"Ich bin kein Antisemit, aber ..."

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gelbsucht
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"Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon gelbsucht » 01.12.2003, 00:22

Die Konjunktur des Antisemitismus

Es ist ein heißes Eisen, was ich hier anfassen will. Da muss man aufpassen, was man sagt, da muss man aufpassen, dass Moralkeulen nicht zu Bumerangs werden.

Einmal in der Woche führe ich ein ausführliches Telefongespräch mit Ham, das kann dann auch schon mal fünf bis sechs Stunden dauern, wenn wir uns über unsere Befindlichkeiten und Problemchen, über Uni, O livro und Innenpolitik unterhalten. Zwei Jahre geht das jetzt schon so und es ist auffällig, dass ein Thema immer wieder mal Gegenstand unseres Gesprächs geworden ist, nämlich der Nahostkonflikt und die "Konjunktur des Antisemitismus" in Deutschland. Da uns beide diese Themen sehr interessieren, möchte ich diese Diskussion jetzt auch mal ins Forum tragen und euch nach euren Meinungen, Ansichten und Gedanken dazu fragen.

(1) Es gibt Antisemitismus in Deutschland (und in ganz Europa). Daran besteht kein Zweifel. Eine andere Frage ist, wie verbreitet ist dieser Antisemitismus und was sind seine Ursachen? In einem Lied von Peter Licht heißt es fast beiläufig: "und der gefönte Hausnazi saß mir aufm Schoß". Ist das so? Ist Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit wieder Normalität in deutschen Wohnzimmern, im Privat der eigenen vier Wände, wo man noch sagen kann, was man wirklich denkt? Eine Frage, die ich für noch wichtiger halte, ist, wie lässt sich dieser Antisemitismus wirksam bekämpfen, wie lassen sich Rassismus, Vorurteile und Ressentiments durch Aufklärung entkräften, schwächen und beseitigen? Natürlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass auch Antisemitismus eine Form abweichenden Verhaltens ist, die es immer geben wird. Es wird immer ein paar Idioten geben, die den Holocaust leugnen oder versuchen ihn zu relativieren, es werden immer ein paar Arschlöcher über diese Erde kriechen, die von Hitler und der nationalsozialistischen Bewegung fasziniert sind, so wie es immer ein paar verbohrte und unverbesserliche Hinterwäldler geben wird, die sich an einem wehrlosen Menschen vergehen, nur weil er "anders" ist. Darüber brauchen wir uns keine falschen Hoffnungen machen, was natürlich jetzt nicht als Aufruf zur Toleranz oder zum Wegsehen missverstanden werden soll!!! Wirklich Sorgen muss man sich über dieses Land machen, wenn es nicht mehr nur die Idioten, Arschlöcher und Hinterwäldler, die man bereits auf fünfhundert Meter an ihrem kahl geschorenen Kopf erkennen kann, sind, die so denken, sondern auch der smarte und modisch dezent gekleidete BWL-Student, der neben dir in der Vorlesung sitzt oder die Kindergärtnerin, Ende Zwanzig, die furchtbar nett ist und von der niemand so etwas gedacht hätte. Kennt von Euch jemand so einen oder einen ähnlichen Fall?

(2) Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von bekannt gewordenen Antisemitismus-Skandalen in Politik und im Feuilleton. Walser vs. Bubis, Möllemann vs. Friedmann, Walser vs. Schirrmacher und auch die neueste Affäre dieser Art wurde gleich auf den Namen des Übeltäters getauft: Hohmann. Es reicht dieser eine Name und jeder weiß, wovon die Rede ist: Antisemitismus. Mich würde brennend interessieren, wie ihr diese Skandale wahrnehmt und erlebt. Was geht in euch vor, wenn – schon wieder – ein Politiker oder ein Schriftsteller des Antisemitismus angeklagt und verurteilt wird? Wie beurteilt ihr dabei die Rolle der Medien, der Presse und des Feuilletons? Sind das angemessene Schlagzeilen und Berichte, sind die Vorwürfe und Anschuldigungen berechtigt, die verbalen Attacken und Angriffe gerechtfertigt oder handelt es sich dabei um Rufmord, um Kampagnen und Vorverurteilungen?

(3) Und wie bewertet ihr die Reaktionen des Zentralrats der Juden und seines Vorsitzenden in solchen Situationen? Davon abgesehen: was kriegt ihr vom Zentralrat der Juden darüber hinaus mit? Was wisst ihr über den Zentralrat der Juden, was ist das überhaupt für eine Institution und was ist ihre primäre Aufgabe?

(4) Wenn wieder so ein Skandal, so eine Medienlawine losbricht, dann wird auch schon mal geschlussfolgert: der Antisemitismus der Stammtische sei jetzt in der Politik angekommen, er sei wieder salonfähig geworden oder ähnliches. Aber ich frage mich: was soll das heißen? Von welchen Stammtischen ist hier die Rede? Und überhaupt, was ist das für eine Art zu folgern, wird doch hier der Einzelfall als symptomatisch bezeichnet, wird doch hier vom einem ein Rückschluss auf eine Mehrheit, eine Tendenz der Mehrheit gezogen? Soll das etwa heißen die Deutschen, die am Samstag Abend in die Kneipe gehen, ein Bierchen trinken und eifrig die Fußballergebnisse des Tages diskutieren, sind durch die Bank wieder Judenhasser, nur weil ein MdB Hohmann von Täter- und Opfervölkern spricht und das auch noch im Konjunktiv? Ich frage mich, wo hier die Verhältnismäßigkeit des Vorwurfs geblieben ist?

(5) Frank Schirrmacher erklärte in seiner Polemik, mit der er einen Vorabdruck des Romans "Tod eines Kritikers" von Martin Walser in der FAZ vom Tisch fegte, dass das "antisemitische Repertoire" des Buches unübersehbar sei. Bei diesem Ausdruck stutzte ich, denn die Selbstverständlichkeit, mit der er von einem "antisemitischen Repertoire" sprach, verwunderte mich dann doch. Ich kreuze natürlich nicht in den intellektuellen Fahrwassern eines Frank Schirrmacher, aber dass er bei seinen Lesern die Geläufigkeit eines "antisemitischen Repertoires" voraussetzt, halte ich für bedenklich. So als wären uns Ressentiments gegen Juden so vertraut wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Aber erst die heftige Debatte in den Feuilletons hat mich für viele der mehr oder weniger sehr subtilen und zweideutigen antisemitischen Vorurteile und Anspielungen sensibilisiert, die ich beim ersten Lesen des Romans "Tod eines Kritikers" schlicht und einfach überlesen habe.

(6) Was mir bei solchen Skandalen im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Antisemitismus immer wieder auffällt, ist die krasse Reduzierung und Verdrehung des ursprünglich Gesagten in den Medien. Mag sein, dass die Angeklagten tatsächlich historische Fakten verdrehen, umdeuten, reduzieren und relativieren, aber die Ankläger bedienen sich oft der selben fragwürdigen rhetorischen Mittel: sie reißen Zitate aus dem Zusammenhang, sie überspitzen und verdrehen Argumente und reduzieren Aussagen, bis von dem ursprünglich Gemeinten nichts mehr übrig ist. Hohmann z.B. wurde auf die Formel "Juden = Tätervolk" reduziert. Dabei hat er das so nie gesagt. Wenn man es genau nimmt, hat er eigentlich genau das Gegenteil gesagt: "Juden ≠ Tätervolk". Wortwörtlich: "Daher sind weder 'die Deutschen', noch 'die Juden' ein Tätervolk." Implizit kritisiert er den Begriff des Tätervolks. Aber nicht falsch verstehen: ich will die Rede Hohmanns nicht verteidigen, da sie wirklich peinlich und unhaltbar ist angesichts historisch belegbarer Fakten.

(7) Aber es gibt andere Fälle der Reduzierung, Fälle, in denen es eher zu bedauern ist, dass im Sog des ungeheuerlichen Verdachts und im Lärm der Ankläger – man habe es schon immer vermutet und jetzt sei es gewiss: der Redner ist ein Antisemit – die eigentliche Aussage sang- und klanglos untergeht und die im Grunde doch diskussionswürdige These weitestgehend verdrängt und vergessen wird. So geschehen mit der Dankesrede von Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Ich würde gern wissen, was ihr von dieser Rede haltet und dem zentralen Gedanken, der sich wohl eher gegen die Meinungsmacher in den Medien und im Feuilleton richtet als gegen die Juden in der Diaspora oder in Israel: "Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. [...] Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung." (Martin Walser: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede.)

(8) Das führt uns zu der Frage der Schuld. Was für eine Schuld, was für eine Verantwortung tragen wir? Welche Bedeutung und welche Konsequenz hat diese Schuld für unser Leben? Wir sind als Deutsche und Österreicher geboren. Vor über 50 Jahren haben Deutsche (und mindestens ein Österreicher soll auch dabei gewesen sein) systematisch 6 Millionen Menschen umgebracht – es gab eine ganz rational geplante und organisierte Bürokratie, Logistik, Forschung und Wirtschaft, die einzig dem Zweck der Vernichtung allen jüdischen Lebens diente. Der Endlösung. Auschwitz ist geschehen, Treblinka ist geschehen, Dachau und Buchenwald sind geschehen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Jetzt kommt das gefährliche Wort: Aber! Mein Vater war neun Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging, meine Mutter war sechs und als ich geboren wurde, lag der Krieg zweiunddreißig Jahre zurück. Das ist sicherlich nicht viel angesichts des Wahnsinns und des Schreckens. Dennoch bin ich, wenn überhaupt, nur der Enkel eines der Täter. Wir sprechen also, wenn wir von Schuld reden, nicht in einem juristischen Sinne davon, denn in einem streng juristischen Sinn bin ich keineswegs verantwortlich und dafür haftbar, dass 6 Millionen Menschen sterben mussten, denn ich hatte weder die Wahl, noch die Möglichkeit es zu verhindern. Ich habe sogar ein Alibi. Als das Verbrechen begangen wurde, war ich noch gar nicht da. Aber hier geht es eben nicht um mich, sondern um Kollektivschuld und um die Deutschen insgesamt. Wir sind schuldig. Und wieder die Frage: Was bedeutet uns diese Schuld? Welche Konsequenzen hat sie für unser Leben, für unser kulturelles und gesellschaftliches Leben? Wie gehen wir mit dieser Schuld um? Welche Pflicht, welche Verantwortung leitet sich daraus für uns persönlich ab?

