drauf gegeben hat. sowas gibt es ja wohl tatsächlich. ich weiß nicht, ob ich es ändern sollte. ist halt echt usa-like.
hier ein link
Anna Nicole Smith
hast du schon mal was von brett easton ellis gelesen? american psycho oder so? dann weißt du wie die amis drauf sind. die sind echt total abgedreht. vielleicht schreib ich ja demnächst was über diesen amokläufer in den usa, der gerade in den medien war. ich finde, unsere welt wird durch die ganzen medien, immer schlimmer.
wahrscheinlich, hast du recht, werde ich über arne noch ein bißchen einflechten. vielleicht ein kleiner selbstmordversuch oder so...
zu der tina, ich beschreibe da ja was reales, das leben der anna nicole smith, zumindest andeutungsweise und es ist wirklich so gewesen, daß sie, kurz darauf, nachdem ihr sohn am kindbett saß und starb sich selber eins drauf gegeben hat. sowas gibt es ja wohl tatsächlich. ich weiß nicht, ob ich es ändern sollte. ist halt echt usa-like.
hier ein link
Anna Nicole Smith
hast du schon mal was von brett easton ellis gelesen? american psycho oder so? dann weißt du wie die amis drauf sind. die sind echt total abgedreht. vielleicht schreib ich ja demnächst was über diesen amokläufer in den usa, der gerade in den medien war. ich finde, unsere welt wird durch die ganzen medien, immer schlimmer.
Re: über hühnchen
ja, wau, muß mal wieder die psychose von sarah kane lesen. ist echt klasse.
wahrscheinlich, hast du recht, werde ich über arne noch ein bißchen einflechten. vielleicht ein kleiner selbstmordversuch oder so...
zu der tina, ich beschreibe da ja was reales, das leben der ann nicole smith, zumindest andeutungsweise und es ist wirklich so gewesen, daß sie, kurz darauf, nachdem ihr sohn am kindbett saß und starb sich selber eins drauf gegeben hat. sowas gibt es ja wohl tatsächlich. ich weiß nicht, ob ich es ändern sollte. ist halt echt usa-like.
hast du schon mal was von brett easton ellis gelesen? american psycho oder so? dann weißt du wie die amis drauf sind. die sind echt total abgedreht. vielleicht schreib ich ja demnächst was über diesen amokläufer in den usa, der gerade in den medien war. ich finde, unsere welt wird durch die ganzen medien, immer schlimmer.
wahrscheinlich, hast du recht, werde ich über arne noch ein bißchen einflechten. vielleicht ein kleiner selbstmordversuch oder so...
zu der tina, ich beschreibe da ja was reales, das leben der ann nicole smith, zumindest andeutungsweise und es ist wirklich so gewesen, daß sie, kurz darauf, nachdem ihr sohn am kindbett saß und starb sich selber eins drauf gegeben hat. sowas gibt es ja wohl tatsächlich. ich weiß nicht, ob ich es ändern sollte. ist halt echt usa-like.
hast du schon mal was von brett easton ellis gelesen? american psycho oder so? dann weißt du wie die amis drauf sind. die sind echt total abgedreht. vielleicht schreib ich ja demnächst was über diesen amokläufer in den usa, der gerade in den medien war. ich finde, unsere welt wird durch die ganzen medien, immer schlimmer.
Re: über hühnchen
toll, ich kann keine kurznachrichten empfangen, noch kann ich meine beitrage bearbeiten. super-technik.
hier ein link...
Anna Nicole Smith
hier ein link...
Anna Nicole Smith
Re: über hühnchen
quetsch mich hier nur mal ganz kurz dazwischen
wollte nur sagen, fast die hälfte hab ich mir heute zum sundowner gegeben. feine lektüre für blutende schäfchen rund um die ofenheiße glasbläserbirne im see. zweite hälfte wird untermdickenbaumlektüre für morgen.
ein sa-so-outdoorwetter vom feinsten
wünscht euch
kasparov
p.s.: same proc.as every year
??
erst ma(i)l gucken, mit patitex auf die binichsnochemotionale vergleichen und posten? habs mit den ß+ss selbst nicht so, aber das klärt sich ja im textprog von selbst. sehe bis jetzt minimale satzumbauten, entartikelungen (zB.von dem wird vom)flüchtigkeitsfehlerchen und sonst nur schön straight durchgezogenen text. macht spass, sich ihn mit weniger ego auf die gehtnochintensivere zu geben.
ein sa-so-outdoorwetter vom feinsten
wünscht euch
kasparov
p.s.: same proc.as every year
erst ma(i)l gucken, mit patitex auf die binichsnochemotionale vergleichen und posten? habs mit den ß+ss selbst nicht so, aber das klärt sich ja im textprog von selbst. sehe bis jetzt minimale satzumbauten, entartikelungen (zB.von dem wird vom)flüchtigkeitsfehlerchen und sonst nur schön straight durchgezogenen text. macht spass, sich ihn mit weniger ego auf die gehtnochintensivere zu geben.
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: über hühnchen
schön, herr kasparov, wenn sie dran sind. ja, das mit der neuen deutschen rechtschreibung hab ich noch nicht drin. schreib immer noch nach der alten.
ich werd jetzt zuerst mal den kopf frei kriegen und eine runde joggen, dann zum besten italiener der stadt und dann wird man sehen.
schönes wochenende auch an ede...
ich werd jetzt zuerst mal den kopf frei kriegen und eine runde joggen, dann zum besten italiener der stadt und dann wird man sehen.
schönes wochenende auch an ede...
Re: über hühnchen
während des see-weekends patitext gelesen und ein bisserl gebastelt. amschauen, für binich befinden oder nö maunzen. die besitzanzeigenden zB hab ich mehrmals raus gestellt (mein nachtkästchen, mein schrank, mein mein ....) - auch beim "schließlich" und "im selben moment" hast du ein geheimes abo
- für übersehene ss/ß-fehlerchen übernehm ich keine garantie. mach das bei meinen texten selbst nach pi mal schnauze.
Tina
Immer wieder fallen meine langen blonden Haare in den Schweiß eines Brathähnchens. Mich wundert, daß ich die Kundschaft noch nicht verjagt habe. Wie oft haben sie schon vereinzelt Haare von den gebräunten Schlegeln picken müssen? Aber eigentlich muß ich mir keine Gedanken machen. Ich stehe an einem Highway. Das ist Laufkundschaft, die ich bediene. Ich habe mich schon oft gefragt, was das für ein Leben ist, mein Leben. Ich wollte es nach Hollywood schaffen, habe aber nur ständig diesen Brathähnchenduft in meinen Klamotten. Und die Männer, es sind fast ausschließlich Männer, LKW-Fahrer, sind nicht gerade eine Augenweide. Wenn sie ihre fetten Ranzen an meinen Hähnchenwagen schieben, weiß ich oft nicht, was widerlicher ist, die Männer oder die Hähnchen. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der es mir machen könnte. Dabei suche ich doch nur nach dem Einen, der meine Oberweite würdigt.
Claudia
Ich bin von Europa nach New York geflogen. Mich schimpft man jetzt hier Aupair. Die Kinder sind nicht so reizend. Es ist eine kleine aufmümpfige Schar, die nur ihr Ego kennt. Am Anfang ist mir die Kleine mal gleich mit dem Fahrrad weggefahren und verschwunden. Ich hatte leider die Mutter schon informiert. Vor lauter Aufregung hat sie mich ständig angerufen. Es gäbe ja so viele Kinder, die in den USA verschwinden. Die Milchtüten, auf denen die gesuchten Kinder abgebildet wären, würden Bände sprechen. Gefunden wurde die Kleine im Basement beim Portier. Vielleicht sind Kinder ja so. Ich glaube, ich war auch so ähnlich. Damals, vor knapp fünf Jahren. Vielleicht bin ich auch noch zu jung für diesen Job, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich möchte Zeichnen und Malen lernen. Ich will Künstlerin werden. Dass ich gut aussehe schert mich einen Dreck.
Arne
Ständig diese Schüsse im Rücken. Eigentlich müsste ich wissen, sie kommen vom Fernseher. Aber ich spüre sie körperlich. Verfolgt fühle ich mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe mal so einen Wisch bei der Scientology in der Fußgängerzone unterschrieben. Seitdem höre ich seltsame Stimmen, die irgendwie aus dem OFF kommen und metallisch klingen. Wenn jemand mit mir redet, weiß ich oft nicht, ob das jetzt in meinem Kopf ist oder ob die Worte von der Person mir gegenüber kommen. Ich starre dann immer auf den Mund der Person. Wenn er sich bewegt weiß ich: aha, der scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen. Ich höre dann aber gar nicht zu, sondern konzentriere mich auf die Stimmen im Kopf. Deshalb sage ich so wenig. Ich glaube, ich bin sehr einsam.
Tina
Wenn ich heimkomme, schmeiss ich die stinkenden Klamotten auf den Boden und steige in die Dusche. Manchmal mach ich es mir mit dem Duschkopf, besonders nach so einem Tag, wo ich wegen meiner großen Oberweite öfters angemacht wurde. Und dann denke ich mir, wo bleibt mein amerikanischer Traum? Wann werde ich wohl entdeckt werden? Meist fängt meine Mutter während meiner Duschorgie an zu zetern, wann ich endlich zum Essen komme. Am liebsten würde ich dann ewig unter der Dusche bleiben, da ich ihr vor Fett triefendes Zeug hasse. Und manchmal wünsche ich mir, mein Papa wäre noch da. Dann würde die Alte nicht immer so um mich herumschleichen. Mein Papa ist abgehauen, als ich noch ein Baby war. Aber sowas ist ja in der Zwischenzeit stinknormal.
Claudia
Jedesmal pinkelt die Kleine auf dem Weg zum Bus in die Hosen und jedesmal muß ich ihr diese schrecklich stinkende Strumpfhose vom Leib zerren, damit das Prinzesschen beim Geräteturnen ihren Genossinnen nicht stinkt. Ich kann mir beim Ausziehen nicht die Nase zuhalten, da sie das der Mama erzählen würde. Kinder sind schrecklich. Ich will nie ein Kind haben. Die Mama ist in der Filmbranche, der Papa ist Architekt und sie können sich so ein richtig tolles Appartment auf der Upper East Side leisten. Leider nur im Basement. Deshalb wuselt es dort auch nachts vor Kakerlaken, wenn man das Licht anmacht. Widerlich. Mein Zimmer ist der Durchgang zum Kinderzimmer. Ich finde hier keine Ruhe. Deshalb klaue ich mir auch jeden Abend eine Flasche Wein und ein Päckchen Erdnüsse. Das lenkt mich ab. Ich werde nicht auf mich selbst zurückgeworfen.
Arne
Neulich war ich wieder in der Fußgängerzone und habe sie nochmal gesehen. Sie waren ganz dunkel gekleidet. Ich bin von ihnen abgerückt und habe mich in ein Eck gestellt. Zuerst begann ich, ganz leise eine Melodie in Moll zu summen, nur so zur Beruhigung. Die Leute schauten schon ganz komisch. Aber was scheren mich die Leute? Und vielleicht gerade deshalb hob ich an: Ich begann, so laut zu singen, als ob ein ganzes Orchester in meinem Kopf tobte. Ich fühlte mich richtig toll da auf dem Präsentierteller. Aber dann kam einer der Dunkelgekleideten und hat mir einen Penny hingeschmissen. Ich habe aufgehört zu singen, bin wie in Panik heimgerannt, habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und mir die Decke über die Ohren gezogen. Ich habe mir geschworen. Ich will hier nie wieder raus.
Tina
Als ich heute morgen wieder so einen widerlich geilen Blick kassiert habe, fragte ich den Typ:
„Und? Findest mich wohl sexy, oder?“
Habe bei der Frage meine knallrot geschminkten Lippen geschürzt und ein bißchen meine Zungenspitze ausgefahren. Er starrte mich an, als ob ich nicht von diesem Planet sei. Schließlich habe ich mir die Lippen geleckt und dabei auf sein Ding gestarrt. Ich schwöre, es war ganz dick geschwollen. Er hatte da eine richtige Kanonenkugel in der Hose. Mit hochrotem Kopf hat er mir das Geld hingelegt, hat sich umgedreht und ist gegangen. Er hat sich nochmal umgedreht. Da hab ich ihm mit dem vor Fett triefenden Geschirrtuch hinterher gewunken.
Ich habe diesen Test noch mehrmals bei anderen stinkenden Bierbäuchen wiederholt. Es gab auch manche, die sich trauten mir zu sagen, daß sie mich supergeil und sexy finden. Also, ich verdiene hier ja nicht viel. Am Abend fragte ich mich dann schon, ob ich meine Kurven nicht lohnender einsetzen könnte.
Claudia
An den langweiligen Abenden habe ich Arne seitenlange Briefe geschrieben. Ich finde es schon sehr seltsam, daß er mir nicht zurückschreibt. An unseren einmonatiger Urlaub nach dem Abi in Griechenland kann ich mich noch so gut erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Und jetzt sitze ich hier mit dem Telefonhörer in der Hand und weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, ihn anzurufen. Als Aupair verdient man ja nicht viel. Es reicht gerade für das Nötigste. Schließlich gebe ich mir ein Ruck und wähle. Jetzt müßte es eigentlich eine humane Zeit in Deutschland haben. tutututut. Ich lasse es ewig lange klingeln, bis doch wer abhebt. Ich schreie fast in den Hörer:
„Arne, bist du das? Warum schreibst du mir nicht?“
Eine weibliche, etwas ältere Stimme antwortet:
„Arne ist nicht ansprechbar.“
„Sind Sie die Mutter von Arne?“
„Ja“
„Was ist mit Arne?“
Ich weiß es nicht, es geht seit Tagen so. Er kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Türe ist verriegelt.“
„Hä? Nicht mal zum Esssen?“
„Nein, jedesmal, wenn ich mit dem Essen vor der Tür stehe und ihn frage, ob er keinen Hunger hätte, antwortet er, er habe weder Hunger noch Zeit zum Essen.“
„Ich muß jetzt Schluss machen, sonst wird es zu teuer. Ich würde die Tür eintreten! Tschüss!“
Ich starre das Telefon an wie ein neugeborener Koalabär. Irgendetwas ist seltsam, sehr seltsam.
Arne
Ich habe mein gesamtes Zimmer nach Wanzen abgesucht. Die gesamten Möbel habe ich auseinandergenommen. Die Briefe von Tina durchsucht. Sie könnte ja auch eine von Denen sein. Die alten Stofftiere habe ich aufgerissen und das Innere nach Außen gestülpt. Meine Mutter habe ich auch im Verdacht. Sie könnte ja schon damals, als ich noch Baby war...
Ich habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie das abgerissene Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Wanze ist, bin erleichtert, dass ich sie letztendlich doch noch gefunden habe und werfe sie auf die Straße. Jetzt wird Ruhe einkehren. Ich werde die Fenster mit Kartons verkleiden, damit sie mich nicht mehr beobachten können. Dann endlich werde ich frei sein, an meinem Konzept schreiben, wie ich die Welt vor diesem Übel, diesen schwarzgekleideten Scientologen retten kann.
...wenn meine Mutter bloß nicht ständig mit dem Essen nerven würde!
