Walter Helmut Fritz : Augenblicke
Kaum stand sie vor dem Spiegel im Badezimmer, um sich herzurichten, als ihre Mutter aus dem Zimmer nebenan zu ihr hereinkam, unter dem Vorwand, sie wolle sich nur die Hände waschen.
Also doch! Wie immer, wie fast immer.
Elsas Mund krampfte sich zusammen. Ihre Finger spannten sich. Ihre Augen wurden schmal. Ruhig bleiben!
Sie hatte darauf gewartet, dass ihre Mutter auch dieses Mal hereinkommen würde, voller Behutsamkeit, mit jener scheinbaren Zurückhaltung, die durch ihre Aufdringlichkeit die Nerven freilegt. Sie hatte - behext, entsetzt, gepeinigt - darauf gewartet, weil sie sich davor fürchtete.
- Komm, ich mach dir Platz, sagte sie zu ihrer Mutter und lächelte ihr zu.
- Nein, bleib nur hier, ich bin gleich so weit, antwortete die Mutter und lächelte.
- Aber es ist doch so eng, sagte Elsa, und ging rasch hinaus, über den Flur, in ihr Zimmer. Sie behielt einige Augenblicke länger als nötig die Klinke in der Hand wie um die Tür mit Gewalt zuzuhalten. Sie ging auf und ab, von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür. Vorsichtig öffnete ihre Mutter. Ich bin schon fertig, sagte sie. [...]
Elsa nickte freundlich und begab sich wieder Richtung Bad. Behutsam schloss sie die Tür. Ihre Finger lagen lange auf der Klinke und die Anspannung wich ein wenig der Erleichterung.
Sie ging zum Spiegel und begann sich die Haare zu machen. Sie seufzte erleichtert als jede Strähne endlich an ihrem Platz war. Ihre Augen betrachteten nochmals alles kritisch im Spiegel, und sie begab sich auf den Weg zur Küche. Als ihre Finger die Küchentür berührten, durchfuhr sie wieder diese Anspannung, diese verzweifelte Anspannung, die nur darauf wartete, das sie sich entladen könne. Mit einem Ruck stieß sie die Tür auf - ihre Mutter stand an der Küchentheke und schnitt die Brötchen auf.
- Möchtest du eines ?, fragte ihre Mutter, während beide sich an den Tisch setzten. Elsa nickte nur.
- Möchtest du Kaffee oder Tee ? Elsa nickte wieder nur, sie blickte auf ihr Brötchen und wünschte sich, dass es doch schon 5 nach wäre. Sie drückte ein Loch in ihr Brötchen, immer tiefer glitt ihr Finger - das Brötchen zerbrach. Elsa blickte auf die Küchenuhr; 10 vor.
- Mutti, sagte sie während sie vom Tisch aufstand, ich gehe. Ich muss noch etwas erledigen bevor ich zum Unterricht gehe.
- Aber du hast doch noch gar nichts gegessen, Kind !
Ihre Mutter blickte sie verwirrt an, aber Elsa ging in den Flur und zog sich an. Mit einem Knall fiel die Tür zu ...