(9) Der Nahostkonflikt. Eigentlich sollte man ein eigenständiges Thread dafür aufmachen, denn wie schnell geschieht es, dass die Kritik an Israels Politik mit Antisemitismus verwechselt oder gleichgesetzt wird. Das ist heikel. Ich frage euch trotzdem jetzt und hier: wie bewertet ihr den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern? Seht ihr eine realistische Chance, wie dieser Konflikt beendet werden könnte, wie Besatzung, Angst, Armut, Terror, Unterdrückung und der Kreis der Rache und des Blutvergießens unterbrochen werden kann? Ich möchte quasi als Aufhänger ein Gedicht von Erich Fried zitieren, es stammt aus dem Jahr 1967, das Jahr, in dem es zum Sechs-Tage-Krieg kam.

Höre, Israel

Als wir verfolgt wurden,
war ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
wenn ihr Verfolger werdet?

Eure Sehnsucht war
wie die anderen Völker zu werden
die euch mordeten
Nun seid ihr geworden wie sie

Ihr habt überlebt
die zu euch grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
in euch jetzt weiter?

Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
"Zieht eure Schuhe aus"
Wie den Sündebock habt ihr sie
in die Wüste getrieben

in die große Moschee des Todes
deren Sandalen Sand sind
doch sie nahmen die Sünde nicht an
die ihr ihnen auflegen wolltet

Der Eindruck der nackten Füße
im Wüstensand
überdauert die Spur
eurer Bomben und Panzer

(Quelle: Erich Fried: 100 Gedichte ohne Vaterland. Fischer Taschebuch Verlag 2000)

(10) Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat den Europäern "kollektiven Antisemitismus" vorgeworfen. Scharon reagierte mit seinen Äußerungen unter anderem auf eine europaweite Meinungsumfrage, in der eine deutliche Mehrheit Israel als zurzeit größte Gefahr für den Weltfrieden einstufte. 59 Prozent der Befragten vertraten diese Auffassung. An zweiter Stelle nannten jeweils 53 Prozent die USA sowie Iran und Nordkorea. Die Umfrage wurde Anfang November veröffentlicht.

Scharon lehnte es ab, eine Trennlinie zwischen Kritik am Staat Israel und antisemitischen Äußerungen zu ziehen. "Wir reden über kollektiven Antisemitismus. Der Staat Israel ist ein jüdischer Staat und danach richtet sich auch die Einstellung gegenüber Israel." Der israelische Regierungschef erneuerte seine Kritik an den europäischen Regierungen, die in ihren Ländern nicht ausreichend gegen antisemitische Strömungen vorgingen. "Wir stehen in Europa einem Antisemitismus gegenüber, der immer existierte und wirklich kein neues Phänomen ist", sagte Scharon.

Scharon warnte davor, dass die wachsende Zahl von Moslems in der EU das Leben von Juden gefährde. "Da die moslemische Präsenz in Europa immer stärker wird, bedroht dies sicherlich das Leben von Juden", sagte er. Allein die Tatsache, dass es eine "riesige Zahl von etwa 17 Millionen Moslems in der EU gibt", mache dies zu einer "politischen Frage".

(dpa-Meldung basierend auf einem Interview des israelischen Premierministers Ariel Scharon mit dem online-Informationsdienst www.EUpolitix.com )

Was denkt ihr, wenn ihr das lest? Also ich bin ja angesichts dieses Artikels wirklich versucht, ein neues Unwort vorzuschlagen: Antieuropäismus!
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon gelbsucht » 01.12.2003, 00:23

Links
Zum Thema Antisemitismus und Nahostkonflikt

http://www.literaturseiten.de/walser.htm
Dankesrede von Martin Walser zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11. Oktober 1998

http://www.idgr.de/lexikon/stich/a/antisemitismus/antisemitismus.html
Antisemitismus. Lexikonartikel des Informationsdienstes gegen Rechtsextremismus.

http://www.antisemitismus.net/
Eine sehr intensive und ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus und Judenhass. Besonders lesenswert und erschütternd: die Chronologie antisemitischer Vorfälle. Darüber hinaus bietet die Seite noch eine ganze Menge weiterer Informationen, nicht nur zum Thema Rechtsextremismus, sondern auch zu Judentum, Zionismus, Hebräisch, Jiddisch, jüdische Religion, Israel etc. Und wenn man gleich schon mal da ist, kann man ja auch mal in die antichristliche Rubrik "Gegen Missionierung" reinschauen.

http://www.shoa.de/antisemitismus.html
Eine sehr gute Einführung in die "Geschichte des Antisemitismus". Weiterhin viele wertvolle und detaillierte Informationen zur Shoa, zum Holocaust.

http://judentum.at/forum/board-a/messages/8/903.html
Forum haGalil. Ausführlichste Diskussionen zum Thema "Antisemitismus".

http://www.zentralratdjuden.de/
Webseite des Zentralrats der Juden in Deutschland.

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/31/0,1872,1021919,00.html
ZDF Recherchen und Hintergrundberichte zum Nahostkonflikt. Diese Einführung bietet einen sehr guten Überblick über den Konflikt und seine Ursachen, über die gescheiterten Verträge und Friedensbemühungen der Diplomatie, über die beteiligten politischen Akteure, sowie die Terrororganisationen der Palästinenser.

http://www.spiegel.de/politik/0,1518,k-729,00.html
Das Informationsangebot des Spiegels zum Nahostkonflikt. Eine übersichtliche Zeittafel. Leider sind die wenigsten Artikel frei verfügbar. Aber besonders interessant finde ich hier die Karten der Region, die die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik und die Systematik und die Politik dahinter besser veranschaulichen als alle Artikel zum Thema.

http://www.wissen.swr.de/sf/begleit/bg0017/pa00d.htm
http://www.nahost-politik.de/israel/armee/nahostkonflikt.htm
Zwei kleine Chroniken des Nahostkonflikts von 1947 bis heute.

http://antisemitismus.juden-in-europa.de/bgaa/walser-roman.htm
Frank Schirrmachers offener Brief an Martin Walser. Wen es noch interessiert ...

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/15981/1.html
Der Wortlaut der Rede von MdB Martin Hohmann. Nur der Vollständigkeit halber.
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon razorback » 02.12.2003, 00:30

Wow, die Sache brennt Dir unter den Nägeln, oder? Vielen Dank für Deine ausführliche Quellensammlung, ich werde Sie mir bei Gelegenheit zu Gemüte führen (und sicherlich auch anderweitig nutzen). Für heute ein paar Gedanken zu den von Dir angesprochenen Themen, ohne mich mit den von Dir gebotenen vertiefenden Informationen auseinandergesetzt zu haben. Ganz ahnungslos bin ich trotzdem nicht - ich verfolge den Nahostkonflikt und seine Geschichte aus reinem Interesse seit ich 13 oder so war, wohl noch älter ist mein Interesse an der Geschichte Deutschlands zwischen 1914 und 1945 (zwischenzeitliches Geschichtsstudium war nützlich ;-) ).

Ich fange hinten an mit dem Nahostkonflikt. Kurz zu meiner persönlichen Einstellung: Ich war bis vor kurzem uneingeschränkt auf Seiten Israels. Punktum. Selbstverständlich war (und ist) mir klar, dass die Isreali sein 1967 (und vorher auch) viele Dummheiten, Verbrechen und Schweinereien begangen haben, aber ihre Gegner stehen ihnen da in nichts nach, ausser in den Mitteln. Israel hat nun einmal permanent gewonnen, das bedeutet aber noch nicht, dass sie per se schon deshalb schlechter sind als die, die immer verloren haben. Der 6-Tage-Krieg ist für mich bis heute das seltene und klassische Beispiel eines berechtigten Präventivkrieges. Was soll ein so winziger Staat den bitte tun, wenn seine Nachbarn unter permanenter, lautstarker Kriegsdrohung an seinen Grenzen aufmarschieren?

Seit Sharon denke ich etwas anders. Nicht über 1967, aber über den Konflikt, wie er sich heute darstellt. Sharon ist für mich ein personifiziertes Unglück, für die Palästinenser, aber in noch größerem Maße für Israel. Wie verzweifelt muss ein hochzivilisiertes Volk wie das isrealische sein, wenn es seine Geschicke in die Hände eines solchen Menschen legt. Mit Sharon wird es niemals Frieden geben, weil er ihn nicht will. Seine Politik spielt den radikalen auf palästinensischer Seite in die Hände, fast könnte man Sharon und Hamas und Konsorten als Spiessgesellen bezeichnen. Erhebt irgendein friedenswilliger palästinensischer Politiker auch nur zart sein Haupt, wird sofort irgendwo ein Haus in die Luft gesprengt, weil angeblicher irgendwer darin war, infolgedessen fliegt in Tel Aviv ein Supermarkt in die Luft, infolgedessen wird ein Flüchtlingslager aufgerollt, etc., etc.... und ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass Sharon das toll findet. Er kann Palästinenser töten so viel er will. Scheint ihm Spass zu machen. Es ist zum Kotzen.

Solange Sharon in Israel regiert, wird es keine Lösung geben, nur weitere Tote. Die Tatsache, dass er Moslems per se als Gefahr für Juden sieht, spricht Bände - der Mann ist nicht besser als irgendein Antisemit. Arafat ist nicht das Problem, der war ja schon fast weg vom Fenster, bevor Sharon ihn wieder zum Thema gemacht hat. Sharon ist eine Gefahr für Israel. Wenn selbst hartgesottenste Israelsympathisanten wie ich nicht mehr bereit sind, das alles zu verteidigen - wieviel Sympathie hat Isreal dann noch bei den, sagen wir mal, normal ausgewogen denkenden Menschen? Und Sympathie braucht Isreal, wenn es immer und immer nur Krieg führt, wird es irgendwann auch einmal verlieren, das ist nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit so. Und ein Isreal das einen Krieg verliert und keine Freunde mehr hat - wird aufhören zu existieren.

Ich hätte übrigens tatsächlich einen Lösungsvorschlag, würde mich interessieren, was ihr davon haltet. Er geht von zwei Grundvoraussetzungen aus:

1.) Der Grund für die hohe Gewaltbereitschaft Israels als Staat ist seine permanente (und von den Arabern kräftig geschürte) Todesangst.

2.) Ein Grossteil des isrealischen Volkes ist weder rassistisch noch radikal religiös, sondern will einfach nur angstfrei leben.