Tina
Seit gestern arbeite ich als Stripperin. Die hellbraunen Haare habe ich platinblond gefärbt. Wenn ich tanze, ist mein Schmollmund knallrot geschminkt und ich trage schwarze Netzstrümpfe zum spitzenbesetzten Panty. Ich habe gestern 300 Dollar Trinkgeld kassiert. Es wird doch! Und heute bin ich so richtig in Angriffslaune. Außer meinem gestrigen Outfit schmücke ich mich noch zusätzlich mit falschen langen dunklen Wimpern. Ich warte jetzt hinter dem Vorhang auf meinen Auftritt. Ich prüfe nochmal, ob meine Brüste auch gut sitzen. Das Mieder presst sie richtig nach oben, muß ein geiler Anblick für mein Publikum sein. Endlich hebt sich der Vorhang, die Musik und die Lichter gehen an. Ich stolziere mit hohen Hacken auf die Bühne. Zuerst zeige ich ihnen nur meinen Rücken. Sie johlen! Angefeuert durch ihre Rufe drehe ich mich langsam im Takt der Musik. Im Publikum sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und trinkt Champagner. Er prostet mir zu. Langsam, während ich mein Mieder ausziehe, gehe ich auf ihn zu. Er scheint zu sabbern und ich denke mir, das ist Daddy! Ich setze mich auf seinen Schoß und ziehe mir bedächtig die Strümpfe von den Beinen. Seine knochige alte mit Leberflecken übersäte Hand streicht über meine nackte weiße Haut und es kribbelt mir wie nie. Ist schon fast Leichenschändung, was ich hier betreibe. Der Kerl ist bestimmt an die 90 Jahre alt. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und wir prosten uns zu. Seine alten gelben Augen tränen. Gerührt drücke ich ihm einen Kuß auf die faltigen Wangen. Er schiebt mir eine 500-Dollar-Note zu. Jetzt aber wieder schnell ab auf die Bühne!
Claudia
Ich putze nun bei einem Künstler in Chinatown, um mein Gehalt aufzubessern. Schließlich will ich auch mal ins Palladium, um Andy Warhol oder einen anderen Star zu treffen. Ich bin nicht besonders gründlich, denn immer wieder fallen meine Blicke auf seine Gemälde im Comicstyle. Er sagte mir, er sei Illustrator beim NewYorker. Da kann ich nur meinen Hut ziehen. Im Moment habe ich noch nicht viel an Kunstwerken zusammengebracht wegen der Erdnüsse und der Flasche Wein am Abend. Irgendwie kann ich mich nicht so richtig konzentrieren. Ich könnte ja tagsüber arbeiten, aber da will ich New York erkunden. Was habe ich mir schon die Hacken auf der Fifth Avenue, der Lexington Avenue und am Rande des Central Parks abgelaufen? All diese schimmernden Läden mit den Markenklamotten und dazwischen die Penner mit ihren Einkaufswägen, die Plastiktüten zu sammeln scheinen. Wenn sie mir nach einem Penny hinterherschreien, versuche ich sie zu ignorieren. Ich bin ja selber nur eine kleine Null, die nichts zu geben hat.
Der Künstler in Chinatown meinte, ich sehe gut aus und ob ich nicht ein Portfolio für eine Modellkarriere zusammenstellen wolle. Ich guckte ihn an wie ein Kamel. Warum um himmelswillen Modell? Ich wollte Künstlerin werden. Schließlich willigte ich ein. Er würde sich um einen Fotografen und das Outfit bemühen. Welchen Weg würde mein Leben nehmen?
Arne
Mein Kopf wird oft so leicht, wenn ich an meinem Computer sitze und schreibe. Schreiben ist eine Droge wie Cocaine. Seit einigen Tagen wage ich mich wieder zum Essen heraus, da ich so Hunger hatte. Mein Verdauungskreislauf scheint viel schneller zu funktionieren als früher. Als ob ich von einer geheimen Brennstoffzelle angeschoben würde. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Gespenst, da ich so viel abgenommen habe. Ich weiß, die Scientologen haben mir ein Chip implantiert, damit ich soviel abnehme. Sie wollen mich aushungern, bis ich eine Leiche bin. Ich habe schon meinen ganzen Körper nachts unter der Bettdecke nach dem Chip abgesucht. Als mein Penis eine Verhärtung zeigte, wußte ich, dort haben sie ihn plaziert. Aber ich traue mich nicht zum Arzt. Das wäre vielleicht eine Bloßstellung. Wenn jetzt mein Penis in Stellung geht, denke ich an irgendetwas Abtörnendes, wie zum Beispiel meine Mutter. Das zügelt den Appetit. Ich stelle sie mir dann immer vor, wie sie versoffen in einem abgewetzten Bademantel durch die Wohnung wankt und dann gibt sich das schon. Den Gedanken an Claudia schiebe ich immer weiter weg. Sie ist nicht von meiner Welt.
Tina
Nach dem Auftritt sitze ich in der kleinen Garderobe des Ladens beim Abschminken, als es plötzlich an der Türe klopft. Verwundert öffne ich und vor mir sitzt der alte Herr. Er grinst mit seinem glatten Schädel wie ein Neugeborenes. Kinder und Greise haben doch eine frappierende Ähnlichkeit. Er lädt mich ein, mit ihm in sein Haus zu kommen. Da er mir gefällt, stimme ich zu. Ich vertrete mir die Füße auf dem Parkplatz, während ich auf sein Auto warte. Mir fallen fast die Augen aus den Höhlen, als eine riesig lange schwarze Limousine mit Chauffeur vorfährt. Während der Fahrt trinken wir wieder Champagner. Er erzählt, daß er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hatte. Aber als er mich sah, wäre sein Herz seit langem mal wieder am Hüpfen gewesen. Ich streiche ihm über seinen kahlen Kopf und gebe ihm einen Kuß auf die Wange. Er nimmt meine Hand und streichelt sie. Während der ganzen Fahrt habe ich nicht auf die Umgebung geachtet, als die Limousine plötzlich ein gewaltiges Eisentor erreicht, das sich langsam automatisch öffnet. Wir fahren durch einen riesigen Park mit uralten hohen Bäumen, bis der Blick auf ein kleines Schloß freiliegt. Wie in einem alten SW-Film öffnet eine Bedienstete in einem gestärkten weißen Schürzchen. In welchem Roman bin ich gelandet? Sollte das das Glück sein, das ich mir immer erträumt hatte? Nachdem er mir alle Zimmer in seinem Schloß gezeigt hat, schenkt er uns in seiner Bibliothek einen Scotch ein. Ich trinke gierig, um meine Aufregung zu überspielen. An diesem Abend regnet es Scotch und je besoffener wir beide sind, desto freizügiger werden die Gespräche. Er spricht von meiner Brustvergrößerung und meiner anschließenden Karriere in Hochglanzmagazinen. Gegen Ende, als ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, fährt er mit seinem Rollstuhl ganz aufgeregt hin und her. Und presst den Satz schließlich doch heraus. Er möchte mich mit einer Frau im Bett sehen und dabei zuschauen. Ich lache, knutsche ihn auf den Mund und sage: „Das wirst du alles noch haben, mein Schatz!“ Dass ich von dem Besitzer des Brathähnchengrills schwanger bin, verschweige ich in dem Moment.
Claudia
Alles steht bereit zum Fotoshooting. Ein Fotograf und ein Visagist haben sich beim Illustrator eingefunden. Zuerst schmiert mir der Visagist pfundweise Make-Up auf die Haut. Ich komme mir vor, als ob ich zwei Häute hätte. Am liebsten würde ich mir diese ganze Gekleistere sofort wieder runterwaschen! Als er fertig ist, erkenne ich mich kaum selber wieder. Das soll ich sein? Dieses Püppchen da? Der Illustrator bringt eine alte abgewetzte schwarze Lederjacke. Die soll ich anziehen ohne was darunter. Widerwillig ziehe ich mich aus und die Jacke an. Ich lehne auf eine Negerstatue gestützt vor einer Graffiti-Wand. So fotografiert er mich dann bestimmt hundertmal, während ich unter dem dick aufgetragenen Make-Up schwitze. Dann werden Portraiteinstellungen gemacht. Ich trage ein altes T-Shirt, das am Kragen absichtlich so zurechtgeschnitten wurde, dass die Fransen zu sehen sind. Ich heule fast. Ich will doch Künstlerin werden. Während des gesamten Shootings haben sich Illustrator, Fotograf und Visagist einen nach dem anderen hinter die Binde gegossen. Sie lallen schon fast und dann passiert das Unausweichliche. Sie fordern ihren Lohn. Sie schmeissen mich auf das Bett in der kleinen Loft und jeder kommt mal dran. Der Illustrator von hinten. Der Fotograf von vorne und der Visagist schiebt mir seinen Schwanz in den Mund, dass ich fast kotze. Danach entschuldigen sie sich und ich ziehe meinen nichtvorhandenen Schwanz ein. Geschändet laufe ich völlig verwirrt durch die blinkenden Straßen. Eine 18-jährige mit den ersten negativen Erfahrungen in ihrem Leben. Sie wollten Spass und sie haben mich nicht ernst genommen. Ich war das kleine Arschloch für sie. So muß ich das sehen. Bin außer Atem in der 42nd Street. Hier stehen die richtigen Nutten. Ich frage, ob ich mich heute zur Nutte gemacht habe. Ich denke an die zärtlichen unbeholfenen Umarmungen von Arne und habe richtig Sehnsucht. Wie lange halte ich es hier noch aus? Ich muß zurück zu Arne.
Arne
Ich habe mich in einer Wattewolke mit guter Musik eingehüllt, während meine Mutter besoffen durch die Wohnung krakeelt. Sie ist so ein Ekel. Ich kann sie nicht mehr anschauen. Morgens schon trinkt sie ihren fahlen Prosecco. Ungekühlt! Nachmittags ist sie nicht auszuhalten. Dann, wenn sie sich die Whisky-Flasche schnappt. Immer wieder torkelt sie dann in mein Zimmer und schreit, ich sei ein Nichtnutz, ein auf-der-Tasche-Lieger. Dabei hat sie in ihrem Leben doch auch nichts auf die Reihe gebracht. Wir leben von der Sozialhilfe. Und draussen steht die Scientology und will uns die Türen einrennen. Dass ich hier in meinem Zimmer endlich mal was Sinnvolles fabriziere, will sie nicht einsehen. Ich rede ja auch gar nicht mehr darüber, was ich mache. Ich tippe und tippe und glaube es wird richtig gut. Ich plane den großen Auftritt, mehr will ich nicht verraten.
Tina
Ich erwache mit einem Trümmerschädel neben dem alten Herr in seinem Schloßbett. Das Fenster ist offen und die Vögel veranstalten ein Hupkonzert, das im Moment nur noch nervt. Gib mir noch ein paar Stündchen Schlaf. Hab keinen Bock, so durch die Welt torkeln zu müssen! Zwischen uns liegen zwei geleerte Scotch-Flaschen. Das schlimmste ist, ich kann mich nicht erinnern, was wir im Bett des alten Herrn getrieben haben. Ich weiß nur noch, dass er versprochen hat, mich in New York zu heiraten. Soweit ich mich erinnere, habe ich „Ja“ gelallt. Ich frage mich, ob ich es ihm trotz seiner 90 Jahre noch besorgt habe. Und dann hüpfe ich im Geiste, obwohl der Kopf dröhnt. Ich wäre abgesichert für mein Leben, hätte alles Geld der Welt, denn er hat mir gestanden, er sei Milliardär. Das ist mein amerikanischer Traum und plötzlich bin ich hellwach. Ich setze mich aufrecht hin. Meine Brüste kugeln über die Bettdecke. Ich bin nackt. Anscheinend habe ich es ihm doch besorgt. Ich beuge mich zu ihm, spüre seinen alten, schlechten und alkoholisierten Atem. Er schnarcht und hat gelbe Zähne. Ob er wohl schon jemals was von Zahnreinigung gehört hat? Vielleicht hat er ja auch ein Gebiss, aber das wird doch nicht gelb. Ich schiebe all diese Gedanken weg, wiege mich in meiner Zukunft, die von nun an von Geld und Erotik geprägt sein wird. Geld macht ja auch erotisch. Ich setze mich auf ihn, schaukle ganz langsam, er erwacht aus seinem Dämmerzustand.
Claudia
Ich bin wie eine Irre durch ganz New York gerannt. Von Chinatown bis zur Upper East Side. Ich hätte mich in die U-Bahn setzen können, hatte aber keinen klaren Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Spaziergang dauerte. Ich wollte nur eines: laufen, weglaufen. Ich torkelte gegen einen Penner und warf ihm den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten um. Noch heute hallt sein empörtes Geschrei in meinem Hirn. Am liebsten hätte ich ihn für das, was mir angetan wurde, abgeknallt. Ich rannte in einen sehr gut aussehenden Herrn mit teuren, dunklen Anzug. Beim Aufprall fiel ihm der Hut vom Kopf. Ich habe ihn nicht aufgehoben, den Herrn keines Blickes mehr gewürdigt. Ich rannte. Gegen zehn Uhr abends war ich in meinem armseligen Zuhause. Die Eltern schauten mich betreten an. Ich hätte das Abendessen vorbereiten sollen. In dem Moment hatte ich aber nur einen Gedanken: die Dusche. In meinem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch hatten sie dann das Wort Shower doch irgendwann verstanden. Und dann stand ich endlich darunter, um mir die ganze Scham abzuwaschen. Eine geschlagene Stunde rauschte das Wasser auf mich nieder und es war immer noch nicht genug. Wem konnte ich das, was mir passiert war, erzählen? Mein ganzes Leben würde ich schweigen wie ein Grab. Trotzdem, echt komisch, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.
Arne
Heute morgen, als noch alles dunkel war, habe ich hinter die Kartons auf die Straße geschaut. Sie stehen da immer noch mit ihren Handys und unterhalten sich über mich. Ich war knapp davor, etwas auf die Straße zu schreien. Stattdessen habe ich den Computer angemacht und beschrieben, was die da unten machen. Mehrere gutgekleidete Herren tauschten da Kleinigkeiten aus. Ich bin mir sicher, es handelt sich um Informationen für einen neuen Chip, der implantiert werden soll. Wahrscheinlich in mich. Aber an mich kommen sie nicht mehr ran. Gerade als ich den letzten Absatz tippte, ein Riesenbumms nebenan. Wahrscheinlich sind sie in die Wohnung eingedrungen. Ich werde jetzt ein Weilchen nicht mehr aus meinem Zimmer gehen. In Panik, sie könnten kommen, habe ich den Schrank vor die Tür gerückt, habe mich mit Nahrungsmitteln eingedeckt. Eine Weile kann ich hier überleben.
Claudia
Es hat mich zwei Wochen gekostet, um wieder einigermaßen auf die Beinen zu kommen. Die Putzstelle habe ich endgültig gestrichen. Eine Freundin hat mich heute abend ins Palladium eingeladen. In der Schlange stehend sehe ich, wie ein Weißhäuptiger der Laden verläßt. Meine Freundin flüstert mir ehrfurchtsvoll zu: Das war Andy Warhol. Ich recke nochmal den Kopf, sehe aber nur mehr seine Gestalt davonreiten. Bin wohl immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dementsprechend mies gelaunt betrete ich dann auch den Laden. Was ist schon ein Abend ohne Andy? Zuerst schaue ich mir die Toiletten an. Dort kleben tausende bunte Comicgestalten. Ich komme mir wie in einem Film vor. Ich will auch einmal solche Comics gestalten.
Meine Freundin ist wie vom Erdboden verschwunden. Irgendwie suche ich sie auch nicht richtig, schleiche nur fast glücklich von Floor zu Floor. 10mal die Lichter auf der Treppe begutachten, dann irgendwo stehen bleiben, um einen kurzen Blick auf die Highsociety von New York zu erhaschen. Glaube einmal fast, den gutaussehenden Herrn zu sehen, in den ich an dem Chaos-Abend gerannt bin. Ich drehe mich aber schnell weg und verdränge den Gedanken: es gibt so viele, die ihm gleichschauen. Er ist austauschbar wie ein kleines Streichholz.
Später stehe ich an der Bar und immer wieder fixiert mich so eine mollige Blondine. Ich starre auf ihre ausladende Brust. Komische Mama-Gedanken kommen mir dabei. Am liebsten würde ich ausreissen, aber seltsamerweise bleibe ich und beginne mit ihr zu flirten. Obwohl sie grässliches Zeug in einem schrecklichen Mid-West-Slang lallt, fühle ich mich gut bei ihr. Wahrscheinlich hängt das mit meinem schrecklichen Erlebnis zusammen. Bei einer Frau kann mir nichts passieren. Sie kann mich nicht penetrieren. Sie beginnt immer wilder, mit mir zu flirten. Gesteht, daß sie im vierten Monat von einem Typ schwanger ist, den sie gar nicht will. Erzählt wirres Zeug von einem alten Schloß, in das sie mich mitnehmen will. Sie hat mir schon drei Drinks bezahlt und da denke ich, warum nicht. Warum es nicht mal mit einer Frau versuchen?