Lösungsvorschlag:

1.) Israel wird sofort Mitglied der NATO. Im Gegenzug werden sämtliche 1967 und danach besetzten Gebiete geräumt, auf ihnen wird der souveräne Staat Palästina gegründet, der alle Rechte eines souveränen Staates hat (auch das auf eine eigene Armee). Alle Siedlungen werden aufgelöst, ihre Bewohner kehren nach Israel (oder wo immer sie herkamen) zurück. Im Gegenzug gibt es kein Rückkehrrecht für Flüchtlinge nach Israel. Israel und Palästina haben selbstverständlich das Recht, hier liberaler zu handeln, wenn sie wollen. Ausnahme von dieser Regel ist Jerusalem. Die Stadt bleibt Teil des Staates Israel, hat aber offen zu sein und wird demilitarisiert.

Israel und Palästina werden - wenn sie es wünschen - eng an die EU angeschlossen, ein Beitritt binnen zehn Jahren sollte in Aussicht gestellt werden.

Selbstverständlich wird es weiterhin Terror geben - vermutlich von fanatischen Palästinensern ebenso wie von fanatischen Israeli. Aber durch den Beitritt zur NATO verliert Israel seine Angst vor der Auslöschung, durch das Ende der Besatzung hat der Grossteil des palästinensischen Widerstandes sein Ziel erreicht. Der Terror würde also, das ist zu hoffen, stark abnehmen und im Laufe einer langen Zeit vielleicht ganz austrocknen.

Die These "Israelkritiker = Antisemit" wäre eigentlich kaum der Rede wert - würde sie nicht gerade wieder den Antisemiten in die Hände spielen. Da versucht ein Paul Spiegel verzweifelt, Leuten die das immer noch nicht verstehen begreiflich zu machen, dass er und seine Glaubensgenossen nicht "Juden in Deutschland" sondern Deutsche jüdischen Glaubens sind, und dann kommt sowas. Da lacht das Antisemitenherz über die Gleichsetzung Israel = alle Juden (denn gegen die hat der Antisemit ja was), die sich leicht umkehren lässt zu alle Juden gleich Israel, also nicht gleich Deutsch. Schwachsinn.

Die Frage ob die Herren Möllemann seelig, Walser, Hohmann etc. Antisemiten sind, interessiert mich ehrlich gesagt so gar nicht. Gibt es da ein Punktesystem? Wenn ich 56 Antisemitismuspunkte erreiche bin ich einer, bei 54 so lala, bei 52 aber nicht? Für mich ist ein Antisemit jemand, der sich dazu bekennt etwas gegen Juden an sich und als Gruppe zu haben. Diese Definition ist selbstverständlich vergleichsweise willkürlich, man könnte mit gewissem historischen Recht auch ausschliesslich Antizionisten als Antisemiten bezeichnen. Die Gleichsetzung Antisemit = Rassist lehne ich ab, da ich die Existenz einer "jüdischen Rasse" bestreite. Das sehen zugegeben viele Antisemiten, die ausserdem Rassisten sind, anders.

Anstatt also zu ermitteln, wieviele Punkte die Äusserungen der genannten Herren auf der Antisemitismusskala bringen, betrachte ich lieber die Äusserungen an sich. Möllemann lasse ich mal weg, über die Toten...

Was Walser betrifft, so bestürzt mich ein wenig die für einen Mann seines Kalibers gewaltige Kurzsichtigkeit. Wie alt ist der? Ich glaube ihm gerne, dass er sich im Laufe seines langen Lebens ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat. Und wenn ihm das alles jetzt auf den Sack geht, bitte, soll er den Fernseher ausmachen und die Zeitungen abbestellen. Aber die Medien sind nicht nur für Greise da. Und dass die Erinnerung an das, was damals passiert ist in jeder Generation wach gehalten werden muss, sehr lebendig und sehr wach, glaube ich ohne Einschränkung. Sowas darf sich eben niemals wiederholen und daher auch nicht vergessen werden.

Was die Schuld betrifft - selbstverständlich trifft mich keine persönliche Schuld. Was meine Herkunft betrifft, so stamme ich, über die Familien meiner Eltern, von 1a Karrierenazis, konservativen Katholiken, Mitläufern und schweigend zähneknirschenden Arbeitern ab, vermutlich eine recht typische Deutsche Mischung. Was aber die kollektive Schuld - oder meinetwegen Verantwortung - betrifft, da sollten wir Deutschen mal nicht so zimperlich sein. Die Hunnen und Vandalen zum Beispiel haben bis heute einen miesen Ruf, und deren Verbrechen waren vermutlich kaum mit den Deutschen zu vergleichen. Wenn ich dem Volk Kants und Goethes angehören will, muss ich eben auch dem Volk Hitlers (sorry Österreich, aber der gehört jetzt uns) angehören, mich entsprechend verhalten und in manchen Punkten sensibler und wacher sein.

Bei Hohmann frage ich mich ehrlich gesagt, ob er geistiger Brandstifter sein möchte oder ungebildet bis doof. Nein, man könnte die Juden selbstverständlich NICHT als Tätervolk bezeichnen, die Deutschen aber selbstverständlich schon. Die Juden, die an der russischen Revolution teil genommen haben, haben das gemacht, weil sie Kommunisten waren, nicht, weil sie Juden waren. Mit dem selben Recht könnte man Anwälte als Täterberuf bezeichnen. Die Deutschen, die Hitler gewählt oder deren (Volks-)Vertreter ihn dann an die absolute Macht gelassen haben, konnten das aber nur, weil sie Deutsche waren. Ein Franzose hätte noch so glühender Nazi sein können, er hätte einfach nicht mitwählen dürfen.

Im Übrigen finde ich die latente Gleichsetzung von russischer Revolution und bolschewistischen Greueln mit dem Holocaust auch in höchstem Masse geschichtsverfälschend.

Also entweder Herr Hohmann ist so historisch gebildet wie man ihm nachsagt, dann betreibt er wissentlich Geschichtsverfälschung, zu welchem Zweck auch immer. Oder er ist etwas weniger gebildet als er glaubt, dann ist das eben peinlich für ihn und alle, die ihm beipflichten.

Ich glaube nicht, dass Antisemitismus nach meiner obigen Definition weit verbreitet ist. Ich glaube aber, dass gewisse Ideen sehr weit verbreitet sind, die Grundlage für Antisemitismus sein können, zum Beispiel die, Juden für eine Rasse zu halten. Stereotype sind mit allen Menschengruppen verbunden: Schwarze können gut singen, Dicke sind fröhlich, Katholiken verklemmt, Italiener temperamentvoll, Juden sind verschlagen und Leute mit kahlgeschorenem Schädel und Stiefeln Neonazis ( :-p ). Ich denke, die einzige Methode, gegen so etwas anzugehen ist nicht, über das einzelne Stereotyp zu diskutieren, sondern über die Berechtigung von Stereotypen generell. Dabei könnte dann herauskommen, dass man zum Beispiel über die Gruppe "Männer" eher allgemeine Aussagen machen kann, als über die Gruppe "Juden". Andererseits müssen auch Gutmeinende lernen, zu trennen. Wenn ich sage, "ich finde Cherno Jobatey doof, weil er farbig ist", ist das rassistisch. Wenn ich sage, "ich finde Cherno Jobatey doof", ist es das nicht. Die Zeit des positiven Rassismus und Semitismus ist zwar, glaube ich, vorbei, aber sie wirkt noch nach. Gerade bei den tumben Nüssen, die einfach mal irgendeinen Schwachsinn rauslassen, um zu provozieren.

Amen.
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Silentium
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Silentium » 02.12.2003, 21:23

Ähm, razorback, darf ich eine Frage stellen?

...ein Beitritt binnen zehn Jahren sollte in Aussicht gestellt werden.

Glaubst du nicht, dass zehn Jahre arg knapp bemessen sind?
Ansonsten, tja, ob du deinen Vorschlag durchbringen wirst? Wenn du als Weltherrscher kanditierst hast du meine Stimme auf jeden Fall. Die Idee an sich, der Lösungsweg, wäre eine Möglichkeit. Aber ich fürchte, dazu ist der Karren schon zu verfahren, die Hirne schon zu zäh.


Der Grund für die hohe Gewaltbereitschaft Israels als Staat ist seine permanente (und von den Arabern kräftig geschürte) Todesangst


Als Staat. Das Volk hat Todesangst, ohne zweifel, aber der Staat? Wäre dann das Verhalten Israels nicht abstrus? Wenn ich Todesangst habe, gebe ich doch dem, der mir eine Klinge an die Gurgel hält, doch das, was er haben will, und sei's ein eigener Staat. Für mich scheint es eher eine trotzig-blutige Beharrhaltung zu sein, ein ihr-werdet-schon-sehen-wie-weit-ihr-kommt. Ich meine, du kennst dich da sicher besser aus, aber aus einem Gesicht eines Sharons- den ich jetzt einfach mal als Symbol für Israel als Staat kann ich keine Angst, sondern nur halb-halb bemühte Starrköpfigkeit lesen. Agression aus Widerwillen?

Ach, ja:
....Volk Hitlers (sorry Österreich, aber der gehört jetzt uns)

Bitte, mein Herr, bedienen Sie sich ruhig, wir sind froh, wenn wir ihn auf Ihr Land abschieben können. :-D
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon razorback » 03.12.2003, 13:59

Glaubst du nicht, dass zehn Jahre arg knapp bemessen sind?
Ansonsten, tja, ob du deinen Vorschlag durchbringen wirst?


Knapp, ja, aber es ist ja auch irgendwie eilig. Aber zu Deiner zweiten Frage: Nein, das glaube ich selbstverständlich nicht. Ich habe ja nicht mal die Möglichkeit, den Vorschlag zu machen (ausser Euch - irgendwelche UN Diplomaten anwesend? :-D ). Und selbst wenn - ich glaube, nicht einmal, die (jetzige) Israelische Regierung würde da mitmachen. Das Volk vielleicht, weiss ich nicht. Aber Sharon? Alle Siedlungen räumen? Nicht mehr jeden Morgen die Köpfe von drei Plästinensern auf Silbertablettes? Wo bliebe denn da für den Mann der Spass?

Wenn du als Weltherrscher kanditierst hast du meine Stimme auf jeden Fall.


Ich komme bei Gelegenheit darauf zurück... ;-)

Als Staat. Das Volk hat Todesangst, ohne zweifel, aber der Staat?


Ich meinte tatsächlich den Staat, wobei Angst hier natürlich ein etwas unpassender Begriff ist. Aber die Drohung, der dieser Staat (und sein Volk auch, klar) sich permanent ausgesetzt sieht ist ja der, dass die Nachbarn (beziehungsweise, heute einige der Nachbarn) "die Juden zurück ins Meer" treiben wollen - also den Staat Israel auslöschen.