Arne
Nach zwei Wochen riecht mein Zimmer nach Scheiße und Urin. Ich halte den Gestank nicht mehr aus. Es gibt nur eins, raus hier. Das Pamphlet ist fertig und ich kann jetzt endlich nach Bonn fahren. Ich schiebe den Schrank von der Türe weg. Als ich die Klinke runterdrücke, kommt mir ein noch üblerer Geruch entgegen. Es stinkt nach Aas. Vorsichtig tappe ich in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich habe mich bislang nicht gewundert, dass sie nicht mehr an meiner Tür gerüttelt hat. Und jetzt liegt Ihr Kopf in einer Blutlache. Ich verstehe plötzlich, denke sofort an einen Übergriff der Scientology. Darum der Lärm an dem Morgen vor zwei Wochen. Sie sind hier eingedrungen und haben meine Mutter überwältigt. In dem Moment ist meine Mutter eine Heldin. Sie hat ihren Kopf für mich hingehalten. Ich gehe zu ihr. Im Todeskrampf hält sie noch eine Schnapsflasche in der Hand. Ich hebe ihren Kopf. Eine Made kriecht aus ihrem Mund. Liebevoll wische ich ihr das eklige Tier ab. Doch dann stehe ich in Panik auf. Ich weiß, jetzt muß ich endgültig weg hier. Meine Stunden sind gezählt.
Tina
Ich habe eine Frau im Palladium für die Hochzeitsnacht aufgegabelt. Der alte Herr hat sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als zuzusehen, wie ich mit einer Frau Sex habe. Sie schläft jetzt vollgepumpt mit Drinks, die ich ihr bezahlt habe, an meine Schulter gelehnt, während wir mit dem Taxi in Richtung Schlößchen fahren. Sie sieht aus wie ein Fotomodell, trotz ihrer Protest-Kleidung. Ein rasant strohblonder Kurzhaarschnitt und eine verratzte schwarze Motorradjacke krönen ihr Aussehen. Ich bin gespannt, was der alte Herr sagt, wenn ich mit ihr einlaufe.
Als wir ankommen, versuche ich sie wachzurütteln. Mit leicht schaukelndem Kopf wird sie schließlich munter. Ich helfe ihr aus dem Taxi. Sie scheint einen Zentner zu wiegen, als ich sie auf meinen roten Stöckelschuhen wackelnd, zu stützen versuche. Ständig lallt sie: Ich bin müde, will nach Hause. Aber ich schleppe sie ins Haus und langsam gehen wir die ausladende Treppe nach oben Richtung Schlafzimmer. Ich habe dem alten Herr gesagt, daß ich ihm ein Zeichen geben werde, wenn wir mittendrin sind, damit sich mein Opfer nicht gleich schon am Anfang davonstiehlt. Der Plan ist, dass ich dreimal mit einer leeren Flasche auf den Boden haue. Ich lege sie ins Bett und beginne sie auszuziehen. Sie ist willenlos wie ein toter Fisch. In dem Zustand könnte ich wahrscheinlich alles mit ihr anstellen. Als sie nichts mehr auf dem Leib hat, beginne ich, ihre Scham zu lecken. Sie stöhnt leicht und windet ihren Kopf hin und her. Kurz blitzt die Zunge durch ihre Lippen. Ich arbeite mich mit Küssen über ihre Brust zu ihren Lippen vor und schließe ihren großen Mund mit einem langen schweren Kuss. Langsam beginne ich, mich selbst auszuziehen und als ich nackt bin, schlage ich mit der leeren Gin-Tonic-Flasche dreimal auf den Boden.
Arne
Ich sitze im Zug und kontrolliere ständig, ob ich das Geld, das ich unter dem Bett im Schlafzimmer meiner Mutter gefunden habe, noch bei mir trage. Auf dem Bahnhof bin ich auf das nach Pisse stinkende Klo gegangen und habe es gezählt. Es sind ungefähr 60.000 DM. Ein Stricher wollte Heroin von mir. Achselzuckend schaute ich zu, wie er mir seine durchstochenen Arme zeigte. Ich hatte kein Heroin. Ich hätte ihm meinen Kopf schenken können - der ist voll mit Heroin.
Ich frage mich jetzt, wie sie soviel Geld als Sozialhilfeempfängerin sparen konnte. Und warum haben die Scientologen nicht nach dem Geld gesucht? Ständig denke ich an das vertrocknete Blut, in dem meine Mutter lag. Die Made versuche ich zu verdrängen, aber es gelingt mir nicht so recht. Wenn ich meine Augen im Geratter des Zuges schliesse, kriechen Riesenmaden über meinen Körper und versuchen, mich zu fressen. Ich hatte vor, das Pamphlet nocheinmal während der Zugfahrt durchzugehen, keine Chance. Habe Riesenmaden im Kopf.
Claudia
Ich will meine Augen nicht öffnen. Alles dreht sich. Über mir ein Leib, der mich zu verschlingen droht. Ich bin gefangen in einer klebrigen Venusfliegenfalle, die gleich zuschnappen und mich verdauen wird. Was wird mit meinem Körper, der zu Saft wird? Ich will schreien, doch da verschließt mir eine Zunge den Mund. Energisch drehe ich den Kopf weg, öffne die Augen und starre in das Objektiv einer Kamera. Dicke Finger halten mir die Augen zu und ich verharre in dieser Stellung, wehre mich nicht mehr. Meine Brüste werden geknetet, meine Vagina wird gespreizt und ich spüre etwas in meiner Höhle. Minutenlanges Auf und Ab bis es mir kommt und ich einen kleinen spitzen Schrei ausstoße. Plötzlich wach, wälze ich den dicken Körper von mir und setze mich auf. Ein alter Mann im Rollstuhl hält die Kamera. Entsetzt schaue ich ihn an. Was will er? Dieser alte geile Sack? Panisch suche ich nach meiner Kleidung. Ziehe mich hastig an und gehe auf den Alten zu. Energisch reisse ich ihm die Videokamera aus der Hand, hau ihm eine runter - noch ein letzter Blick auf das Zimmer, das zerwühlte Bett, die hübsche ausladende Blondine. Dann bin ich auch schon draußen und suche meinen Weg aus diesem Labyrinth von Schloß. Vor der Tür lache ich hysterisch in mich hinein. Das eben konnte doch nicht wahr sein! Was für eine perverse Gesellschaft. Im selben Moment beschließe ich, abzureisen, zurück nach Europa, Deutschland, zurück zu Arne. Die Videokamera mit der Kassette werde ich mitnehmen als Souvenir.
Arne
Ich stehe vor dem Bundestag mit meinen Blättern in der Hand. Es stürmt und sie rascheln ganz aufgeregt. Meine Handgelenke schmerzen, als ob ich etwas verloren hätte. Wahrscheinlich mein Hirn an eine fremde Gottheit. Ein Krankenwagen mit schallendem Martinshorn fährt vorüber. Suchen sie mich? Bin ich denn nicht wichtig? Ich halte das ganze System in meinen Händen. Ich habe mit beiden Seiten verhandelt, dem KGB und der CIA. Ich bin die Verbindung, der Schlüssel und das, was ich in den Händen halte, ist wertvoller als alles Vermögen dieser Welt. Noch in Gedanken gehe ich die Treppe hoch. Niemand hält mich auf, ich komme ungehindert bis zum Sitzungssaal. Langsam öffne ich die Türe und da sitzen sie, die Abgeordneten. Ich könnte auf sie runterspucken wie im Amphietheater die Römer - Brot und Spiele. Jemand, den ich nicht kenne, hält gerade eine langweilige Rede. Ich beuge mich über das Geländer und versuche, in ihre Gesichter zu schauen. Ich bin doch wichtig. Ich drehe hier am Rad. Ich bin der, den ihr immer gesucht habt. Und plötzlich wenden sich mir alle Gesichter zu. Ich bin der Mittelpunkt. Ja! Und dann regnet es plötzlich Blätter. Wie kleine Leichname segeln meine dicht beschriebenen Blätter auf die Köpfe der Abgeordneten, schließen sie weg, unter eine Decke - wie Schnee.
Tina
Nachdem dieses kleine freche Biest mit der Videokamera abgehauen ist, schauen wir uns befremdet an. Was nun? Die Hochzeitsnacht vermasselt, das Video mit der Erinnerung geklaut. Plötzlich fängt mein frischgebackener Ehemann an, etwas blöde zu kichern. Zuerst starre ich ihn an wie einen Geist, dann stimme ich mit ein, bis mein Kichern in einem lauthalsen Lachen endet. Ich setze mich auf seinen Schoß und küße sein nach Schnaps stinkendes altes Maul. Ich massiere ihm das Glied, überlege mir, ob er wohl noch die Geburt des Bastards erleben wird, ob ich ihm gestehen soll, daß ich vom Brathähnchengrillbesitzer schwanger bin. Aufeinmal kriege ich Hunger auf so ein richtig fettiges Brathähnchen und während ich so an seinem Teil lutsche, könnte ich glatt hineinbeissen. Sein Ding ist labberig wie ein gekochter Spargel. Er hat zu viel gesoffen. Also lasse ich von ihm ab, stelle mich vor den Spiegel, massiere meine Brüste und stecke mir dann die Hand unten rein, bis ich komme. Mein Schrei schreckt ihn von seinem Nickerchen auf. Beleidigt, daß er mir nicht zugeschaut hat, gehe ich in den Küchentrakt und suche nach Brathähnchen.
(ende teil 1 - sonst wirds zu lang für die post)
Tina
Immer wieder fallen meine langen blonden Haare in den Schweiß eines Brathähnchens. Mich wundert, daß ich die Kundschaft noch nicht verjagt habe. Wie oft haben sie schon vereinzelt Haare von den gebräunten Schlegeln picken müssen? Aber eigentlich muß ich mir keine Gedanken machen. Ich stehe an einem Highway. Das ist Laufkundschaft, die ich bediene. Ich habe mich schon oft gefragt, was das für ein Leben ist, mein Leben. Ich wollte es nach Hollywood schaffen, habe aber nur ständig diesen Brathähnchenduft in meinen Klamotten. Und die Männer, es sind fast ausschließlich Männer, LKW-Fahrer, sind nicht gerade eine Augenweide. Wenn sie ihre fetten Ranzen an meinen Hähnchenwagen schieben, weiß ich oft nicht, was widerlicher ist, die Männer oder die Hähnchen. Ich habe noch keinen Mann getroffen, der es mir machen könnte. Dabei suche ich doch nur nach dem Einen, der meine Oberweite würdigt.
Claudia
Ich bin von Europa nach New York geflogen. Mich schimpft man jetzt hier Aupair. Die Kinder sind nicht so reizend. Es ist eine kleine aufmümpfige Schar, die nur ihr Ego kennt. Am Anfang ist mir die Kleine mal gleich mit dem Fahrrad weggefahren und verschwunden. Ich hatte leider die Mutter schon informiert. Vor lauter Aufregung hat sie mich ständig angerufen. Es gäbe ja so viele Kinder, die in den USA verschwinden. Die Milchtüten, auf denen die gesuchten Kinder abgebildet wären, würden Bände sprechen. Gefunden wurde die Kleine im Basement beim Portier. Vielleicht sind Kinder ja so. Ich glaube, ich war auch so ähnlich. Damals, vor knapp fünf Jahren. Vielleicht bin ich auch noch zu jung für diesen Job, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich möchte Zeichnen und Malen lernen. Ich will Künstlerin werden. Dass ich gut aussehe schert mich einen Dreck.
Arne
Ständig diese Schüsse im Rücken. Eigentlich müsste ich wissen, sie kommen vom Fernseher. Aber ich spüre sie körperlich. Verfolgt fühle ich mich eigentlich schon mein ganzes Leben. Ich habe mal so einen Wisch bei der Scientology in der Fußgängerzone unterschrieben. Seitdem höre ich seltsame Stimmen, die irgendwie aus dem OFF kommen und metallisch klingen. Wenn jemand mit mir redet, weiß ich oft nicht, ob das jetzt in meinem Kopf ist oder ob die Worte von der Person mir gegenüber kommen. Ich starre dann immer auf den Mund der Person. Wenn er sich bewegt weiß ich: aha, der scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen. Ich höre dann aber gar nicht zu, sondern konzentriere mich auf die Stimmen im Kopf. Deshalb sage ich so wenig. Ich glaube, ich bin sehr einsam.
Tina
Wenn ich heimkomme, schmeiss ich die stinkenden Klamotten auf den Boden und steige in die Dusche. Manchmal mach ich es mir mit dem Duschkopf, besonders nach so einem Tag, wo ich wegen meiner großen Oberweite öfters angemacht wurde. Und dann denke ich mir, wo bleibt mein amerikanischer Traum? Wann werde ich wohl entdeckt werden? Meist fängt meine Mutter während meiner Duschorgie an zu zetern, wann ich endlich zum Essen komme. Am liebsten würde ich dann ewig unter der Dusche bleiben, da ich ihr vor Fett triefendes Zeug hasse. Und manchmal wünsche ich mir, mein Papa wäre noch da. Dann würde die Alte nicht immer so um mich herumschleichen. Mein Papa ist abgehauen, als ich noch ein Baby war. Aber sowas ist ja in der Zwischenzeit stinknormal.
Claudia
Jedesmal pinkelt die Kleine auf dem Weg zum Bus in die Hosen und jedesmal muß ich ihr diese schrecklich stinkende Strumpfhose vom Leib zerren, damit das Prinzesschen beim Geräteturnen ihren Genossinnen nicht stinkt. Ich kann mir beim Ausziehen nicht die Nase zuhalten, da sie das der Mama erzählen würde. Kinder sind schrecklich. Ich will nie ein Kind haben. Die Mama ist in der Filmbranche, der Papa ist Architekt und sie können sich so ein richtig tolles Appartment auf der Upper East Side leisten. Leider nur im Basement. Deshalb wuselt es dort auch nachts vor Kakerlaken, wenn man das Licht anmacht. Widerlich. Mein Zimmer ist der Durchgang zum Kinderzimmer. Ich finde hier keine Ruhe. Deshalb klaue ich mir auch jeden Abend eine Flasche Wein und ein Päckchen Erdnüsse. Das lenkt mich ab. Ich werde nicht auf mich selbst zurückgeworfen.
Arne
Neulich war ich wieder in der Fußgängerzone und habe sie nochmal gesehen. Sie waren ganz dunkel gekleidet. Ich bin von ihnen abgerückt und habe mich in ein Eck gestellt. Zuerst begann ich, ganz leise eine Melodie in Moll zu summen, nur so zur Beruhigung. Die Leute schauten schon ganz komisch. Aber was scheren mich die Leute? Und vielleicht gerade deshalb hob ich an: Ich begann, so laut zu singen, als ob ein ganzes Orchester in meinem Kopf tobte. Ich fühlte mich richtig toll da auf dem Präsentierteller. Aber dann kam einer der Dunkelgekleideten und hat mir einen Penny hingeschmissen. Ich habe aufgehört zu singen, bin wie in Panik heimgerannt, habe mich in meinem Zimmer verbarrikadiert und mir die Decke über die Ohren gezogen. Ich habe mir geschworen. Ich will hier nie wieder raus.
Tina
Als ich heute morgen wieder so einen widerlich geilen Blick kassiert habe, fragte ich den Typ:
„Und? Findest mich wohl sexy, oder?“
Habe bei der Frage meine knallrot geschminkten Lippen geschürzt und ein bißchen meine Zungenspitze ausgefahren. Er starrte mich an, als ob ich nicht von diesem Planet sei. Schließlich habe ich mir die Lippen geleckt und dabei auf sein Ding gestarrt. Ich schwöre, es war ganz dick geschwollen. Er hatte da eine richtige Kanonenkugel in der Hose. Mit hochrotem Kopf hat er mir das Geld hingelegt, hat sich umgedreht und ist gegangen. Er hat sich nochmal umgedreht. Da hab ich ihm mit dem vor Fett triefenden Geschirrtuch hinterher gewunken.