Das Verhalten, dass dieser Staat heute an den Tag legt wäre abstrus, wenn Dein Bild zutreffen würde (Messer an der Kehle). Es ist aber insofern falsch, als dass die Palästinenser - um im Bild zu bleiben - jemandem das Messer an die Kehle halten, dessen Kehle gepanzert ist und der in jeder Hand eine Schusswaffe hält. Und der leider zunehmend die Hemmungen verliert, mit diesen wild um sich zu ballern.

Bitte, mein Herr, bedienen Sie sich ruhig, wir sind froh, wenn wir ihn auf Ihr Land abschieben können.


Na ja, das war seine Entscheidung, nicht meine.
Ich weiss nicht, ob Ihr das in Österreich mitbekommen habt, das Zweite Deutsche Fernsehen liess dieser Tage in mehreren Sendungen und mit riesen Tätä vom Publikum den größten Deutsche aller Zeiten oder so ähnlich wählen. Da wurden peinlicherweise mal eben alle möglichen Leute eingemeindet, Mozart und Kafka zum Beispiel. Und wenn das im Guten erlaubt ist, dann erlaube ich mir eben auch, Hitler einzugemeinden, und sei es nur der Fairness halber...

Gewonnen hat übrigens Adenauer.

No comment...
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Silentium » 03.12.2003, 15:20

Falls du's genau wissen willst: die Krone, unser größtes Klatschblatt, hat empört getitelt: Die Deutschen wollen unseren Mozart klauen! :-D

Aber das passt hier nicht rein, 'tschuligung.

@topic: Egal wie dringend, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das inerhalb von zehn Jahren ginge.
Wenn's auch im Grunde wurscht ist, weil wir es leider sowieso nicht diktieren können. Und wie du schon sagst: wo bliebe da der Spaß, Ariel?
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 04.12.2003, 01:37

Hallo ihrs!

Auf einiges, was bereits diskutiert wurde, möchte ich mal eingehen.


Bei Hohmann frage ich mich ehrlich gesagt, ob er geistiger Brandstifter sein möchte oder ungebildet bis doof. Nein, man könnte die Juden selbstverständlich NICHT als Tätervolk bezeichnen, die Deutschen aber selbstverständlich schon. Die Juden, die an der russischen Revolution teil genommen haben, haben das gemacht, weil sie Kommunisten waren, nicht, weil sie Juden waren. Mit dem selben Recht könnte man Anwälte als Täterberuf bezeichnen. Die Deutschen, die Hitler gewählt oder deren (Volks-)Vertreter ihn dann an die absolute Macht gelassen haben, konnten das aber nur, weil sie Deutsche waren. Ein Franzose hätte noch so glühender Nazi sein können, er hätte einfach nicht mitwählen dürfen.


Hier möchte ich dir teilweise widersprechen, razorback. Die Deutschen kann man auch im historischen Rückblick mitnichten als Tätervolk bezeichnen. Die NSDAP erhielt bei den Reichstagswahlen 1933 43,9 %.
Zum Vergleich: Ähnliche Ergebnisse fuhr die CDU im Nachkriegsdeutschland öfter ein. Deshalb waren die damals lebenden Menschen dennoch nicht als CDU-Volk zu bezeichnen. Die Tätervolkpauschalierung halte ich für falsch, weil sie so undifferenziert ist. Es gab die Weiße Rose, die Swing Kids, das Gänge-Viertel in Hamburg, die vielen Deutschen (nicht nur Künstler) die ins Ausland gingen um im Exil gegen die Barbarei der NS-Herrschaft zu arbeiten, etc. Das waren auch Deutsche.

Der Vorwurf, der einem nun reflexartig gemacht werden kann (ich unterstelle dir nicht, dass du ihn erheben wirst) ist der, ich wolle mit diesen Ausführungen die deutsche Schuld relativieren. Ich möchte dem vorbeugen: Ich will das nicht im Geringsten tun. Dadurch, dass ich sozusagen die andere Seite erwähne, diejenigen Deutschen die sich meiner Meinung nach richtig verhalten haben als sie Front machten gegen den wahnsinnigen Barbaren Hitler samt aller die ihm hinterherliefen und sich mitziehen liessen will ich keinen Einzigen der Letzteren von seiner Schuld entlasten.

Aber ich plädiere dafür den Begriff vom "Tätervolk" ganz und gar zu streichen. Schon weil der Begriff impliziert, so etwas wie beispielsweise der Rassismus liege im Wesen oder Charakter eines Volkes. Dies ist Unsinn, wie die Geschichte zeigt und auch hier lassen sich massenweise Beispiele heranziehen. (Mussolini, Franco, Pinochet)

Dass der Rassenwahn im Deutschland der NS-Zeit seine schlimmste Ausprägung wahrscheinlich aller Zeiten fand, seit Menschen die Erde bevölkern, wird von mir natürlich nicht bestritten, sondern vehement verteten. Ferner muss ich richtiggehend würgen, wenn eigentlich gebildete Zeitgenossen mir gegenüber versuchen die NS-Zeit zu relativieren, indem sie auf die Greueltaten anderer Völker verweisen. (da ist Hohmann ja noch alberne, indem die Juden für ihn offensichtlich eine Rasse darstllen, was ein Quatsch sondergleichen ist) Und ich bin wie Du der Meinung, dass die Erinnerung an diese Zeit sehr lebendig und sehr wach erhalten sein muss. Aber den Begriff des "Tätervolkes", den halte ich wie gesagt für unangebracht, auch weil er Diejenigen ausklammert, die sich damals auflehnten, Charakter und Mut bewiesen.

Ich denke, die Problematik liegt tiefer als in dem Konsens der Nachkriegsgesellschaft, dass die NS-Zeit sich nie wiederholen darf. Ob sie in einer Instrumentalisierung durch Dritte liegt - da möchte ich mich noch zurückhalten.
Sie liegt aber vor allem nicht unerheblich in den Begriffen des "Nationalstolzes", des "Patriotismus" verborgen.
Das Verhältnis, dass man als Deutscher zu seinem eigenen Land hat ist eines der problematischsten Verhältnisse, die man als Bürger igendeines Staates auf der Welt zu seinem Land haben kann. Denn es ist immer da, dieses unwohle Gefühl, wenn man davon spricht, Deutschland, das Land in dem man geboren wurde, zu lieben, oder gar stolz auf dieses Land zu sein. Meist sichert man sich ab, so wie ich es in diesem Posting etwas weiter oben tat. Ich bin weder irgendeinem Rassenwahn verfallen noch in irgendeiner sonstigen Art verdächtig ein rechtsradikales Arschloch zu sein. Das könnten einige Dutzend Leute bestätigen, die mich kennen, zuallererst gelb. Und dennoch schreibe ich immer, wenn ich nicht in Antifa-Reflexen über mein Verhältnis zu Deutschland spreche (und ich hoffe, ich tue dies selten) gleich bei allem dazu: Ich bin kein Rechter. Ich leugne Ausschwitz nicht. Ich leugne Hitler nicht. Es gibt kaum Worte dafür, dass so etwas Widerwärtiges geschah und es darf sich niemals niemals niemals wiederholen.

Das Problem, das daraus erwächst: Es ist für einen Deutschen schwierig bis unmöglich sein Land einfach nur zu lieben, ohne gleich darauf hinzuweisen, kein Rechtsradikaler zu sein. Man muss ständig um Vergebung betteln, wenn man sagt: Ich liebe Deutschland. Ich bin stolz auf mein Land.
Ich gründe diese Behauptungen auf Erfahrungswerte von Freunden. Zugegebenermaßen nicht die sicherste Quelle. Denn ich selbst würde mich nicht als jemanden bezeichnen, der Deutschland liebt. Für mich steht da immer hinter: bedingungslos liebt!
Und das will ich nicht. Ich will mit meinem Land emotional verbunden sein und es gleichzeitig kritisch betrachten. In diesem Sinne war Heinrich Hine für mich der grösste Patriot. Ich finde es sogar ziemlich albern zu sagen: Ich liebe Deutschland. Ich bin stolz auf mein
Land.
Dennoch möchten viele das gerne so undiffernziert tun können. Viele, von denen ich weiß, dass sie völlig unverdächtig sind rechtsradikal zu sein. Doch sie können es nicht. In Dänemark sind sonntags ganze Städte mit dänischen Fahnen beflaggt, hier ist es schon schwierig in seinem kleinen Schrebergärtchen eine deutsche Fahne aufzuhängen. (dies ist nun zugegebenermaßen sehr pauschal, gibt aber die Tendenz wieder, auf die ich hinauswill)
Ich sage dazu: Wenn jemand einfach nur stolz auf sein Land sein will, ohne es kritisch zu beurteilen oder das, was man kritisieren könnte stark in seine Haltung miteinzubeziehen, dann empfinde ich dies zwar als hohl. Solange er sich aber auf dem Boden der Verfassung bewegt, dennoch tolerant und offen gegenüber anderen Landsmännern und Frauen ist - bitte, soll er es doch tun. Es kann nicht jeder - das ist jetzt aber arrogant - ein Intellektueller sein.
Ähnlich verhalten sich auch die Brasilianer. Sie sind einfach nur stolz, Brasilianer zu sein. Meist können sie es nicht mal begründen. Keiner würde sie wegen einer brasilianischen Fahne, die im Garten hängt, des Rechtsradikalismus verdächtigen. Und ich finde: Das ist gut so - denn hohler, aber ungefährlicher Nationalstolz ist mir immer noch lieber als das, was aus dem Tabu entsteht, einen derartigen Nationalstolz ausüben zu können. Aus diesem Tabu nämlich entsteht entweder eine ängstliche Nüchternheit im Verhältnis gegenüber dem eigenen Land - das ist schon schlimm.
Aber schlimmer ist der Trotz, der daraus entstehen kann. Dieses "IchwilljetztaberverdammtnochmalmeinLandliebenkönnenundjetzthängeichdieFahne
erstrechtauf."
Das führt meiner Meinung nach zu Engstirnigkeit und zu wirklich rassistischen Haltungen. Und so erreicht die antifaschistische Bewegung genau das Gegenteil.
Ich plädiere also für etwas, das unmöglich scheint: für ein Bekenntnis zum eigenen Land (wie immer es auch ausfällt - man kann ja auch sagen: ich finde mein Land nicht liebenswert, aus dem und den Grund) ohne im Falle des empfundenen Patriotismus reflexartig dem Verdacht begegnen zu müssen die Nazi-Barbarei gutzuheißen. Um nämlich die Nazi-Barbarei gutzuheißen muss man zu demagogischeren Säzen und furchterregenderen Formulierungen greifen als zu dem Satz: Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein.