Ich habe diesen Test noch mehrmals bei anderen stinkenden Bierbäuchen wiederholt. Es gab auch manche, die sich trauten mir zu sagen, daß sie mich supergeil und sexy finden. Also, ich verdiene hier ja nicht viel. Am Abend fragte ich mich dann schon, ob ich meine Kurven nicht lohnender einsetzen könnte.
Claudia
An den langweiligen Abenden habe ich Arne seitenlange Briefe geschrieben. Ich finde es schon sehr seltsam, daß er mir nicht zurückschreibt. An unseren einmonatiger Urlaub nach dem Abi in Griechenland kann ich mich noch so gut erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Und jetzt sitze ich hier mit dem Telefonhörer in der Hand und weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, ihn anzurufen. Als Aupair verdient man ja nicht viel. Es reicht gerade für das Nötigste. Schließlich gebe ich mir ein Ruck und wähle. Jetzt müßte es eigentlich eine humane Zeit in Deutschland haben. tutututut. Ich lasse es ewig lange klingeln, bis doch wer abhebt. Ich schreie fast in den Hörer:
„Arne, bist du das? Warum schreibst du mir nicht?“
Eine weibliche, etwas ältere Stimme antwortet:
„Arne ist nicht ansprechbar.“
„Sind Sie die Mutter von Arne?“
„Ja“
„Was ist mit Arne?“
Ich weiß es nicht, es geht seit Tagen so. Er kommt nicht mehr aus seinem Zimmer. Die Türe ist verriegelt.“
„Hä? Nicht mal zum Esssen?“
„Nein, jedesmal, wenn ich mit dem Essen vor der Tür stehe und ihn frage, ob er keinen Hunger hätte, antwortet er, er habe weder Hunger noch Zeit zum Essen.“
„Ich muß jetzt Schluss machen, sonst wird es zu teuer. Ich würde die Tür eintreten! Tschüss!“
Ich starre das Telefon an wie ein neugeborener Koalabär. Irgendetwas ist seltsam, sehr seltsam.
Arne
Ich habe mein gesamtes Zimmer nach Wanzen abgesucht. Die gesamten Möbel habe ich auseinandergenommen. Die Briefe von Tina durchsucht. Sie könnte ja auch eine von Denen sein. Die alten Stofftiere habe ich aufgerissen und das Innere nach Außen gestülpt. Meine Mutter habe ich auch im Verdacht. Sie könnte ja schon damals, als ich noch Baby war...
Ich habe dann tatsächlich etwas gefunden, das nach einer Wanze aussah. Hinter der Schrankwand. Es sah eigentlich aus wie das abgerissene Teil eines Kopfhörers. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Wanze ist, bin erleichtert, dass ich sie letztendlich doch noch gefunden habe und werfe sie auf die Straße. Jetzt wird Ruhe einkehren. Ich werde die Fenster mit Kartons verkleiden, damit sie mich nicht mehr beobachten können. Dann endlich werde ich frei sein, an meinem Konzept schreiben, wie ich die Welt vor diesem Übel, diesen schwarzgekleideten Scientologen retten kann.
...wenn meine Mutter bloß nicht ständig mit dem Essen nerven würde!
Tina
Seit gestern arbeite ich als Stripperin. Die hellbraunen Haare habe ich platinblond gefärbt. Wenn ich tanze, ist mein Schmollmund knallrot geschminkt und ich trage schwarze Netzstrümpfe zum spitzenbesetzten Panty. Ich habe gestern 300 Dollar Trinkgeld kassiert. Es wird doch! Und heute bin ich so richtig in Angriffslaune. Außer meinem gestrigen Outfit schmücke ich mich noch zusätzlich mit falschen langen dunklen Wimpern. Ich warte jetzt hinter dem Vorhang auf meinen Auftritt. Ich prüfe nochmal, ob meine Brüste auch gut sitzen. Das Mieder presst sie richtig nach oben, muß ein geiler Anblick für mein Publikum sein. Endlich hebt sich der Vorhang, die Musik und die Lichter gehen an. Ich stolziere mit hohen Hacken auf die Bühne. Zuerst zeige ich ihnen nur meinen Rücken. Sie johlen! Angefeuert durch ihre Rufe drehe ich mich langsam im Takt der Musik. Im Publikum sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und trinkt Champagner. Er prostet mir zu. Langsam, während ich mein Mieder ausziehe, gehe ich auf ihn zu. Er scheint zu sabbern und ich denke mir, das ist Daddy! Ich setze mich auf seinen Schoß und ziehe mir bedächtig die Strümpfe von den Beinen. Seine knochige alte mit Leberflecken übersäte Hand streicht über meine nackte weiße Haut und es kribbelt mir wie nie. Ist schon fast Leichenschändung, was ich hier betreibe. Der Kerl ist bestimmt an die 90 Jahre alt. Er drückt mir ein Glas Champagner in die Hand und wir prosten uns zu. Seine alten gelben Augen tränen. Gerührt drücke ich ihm einen Kuß auf die faltigen Wangen. Er schiebt mir eine 500-Dollar-Note zu. Jetzt aber wieder schnell ab auf die Bühne!
Claudia
Ich putze nun bei einem Künstler in Chinatown, um mein Gehalt aufzubessern. Schließlich will ich auch mal ins Palladium, um Andy Warhol oder einen anderen Star zu treffen. Ich bin nicht besonders gründlich, denn immer wieder fallen meine Blicke auf seine Gemälde im Comicstyle. Er sagte mir, er sei Illustrator beim NewYorker. Da kann ich nur meinen Hut ziehen. Im Moment habe ich noch nicht viel an Kunstwerken zusammengebracht wegen der Erdnüsse und der Flasche Wein am Abend. Irgendwie kann ich mich nicht so richtig konzentrieren. Ich könnte ja tagsüber arbeiten, aber da will ich New York erkunden. Was habe ich mir schon die Hacken auf der Fifth Avenue, der Lexington Avenue und am Rande des Central Parks abgelaufen? All diese schimmernden Läden mit den Markenklamotten und dazwischen die Penner mit ihren Einkaufswägen, die Plastiktüten zu sammeln scheinen. Wenn sie mir nach einem Penny hinterherschreien, versuche ich sie zu ignorieren. Ich bin ja selber nur eine kleine Null, die nichts zu geben hat.
Der Künstler in Chinatown meinte, ich sehe gut aus und ob ich nicht ein Portfolio für eine Modellkarriere zusammenstellen wolle. Ich guckte ihn an wie ein Kamel. Warum um himmelswillen Modell? Ich wollte Künstlerin werden. Schließlich willigte ich ein. Er würde sich um einen Fotografen und das Outfit bemühen. Welchen Weg würde mein Leben nehmen?
Arne
Mein Kopf wird oft so leicht, wenn ich an meinem Computer sitze und schreibe. Schreiben ist eine Droge wie Cocaine. Seit einigen Tagen wage ich mich wieder zum Essen heraus, da ich so Hunger hatte. Mein Verdauungskreislauf scheint viel schneller zu funktionieren als früher. Als ob ich von einer geheimen Brennstoffzelle angeschoben würde. Im Spiegel sehe ich aus wie ein Gespenst, da ich so viel abgenommen habe. Ich weiß, die Scientologen haben mir ein Chip implantiert, damit ich soviel abnehme. Sie wollen mich aushungern, bis ich eine Leiche bin. Ich habe schon meinen ganzen Körper nachts unter der Bettdecke nach dem Chip abgesucht. Als mein Penis eine Verhärtung zeigte, wußte ich, dort haben sie ihn plaziert. Aber ich traue mich nicht zum Arzt. Das wäre vielleicht eine Bloßstellung. Wenn jetzt mein Penis in Stellung geht, denke ich an irgendetwas Abtörnendes, wie zum Beispiel meine Mutter. Das zügelt den Appetit. Ich stelle sie mir dann immer vor, wie sie versoffen in einem abgewetzten Bademantel durch die Wohnung wankt und dann gibt sich das schon. Den Gedanken an Claudia schiebe ich immer weiter weg. Sie ist nicht von meiner Welt.
Tina
Nach dem Auftritt sitze ich in der kleinen Garderobe des Ladens beim Abschminken, als es plötzlich an der Türe klopft. Verwundert öffne ich und vor mir sitzt der alte Herr. Er grinst mit seinem glatten Schädel wie ein Neugeborenes. Kinder und Greise haben doch eine frappierende Ähnlichkeit. Er lädt mich ein, mit ihm in sein Haus zu kommen. Da er mir gefällt, stimme ich zu. Ich vertrete mir die Füße auf dem Parkplatz, während ich auf sein Auto warte. Mir fallen fast die Augen aus den Höhlen, als eine riesig lange schwarze Limousine mit Chauffeur vorfährt. Während der Fahrt trinken wir wieder Champagner. Er erzählt, daß er nach dem Tod seiner Frau keine Freude mehr am Leben hatte. Aber als er mich sah, wäre sein Herz seit langem mal wieder am Hüpfen gewesen. Ich streiche ihm über seinen kahlen Kopf und gebe ihm einen Kuß auf die Wange. Er nimmt meine Hand und streichelt sie. Während der ganzen Fahrt habe ich nicht auf die Umgebung geachtet, als die Limousine plötzlich ein gewaltiges Eisentor erreicht, das sich langsam automatisch öffnet. Wir fahren durch einen riesigen Park mit uralten hohen Bäumen, bis der Blick auf ein kleines Schloß freiliegt. Wie in einem alten SW-Film öffnet eine Bedienstete in einem gestärkten weißen Schürzchen. In welchem Roman bin ich gelandet? Sollte das das Glück sein, das ich mir immer erträumt hatte? Nachdem er mir alle Zimmer in seinem Schloß gezeigt hat, schenkt er uns in seiner Bibliothek einen Scotch ein. Ich trinke gierig, um meine Aufregung zu überspielen. An diesem Abend regnet es Scotch und je besoffener wir beide sind, desto freizügiger werden die Gespräche. Er spricht von meiner Brustvergrößerung und meiner anschließenden Karriere in Hochglanzmagazinen. Gegen Ende, als ich mich kaum mehr auf den Beinen halten kann, fährt er mit seinem Rollstuhl ganz aufgeregt hin und her. Und presst den Satz schließlich doch heraus. Er möchte mich mit einer Frau im Bett sehen und dabei zuschauen. Ich lache, knutsche ihn auf den Mund und sage: „Das wirst du alles noch haben, mein Schatz!“ Dass ich von dem Besitzer des Brathähnchengrills schwanger bin, verschweige ich in dem Moment.
Claudia
Alles steht bereit zum Fotoshooting. Ein Fotograf und ein Visagist haben sich beim Illustrator eingefunden. Zuerst schmiert mir der Visagist pfundweise Make-Up auf die Haut. Ich komme mir vor, als ob ich zwei Häute hätte. Am liebsten würde ich mir diese ganze Gekleistere sofort wieder runterwaschen! Als er fertig ist, erkenne ich mich kaum selber wieder. Das soll ich sein? Dieses Püppchen da? Der Illustrator bringt eine alte abgewetzte schwarze Lederjacke. Die soll ich anziehen ohne was darunter. Widerwillig ziehe ich mich aus und die Jacke an. Ich lehne auf eine Negerstatue gestützt vor einer Graffiti-Wand. So fotografiert er mich dann bestimmt hundertmal, während ich unter dem dick aufgetragenen Make-Up schwitze. Dann werden Portraiteinstellungen gemacht. Ich trage ein altes T-Shirt, das am Kragen absichtlich so zurechtgeschnitten wurde, dass die Fransen zu sehen sind. Ich heule fast. Ich will doch Künstlerin werden. Während des gesamten Shootings haben sich Illustrator, Fotograf und Visagist einen nach dem anderen hinter die Binde gegossen. Sie lallen schon fast und dann passiert das Unausweichliche. Sie fordern ihren Lohn. Sie schmeissen mich auf das Bett in der kleinen Loft und jeder kommt mal dran. Der Illustrator von hinten. Der Fotograf von vorne und der Visagist schiebt mir seinen Schwanz in den Mund, dass ich fast kotze. Danach entschuldigen sie sich und ich ziehe meinen nichtvorhandenen Schwanz ein. Geschändet laufe ich völlig verwirrt durch die blinkenden Straßen. Eine 18-jährige mit den ersten negativen Erfahrungen in ihrem Leben. Sie wollten Spass und sie haben mich nicht ernst genommen. Ich war das kleine Arschloch für sie. So muß ich das sehen. Bin außer Atem in der 42nd Street. Hier stehen die richtigen Nutten. Ich frage, ob ich mich heute zur Nutte gemacht habe. Ich denke an die zärtlichen unbeholfenen Umarmungen von Arne und habe richtig Sehnsucht. Wie lange halte ich es hier noch aus? Ich muß zurück zu Arne.
Arne
Ich habe mich in einer Wattewolke mit guter Musik eingehüllt, während meine Mutter besoffen durch die Wohnung krakeelt. Sie ist so ein Ekel. Ich kann sie nicht mehr anschauen. Morgens schon trinkt sie ihren fahlen Prosecco. Ungekühlt! Nachmittags ist sie nicht auszuhalten. Dann, wenn sie sich die Whisky-Flasche schnappt. Immer wieder torkelt sie dann in mein Zimmer und schreit, ich sei ein Nichtnutz, ein auf-der-Tasche-Lieger. Dabei hat sie in ihrem Leben doch auch nichts auf die Reihe gebracht. Wir leben von der Sozialhilfe. Und draussen steht die Scientology und will uns die Türen einrennen. Dass ich hier in meinem Zimmer endlich mal was Sinnvolles fabriziere, will sie nicht einsehen. Ich rede ja auch gar nicht mehr darüber, was ich mache. Ich tippe und tippe und glaube es wird richtig gut. Ich plane den großen Auftritt, mehr will ich nicht verraten.
Tina
Ich erwache mit einem Trümmerschädel neben dem alten Herr in seinem Schloßbett. Das Fenster ist offen und die Vögel veranstalten ein Hupkonzert, das im Moment nur noch nervt. Gib mir noch ein paar Stündchen Schlaf. Hab keinen Bock, so durch die Welt torkeln zu müssen! Zwischen uns liegen zwei geleerte Scotch-Flaschen. Das schlimmste ist, ich kann mich nicht erinnern, was wir im Bett des alten Herrn getrieben haben. Ich weiß nur noch, dass er versprochen hat, mich in New York zu heiraten. Soweit ich mich erinnere, habe ich „Ja“ gelallt. Ich frage mich, ob ich es ihm trotz seiner 90 Jahre noch besorgt habe. Und dann hüpfe ich im Geiste, obwohl der Kopf dröhnt. Ich wäre abgesichert für mein Leben, hätte alles Geld der Welt, denn er hat mir gestanden, er sei Milliardär. Das ist mein amerikanischer Traum und plötzlich bin ich hellwach. Ich setze mich aufrecht hin. Meine Brüste kugeln über die Bettdecke. Ich bin nackt. Anscheinend habe ich es ihm doch besorgt. Ich beuge mich zu ihm, spüre seinen alten, schlechten und alkoholisierten Atem. Er schnarcht und hat gelbe Zähne. Ob er wohl schon jemals was von Zahnreinigung gehört hat? Vielleicht hat er ja auch ein Gebiss, aber das wird doch nicht gelb. Ich schiebe all diese Gedanken weg, wiege mich in meiner Zukunft, die von nun an von Geld und Erotik geprägt sein wird. Geld macht ja auch erotisch. Ich setze mich auf ihn, schaukle ganz langsam, er erwacht aus seinem Dämmerzustand.
Claudia
Ich bin wie eine Irre durch ganz New York gerannt. Von Chinatown bis zur Upper East Side. Ich hätte mich in die U-Bahn setzen können, hatte aber keinen klaren Gedanken. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange dieser Spaziergang dauerte. Ich wollte nur eines: laufen, weglaufen. Ich torkelte gegen einen Penner und warf ihm den Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten um. Noch heute hallt sein empörtes Geschrei in meinem Hirn. Am liebsten hätte ich ihn für das, was mir angetan wurde, abgeknallt. Ich rannte in einen sehr gut aussehenden Herrn mit teuren, dunklen Anzug. Beim Aufprall fiel ihm der Hut vom Kopf. Ich habe ihn nicht aufgehoben, den Herrn keines Blickes mehr gewürdigt. Ich rannte. Gegen zehn Uhr abends war ich in meinem armseligen Zuhause. Die Eltern schauten mich betreten an. Ich hätte das Abendessen vorbereiten sollen. In dem Moment hatte ich aber nur einen Gedanken: die Dusche. In meinem Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch hatten sie dann das Wort Shower doch irgendwann verstanden. Und dann stand ich endlich darunter, um mir die ganze Scham abzuwaschen. Eine geschlagene Stunde rauschte das Wasser auf mich nieder und es war immer noch nicht genug. Wem konnte ich das, was mir passiert war, erzählen? Mein ganzes Leben würde ich schweigen wie ein Grab. Trotzdem, echt komisch, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.
Arne
Heute morgen, als noch alles dunkel war, habe ich hinter die Kartons auf die Straße geschaut. Sie stehen da immer noch mit ihren Handys und unterhalten sich über mich. Ich war knapp davor, etwas auf die Straße zu schreien. Stattdessen habe ich den Computer angemacht und beschrieben, was die da unten machen. Mehrere gutgekleidete Herren tauschten da Kleinigkeiten aus. Ich bin mir sicher, es handelt sich um Informationen für einen neuen Chip, der implantiert werden soll. Wahrscheinlich in mich. Aber an mich kommen sie nicht mehr ran. Gerade als ich den letzten Absatz tippte, ein Riesenbumms nebenan. Wahrscheinlich sind sie in die Wohnung eingedrungen. Ich werde jetzt ein Weilchen nicht mehr aus meinem Zimmer gehen. In Panik, sie könnten kommen, habe ich den Schrank vor die Tür gerückt, habe mich mit Nahrungsmitteln eingedeckt. Eine Weile kann ich hier überleben.
Claudia
Es hat mich zwei Wochen gekostet, um wieder einigermaßen auf die Beinen zu kommen. Die Putzstelle habe ich endgültig gestrichen. Eine Freundin hat mich heute abend ins Palladium eingeladen. In der Schlange stehend sehe ich, wie ein Weißhäuptiger der Laden verläßt. Meine Freundin flüstert mir ehrfurchtsvoll zu: Das war Andy Warhol. Ich recke nochmal den Kopf, sehe aber nur mehr seine Gestalt davonreiten. Bin wohl immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Dementsprechend mies gelaunt betrete ich dann auch den Laden. Was ist schon ein Abend ohne Andy? Zuerst schaue ich mir die Toiletten an. Dort kleben tausende bunte Comicgestalten. Ich komme mir wie in einem Film vor. Ich will auch einmal solche Comics gestalten.
Meine Freundin ist wie vom Erdboden verschwunden. Irgendwie suche ich sie auch nicht richtig, schleiche nur fast glücklich von Floor zu Floor. 10mal die Lichter auf der Treppe begutachten, dann irgendwo stehen bleiben, um einen kurzen Blick auf die Highsociety von New York zu erhaschen. Glaube einmal fast, den gutaussehenden Herrn zu sehen, in den ich an dem Chaos-Abend gerannt bin. Ich drehe mich aber schnell weg und verdränge den Gedanken: es gibt so viele, die ihm gleichschauen. Er ist austauschbar wie ein kleines Streichholz.
Später stehe ich an der Bar und immer wieder fixiert mich so eine mollige Blondine. Ich starre auf ihre ausladende Brust. Komische Mama-Gedanken kommen mir dabei. Am liebsten würde ich ausreissen, aber seltsamerweise bleibe ich und beginne mit ihr zu flirten. Obwohl sie grässliches Zeug in einem schrecklichen Mid-West-Slang lallt, fühle ich mich gut bei ihr. Wahrscheinlich hängt das mit meinem schrecklichen Erlebnis zusammen. Bei einer Frau kann mir nichts passieren. Sie kann mich nicht penetrieren. Sie beginnt immer wilder, mit mir zu flirten. Gesteht, daß sie im vierten Monat von einem Typ schwanger ist, den sie gar nicht will. Erzählt wirres Zeug von einem alten Schloß, in das sie mich mitnehmen will. Sie hat mir schon drei Drinks bezahlt und da denke ich, warum nicht. Warum es nicht mal mit einer Frau versuchen?
Arne
Nach zwei Wochen riecht mein Zimmer nach Scheiße und Urin. Ich halte den Gestank nicht mehr aus. Es gibt nur eins, raus hier. Das Pamphlet ist fertig und ich kann jetzt endlich nach Bonn fahren. Ich schiebe den Schrank von der Türe weg. Als ich die Klinke runterdrücke, kommt mir ein noch üblerer Geruch entgegen. Es stinkt nach Aas. Vorsichtig tappe ich in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich habe mich bislang nicht gewundert, dass sie nicht mehr an meiner Tür gerüttelt hat. Und jetzt liegt Ihr Kopf in einer Blutlache. Ich verstehe plötzlich, denke sofort an einen Übergriff der Scientology. Darum der Lärm an dem Morgen vor zwei Wochen. Sie sind hier eingedrungen und haben meine Mutter überwältigt. In dem Moment ist meine Mutter eine Heldin. Sie hat ihren Kopf für mich hingehalten. Ich gehe zu ihr. Im Todeskrampf hält sie noch eine Schnapsflasche in der Hand. Ich hebe ihren Kopf. Eine Made kriecht aus ihrem Mund. Liebevoll wische ich ihr das eklige Tier ab. Doch dann stehe ich in Panik auf. Ich weiß, jetzt muß ich endgültig weg hier. Meine Stunden sind gezählt.
Tina
Ich habe eine Frau im Palladium für die Hochzeitsnacht aufgegabelt. Der alte Herr hat sich schließlich nichts sehnlicher gewünscht, als zuzusehen, wie ich mit einer Frau Sex habe. Sie schläft jetzt vollgepumpt mit Drinks, die ich ihr bezahlt habe, an meine Schulter gelehnt, während wir mit dem Taxi in Richtung Schlößchen fahren. Sie sieht aus wie ein Fotomodell, trotz ihrer Protest-Kleidung. Ein rasant strohblonder Kurzhaarschnitt und eine verratzte schwarze Motorradjacke krönen ihr Aussehen. Ich bin gespannt, was der alte Herr sagt, wenn ich mit ihr einlaufe.
Als wir ankommen, versuche ich sie wachzurütteln. Mit leicht schaukelndem Kopf wird sie schließlich munter. Ich helfe ihr aus dem Taxi. Sie scheint einen Zentner zu wiegen, als ich sie auf meinen roten Stöckelschuhen wackelnd, zu stützen versuche. Ständig lallt sie: Ich bin müde, will nach Hause. Aber ich schleppe sie ins Haus und langsam gehen wir die ausladende Treppe nach oben Richtung Schlafzimmer. Ich habe dem alten Herr gesagt, daß ich ihm ein Zeichen geben werde, wenn wir mittendrin sind, damit sich mein Opfer nicht gleich schon am Anfang davonstiehlt. Der Plan ist, dass ich dreimal mit einer leeren Flasche auf den Boden haue. Ich lege sie ins Bett und beginne sie auszuziehen. Sie ist willenlos wie ein toter Fisch. In dem Zustand könnte ich wahrscheinlich alles mit ihr anstellen. Als sie nichts mehr auf dem Leib hat, beginne ich, ihre Scham zu lecken. Sie stöhnt leicht und windet ihren Kopf hin und her. Kurz blitzt die Zunge durch ihre Lippen. Ich arbeite mich mit Küssen über ihre Brust zu ihren Lippen vor und schließe ihren großen Mund mit einem langen schweren Kuss. Langsam beginne ich, mich selbst auszuziehen und als ich nackt bin, schlage ich mit der leeren Gin-Tonic-Flasche dreimal auf den Boden.
Arne
Ich sitze im Zug und kontrolliere ständig, ob ich das Geld, das ich unter dem Bett im Schlafzimmer meiner Mutter gefunden habe, noch bei mir trage. Auf dem Bahnhof bin ich auf das nach Pisse stinkende Klo gegangen und habe es gezählt. Es sind ungefähr 60.000 DM. Ein Stricher wollte Heroin von mir. Achselzuckend schaute ich zu, wie er mir seine durchstochenen Arme zeigte. Ich hatte kein Heroin. Ich hätte ihm meinen Kopf schenken können - der ist voll mit Heroin.
Ich frage mich jetzt, wie sie soviel Geld als Sozialhilfeempfängerin sparen konnte. Und warum haben die Scientologen nicht nach dem Geld gesucht? Ständig denke ich an das vertrocknete Blut, in dem meine Mutter lag. Die Made versuche ich zu verdrängen, aber es gelingt mir nicht so recht. Wenn ich meine Augen im Geratter des Zuges schliesse, kriechen Riesenmaden über meinen Körper und versuchen, mich zu fressen. Ich hatte vor, das Pamphlet nocheinmal während der Zugfahrt durchzugehen, keine Chance. Habe Riesenmaden im Kopf.
Claudia
Ich will meine Augen nicht öffnen. Alles dreht sich. Über mir ein Leib, der mich zu verschlingen droht. Ich bin gefangen in einer klebrigen Venusfliegenfalle, die gleich zuschnappen und mich verdauen wird. Was wird mit meinem Körper, der zu Saft wird? Ich will schreien, doch da verschließt mir eine Zunge den Mund. Energisch drehe ich den Kopf weg, öffne die Augen und starre in das Objektiv einer Kamera. Dicke Finger halten mir die Augen zu und ich verharre in dieser Stellung, wehre mich nicht mehr. Meine Brüste werden geknetet, meine Vagina wird gespreizt und ich spüre etwas in meiner Höhle. Minutenlanges Auf und Ab bis es mir kommt und ich einen kleinen spitzen Schrei ausstoße. Plötzlich wach, wälze ich den dicken Körper von mir und setze mich auf. Ein alter Mann im Rollstuhl hält die Kamera. Entsetzt schaue ich ihn an. Was will er? Dieser alte geile Sack? Panisch suche ich nach meiner Kleidung. Ziehe mich hastig an und gehe auf den Alten zu. Energisch reisse ich ihm die Videokamera aus der Hand, hau ihm eine runter - noch ein letzter Blick auf das Zimmer, das zerwühlte Bett, die hübsche ausladende Blondine. Dann bin ich auch schon draußen und suche meinen Weg aus diesem Labyrinth von Schloß. Vor der Tür lache ich hysterisch in mich hinein. Das eben konnte doch nicht wahr sein! Was für eine perverse Gesellschaft. Im selben Moment beschließe ich, abzureisen, zurück nach Europa, Deutschland, zurück zu Arne. Die Videokamera mit der Kassette werde ich mitnehmen als Souvenir.
Arne
Ich stehe vor dem Bundestag mit meinen Blättern in der Hand. Es stürmt und sie rascheln ganz aufgeregt. Meine Handgelenke schmerzen, als ob ich etwas verloren hätte. Wahrscheinlich mein Hirn an eine fremde Gottheit. Ein Krankenwagen mit schallendem Martinshorn fährt vorüber. Suchen sie mich? Bin ich denn nicht wichtig? Ich halte das ganze System in meinen Händen. Ich habe mit beiden Seiten verhandelt, dem KGB und der CIA. Ich bin die Verbindung, der Schlüssel und das, was ich in den Händen halte, ist wertvoller als alles Vermögen dieser Welt. Noch in Gedanken gehe ich die Treppe hoch. Niemand hält mich auf, ich komme ungehindert bis zum Sitzungssaal. Langsam öffne ich die Türe und da sitzen sie, die Abgeordneten. Ich könnte auf sie runterspucken wie im Amphietheater die Römer - Brot und Spiele. Jemand, den ich nicht kenne, hält gerade eine langweilige Rede. Ich beuge mich über das Geländer und versuche, in ihre Gesichter zu schauen. Ich bin doch wichtig. Ich drehe hier am Rad. Ich bin der, den ihr immer gesucht habt. Und plötzlich wenden sich mir alle Gesichter zu. Ich bin der Mittelpunkt. Ja! Und dann regnet es plötzlich Blätter. Wie kleine Leichname segeln meine dicht beschriebenen Blätter auf die Köpfe der Abgeordneten, schließen sie weg, unter eine Decke - wie Schnee.
Tina
Nachdem dieses kleine freche Biest mit der Videokamera abgehauen ist, schauen wir uns befremdet an. Was nun? Die Hochzeitsnacht vermasselt, das Video mit der Erinnerung geklaut. Plötzlich fängt mein frischgebackener Ehemann an, etwas blöde zu kichern. Zuerst starre ich ihn an wie einen Geist, dann stimme ich mit ein, bis mein Kichern in einem lauthalsen Lachen endet. Ich setze mich auf seinen Schoß und küße sein nach Schnaps stinkendes altes Maul. Ich massiere ihm das Glied, überlege mir, ob er wohl noch die Geburt des Bastards erleben wird, ob ich ihm gestehen soll, daß ich vom Brathähnchengrillbesitzer schwanger bin. Aufeinmal kriege ich Hunger auf so ein richtig fettiges Brathähnchen und während ich so an seinem Teil lutsche, könnte ich glatt hineinbeissen. Sein Ding ist labberig wie ein gekochter Spargel. Er hat zu viel gesoffen. Also lasse ich von ihm ab, stelle mich vor den Spiegel, massiere meine Brüste und stecke mir dann die Hand unten rein, bis ich komme. Mein Schrei schreckt ihn von seinem Nickerchen auf. Beleidigt, daß er mir nicht zugeschaut hat, gehe ich in den Küchentrakt und suche nach Brathähnchen.
(ende teil 1 - sonst wirds zu lang für die post)
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
Re: über hühnchen
(teil 2 kommt glei im anschluss)
Claudia
Zurück in Deutschland ist mein erster Gang zu Arne. Leider finde ich ihn nicht in seiner Wohnung auf. Seine Mutter öffnet mir. Leicht erschreckt nehme ich etwas Abstand. Ich sehe sie zum ersten Mal. Sie trägt nachmittags um Zwei einen geblümten Morgenrock, hat Lockenwickler im Haar und ihr aufgedunsenes Gesicht ähnelt eine Qualle. Als ich näher trete, rieche ich ihre Schnapsfahne. Sie bittet mich trotz ihres seltsamen Aufzugs hinein. Die Wohnung ist ein einziges Chaos, überall leere Flaschen, der Dreck steht auf den Böden und der Müll liegt auf einem Haufen in einer Ecke der Küche - genauso stinkt es auch. Nach verwesten Essensresten, Alkohol und Zigaretten. Ich frage mich, ob gleich mal Ratten aus den Löchern kriechen und sich Maden und Ameisen die Wohnung teilen. Fast verärgert über meine Verwunderung, dass sie sich nicht schämt, würde ich ihr am liebsten die Lockenwickler aus den Haaren reissen.
„Wo ist Arne?“ fahre ich sie mit einer gewissen Abscheu agressiv an.