Und da mein Verhältnis zu Deutschland ein ambivalentes ist und bleibt beende ich ganz unspektakuär mit diesem Satz meine Ausführungen.

MFG,

Hamburger
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon razorback » 04.12.2003, 23:34

Es ist ziemlich interessant, wie schnell wir von der Frage "Was ist Antisemitismus" zu der Frage "Was bedeutet es, Deutscher zu sein" kommen.

Was mich betrifft, Hamburger, musst Du nicht fürchten, dass ich Dich für in irgendeiner Form verachtenswert halte, weil Du für ein unverkrampftes Verhältnis zum Deutschsein eintrittst. Mit "Liebe" geht es mir wie Dir, ich kann nicht "Deutschland lieben". Der Begriff "Liebe" kommt mir für ein Land, das zu gross ist um überall "Heimat" zu sein einfach seltsam vor. Aber wer Deutschland liebt, bitte. Liebe ist ja erstmal was Schönes. Ich glaube, für jemanden, der Deutschland wirklich liebt muss es fast unmöglich sein, Frankreich oder Schweden oder Albanien zu hassen.

Für mich ist "Deutschland" zu schwammig. Ich weiss nicht, ob es in Europa ein zufälligeres Land gibt als Deutschland - es lassen sich ganz winzige Änderungen in der Geschichte denken, die dazu geführt hätten, dass es Deutschland wie wir es kennen, nie gegeben hätte, andere, die dazu geführt hätten dass es viel grösser und anders gestaltet gegründet worden wäre. Wenn man 1871 als Beginn der Vorgeschichte des heutigen Deutschland nimmt, dann sind damals viele sehr unterschiedliche Völker mit der selben Sprache in einem Staat zusammengekommen, und das merkt man bis heute. Von daher ist es für mich ebenso schwer, Deutscher Patriot zu sein wie Europäischer.

Andererseits meine ich, dass beide Arten von Patriotismus uns Deutschen gut tun würden. Ich glaube nämlich, dass wirklicher Patriotismus - im Gegesatz zu dumpfer Ablehnung der "Anderen" - eine Auseinandersetzung mit der "Patria" voraussetzt. Eine solche Auseinandersetzung - eine positive - würde aber, denke ich, zum Beispiel dazu führen, dass die antiquierte Definition von Deutschsein über irgendwelche Blutlinien als eben das erkannt würde, was sie ist - antiquiert. Ich halte "Verfassungspatriotismus" zwar auch für ein sehr theoretisches Konstrukt, aber eine Definition über gemeinsame Werte, Sprache etc. - warum nicht. Wie gesagt - für mich klappt das nicht, vielleicht noch nicht. Aber ich bin auch in den 70ern und 80ern sozialisiert worden... :-&

Was das "Tätervolk" betrifft - Dein Vorschlag, den Begriff ganz zu streichen, ist sicherlich ein guter. Aber da gelb nun einmal danach gefragt hat, ich bleibe dabei - bezogen auf die Morde im Dritten Reich sind die Deutschen ein Tätervolk. Das bedeutet für mich nicht, dass jeder einzelne Deutsche seinerzeit ein Täter war. Kar gab es Mut und Widerstand und viel passive Ablehnung. Ich bezweifle sehr, dass es jemals, hätte man gefragt, eine Mehrheit für die Massenmorde gegeben hätte. Dennoch - die Machtmittel, mit denen sie verübt wurden, waren die des Deutschen Volkes, die Täter waren - in grosser Mehrheit - Deutsche. Und die Nazis hatten niemals eine parlamentarische Mehrheit, richtig. Aber ohne die Hilfe gewählter konservativer und liberaler Volksvertreter wären sie vermutlich nie an die relative Macht gekommen und hätten ganz sicher nie die absolute Macht. erhalten. Da Du das Beispiel mit der CDU bringst - nein, die Deutschen waren damals vielleicht kein "CDU-Volk". Aber ein "Konservatives Volk" waren sie schon, oder?

Für mich sind wir Deutschen nicht "Tätervolk", weil wird irgendwie geborene Täter sind, sondern weil das Deutsche Volk als Kollektiv zum Täter geworden ist. Sicher, das ist fast jedes Volk irgendwann irgendwie. Aber eben nicht in dieser einzigartigen Weise.
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 05.12.2003, 00:25

Hallo razorback!

Selten konnte ich einen Text so klar trennen wie deinen letzten Eintrag - was die Bewertung angeht. Dem ersten (grösseren) Teil kann ich einfach nur zustimmen. Das sehen wir exakt gleich. Sogar den Verfassungspatriotismus halte ich für ein ähnlich theoretisches Konstrukt wie du.

Was das "Tätervolk" angeht, so bleibe auch ich bei meiner Meinung, da mich deine Argumente nicht überzeugen. Die Definition, die man hier am Schluss herauslesen kann, ist schon viel zu schwammig.


Für mich sind wir Deutschen nicht "Tätervolk", weil wird irgendwie geborene Täter sind, sondern weil das Deutsche Volk als Kollektiv zum Täter geworden ist. Sicher, das ist fast jedes Volk irgendwann irgendwie. Aber eben nicht in dieser einzigartigen Weise.


Das heisst, es geht nicht um die Täterschaft an sich sondern um das Ausmass der Täterschaft. Definitionen, die jedoch ihre Erfüllung oder Nichterfüllung davon abhängig machen, in welch starker Art und Weise der definierte Sachverhalt zutrifft, sind mit Vorsicht zu betrachten. Auch wenn die Taten an sich nicht zu vergleichen sind, so ist ein Mörder erstmal genauso ein "Täter" wie - sagen wir mal ein Dieb. Die moralische Bewertung was schlimmer wiegt hat nichts damit zu tun, dass der eine ein Täter ist und der andere nicht. Der Mörder hat eine schlimmere Tat begangen, grausamer, furchtbarer etc. - aber das befreit den Dieb nicht von seiner Täterschaft. (sowohl juristisch als auch moralisch gesehen)
Und wenn wir geschichtliche Beispiele heranziehen, so können wir ebenso schnell welche finden (zu den bereits genannten Diktatoren sollte man mal einen Blick nach Afrika werfen und die dort von der Welt teilweise vergessenen Schweinereien, die auch jetzt gerade stattfinden, während ich schreibe), die nicht auf dieselbe Stufe zu setzen sind wie die NS-Zeit, deren es aber wert ist gedacht zu werden da sie ebenso ihre grausame und furchterregende Dimension hatten (sowohl moralisch als auch, sehen wir unseren Rechtsstaat mal als erstrebenswerter an als deren Konstrukte, juristisch gesehen) - anders als der Diebstahl, der sich gegenüber dem Mord fast wie ein Kavaliersdelikt ausnimmt.

Etwas weiter vorne schreibst du...

Aber da gelb nun einmal danach gefragt hat, ich bleibe dabei - bezogen auf die Morde im Dritten Reich sind die Deutschen ein Tätervolk. Das bedeutet für mich nicht, dass jeder einzelne Deutsche seinerzeit ein Täter war. Kar gab es Mut und Widerstand und viel passive Ablehnung. Ich bezweifle sehr, dass es jemals, hätte man gefragt, eine Mehrheit für die Massenmorde gegeben hätte. Dennoch - die Machtmittel, mit denen sie verübt wurden, waren die des Deutschen Volkes, die Täter waren - in grosser Mehrheit - Deutsche.


Letzterer Satz macht mich stutzig. Die Machtmittel waren nicht die Machtmittel des deutschen Volkes, sondern es waren die Machtmittel des Diktatoren Hitlers und seiner NSDAP - das muss man, wie ich finde, ganz klar trennen.

Die Täter waren in grosser Mehrheit Deutsche - das stimme ich zu. Aber das macht das Volk eben für mich nicht zum Tätervolk - der von dir zugestandene Mut, der Widerstand und die passive Ablehnung werden ausgegrenzt, indem für die Deutschen, die sich so verhielten und nicht mordeten, der Begriff des Tätervolkes ebenso gelten müsste. Das halte ich nach wie vor für unangebracht.

Zum letzten Punkt...

Und die Nazis hatten niemals eine parlamentarische Mehrheit, richtig. Aber ohne die Hilfe gewählter konservativer und liberaler Volksvertreter wären sie vermutlich nie an die relative Macht gekommen und hätten ganz sicher nie die absolute Macht erhalten. Da Du das Beispiel mit der CDU bringst - nein, die Deutschen waren damals vielleicht kein "CDU-Volk". Aber ein "Konservatives Volk" waren sie schon, oder?


Zu ersterem Teil ist die Frage zu stellen, ob die gewählten Volksverteter der Liberalen und Konserativen hier den Wählerauftrag richtig gedeutet haben. Ich möchte behaupten: NEIN
Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der konserativen oder liberalen Wähler - weder bei den Reichstagswahlen 1933 noch sonstwann davor - ihre Stimme ihren Parteien gaben, damit Hitler am Schluss gar sein Ermächtigungsgesetz durchsetzt.
Dieses Verhalten der Volksvertreter der Liberalen und Konserativen stand also in diametralem Widerspruch zu den Intentionen ihrer Wähler - was den Begriff des "Tätervolkes" für ihre Wähler infrage stellt.
Die SPD kann übrigens, wie ich finde, noch heute stolz sein, dass sie die einzige Partei war, die dem Ermächtigungsgesetz nicht zustimmte. Dies wird immer eine der grössten geschichtlichen Heldentaten dieser Partei bleiben.

Zu letzterem Teil: Na ja, so klar waren die Mehrheiten (ausser in Adenauers Anfangszeit) für die CDU auch nicht. Die FDP spielte den Mehrheitsbeschaffer und die SPD konnte immerhin regelmäßig circa ein Drittel des Deutschen Volkes für sich begeistern. Da ich liberal und konserativ nicht als Symbiose begreifen und daher trennen würde, würde ich bis 1966 höchstens von einem "mehrheitlich zum Konserativismus tendierenden Volk" sprechen wollen. Seitdem gab es keine absolute Mehrheit mehr für die CDU in diesem Land - und ich glaube das spricht gegen die These eines konserativen Volkes.
Das Bayern der Jetztzeit, das würde ich als konseratives Völkchen bezeichnen...
:-D
2/3 Mehrheit - das ist schon ein Quroum, dass diese These rechtfertigt.
:-D
Kennt ihr übrigens die Trennung zwischen "reaktionär" und "konserativ"? Bringen wir die noch ins Spiel (soll ich?) bricht deine These diesbezüglich vollends zusammen und das deutsche Volk war ein reaktionär-konserativ-demokratisches Volk mit leichten liberalen Einsprengseln - bis die Grünen kamen.

MFG,

Hamburger
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon razorback » 05.12.2003, 02:44

Hmmm... ich glaube, wir steigen hier langsam in die Quantenmechanik der politischen Dialektik ein. Ich finde auch, dass es einen Unterschied gibt, ob ein Volk "konservativ" ist (ich) oder "mehrheitlich zum Konservativismus neigt" (Du). Andererseits - wie bedeutsam ist der Unterschied für das Thema, das wir diskutieren? ;-)

Begeben wir uns auf ein sichereres Feld - die historische Mutmaßung :-p . Tatsächlich glaube ich, dass Du recht hast, was den Januar 1933 betrifft - weder die Konservativen, noch ihre Wähler wollten die Herrschaft (!) der Nazis. Was sie wollten - das ist durch die berühmten Zitate hinlänglich belegbar - ist eine Art Faschismus, in der Hitler als massenwirksames Aushängeschild fungiert. Was allerdings das Ermächtigungsgesetz und die nachfolgende Gleichschaltung angeht, da wäre ich vorsichtiger. Auch wenn wir es uns kaum vorstellen können - es scheint, als sei die damalige Mentalität dem totalen Anspruch der NSDAP entgegengekommen. Zeitgenössische Schilderungen belegen dies, als Beispiel fällt mir spontan Haffners "Geschichte eines Deutschen" ein (sorry, aber mehr Quellen mag ich nachts um 1 nicht suchen ;-) )

Letztlich haben sich die Deutschen ziemlich einfach überrennen lassen und ziemlich geduldig gefügt, von einzelnen Heldentaten abgesehen. Ich mache das niemandem zum Vorwurf - ich bin nicht sicher, ob ich zu dieser Zeit den Weitblick gehabt hätte, zu erkennen, was da um mich herum passiert (in der Anfangszeit, meine ich) und ich bezweifle sehr, dass ich unter den Bedingungen eines Terrorregimes den Mut zum Widerstand gehabt hätte. Aber indem ich mich für mein Leben und meine Unversehrtheit entschieden hätte (wovon ich ausgehe) hätte ich mich eben gegen das Leben und die Unversehrtheit meines jüdischen Nachbarn entschieden. Das es auch anders geht, hat - unter etwas anderen Vorzeichen - zum Beispiel ab 1936 ein Teil des spanischen Volkes bewiesen. Sicher - die Linke hat den Bürgerkrieg verloren (nicht zuletzt durch Selbstzerfleischung), aber sie hat ihn immerhin geführt. Ein Spanier, der im Bürgerkrieg gekämpft und verloren hat, kann sich für meine Begriffe eher von Franco lossagen, als ein Deutscher der die "innere Emigration" wählte von Hitler.

Die Machtmittel... Die Nazis nutzten deutsche Infrastruktur, deutsche Wirtschaft, deutsche Waffen und deutsches Personal. Ich würde das schon als "Deutsche Machtmittel" bezeichnen.

Beim "Tätervolk" kommen wir wieder zu Fragen der Begriffsdefinition...
Ich bleibe bei meiner Definition - ein Volk, dass eine Tat mehrheitlich mitträgt oder ermöglicht ist in Bezug auf diese Tat "Tätervolk". Was die Deutschen in dieser Hinsicht zu etwas besonderem macht, ist die Ungeheuerlichkeit ihrer Tat.

Ursprünglich ging es ja um Hohmann und die Aussage (frei zitiert): "Wenn die Deutschen Tätervolk in Bezug auf den Holocaust sind, könnte man die Juden auch als Tätervolk in Bezug auf bolschewistische Verbrechen bezeichnen". In Hohmanns Definition (die er ja nur aufstellt, um sie danach abzulehnen) ist der Holocaust eine deutsche Tat, der Bolschwismus eine jüdische (ganz oder teilweise). Der Fehler liegt in der Gleichsetzung. Selbst wenn die Juden ein Volk sind (was zu diskutieren wäre, ich bin mir nicht sicher), haben die Kommunisten jüdischer Herkunft (von Glauben zu sprechen ist bei Kommunisten ja problematisch) nicht als Juden gehandelt, sondern eben als Kommunisten. In Russland hat es über diese Frage einen Bürgerkrieg gegeben, und der verlief nicht Juden gegen andere, sondern Rot gegen Weiß. Hohmann greift hier ganz tief in die Kiste der Geschichtsklitterung, bis hin zur alten Rede vom "jüdischen Bolschewismus". Vom "deutschen Nationalsozialismus" zu sprechen ist dagegen durchaus berechtigt.

Ich vermute, in Bezug auf die Definition von "Tätervolk" werden wir uns nicht einig. Aber vielleich soweit: In Bezug auf die Deutschen und die Verbrechen der Nazizeit definiert Hohmann (grob) einen Begriff von Tätervolk, um ihn dann abzulehnen. Du lehnst diesen Begriff in diesem Bezug ebenfalls ab, ich nicht (das macht Dich nicht zu einem Parteigänger Hohmanns!). Diesen Begriff aber - bezogen auf den Bolschewismus - auf die Juden zu übertragen, ist in jedem Falle falsch.

Gute Nacht und so :-)

Razorback

Und ihr anderen - wenn Hamburger und ich Euch langweilen, dann klinkt Euch ein und gebt der Diskussion eine neue Richtung ;-)
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 05.12.2003, 13:47

Hallo razorback!

Tja, bevor wir auf die anderen warten, die der Diskussion dann eine neue Richtung geben, gebe ich jetzt noch ein Statement zu unserer Diskussion ("Quantenmechanik der Dialektik" - gefällt mir) ab und lenke dann die Aufmerksamkeit woanders hin, was nicht heissen soll, dass wir beide nicht weiterdiskutieren könnten solange es uns Spass macht. Vielleicht steigt ja doch noch jemand mit ein.
Also, ich fange mal oben an. Der von mir benannte Unterschied ist schon wichtig, da er eine differenziertere Betrachtungsweise ermöglicht. "Ein konseratives Volk" - sorry, das ist eine in meinen Ohren sehr grobe unzutreffende Pauschalierung. Vor allem steht sie vielen CDU-Wählern viel zu gut an, denn ich wage es jetzt mal und bringe noch den Begriff "reaktionär" ins Spiel. Ein Konserativer, das ist für mich jemand der sich gewisse Werte niemals abkaufen lässt (z.B. "Familie" als Mittelpunkt des Lebens), aber offen und tolerant ist gegenüber anderen Lebensformen, wenngleich er niemals so leben würde. Er bewahrt seine Werte und tritt für sie ein, ohne andere Werte zu verdammen.
Ein Reaktionärer, und davon gab es gerade in Adenauers Zeit verdammt viele, versucht nicht nur alle übigen Zeitgenossen von seinen Werten zu überzeugen. Wer unverschämterweise bei seinen abweichenden Werten bleibt, der begegnet völliger Intoleranz. Ferner möchte ein Reaktionärer das Rad der Geschichte, wenn möglich, gerne zurückdrehen. Um bei meinem Beispiel zu bleiben: Grosse Teile der CDU haben längst akzeptiert, dass die Familie nicht mehr bei allen Bürgern wie selbstverständlich der Lebensmittelpunkt ist, wenngleich sie so deutlich wie möglich machen, dass er es für sie
immer noch ist.
Aber selbst in der heutigen CDU gibt es einen reaktionären Rand, der gerne die Frau wieder an den Herd zurückholen und alle Homosexuellen zum Teufel schicken würde.
Führt man noch diese Differenzierung ein, dann kann man einfach nicht mehr vom Konserativismus des deutschen Volkes sprechen, wenngleich es schön wäre, man könnte es. Denn Reaktionäre sind so ziemlich das Widerlichste was ich mir vorstellen kann. Sie sind dogmatisch, igitt, und haben somit mit der katholischen Kirche einiges gemeinsam.

Was sie wollten - das ist durch die berühmten Zitate hinlänglich belegbar - ist eine Art Faschismus, in der Hitler als massenwirksames Aushängeschild fungiert. Was allerdings das Ermächtigungsgesetz und die nachfolgende Gleichschaltung angeht, da wäre ich vorsichtiger. Auch wenn wir es uns kaum vorstellen können - es scheint, als sei die damalige Mentalität dem totalen Anspruch der NSDAP entgegengekommen.


Da müsste ich Quellenkunde betreiben. Konserative (hast du die Liberalen gleich mitgemeint?) stellen das natürlich im historischen Rückblick anders dar. Worin unterschiedet sich denn diese Art Faschismus von dem dann später praktizierten? Ich habe deine Darstellung so verstanden: Die Konserativen wollten eine Art Faschismus für Arme. Keine Weltherrschaft, keine Kriege, einfach nur ein faschistisches Regime. Das kann ich jetzt weder bestätigen noch dementieren. Wäre wirklich schön, wenn du da noch Quellen hättest. Ich werde mich mal einlesen.
Was das Ermächtigungsgesetz angeht: Da bin ich nun wieder etwas vorsichtiger. Denn wie weit die Mentalität auch den Boden bereitete, den Selbsterhaltungstrieb der Parteien wird sie doch wohl nicht besiegt haben. Keine Partei wird gewollt haben, dass sie in letzter Konsequenz verboten wird. Vielleicht glaubten die Konserativen und Liberalen tatsächlich an Hitlers Zusicherung, das Ermächtigungsgesetz nur bdingt einzusetzen - hier bewege ich mich nun wieder auf dem Feld der historischen Mutmaßung. Aber das, was folgte, können auch sie nicht gewollt haben.
Ich würde eher sagen: Sie hatten ähnliche Gewissensbisse wie die SPD und die Kommunisten. Doch sie standen nicht dazu, so wie es Otto Wels in seiner Rede gegen das Ermächtigungsgesetz eindrucksvoll tat.
(den Kommunisten kann man nicht vorwerfen, dass sie im Reichstag nicht dagegen sprachen, da ihre Sitze vorher annuliert worden waren)
Aber ich kan mich irren. Daher nochmals: Bitte ein paar Quellen. Ich such mir dann ein paar Contra-Quelen :-D


Zur Definition des "Tätervolkes"...