„Er ist mit meinem Geld abgehauen. Keine Ahnung.“ lallt sie
„Kann ich sein Zimmer sehen?“
„Ja, warum nicht, kommen Sie.“
Während sie im Türrahmen steht, schaue ich mich in Arnes Zimmer um. Es scheint in dem Zustand zu sein, in dem er es verlassen hat. Die Fenster sind mit Kartons verklebt, alle Schubladen aufgerissen und ihr Inhalt auf dem Boden verteilt. In einer Ecke finde ich verschimmelte Essensreste. Im ganzen Raum stinkt es nach Scheisse und Urin. Er muß sich nicht mehr nach draußen aufs Klo getraut haben, hatte sein Geschäft in einen Eimer erledigt. Der PC ist noch an. Ich setze mich trotz des Gestanks hin und beginne, das geöffnete Dokument zu lesen. Ich ärgere mich über den Anfang und scrolle zum Ende. Dort steht: Bestimmungsort Bonn.
Arne
Mann war das toll, eh Mann. Ich wurde mit einer Polizeieskorte abgeführt und die hat mich in einen Hochsicherheitstrakt geschafft. Sie wollten mich in Sicherheit wissen - haben sie zumindest gesagt. Ist ja auch kein Pappenstiel, als Geheimagent zu operieren. Ich frage mich nur, wie ich von hier aus weiter agieren soll. Ist ja alles vergittert und ich kann nicht raus. Alles Sicherheitstüren und richtig viel Stacheldraht, da wo mal Fenster waren. Moment mal, nee Fenster gibt es hier gar nicht. Ist eher so wie in einem Tunnel. Unter der Erde. Die Leute hier sind echt abgespaced, laufen im Kreis und geben grunzende Geräusche von sich. Manche schreien und mehrmals habe ich schon mitgeschrien. Also, ein Schönheitssalon ist ein Scheissdreck dagegen. Habe schon angefangen, mir Löcher in die Jeans zu schneiden, damit ich aussehe wie die. Irgendwie will ich auch dazugehören, aber ich habe das Gefühl, die akzeptieren mich nicht so recht. Ich bin mir totsicher, das sind alles kaltgestellte Geheimagenten.
Tina
Seit letzter Woche bin ich auf der Titelseite von einem der bekanntesten Sexmagazine der USA mit nackten Brüsten zu sehen. Mein Gott, was bin ich stolz, meine prallen Dinger, an jedem Kiosk, an dem ich vorbeilaufe. Der alte Herr hat mir den Job vermittelt und ich war ihm so dankbar, daß ich ihm letzte Nacht gestand, dass ich schwanger bin. Er hat nur seinen Schildkrötenhals hin- und hergedreht und dann mit dem Kopf genickt. Gesagt hat er nichts. Es war, als ob er mir einen Freibrief gegeben hätte, mit anderen Männern zu vögeln. Natürlich bin ich auch gleich mit dem Fotografen im Bett gelandet. Wie wild ist er auf meinem schwangeren Bauch herumgerobbt. Er weiß ja nicht, daß ich schwanger bin. Komischerweise hatte ich nach dem Sex keinen Abgang. Das fischige kleine Brathähnchen-Ding scheint sich in mir festzukrallen. Ich bin jetzt im fünften Monat und kann es kaum erwarten bis es herausrobbt, damit ich es beim ersten Ton, den es von sich gibt, gleich strangulieren kann. Schließlich will ich weiter in Hochglanzmagazinen Karriere machen. Ein Säugling wäre da meinem Erfolg nur abträglich.
Claudia
Ich habe mir in Bonn auf der Such nach Arne die Füße wund gelaufen. Zuerst war ich bei der Polizei. Fünf Stunden habe ich mich dort mit dem Beamten unterhalten. Er hatte nichts, keinen einzigen Eintrag wegen Straffälligkeit im Computer gefunden. In einer billigen Pension ging ich dann pennen. Nachts im Zimmer bin ich vom Ticken der Heizung immer wieder aufgewacht. Es war so, als ob mein letztes Stündlein tickte. Völlig gerädert klapperte ich am nächsten Tag die Krankenhäuser in Bonn ab. Nichts. Niemand hatte etwas von Arne gehört oder gesehen. Nach dem letzten Krankenhausbesuch verspürte ich so eine Wut auf Arnes Mutter, dass ich am liebsten in unseren Heimatort zurückgefahren wäre, um dort ihr Haus anzuzünden. Stattdessen ging ich nochmal in die Pension. Ich habe mir da eine Flasche Wein reingekippt. Geschlafen habe ich bis exakt halb sechs und bin vom Ticken aufgewacht. Nichts hielt mich mehr im Bett. Ich mußte eine Großfahndung einleiten. Während ich durch die Stadt lief, überlegte ich mir: „Wo könnte ein Irrer sein?“ Plötzlich blieb ich wie angewurzelt vor einem Kiosk stehen: „Im Bundestag regnete es einen Roman.“ Ich kaufte mir die Bildzeitung und setzte mich in ein Café. Ich schaute immer wieder das Bild an. War das Arne oder nicht? Er trug einen roten Bart. Als wir zusammen waren, war er immer frisch rasiert. Und warum war sein Bart rot, seine Haare hingegen blond? Könnte etwas mit der Verwahrlosung daheim zu tun haben, dass er sich plötzlich nicht mehr rasierte. Ich stand auf und schnappte mir eine Straßenbahn. Ich war ihm auf der Fährte.
Ich stehe jetzt vor einem Maschendrahtzaun und muß an das RAF-Gefängnis in Stammheim denken. Vor mir ein Glashäuschen, darin ein bunt geschminkter Mann, dem ich in die Augen schaue. Zuerst denke ich: Transvestit, und dann: egal - da musst du jetzt durch.
„Ich will zu Arne Feige.“
„Station 5b2“ höre ich nach kurzem Suchen seine betont kehlige Stimme.
„Aber Sie müssen sich ausweisen. Sind Sie eine Angehörige?“
Ich zeige brav meinen Ausweis.
„Ja, die Kusine.“ Er lässt mich durch.
Mein Herz hüpft. Artig wie ich bin, bedanke ich mich und laufe durch einen verwahrlosten Park. Männer in Bademänteln mit Gilbfingern ziehen gierig an ihren Zigaretten. Frauen mit aufgelösten Frisuren irren schreiend ziellos über das Gelände. Ich komme mir vor wie in einem vor Millionen Jahren verlassenen Paradiesgarten, der vor noch nicht langer Zeit mit Figuren aus der Hölle bestückt wurde. Ich tue so, als ob nichts wäre und laufe hastig weiter. Drehe mich auch nicht um. „Nein, ich will das jetzt nicht sehen.“
Auf der Station finde ich Arne vor einem alten, schiefen, kleinen, kaputten Tischkicker. Immer wieder wirft er den Ball ins Feld. Aber der fällt nach zweimal Kurbeln wieder auf den Balkon, da der Kasten nur auf drei Beinen steht. Arne macht komische Bewegungen, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
Ich rufe: „Arne! Erkennst du mich?“
Darauf er mit lahmer Zunge, als ob er eine Flasche Schnaps gesoffen hätte: „Was willst du denn hier? Zieh Leine! Das ist kein Spass hier.“
Tina
Ich liege schweißgebadet im Bett einer Klinik für Gebärende. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen, weil ich derart Herzklopfen habe. Nach zwölf Stunden Wehen kam das Fischlein zur Welt. Es ist ein Junge mit einem echten Pimmel. Kein Gedanke mehr vonwegen in einem Blumentopf verscharren oder in der Gefriertruhe verstecken. Er ist einfach süss, wenn er wie ein Vampirchen an meinem Turbobusen herumnuckelt. Ich habe so viel Milch, daß ich gleich einen ganzen Liter abpumpen musste. Ich könnte Drillinge oder Vierlinge ernähren. Was bin ich stolz!
Der alte Herr hat mich in der Klinik besucht und hat geguckt wie ein greises Großväterchen, als er den Kleinen gesehen hat. Er war auch ganz hin und weg.
Nur jetzt liege ich hier und kann vor lauter Aufregung nicht schlafen. An Sex ist hier im Krankenhaus ja nicht zu denken. Ich hätte so einen im weißen Kittel überfallen können, aber die gucken ja immer so arrogant, als ob sie Gott persönlich wären. Ich glaube, ich mache es mir jetzt selber. Vielleicht finde ich ja dann etwas Schlaf.
Claudia
Ich stehe mit Arne auf dem Balkon des Raucherzimmers. Immer wieder klopft er auf das Eisenrohr. Er raucht wie ein Schlot. Eine nach der anderen. Er hat vorher nie geraucht. Wir schweigen uns an. Aber es ist kein gemeinsames Schweigen. Eher so, als ob jeder vor einem Abgrund tiefer Einsamkeit steht. Am liebsten würde ich zu ihm gehen, ihn halten, ihn umarmen, aber er kehrt mir den Rücken zu. Ich muß an ein Gürteltier denken. So eines mit einem Eisenpanzer, so dick, dass man nicht rankommt. Als ich ihn anspreche, antwortet er nur mittels Klopfen auf dem Rohr. Er hat vorher erwähnt, er tue das, um die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langsam spüre ich, wie mir das Wasser in den Augen zusammenläuft und dann kullern sie, die Tränen. Ich fasse ihn am Arm und reisse ihn herum, damit er mich anschaut. Aber er sieht die Tränen nicht. Sein Blick geht ins Leere.
„Arne, was haben sie mit dir gemacht? Das ist kein Ort für dich.“
Lange antwortet er nicht. Und ich weiß nicht, ob er meine Tränen sieht.
Schließlich presst er lallend heraus:
„Ich muß hier sein. Draussen bin ich nicht sicher. Sie suchen nach mir.“
„Aber wer, wer sucht nach dir?“
„Der KGB, die CIA und die Scientology.“
Ich schaue ihn schief an. Vor Schreck sind mir die Tränen versiegt. Wie soll man mit so einer Antwort umgehen? Ich drehe mich um und gehe in das Raucherzimmer. Dort sitzen mehrere Patienten, die sich mit gedrehten Zigaretten blöde rauchen. Plötzlich steht einer auf und ruft:
„Alle wurden abgemetzelt! Meine gesamte Familie!“
Die Augen sind weiß, in Panik, weit aufgerissen.
Ich gehe hinaus und sammle mich. Ich will einen Arzt sprechen. Das kann kein Mensch aushalten. Das ist schlimmer als die Vergewaltigung, die mir widerfahren ist und schlimmer als das Erlebnis mit der Sexblondine.
Tina
Ich war eine Woche daheim mit dem Fischchen. Habe ihm das Näbelchen zusammen mit der Hebamme versorgt. Habe es gebadet. Bin nachts aufgestanden, wenn es geschrien hat. Tagsüber hat es zufrieden genuckelt. Manchmal dachte ich, soviel Milch kann keine Frau haben. Es muß meine Bestimmung sein, Kinder zu haben. Wenn sich das Fischchen mit meiner Milch anspritzte, habe ich gelacht. Und Fischchen verzog Mündchen und ich dachte, es lacht auch.
Komisch, aber dann ist der alte Herr an einem kalten Dienstag einfach so abgenippelt. Plötzlich spürte ich, wie es kalt im Schlößchen wurde. Ich fühlte mich nicht mehr als Mama. Ich fühlte gar nichts mehr. Ich übergab das Fischchen einer Amme und starrte nur noch aus dem Fenster auf den Baum, der wie verdorrt aussah, weil er keine Blüten trug. Ich hatte nur noch ein Bild vor den Augen. Wie er eines Morgens erkaltet neben mir im Bett lag und keinen Laut mehr von sich gab. Wie ein Fisch, der mit dem Bauch nach oben in einem radioaktiv verseuchten Gewässer schwimmt. In einem Palast, der nur die Blütezeit kannte kannte, war mir meine Milch eingefroren.
Als der alte Herr der Erde übergeben wurde, erwachte ich wieder. Meine Bestimmung war es nun, für das Erbe zu kämpfen und weitere Sexmagazine zu ködern. Das Fischchen hatte ich weit von mir geschoben. Es war gut aufgehoben bei seiner Amme. Hin und wieder liess ich es mir bringen. Starrte es an und dachte dann: Hinweg, was willst du von mir? Ich bin die Tina, die mit ihren Titten auf der Titelseite des Playboymagazins für Furore gesorgt hat. Weg!
Claudia
Dieser weiße Kittel. Unbeholfen. Jung und unerfahren. Sowas schimpft sich Psychiater! Immer wieder mußte ich seine Augen hinter den starken Brillengläsern suchen.
„Wir haben ihm Haldol verschrieben. Sie können froh sein, vor ein paar Jahrzehnten gab es noch gar nichts gegen diese Krankheit. Das Mittel ist stark, mit entsetzlichen Nebenwirkungen, aber es hilft, die Symptome zu bekämpfen.“
„Aber was ist denn so schlimm, was hat Arne?“
Er räuspert sich, rückt seine irritierenden Brillengläser zurecht.
„Eine Psychose. Früher war die Krankheit unheilbar. Wir sortieren das in die Schizophrenie ein.“
Ich rutsche verzweifelt auf dem Stuhl hin und her.
„Was bedeutet das, Schizophrenie?“
„Wahrnehmungsverlust, Paranoia, Stimmen hören. Mehr wissen wir im Moment noch nicht.“
In dem Moment beschließe ich, mir darüber Literatur zu besorgen.
„War er tatsächlich im Bundestag und hat seinen Roman regnen lassen?“
Meine Hände verkrampfen sich ineinander.
„Ja, tatsächlich, das sind typische Merkmale, auch dieser Größenwahn. Er hält sich für ein Genie, einen Agenten, vielleicht auch für Napoleon oder sonst eine Größe. Wir wissen noch nicht viel auf dem Gebiet. Aber es gibt Anzeichen und Sie sollten ihn für eine Weile hier zur Beobachtung lassen.“
Als ich vom Stuhl aufstehen will, ist es so, als ob alles Polyester dieser Welt an mir kleben würde, mein Rock ist wie elektrisch aufgeladen. Ich setze mich nochmal.
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Nein, nein, das wird schon. Ist irgendetwas mit dem Stuhl?“
Im selben Moment denke ich: Wie doof, vielleicht behält er mich jetzt gleich auch noch hier?
„Nicht gerade die neueste Möblierung hier. Wir haben kein Geld.“
Ich lache nervös. Dann schaffe ich es doch noch aufzustehen, gebe ihm die Hand, danke für das Gespräch und fliehe durch all die abgehobenen Gestalten nach draussen. Ich drehe mich nochmal um und meine, Arne auf dem Balkon stehen zu sehen. Ich winke ihm flüchtig, weiß nicht, ob ich ihn nocheinmal sehen will. Mir ist das zuviel. Ich nicke dem Transvestiten zu. Endlich draussen laufe ich in den nächsten Kiosk. Dort sticht mir das Titelbild von Tina in die Augen. Wie gestört bin ich eigentlich? Ich kaufe mir die Zeitschrift und renne bis zu meinem Elternhaus. Fühle mich noch immer kein bißchen besser. In meinem Zimmer lege ich die Zeitschrift auf das Nachtkästchen und hoffe, endlich mal schlafen zu können.
Tina
Seit zwei Jahren geht es mit meiner Karriere steil aufwärts. Ich bin in der Zwischenzeit eines der meist gebuchten Models in den USA. Vor zwei Monaten habe ich mir meine Brust noch weiter vergrössern lassen. Wenn ich jetzt noch das Erbe meines verstorbenen Mannes antreten kann, bin ich die reichste Frau der USA.
Das Kind wird immer mehr zu einem nervigen Anhängsel. Ich habe beschlossen, es nur noch in Obhut der Kinderfrau zu lassen. Am Wochenende nehme ich es für ein zwei Stunden zu mir, aber selbst das ist mir schon zuviel.
Claudia
Ich habe ein Kunststudium begonnen, trotz der Warnungen meiner Eltern, es bringe kein Geld. Sie bezahlen mir auch nichts, da sie das nicht auch noch unterstützen wollen. Deshalb fahre ich nachts Taxi. Arne habe ich seit meinem letzten Besuch nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, ob er noch bei den Irren ist. Seit ein paar Monaten habe ich eine neue Beziehung. Mit meinem Prof für Malerei. Er ist verheiratet. Seit letzter Woche ist meine Periode überfällig. Ich habe heute einen Test aus der Apotheke geholt. Wenn es nach dem Test geht, bin ich schwanger.