Beim "Tätervolk" kommen wir wieder zu Fragen der Begriffsdefinition...
Ich bleibe bei meiner Definition - ein Volk, dass eine Tat mehrheitlich mitträgt oder ermöglicht ist in Bezug auf diese Tat "Tätervolk". Was die Deutschen in dieser Hinsicht zu etwas besonderem macht, ist die Ungeheuerlichkeit ihrer Tat.


...Ich kann das zwar nicht unterschreiben, mache dich aber auf die Konsequenzen dieser Definition aufmerksam. Was du sagst heisst übersetzt: Alle Völker sind in bestimmten historischen Zeitabschnitten Tätervölker gewesen. Die Deutschen waren allerdings ein ganz ungeheuerliches Tätervolk im schlimmsten historischen Zeitabschnitt (NS-Zeit) aller Zeiten.

Wenn das so gemeint ist kann ich das zwar nicht mittragen, weil ich die Tätervolkpauschalisierung nach wie vor ablehne, aber deine Definition ist smit frei von inneren Widersprüchen. Wenngleich ich sie dennoch zu relativierend finde, auch wenn man sie teilt. Denn der Begriff des Tätervolkes fasst hier nicht die furchtbare Dimension der NS-Zeit. Denn alle sind irgendwie Tätervölker. Also brauchst du den Zusatz des Ungeheuerlichen - welcher dir auch ohne die Verwendung des Begriffes "Tätervolk" zur Verfügung gestanden hätte.

Dass die Deutschen sich einfach überrennen liessen und es nur einzelne Heldentaten gab, das sehe ich nun wiederum anders. Vor allem, weil ich mich sehr schwer mit der Fage tue, wie schwer die Schuld eines Mitläufers im Vergleich zu der beispielsweise eines KZ-Aufsehers wiegt.
Auch halte ich die von mir genannten Beispiele (Weiße Rose, Swing Kids, Gänge Viertel, Exilanten) nicht für einzelne Heldentaten.
Da man selbst nicht weiß, wie man gehandelt hätte fällt es mir irgendwie auch schwer denen, die damals dabei waren und mitliefen oder die innere Emigration wählten das vorzuwerfen. Doch ich kann es auch auf gar keinen Fall gutheissen. Ich finde es schecklich und zweifle, habe hier keine eindeutige Position.

Zu den Machtmitteln:

Das meinte ich anders. Ich meinte: Diese deutschen Mittel wurden in der Hand der Nazis pervertiert. Allerdings hat meine Position hier die inhaltliche Schwäche, das man "deutsches Personal" nicht einfach pervertiert. Ein Mensch ist, oh Wunder, keine Maschine und kann selbst denken. Ihm sollte es nicht egal sein, wer ihm welche Anweisungen gibt und was die für Konsequenzen haben werden. Wobei wir wieder bei der Frage der Schuld wären.

Zu Hohmann:



Ich vermute, in Bezug auf die Definition von "Tätervolk" werden wir uns nicht einig. Aber vielleich soweit: In Bezug auf die Deutschen und die Verbrechen der Nazizeit definiert Hohmann (grob) einen Begriff von Tätervolk, um ihn dann abzulehnen. Du lehnst diesen Begriff in diesem Bezug ebenfalls ab, ich nicht (das macht Dich nicht zu einem Parteigänger Hohmanns!). Diesen Begriff aber - bezogen auf den Bolschewismus - auf die Juden zu übertragen, ist in jedem Falle falsch.


Hier stimme ich deiner Analyse hundertprozentig zu. Besonders witzig ist übrigens, wie Hohmann nachher tatsächlich "Tätervolk" definiert. Das "Tätervolk", das sind die Gottlosen. Seine Konsequenz: Nur der Katholizismus kann uns retten. Das hätte das 20.Jahrundert bewiesen. Na Prost Mahlzeit -muss man bei solchen Thesen noch Gegenbeispiele anbringen?


Nun möchte ich deine - und natürlich euer aller Aufmerksamkeit, die ich euch mit meinen weitschweifigen Ausführungen langweile auf Punkt 4 von Dirks Mail richten. Ich möchte hier seine Aussage unterstützen. Wo ist eigentlich die Verhältnismäßigkeit des Antisemitismusvorwurfs geblieben? Von welchen Stammtischen ist die Rede? Was lernt denn der Nebenfachphilosophiestudent gleich im ersten Philosophiekurs? Genau: Induktivschlüsse sind nicht wahrheitserhaltend, selbst wenn sie von wahren Prämissen ausgehen.

Ergo: Hohmann = Antisemit heisst nicht "Stammtische werden antisemitischer"
oder "Volk rennt massenweise zu Stammtischen und quatscht antisemitischen Unsinn"
Verwunderlich auch, aus welchen Indikatoren das sonst noch abgeleitet wird? Besucht das heute-journal nach Äusserungen wie denen von Hohmann die Stammtische im gesamten Bundesgebiet und fragt: Ist Antisemitismus wieder salon-, kneipenfähig? Oder berufen sie sich zumindestens auf Studien? (interessante Aufgabe für Soziologen mit dem Schwerpunkt Methodologie und Datenverarbeitung: a)welche Kriterien in einer Gesellschaft weisen auf steigenden Antisemitismus hin
b) wie mißt man diese Kriterien?)
Im Gegenteil: Eine Aussage genügt und die Diskussion geht los. Fast ohne empirische Basis. Was hat das eigentlich noch, so möchte ich fragen, mit der Informationspflicht der Medien zu tun?

MFG,

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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon gelbsucht » 14.12.2003, 02:07

Hochverehrte Diskutanten!

@razorback und Hamburger
Verzeiht mir, wenn ich auf euren Exkurs zum "Tätervolk" und der Problematik der "Vaterlandsliebe" nicht eingehe. Dieser Diskurs ist sicherlich auch sehr interessant, aber ich bin jetzt einfach mal so frei, ziehe hier eine scharfe Grenze und sage: "Das gehört nicht zum Thema!". Ich wäre euch dankbar, wenn wir zu dem Komplex "Antisemitismus und Nahostkonflikt" zurückkehren könnten, der schon für sich recht unüberschaubar und vertrackt ist.

Ich möchte vor allem auf razorbacks erste Antwort und seine Vorschläge zu einer möglichen Lösung des Nahostkonfliktes eingehen. Habe mich allerdings entschieden meine Antwort auszulagern und dafür ein neues Thread aufzumachen, da sie etwas differenzierter und ausführlicher ausgefallen ist ("etwas" ist vielleicht etwas untertrieben).

Siehe "Selam und Schalom"
http://www.literaturforum.net/viewtopic.php?t=517

@all
Ich hoffe auch, dass sich vielleicht noch ein paar andere zu dem Thema äußern. Daran bin ich nämlich am meisten interessiert! Vielleicht auch oder gerade, wenn ihr euch mit dem Thema bisher nicht so intensiv auseinandergesetzt habt. Denn, dass Razorback und Hamburger auf dieses Thema "anspringen" würden, dessen war ich mir bereits im vorhinein sehr sicher. Und lasst euch dabei auch nicht von der Länge der Beiträge abschrecken! Hier zählt jede Meinung, auch wenn sie nicht so breit und ausführlich ausfällt. Versucht es einfach mal!

;-) gelb :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 25.12.2003, 18:08

Hallo zusammen,

ich halte es für sinnvoll einmal eine Strukturanalyse der Rede von Martin Hohmann vorzunehmen – und zwar bewusst ohne Wertung. Ich würde gerne darüber diskutieren, wie ihr die Argumentationsstruktur und die Argumente seiner Rede beurteilt. Setzt bitte meine in diesem Fall versuchte Sachlichkeit nicht mit einer Zustimmung zu seiner Rede gleich.
Ich glaube, das Aufzeigen des Musters, nach denen solche – wie Martin Hohmann sich selbst bezeichnet - „Nationalkonserative“ vorgehen ist wichtig um in Diskussionen mit Ihnen klarer zu sehen. Es ist für mich unzureichend einfach „nur“ zu schreiben, diese Rede ist peinlich und/oder „gewisse Stellen“ zu zitieren, wenngleich ich keinem hier vorwerfen will, sich bezüglich dieses Komplexes nicht mehr Arbeit gemacht zu haben.
Ich will einfach nur sagen, dass die Strukturanalyse ein wichtiges Element ist und spreche daher jetzt nur noch zur Sache selbst.


Thema der Rede: „Gerechtigkeit für Deutschland“ (offiziell) und „Das Selbstbild der Deutschen“ (inoffiziell).

Beginn: 3 Beispiele für Ungerechtigkeiten, die in Deutschland geschehen:

Beispiel 1: Der „Kalif von Köln“ (gemeint: Metin Kaplan) wird nach Verbüßung seiner Haftstrafe nicht in die Türkei ausgewiesen, obwohl er ein „verurteilter türkischer Mordanstifter“ ist. Er bezieht in Deutschland Sozialhilfe.

Beispiel 2: Der Rentner Rolf J, von der BILD-Zeitung als „Miami-Rolf“ bezeichnet, bezieht insgesamt 1.425 Euro Sozialhilfe, die nach Florida überwiesen werden. Diese Entscheidung des zuständigen Gerichtes stützt sich auf ein psychatrisches Gutachten.

Beispiel 3: Einem 54jährigen hessischen Sozialhilfeempfänger darf laut Gerichtsurteil das Potenzmittel INY WEENY TEENY WEENY!!! vom Sozialamt nicht grundsätzlich verweigert werden.

Zusatz: Jeder kennt Menschen, die den Staat ausnutzen - diese haben in der Regel kein schlechtes Gewissen – Staat ist mitschuldig, weil er das Anspruchsdenken verstärkt hat – dabei muss das Geld für die Sozialhilfe erst von arbeitenden Menschen erarbeitet oder der jungen Generation in Form von Staatsschulden aufgebürdet werden.

Forderung: Der Gemeinschaftssinn, das Abklopfen der eigenen Pläne auf Gemeinschaftsnützigkeit, muss gestärkt werden.

Zusatz: die finanziellen Mittel in Deutschland sind knapp – ein Sparkurs ist nötig, es geht aber ungerecht zu (siehe Beispiel von Millionenabfindungen für Manager).

Wendung: besonders im Verhältnis des Deutschen zu seinem Staat existieren „Gerechtigkeitslücken“.

Behauptung: Wer als „normaler Deutscher“ seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt, arbeitet und Kinder großzieht ist der Dumme. Dieser „normale Deutsche“ wird über die Steuerlast und sonstige Abgaben gemolken. Als Deutscher in Deutschland genießt man leider keine Vorzugsbehandlung. Dies beweisen drei Beispiele:

1. Die Bundesregierung zahlt weiter einen konstanten EU-Beitrag nach Brüssel

2. Die Bundesregierung setzt sich nicht für eine Entschädigung deutscher Zwangsarbeiter ein, obwohl ausländische und jüdische Zwangsarbeiter mit 10.Milliarden DM entschädigt wurden.

3. Die Bundesregierung senkt nicht das Entschädigungsniveau für - vor allem – jüdische Opfer des Nationalsozialismus.

Schlussfolgerung: Erst kommen die anderen und dann wir. Zu viel Geld geht ins Ausland, welches den Deutschen in Deutschland fehlt.

Wunsch: Es sollte sein wie in anderen Ländern. Da kommen erst die eigenen Staatsbürger. Wenn das schon nicht geht, dann sollte wenigstens eine Gleichbehandlung von Ausländern und Deutschen stattfinden.

Wendung: Viele behaupten, Ursache dieser „Schieflage“ (er meint, dass man als Deutscher im eigenen Land schlechter behandelt wird als die anderen) ist die deutsche Geschichte.

Abgrenzung: Hitler und der Nationalsozialismus – das kann nicht vergessen gemacht werden und war falsch („einzigartige Untaten“, „Hitler als Vollstrecker des Bösen“)

Zusatz: Aber auch Deutsche waren im letzten Jahrhundert Opfer. Dies wird leider tabuisiert mit reflexartiger Beschwörung der Gefahr des Aufrechnens.

Abgrenzung: Die NS-Vergangenheit wird leider immer noch von „Adepten (gemeint sind damit „Schüler, Anhänger einer Lehre“) am rechtsextremen Rand“, beschworen. Diese treten agressiv auf, sind nicht zu verharmlosen, aber solche „Dumpfbacken“ werden erfreulicherweise kaum gewählt. Scheitern des NPD-Verbotes ist ein Vorteil – so kann sich das Wahlvolk weiterhin vom „braunen Abhub“ distanzieren.

Forderung: Rechtsextremismus muss bekämpft werden wie Linksextremismus – hat z.B. funktioniert beim Kampf des Staates gegen die RAF.

These: Schwere Sorgen machen nicht die „brauenen Horden“, sondern „eine allgegenwärtige Mutzerstörung im nationalen Selbstbewusstsein“, hervorgegangen aus dem Vorwurf ein „Tätervolk“ zu sein.

Vergleich: Andere Nationen deuten die dunklen Seiten ihrer Geschichte um (französische Revolution brachte Massaker, Napoleons Kriege töteten Millionen) – nur die Deutschen beharren „fast neurotisch auf der deutschen Schuld“ (Joachim Gauck) - sie forschen, was die NS-Zeit angeht, immer weiter.

Schlussfolgerung: Die Rollenverteilung lautet: Die Deutschen sind die größten Schuldigen aller Zeiten, die anderen Nationen sind moralisch überlegen.

Vorwurf: Wer diese Rollenverteilung nicht akzeptiert bekommt gesellschaftliche Schwierigkeiten.

Zwei Fragen: Wir Deutschen müssen die Wahrheit (NS-Zeit) aushalten, aber wird dieser Teil der Geschichte nicht durch übermäßiges Hervorholen („Übermaß der Wahrheiten“)
a) instrumentalisiert?

und kann er nicht
B zu einer inneren Abwehrhaltung bei den Deutschen führen? (Verweis auf die Beachtung, die die Goldhagen-Thesen vom ganzen deutschen Volk als „Mörder von Geburt an“ fanden)

Behauptung: Gerade junge Menschen lehnen sich gegen die „Tätervolk-These“ auf. Deutschland hat sich mit der Hitlerzeit „in einer einzigartigen, schonungslosen Weise“ beschäftigt, sie aufgearbeitet und Entschädigungen geleistet, auch wenn das Leid finanziell gar nicht wieder gutgemacht werden kann (Verweis auf Vertrag zwischen Deutschland und Israel).

Wendung per Frage: Hat auch die jüdische Geschichte dunkle Seiten oder waren die Juden immer nur Opfer?

Berufung auf Henry Fords Buch von 1920 – dessen Thesen: Juden waren „Weltbolschewisten“ und „Revolutionsmacher“ – bezogen auf Deutschland, Russland und Ungarn. Judentum und Kommunismus bzw. Bolschewismus waren deckungsgleich.
(Verweis auf Zitate von Juden, die sich für den Sozialismus einsetzten wie Felix Teilhaber, eine unbenannte jüdische Frauenforscherin, Kurt Eisner, Leo Rosenberg)

Statistik: im 7-köpfigen Politbüro 1917 waren 4 Juden, unter 21 Mitgliedern des revolutionären Zentralkomitees 6. Auch nicht in der Sowjetunion lebende Juden waren Führungskräfte des Kommunismus, so wie Ferdinand Lassalle, Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg.
1924 waren von sechs KP-Führern in Deutschland 4 jüdisch, in Wien von 137 führenden Austro-Marxisten 81 , in Ungarn von 48 Volkskommissaren 30. 39 % der Tscheka-Führer bei der sowjetischen Geheimpolizei waren ebenfalls jüdisch, in der Ukraine waren sogar 75 % der Tschekisten Juden.
Außerdem: Ein Jude (Swerdlow) ordnete und ein anderer Jude (Jurowski) beging den Mord am Zaren Nikolaus II. Leo Trotzki hatte eine Leitungsfunktion in der kommunistischen Bewegung der UDSSR, Bela Kun in Ungarn – beide ebenfalls Juden.
Zusätzlich gab es in der Münchner Räterepublik viele jüdische Führungspersönlichkeiten (z.B. Eisner, Levine, Achselrod).
Ende April 1919 wurden sieben Mitglieder der „Thule-Gesellschaft“ von Rotgardisten erschossen – was laut Londoner Times (5.Mai 1919) „zu giftigem Antisemitismus führte“ und „lang nachwirkende Rachegelüste“ erzeugte.

Weiterer Aspekt: Der revolutionäre Eifer und die Entschlossenheit der jüdischen Kommunisten war groß (Verweis auf die Zitate von Koritschoner, Sinowjew, Wolodarski und Rosenberg).

Statistik (nach Churchill 1930): Den Sowjets fielen bis 1924 28 orthodoxe Bischöfe, 1.219 orthodoxe Geistliche, 6.000 Professoren und Lehrer, 9.000 Doktoren, 12.950 Grundbesitzer, 54.000 Offiziere, 70.000 Polizisten, 193.000 Arbeiter, 260.000 Soldaten, 355.000 Intellektuelle und Gewerbetreibende sowie 815.000 Bauern zum Opfer. Zusätzlich starben bei der Zwangskollektivierung der Ukraine „unter maßgeblicher Beteiligung jüdischer Tschekisten“ über 10 Millionen Menschen.

Behauptung: Bolschewismus war antikirchlich und antichristlich!

Statistik (Quelle: russische Behörden): zwischen 1917 und 1940 wurden 96.000 orthodoxe Christen, „darunter Priester, Diakone, Mönche, Nonnen und andere Mitarbeiter“, verhaftet und erschossen.
Weitere Behauptung: Die religiösen Juden in der Sowjetunion leugneten ihr Judentum und wurden von den Bolschewisten verfolgt, an der Spitze der bolschewistischen Bewegung standen Juden (Beispiel Leo Trotzki), die ihr Judentum leugneten.

Berufung auf Aussagen des US-Präsidenten Woodrow Wilson (1919): Juden haben stark und nachhaltig die revolutionäre Bewegung in ganz Russland geprägt. Die bolschewistische Bewegung ist „jüdisch geführt“.

Schlussfolgerung (unter Vorbehalt): Man könnte die Juden nun „mit einiger Berechtigung“ als „Tätervolk“ bezeichnen. Das würde „der gleichen Logik folgen“ wie die Bezeichnung der Deutschen als „Tätervolk“.

Einschränkung: „Verbindendes Element des Bolschewismus und des Nationalsozialismus“ war ihre „religionsfeindliche Ausrichtung und ihre Gottlosigkeit. Die Juden, die sich dem Bolschewismus und der Revolution verschrieben hatten, hatten zuvor ihre religiösen Bindungen gekappt.“ Ähnliches galt für die Nationalsozialisten und deren gekappter Bindung zum Christentum.

Verneinung der letzten Schlussfolgerung mit Aufhebung des Konjunktivs durch eine an deren Stelle gesetzte Schlussfolgerung: „Die Gottlosen mit ihren gottlosen Ideologien – sie waren das „Tätervolk“ des letzten, blutigen Jahrhunderts.“ Sie setzten sich aufgrund ihrer Gottlosigkeit über das Gebot „Du sollst nicht morden“ hinweg.

Plädoyer: Rückbesinnung auf religiöse Wurzeln und Bindungen zur Verhinderung ähnlicher Katastrophen ist angebracht. „Die christliche Religion ist eine Religion des Lebens“ (Verweis auf Christus` Zitat) – nicht nur im Jenseits, auch im Diesseits.

Anhang: Deshalb muss der Gottesbezug in die europäische Verfassung.

Endgültige Schlussfolgerung: Die Deutschen sind kein „Tätervolk“ – „unser Leitspruch sei: Gerechtigkeit für Deutschland, Gerechtigkeit für Deutsche.“
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 25.12.2003, 21:53

Wieso ist eigentlich jedes kleine B ein Smiley, egal was ich mache?
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Re: "Ich bin kein Antisemit, aber ..."

Beitragvon Hamburger » 23.01.2004, 17:38

Wenn es erlaubt ist, dann hier noch ein Nachtrag zur Tätervolkdebatte. "Tätervolk" ist das Unwort des Jahres 2003, ausgewählt aus über 1000 Vorschlägen. Unter anderem deshalb, weil es eine Kollektivschuld eines Volkes niemals geben könne.

Tja razor - was sagst du jetzt?

P.S.: Wirst ja wohl nicht an der Kompetenz der Jury zweifeln wollen, oder...obwohl sie fälschlicherweise auch behauptet, Hohmann habe die Juden als "Tätervolk" bezeichnet. Glaube, die haben dieses Machwerk von Rede gar nicht gelesen - aber macht nicht gerade das sie symphatisch?

MFG,

Hamburger
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