Arne
Vor einem Jahr wurde ich auf wackligen Beinen, vollgestopft mit Medikamenten aus der Psychiatrie entlassen. Ich hause jetzt wieder in meinem alten Zimmer bei meiner Mutter. Ich habe ihr das Geld zurückgegeben und sie war ganz glücklich. Sie hat es wieder irgendwo versteckt. Diesmal weiß ich nicht, wo.
An Arbeit oder Studium ist im Moment nicht zu denken, da ich mich wegen der Medikamente schlecht konzentrieren kann. Ich habe mir schon oft überlegt, sie einfach ins Klo zu spülen. Die Psychose war soviel schillernder, blühender als diese Leere, die mich in meiner jetzigen Welt ständig im Schatten stehen lässt. Oft weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Als ob zwei Parteien an meinen Händen Tauziehen üben würden. Und wenn ich für einen Spaziergang rausgehe, springt mich das Grün des Rasens wie eine Dogge an. Bin ich auf meinem Zimmer, sitze ich herum und denke mir Abwärtsspiralen bis in den Abgrund. Werde ich denn ewig zur Untätigkeit mit schlechten Gedanken verdammt sein? Es muß ein Ende geben. Gestern habe ich mir ein Buch gekauft: Es heißt „Anleitung zum Selbstmord“.
20 Jahre später
Tina
Ich habe gerade eine Tochter geboren. Den Vater kann ich leider nicht bestimmen, da ich in letzter Zeit mit so vielen Männern geschlafen habe. All die Jahre zuvor - ein einziger Rausch mit Drogen, Parties, Frauen, Männern... was für ein Leben liegt hinter mir! Aber ab sofort - ich habe es so beschlossen - fängt das Leben für meine Tochter an.
Sie schläft jetzt gerade im kleinen Glassarg neben meinem Bett. Glassarg habe ich es genannt, da man darin die Kleine von allen Seiten anschauen und beobachten kann, damit ihr nichts passiert. Gegenüber sitzt mein 20-jähriger Sohn. Er sieht gar nicht gut aus, seit er von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht verkraftet er es nicht, daß ich nochmal ein Kind geboren habe.
„Ist was, Junge?“
Er lallt, man sieht nur das Weiß in den Augen. Verstehen kann ich nichts.
Und plötzlich kippt er seitlich weg. Fällt einfach so vom Stuhl.
Ruhig stehe ich auf. Das ist bestimmt nur Show. Er will Aufmerksamkeit.
Aber er atmet nicht mehr.
Ich renne aus dem Zimmer, schreie wie gestört:
„Ich brauche einen Arzt, schnell einen Arzt!“
Claudia
Ich sitze neben Arne am Strand in Südfrankreich und bekomme plötzlich komische Gedanken. Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren und schaue aufs weite Meer. Überkommt mich wieder die Sehnsucht? Aber nach was? Ich habe alles. Zwei nette kleine Kinder, die eben gerade eine Wasserschlacht veranstalten. Einen wunderbaren sensiblen Menschen zum Ehemann, der zwar hin und wieder ausflippt, aber gerade das gibt dem Leben von uns beiden den Kick. Ich wollte nie mit einem alten spiessigen Langweiler verheiratet sein. Wir haben wenig Geld, sind aber mit dem, was wir uns erarbeitet haben, glücklich. Unser Brot sind unsere Kinder.
Seit 10 Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Die besten Jahre meines Lebens habe ich an den verheirateten Prof verschwendet. Das Kind habe ich abtreiben lassen. Ich war immer nur seine Geliebte. Seiner Frau hat er nie etwas über unsere Beziehung gesagt. Ich war seine Frau auf Abruf. Wenn er Zeit hatte, war ich für ihn da. Wenn er keine Zeit hatte, welche Schmach. Aber ich konnte nicht von ihm lassen. Ich war sein Spielzeug, seine Gummipuppe. Wenn ich alles so Revue passieren lasse, hat er mich wie den letzten Dreck behandelt, mich ewig hingehalt und mir dumme Versprechungen gemacht. Als Künstlerin hat er mich auch blockiert. Er hat immer gelacht über Frauen, die Kunst machen. Er hat mich sogar soweit gebracht, daß ich fünf Jahre lang gar nichts produziert habe, stattdessen nur Taxi gefahren bin.
Ich erinnere mich noch an den Moment, als mir plötzlich ein anderer Mann begegnet ist. Ich habe ihn gar nicht erkannt, so gut sah er aus. Es war in meinem Café ums Eck, wo ich auf den dummen Prof wartete, der mich schon wieder mal versetzt hatte. Er saß am Nebentisch und war in ein Buch vertieft. Ich mußte immer wieder zu ihm hinüberschauen. Die halblangen Haare mit silbernen feinen Fäden durchsponnen, so gedankenverloren, fast wie ein trotteliger Künstler. Immer wieder versuchte ich einen Blick auf den Titel des Buchs zu erhaschen, aber es gelang mir nicht. Schließlich zündete er sich ein Zigarillo an, schaute auf und fand meinen starr auf ihn gerichteten Blick. Ich versank in dieses Augenmeer und aufeinmal erkannte ich ihn. Es war Arne. Meine Augen sprachen - seine auch. Er erkannte mich.
„Was liest du?“
„Nietzsche.“
„Und was machst du jetzt?“
„Bin gerade fertig mit meinem Philosophiestudium. Man hat mir eine Stelle an der Uni angeboten.“
Tina
Ich könnte Amok laufen. Er ist tot, tot, tot. Das ganze Leben habe ich ihn abgeschoben und nun ist er tot.
Die Kleine habe ich der Amme übergeben.
Ich habe meine Koffer, meine Drogen gepackt. Ich muß raus hier. Raus hier. Scheisse! Was ist falsch gelaufen in meinem verdammten Leben? Ich muß mich abtöten. Schnell weg hier. Flucht ist das einzige, was mir jetzt noch bleibt. Miami - das ist mein Ziel. Ein Hotel in Miami. Da bin ich gern. Da kann ich spielen.
Claudia
Wieder mal bleibe ich an einem Kiosk stehen.
„Topmodell stirbt an einer Überdosis Drogen.“
Ich nehme die Zeitschrift mit und beginne sie noch im Laufen zu lesen. Als ich den Artikel in meinem Café ums Eck zu Ende gelesen habe, kann ich es kaum erwarten, bis Arne heimkommt, um ihm das zu berichten.
Arne
Claudia hat mir den Zeitungsausschnitt gezeigt. Das Topmodell wurde dabei gefilmt, wie es starb. Das war eine Inszenierung. Ich bin mir sicher. Ein inszenierter Tod, an dem irgendwelche Leute ein Vermögen verdienen. Gleich darauf zeigte mir Claudia das Video von der Hochzeitsnacht vor 20 Jahren in New York.
„Und willst du es veröffentlichen?“
„Nein. Wir sind glücklich. Lass uns das auch bleiben - bitte! Oder brauchst du das Geld?“
„Nein.“
E N D E
hab schon fettige finger
kasparov
Claudia
Zurück in Deutschland ist mein erster Gang zu Arne. Leider finde ich ihn nicht in seiner Wohnung auf. Seine Mutter öffnet mir. Leicht erschreckt nehme ich etwas Abstand. Ich sehe sie zum ersten Mal. Sie trägt nachmittags um Zwei einen geblümten Morgenrock, hat Lockenwickler im Haar und ihr aufgedunsenes Gesicht ähnelt eine Qualle. Als ich näher trete, rieche ich ihre Schnapsfahne. Sie bittet mich trotz ihres seltsamen Aufzugs hinein. Die Wohnung ist ein einziges Chaos, überall leere Flaschen, der Dreck steht auf den Böden und der Müll liegt auf einem Haufen in einer Ecke der Küche - genauso stinkt es auch. Nach verwesten Essensresten, Alkohol und Zigaretten. Ich frage mich, ob gleich mal Ratten aus den Löchern kriechen und sich Maden und Ameisen die Wohnung teilen. Fast verärgert über meine Verwunderung, dass sie sich nicht schämt, würde ich ihr am liebsten die Lockenwickler aus den Haaren reissen.
„Wo ist Arne?“ fahre ich sie mit einer gewissen Abscheu agressiv an.
„Er ist mit meinem Geld abgehauen. Keine Ahnung.“ lallt sie
„Kann ich sein Zimmer sehen?“
„Ja, warum nicht, kommen Sie.“
Während sie im Türrahmen steht, schaue ich mich in Arnes Zimmer um. Es scheint in dem Zustand zu sein, in dem er es verlassen hat. Die Fenster sind mit Kartons verklebt, alle Schubladen aufgerissen und ihr Inhalt auf dem Boden verteilt. In einer Ecke finde ich verschimmelte Essensreste. Im ganzen Raum stinkt es nach Scheisse und Urin. Er muß sich nicht mehr nach draußen aufs Klo getraut haben, hatte sein Geschäft in einen Eimer erledigt. Der PC ist noch an. Ich setze mich trotz des Gestanks hin und beginne, das geöffnete Dokument zu lesen. Ich ärgere mich über den Anfang und scrolle zum Ende. Dort steht: Bestimmungsort Bonn.
Arne
Mann war das toll, eh Mann. Ich wurde mit einer Polizeieskorte abgeführt und die hat mich in einen Hochsicherheitstrakt geschafft. Sie wollten mich in Sicherheit wissen - haben sie zumindest gesagt. Ist ja auch kein Pappenstiel, als Geheimagent zu operieren. Ich frage mich nur, wie ich von hier aus weiter agieren soll. Ist ja alles vergittert und ich kann nicht raus. Alles Sicherheitstüren und richtig viel Stacheldraht, da wo mal Fenster waren. Moment mal, nee Fenster gibt es hier gar nicht. Ist eher so wie in einem Tunnel. Unter der Erde. Die Leute hier sind echt abgespaced, laufen im Kreis und geben grunzende Geräusche von sich. Manche schreien und mehrmals habe ich schon mitgeschrien. Also, ein Schönheitssalon ist ein Scheissdreck dagegen. Habe schon angefangen, mir Löcher in die Jeans zu schneiden, damit ich aussehe wie die. Irgendwie will ich auch dazugehören, aber ich habe das Gefühl, die akzeptieren mich nicht so recht. Ich bin mir totsicher, das sind alles kaltgestellte Geheimagenten.
Tina
Seit letzter Woche bin ich auf der Titelseite von einem der bekanntesten Sexmagazine der USA mit nackten Brüsten zu sehen. Mein Gott, was bin ich stolz, meine prallen Dinger, an jedem Kiosk, an dem ich vorbeilaufe. Der alte Herr hat mir den Job vermittelt und ich war ihm so dankbar, daß ich ihm letzte Nacht gestand, dass ich schwanger bin. Er hat nur seinen Schildkrötenhals hin- und hergedreht und dann mit dem Kopf genickt. Gesagt hat er nichts. Es war, als ob er mir einen Freibrief gegeben hätte, mit anderen Männern zu vögeln. Natürlich bin ich auch gleich mit dem Fotografen im Bett gelandet. Wie wild ist er auf meinem schwangeren Bauch herumgerobbt. Er weiß ja nicht, daß ich schwanger bin. Komischerweise hatte ich nach dem Sex keinen Abgang. Das fischige kleine Brathähnchen-Ding scheint sich in mir festzukrallen. Ich bin jetzt im fünften Monat und kann es kaum erwarten bis es herausrobbt, damit ich es beim ersten Ton, den es von sich gibt, gleich strangulieren kann. Schließlich will ich weiter in Hochglanzmagazinen Karriere machen. Ein Säugling wäre da meinem Erfolg nur abträglich.
Claudia
Ich habe mir in Bonn auf der Such nach Arne die Füße wund gelaufen. Zuerst war ich bei der Polizei. Fünf Stunden habe ich mich dort mit dem Beamten unterhalten. Er hatte nichts, keinen einzigen Eintrag wegen Straffälligkeit im Computer gefunden. In einer billigen Pension ging ich dann pennen. Nachts im Zimmer bin ich vom Ticken der Heizung immer wieder aufgewacht. Es war so, als ob mein letztes Stündlein tickte. Völlig gerädert klapperte ich am nächsten Tag die Krankenhäuser in Bonn ab. Nichts. Niemand hatte etwas von Arne gehört oder gesehen. Nach dem letzten Krankenhausbesuch verspürte ich so eine Wut auf Arnes Mutter, dass ich am liebsten in unseren Heimatort zurückgefahren wäre, um dort ihr Haus anzuzünden. Stattdessen ging ich nochmal in die Pension. Ich habe mir da eine Flasche Wein reingekippt. Geschlafen habe ich bis exakt halb sechs und bin vom Ticken aufgewacht. Nichts hielt mich mehr im Bett. Ich mußte eine Großfahndung einleiten. Während ich durch die Stadt lief, überlegte ich mir: „Wo könnte ein Irrer sein?“ Plötzlich blieb ich wie angewurzelt vor einem Kiosk stehen: „Im Bundestag regnete es einen Roman.“ Ich kaufte mir die Bildzeitung und setzte mich in ein Café. Ich schaute immer wieder das Bild an. War das Arne oder nicht? Er trug einen roten Bart. Als wir zusammen waren, war er immer frisch rasiert. Und warum war sein Bart rot, seine Haare hingegen blond? Könnte etwas mit der Verwahrlosung daheim zu tun haben, dass er sich plötzlich nicht mehr rasierte. Ich stand auf und schnappte mir eine Straßenbahn. Ich war ihm auf der Fährte.
Ich stehe jetzt vor einem Maschendrahtzaun und muß an das RAF-Gefängnis in Stammheim denken. Vor mir ein Glashäuschen, darin ein bunt geschminkter Mann, dem ich in die Augen schaue. Zuerst denke ich: Transvestit, und dann: egal - da musst du jetzt durch.
„Ich will zu Arne Feige.“
„Station 5b2“ höre ich nach kurzem Suchen seine betont kehlige Stimme.
„Aber Sie müssen sich ausweisen. Sind Sie eine Angehörige?“
Ich zeige brav meinen Ausweis.
„Ja, die Kusine.“ Er lässt mich durch.
Mein Herz hüpft. Artig wie ich bin, bedanke ich mich und laufe durch einen verwahrlosten Park. Männer in Bademänteln mit Gilbfingern ziehen gierig an ihren Zigaretten. Frauen mit aufgelösten Frisuren irren schreiend ziellos über das Gelände. Ich komme mir vor wie in einem vor Millionen Jahren verlassenen Paradiesgarten, der vor noch nicht langer Zeit mit Figuren aus der Hölle bestückt wurde. Ich tue so, als ob nichts wäre und laufe hastig weiter. Drehe mich auch nicht um. „Nein, ich will das jetzt nicht sehen.“
Auf der Station finde ich Arne vor einem alten, schiefen, kleinen, kaputten Tischkicker. Immer wieder wirft er den Ball ins Feld. Aber der fällt nach zweimal Kurbeln wieder auf den Balkon, da der Kasten nur auf drei Beinen steht. Arne macht komische Bewegungen, als ob er einen Stock verschluckt hätte.
Ich rufe: „Arne! Erkennst du mich?“
Darauf er mit lahmer Zunge, als ob er eine Flasche Schnaps gesoffen hätte: „Was willst du denn hier? Zieh Leine! Das ist kein Spass hier.“
Tina
Ich liege schweißgebadet im Bett einer Klinik für Gebärende. Es ist Nacht und ich kann nicht schlafen, weil ich derart Herzklopfen habe. Nach zwölf Stunden Wehen kam das Fischlein zur Welt. Es ist ein Junge mit einem echten Pimmel. Kein Gedanke mehr vonwegen in einem Blumentopf verscharren oder in der Gefriertruhe verstecken. Er ist einfach süss, wenn er wie ein Vampirchen an meinem Turbobusen herumnuckelt. Ich habe so viel Milch, daß ich gleich einen ganzen Liter abpumpen musste. Ich könnte Drillinge oder Vierlinge ernähren. Was bin ich stolz!
Der alte Herr hat mich in der Klinik besucht und hat geguckt wie ein greises Großväterchen, als er den Kleinen gesehen hat. Er war auch ganz hin und weg.
Nur jetzt liege ich hier und kann vor lauter Aufregung nicht schlafen. An Sex ist hier im Krankenhaus ja nicht zu denken. Ich hätte so einen im weißen Kittel überfallen können, aber die gucken ja immer so arrogant, als ob sie Gott persönlich wären. Ich glaube, ich mache es mir jetzt selber. Vielleicht finde ich ja dann etwas Schlaf.
Claudia
Ich stehe mit Arne auf dem Balkon des Raucherzimmers. Immer wieder klopft er auf das Eisenrohr. Er raucht wie ein Schlot. Eine nach der anderen. Er hat vorher nie geraucht. Wir schweigen uns an. Aber es ist kein gemeinsames Schweigen. Eher so, als ob jeder vor einem Abgrund tiefer Einsamkeit steht. Am liebsten würde ich zu ihm gehen, ihn halten, ihn umarmen, aber er kehrt mir den Rücken zu. Ich muß an ein Gürteltier denken. So eines mit einem Eisenpanzer, so dick, dass man nicht rankommt. Als ich ihn anspreche, antwortet er nur mittels Klopfen auf dem Rohr. Er hat vorher erwähnt, er tue das, um die inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Langsam spüre ich, wie mir das Wasser in den Augen zusammenläuft und dann kullern sie, die Tränen. Ich fasse ihn am Arm und reisse ihn herum, damit er mich anschaut. Aber er sieht die Tränen nicht. Sein Blick geht ins Leere.
„Arne, was haben sie mit dir gemacht? Das ist kein Ort für dich.“
Lange antwortet er nicht. Und ich weiß nicht, ob er meine Tränen sieht.
Schließlich presst er lallend heraus:
„Ich muß hier sein. Draussen bin ich nicht sicher. Sie suchen nach mir.“
„Aber wer, wer sucht nach dir?“
„Der KGB, die CIA und die Scientology.“
Ich schaue ihn schief an. Vor Schreck sind mir die Tränen versiegt. Wie soll man mit so einer Antwort umgehen? Ich drehe mich um und gehe in das Raucherzimmer. Dort sitzen mehrere Patienten, die sich mit gedrehten Zigaretten blöde rauchen. Plötzlich steht einer auf und ruft:
„Alle wurden abgemetzelt! Meine gesamte Familie!“
Die Augen sind weiß, in Panik, weit aufgerissen.
Ich gehe hinaus und sammle mich. Ich will einen Arzt sprechen. Das kann kein Mensch aushalten. Das ist schlimmer als die Vergewaltigung, die mir widerfahren ist und schlimmer als das Erlebnis mit der Sexblondine.
Tina
Ich war eine Woche daheim mit dem Fischchen. Habe ihm das Näbelchen zusammen mit der Hebamme versorgt. Habe es gebadet. Bin nachts aufgestanden, wenn es geschrien hat. Tagsüber hat es zufrieden genuckelt. Manchmal dachte ich, soviel Milch kann keine Frau haben. Es muß meine Bestimmung sein, Kinder zu haben. Wenn sich das Fischchen mit meiner Milch anspritzte, habe ich gelacht. Und Fischchen verzog Mündchen und ich dachte, es lacht auch.
Komisch, aber dann ist der alte Herr an einem kalten Dienstag einfach so abgenippelt. Plötzlich spürte ich, wie es kalt im Schlößchen wurde. Ich fühlte mich nicht mehr als Mama. Ich fühlte gar nichts mehr. Ich übergab das Fischchen einer Amme und starrte nur noch aus dem Fenster auf den Baum, der wie verdorrt aussah, weil er keine Blüten trug. Ich hatte nur noch ein Bild vor den Augen. Wie er eines Morgens erkaltet neben mir im Bett lag und keinen Laut mehr von sich gab. Wie ein Fisch, der mit dem Bauch nach oben in einem radioaktiv verseuchten Gewässer schwimmt. In einem Palast, der nur die Blütezeit kannte kannte, war mir meine Milch eingefroren.
Als der alte Herr der Erde übergeben wurde, erwachte ich wieder. Meine Bestimmung war es nun, für das Erbe zu kämpfen und weitere Sexmagazine zu ködern. Das Fischchen hatte ich weit von mir geschoben. Es war gut aufgehoben bei seiner Amme. Hin und wieder liess ich es mir bringen. Starrte es an und dachte dann: Hinweg, was willst du von mir? Ich bin die Tina, die mit ihren Titten auf der Titelseite des Playboymagazins für Furore gesorgt hat. Weg!
Claudia
Dieser weiße Kittel. Unbeholfen. Jung und unerfahren. Sowas schimpft sich Psychiater! Immer wieder mußte ich seine Augen hinter den starken Brillengläsern suchen.
„Wir haben ihm Haldol verschrieben. Sie können froh sein, vor ein paar Jahrzehnten gab es noch gar nichts gegen diese Krankheit. Das Mittel ist stark, mit entsetzlichen Nebenwirkungen, aber es hilft, die Symptome zu bekämpfen.“
„Aber was ist denn so schlimm, was hat Arne?“
Er räuspert sich, rückt seine irritierenden Brillengläser zurecht.
„Eine Psychose. Früher war die Krankheit unheilbar. Wir sortieren das in die Schizophrenie ein.“
Ich rutsche verzweifelt auf dem Stuhl hin und her.
„Was bedeutet das, Schizophrenie?“
„Wahrnehmungsverlust, Paranoia, Stimmen hören. Mehr wissen wir im Moment noch nicht.“
In dem Moment beschließe ich, mir darüber Literatur zu besorgen.
„War er tatsächlich im Bundestag und hat seinen Roman regnen lassen?“
Meine Hände verkrampfen sich ineinander.
„Ja, tatsächlich, das sind typische Merkmale, auch dieser Größenwahn. Er hält sich für ein Genie, einen Agenten, vielleicht auch für Napoleon oder sonst eine Größe. Wir wissen noch nicht viel auf dem Gebiet. Aber es gibt Anzeichen und Sie sollten ihn für eine Weile hier zur Beobachtung lassen.“
Als ich vom Stuhl aufstehen will, ist es so, als ob alles Polyester dieser Welt an mir kleben würde, mein Rock ist wie elektrisch aufgeladen. Ich setze mich nochmal.
„Ist Ihnen nicht gut?“
„Nein, nein, das wird schon. Ist irgendetwas mit dem Stuhl?“
Im selben Moment denke ich: Wie doof, vielleicht behält er mich jetzt gleich auch noch hier?
„Nicht gerade die neueste Möblierung hier. Wir haben kein Geld.“
Ich lache nervös. Dann schaffe ich es doch noch aufzustehen, gebe ihm die Hand, danke für das Gespräch und fliehe durch all die abgehobenen Gestalten nach draussen. Ich drehe mich nochmal um und meine, Arne auf dem Balkon stehen zu sehen. Ich winke ihm flüchtig, weiß nicht, ob ich ihn nocheinmal sehen will. Mir ist das zuviel. Ich nicke dem Transvestiten zu. Endlich draussen laufe ich in den nächsten Kiosk. Dort sticht mir das Titelbild von Tina in die Augen. Wie gestört bin ich eigentlich? Ich kaufe mir die Zeitschrift und renne bis zu meinem Elternhaus. Fühle mich noch immer kein bißchen besser. In meinem Zimmer lege ich die Zeitschrift auf das Nachtkästchen und hoffe, endlich mal schlafen zu können.
Tina
Seit zwei Jahren geht es mit meiner Karriere steil aufwärts. Ich bin in der Zwischenzeit eines der meist gebuchten Models in den USA. Vor zwei Monaten habe ich mir meine Brust noch weiter vergrössern lassen. Wenn ich jetzt noch das Erbe meines verstorbenen Mannes antreten kann, bin ich die reichste Frau der USA.
Das Kind wird immer mehr zu einem nervigen Anhängsel. Ich habe beschlossen, es nur noch in Obhut der Kinderfrau zu lassen. Am Wochenende nehme ich es für ein zwei Stunden zu mir, aber selbst das ist mir schon zuviel.
Claudia
Ich habe ein Kunststudium begonnen, trotz der Warnungen meiner Eltern, es bringe kein Geld. Sie bezahlen mir auch nichts, da sie das nicht auch noch unterstützen wollen. Deshalb fahre ich nachts Taxi. Arne habe ich seit meinem letzten Besuch nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, ob er noch bei den Irren ist. Seit ein paar Monaten habe ich eine neue Beziehung. Mit meinem Prof für Malerei. Er ist verheiratet. Seit letzter Woche ist meine Periode überfällig. Ich habe heute einen Test aus der Apotheke geholt. Wenn es nach dem Test geht, bin ich schwanger.
Arne
Vor einem Jahr wurde ich auf wackligen Beinen, vollgestopft mit Medikamenten aus der Psychiatrie entlassen. Ich hause jetzt wieder in meinem alten Zimmer bei meiner Mutter. Ich habe ihr das Geld zurückgegeben und sie war ganz glücklich. Sie hat es wieder irgendwo versteckt. Diesmal weiß ich nicht, wo.
An Arbeit oder Studium ist im Moment nicht zu denken, da ich mich wegen der Medikamente schlecht konzentrieren kann. Ich habe mir schon oft überlegt, sie einfach ins Klo zu spülen. Die Psychose war soviel schillernder, blühender als diese Leere, die mich in meiner jetzigen Welt ständig im Schatten stehen lässt. Oft weiß ich gar nicht, wohin mit mir. Als ob zwei Parteien an meinen Händen Tauziehen üben würden. Und wenn ich für einen Spaziergang rausgehe, springt mich das Grün des Rasens wie eine Dogge an. Bin ich auf meinem Zimmer, sitze ich herum und denke mir Abwärtsspiralen bis in den Abgrund. Werde ich denn ewig zur Untätigkeit mit schlechten Gedanken verdammt sein? Es muß ein Ende geben. Gestern habe ich mir ein Buch gekauft: Es heißt „Anleitung zum Selbstmord“.
20 Jahre später
Tina
Ich habe gerade eine Tochter geboren. Den Vater kann ich leider nicht bestimmen, da ich in letzter Zeit mit so vielen Männern geschlafen habe. All die Jahre zuvor - ein einziger Rausch mit Drogen, Parties, Frauen, Männern... was für ein Leben liegt hinter mir! Aber ab sofort - ich habe es so beschlossen - fängt das Leben für meine Tochter an.
Sie schläft jetzt gerade im kleinen Glassarg neben meinem Bett. Glassarg habe ich es genannt, da man darin die Kleine von allen Seiten anschauen und beobachten kann, damit ihr nichts passiert. Gegenüber sitzt mein 20-jähriger Sohn. Er sieht gar nicht gut aus, seit er von der Toilette zurückgekommen ist. Vielleicht verkraftet er es nicht, daß ich nochmal ein Kind geboren habe.
„Ist was, Junge?“
Er lallt, man sieht nur das Weiß in den Augen. Verstehen kann ich nichts.
Und plötzlich kippt er seitlich weg. Fällt einfach so vom Stuhl.
Ruhig stehe ich auf. Das ist bestimmt nur Show. Er will Aufmerksamkeit.
Aber er atmet nicht mehr.
Ich renne aus dem Zimmer, schreie wie gestört:
„Ich brauche einen Arzt, schnell einen Arzt!“
Claudia
Ich sitze neben Arne am Strand in Südfrankreich und bekomme plötzlich komische Gedanken. Ich kann mich nicht mehr auf mein Buch konzentrieren und schaue aufs weite Meer. Überkommt mich wieder die Sehnsucht? Aber nach was? Ich habe alles. Zwei nette kleine Kinder, die eben gerade eine Wasserschlacht veranstalten. Einen wunderbaren sensiblen Menschen zum Ehemann, der zwar hin und wieder ausflippt, aber gerade das gibt dem Leben von uns beiden den Kick. Ich wollte nie mit einem alten spiessigen Langweiler verheiratet sein. Wir haben wenig Geld, sind aber mit dem, was wir uns erarbeitet haben, glücklich. Unser Brot sind unsere Kinder.
Seit 10 Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Die besten Jahre meines Lebens habe ich an den verheirateten Prof verschwendet. Das Kind habe ich abtreiben lassen. Ich war immer nur seine Geliebte. Seiner Frau hat er nie etwas über unsere Beziehung gesagt. Ich war seine Frau auf Abruf. Wenn er Zeit hatte, war ich für ihn da. Wenn er keine Zeit hatte, welche Schmach. Aber ich konnte nicht von ihm lassen. Ich war sein Spielzeug, seine Gummipuppe. Wenn ich alles so Revue passieren lasse, hat er mich wie den letzten Dreck behandelt, mich ewig hingehalt und mir dumme Versprechungen gemacht. Als Künstlerin hat er mich auch blockiert. Er hat immer gelacht über Frauen, die Kunst machen. Er hat mich sogar soweit gebracht, daß ich fünf Jahre lang gar nichts produziert habe, stattdessen nur Taxi gefahren bin.
Ich erinnere mich noch an den Moment, als mir plötzlich ein anderer Mann begegnet ist. Ich habe ihn gar nicht erkannt, so gut sah er aus. Es war in meinem Café ums Eck, wo ich auf den dummen Prof wartete, der mich schon wieder mal versetzt hatte. Er saß am Nebentisch und war in ein Buch vertieft. Ich mußte immer wieder zu ihm hinüberschauen. Die halblangen Haare mit silbernen feinen Fäden durchsponnen, so gedankenverloren, fast wie ein trotteliger Künstler. Immer wieder versuchte ich einen Blick auf den Titel des Buchs zu erhaschen, aber es gelang mir nicht. Schließlich zündete er sich ein Zigarillo an, schaute auf und fand meinen starr auf ihn gerichteten Blick. Ich versank in dieses Augenmeer und aufeinmal erkannte ich ihn. Es war Arne. Meine Augen sprachen - seine auch. Er erkannte mich.
„Was liest du?“
„Nietzsche.“
„Und was machst du jetzt?“
„Bin gerade fertig mit meinem Philosophiestudium. Man hat mir eine Stelle an der Uni angeboten.“
Tina
Ich könnte Amok laufen. Er ist tot, tot, tot. Das ganze Leben habe ich ihn abgeschoben und nun ist er tot.
Die Kleine habe ich der Amme übergeben.
Ich habe meine Koffer, meine Drogen gepackt. Ich muß raus hier. Raus hier. Scheisse! Was ist falsch gelaufen in meinem verdammten Leben? Ich muß mich abtöten. Schnell weg hier. Flucht ist das einzige, was mir jetzt noch bleibt. Miami - das ist mein Ziel. Ein Hotel in Miami. Da bin ich gern. Da kann ich spielen.
Claudia
Wieder mal bleibe ich an einem Kiosk stehen.
„Topmodell stirbt an einer Überdosis Drogen.“
Ich nehme die Zeitschrift mit und beginne sie noch im Laufen zu lesen. Als ich den Artikel in meinem Café ums Eck zu Ende gelesen habe, kann ich es kaum erwarten, bis Arne heimkommt, um ihm das zu berichten.
Arne
Claudia hat mir den Zeitungsausschnitt gezeigt. Das Topmodell wurde dabei gefilmt, wie es starb. Das war eine Inszenierung. Ich bin mir sicher. Ein inszenierter Tod, an dem irgendwelche Leute ein Vermögen verdienen. Gleich darauf zeigte mir Claudia das Video von der Hochzeitsnacht vor 20 Jahren in New York.
„Und willst du es veröffentlichen?“
„Nein. Wir sind glücklich. Lass uns das auch bleiben - bitte! Oder brauchst du das Geld?“
„Nein.“
E N D E
hab schon fettige finger
kasparov
„To hell with circumstances; I create opportunities.“ – Bruce Lee
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