Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
Pentzw
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Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Pentzw » 05.12.2011, 12:34

Worte, verstreut geworfen
wie Sand auf Papier –
glitzerndgleich Goldplättchen!

Gedanken, strömend im Wasser,
Wellen Worte krausend –
wer begreift sie jemals?

Gefühle, vorbeistürzend
wie geblähte Wolken –
nicht mehr erinnerlich.

Impulse, verstreut liegend
im Lawinengeröll –
wer spürt den Spuren nach?

Körper, verscharrt verwest
in einem Massengrab -
wer zündet ein Licht an?

shuya
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon shuya » 05.12.2011, 15:55

Körper, verscharrt verwest
in einem Massengrab -
zünde Du ein Licht an!


ohje.. ich weiß es ist gut gemeint
aber im Kontext der Todesfuge & dem WW2 vielleicht doch ein wenig unglücklich geraten.

Gedanken, strömend im Wasser,
Wellen Worte krausend –
wer begreift sie jemals?

Celan war kein so Dadaistischer Schreiberling, dass es nicht möglich wäre seine Intention nachzuvollziehen.
Was ich bis dato von ihm gelesen habe, war recht einleuchtend
er hat ja zumeist geschrieben um begriffen zu werden (auch wenn natürlich jeder etwas eigenes begreift, die Sprache bedingt eine Beschneidung der Gedanken)

Ich finds an sich super an Celan eine Hommage zu schreiben,
aber mir persönlich fehlt da eine Menge und da ist auch zu vieles Austauschbar,
die meisten Sätze könnte man auf so ziemlich jeden semi-guten Autor anwenden ohne dass das groß auffallen würde.
Die Frage ist doch: Wo ist Celan wirklich in dieser Hommage? Ich hoffe nicht nur im Massengrab, das wäre eine traurige Bilanz für eine Ode.

Pentzw
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Pentzw » 05.12.2011, 16:32

gratulation, dass du celan so mühelos verstanden hast. es klingt so, als ob es den meisten so ginge und ich einer der wenigen bin, dich nicht.
"jenseits der menschen", diesen wichtigen begriff von ihm, mit solch erbitterter schärfe von erich fried und anderen attackiert, passt nicht zu wellenden worten, die kaum zu be(er)greifen sind?
ich gestehe, ich verstehe keine 90 prozent von celan, wiesehr ich ihn immer wieder lese und versuche zu verstehen, aber diese wenigen 10 prozent verstehe ich und das was ich da verstehe, ist wunderbar und hat mich zu dem gedicht animiert, nur halt bin ich ein semi-professioneller autor und kann es anders nicht ausdrücken. aber in diesem gedicht ist für mich paul celan enthalten.
gruß
w.pentz

shuya
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon shuya » 05.12.2011, 17:08

Naa, von mühelos war ja gar nicht die Rede.
Ich hab 5 Jahre allein vor der Todesfuge gebrütet bis sich dieses rätselhafte Gefühl das sich beim Lesen einstimmt für mich persönlich (natürlich nicht für den Rest der Welt) langsam zu einem Bild gefaltet hat.

Ich denke dann, dass unsere Wahrnehmung von dem was eine Hommage braucht um zu funktionieren, an der Stelle dann einfach auseinandergeht.
Das ist ja nichts schlimmes, ich wollte mitnichten vernichtend (hehe, seltsame dopplung) klingen.
Zumal ich ja gar nicht gesagt habe es sei NICHT vollends zutreffend
am End' nur, m.E., austauschbare Statements die man beinahe jedem gegenüber anwenden könnte.
Das Problem beim Öffentlich machen von Texten (oder Kunstwerken)
ist: der Öffentlichkeit ist der persönliche Bezug des Autors oder Künstlers zu einzelnen Sätzen oder Statements nicht klar ersichtlich
die logische Konsequenz, dass kodiertes Verständnis eben unverstanden bleibt und damit untergeht..
wir als Leser können nur damit arbeiten
- was der Text uns offeriert.

Klar schreibst du so einen Text nicht ohne Grund, sondern aus der Auseinandersetzung mit Celan heraus
und ich denke es steht nicht zur Debatte, dass du dir Gedanken zu dem Mann gemacht hast und dass es einen Grund hat warum du über Celan schreibst, statt über Mann, Tolstoi oderoder
das will ich keineswegs bezweifeln (und das kann ich auch gar nicht, weil wir uns nunmal nicht kennen)
mein Punkt bezieht sich also nur auf das was der Text mir gibt
und das wäre mir persönlich nicht gut, da könnten Referenzen rein, da kann man das Leben und das Lebenswerk einflechten
aber - das war es was ich vorhin meinte im Abschlußsatz - das einzige über Celan das unkodiert im Text enthalten ist,
ist das Massengrab.
Das ist die einzige klare Referenz zu seinem Leben - der Rest wirkt auf mich mehr wie Gefühle die du beim Lesen von Celan hast/hattest (die auch wichtig sind, so ists nicht)
aber konkreter wird es eben nicht.
Ich glaube schon, dass du - da du ja nach eigener Aussage mit dem Werk vertraut bist (und sicher vertrauter als ich!) - da auch noch mehr rausholen könntest
Dinge die für jemanden wie mich zum Beispiel nicht mehr so austauschbar und damit persönlicher Wirken.


Wenn du den Text nur für dich selbst geschrieben hast
weil es dir ein Anliegen war
dann ist das meinetwegen auch vollkommen okay so.
Aber dann musst du mit der Kritik leben, wenn du etwas das nur deiner persönlichen Auseinandersetzung gilt, Online stellst.
Wir sind ja ne Textwerkstatt hier, deshalb gehe ich persönlich automatisch davon aus, dass du hören willst was ich zu sagen habe
und - sofern ich es sinnvoll und gut begründe - auch den Wunsch hast auf meine Probleme einzugehen um persönlich weiter zu kommen
mit deiner Arbeit.
Ich selber hole mir drei mal die Woche bei unterschiedlichen Gruppen die totale Packung ab, was meine Arbeiten angeht (Fotografie, Illustration & Lyrik)
mit eben dem selben Ziel & da hilft es einfach nicht sich den 'Staub von den Schultern zu streichen'
und das ganze mit "ich kanns nicht besser", "du verstehst mich nicht" oder "ich habe schon intensive Auseinandersetzung hinter mir, ich brauche keine Kritik, nimms wie es ist"
von sich zu weisen.
Dafür geht man doch nicht ausgerechnet DA hin, sondern an Orte wo fertige Produkte und Arbeiten präsentiert werden sollen.
Ich mein nur.. das wär vielleicht mal n Punkt über den wir alle hier nachdenken könnten..

Oder wir brauchen einfach noch n Subforum für Präsentation in dem Laden hier, damit wir das trennen können und keiner sich unnötig die Zeit nimmt halbe Romane zu Texten zu schreiben, die dann keine oder kaum Beachtung finden. Ist ja auch Zeit die drauf geht.

Pentzw
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Pentzw » 05.12.2011, 18:03

Todesfuge zu verstehen, ist ja noch einfach, außer „schwarze milch“ ist wenig schwieriges enthalten, nicht wahr? Aber es ist ein verdammt berückendes Deutsch, das einem nicht mehr loslässt, wenn man ergriffen wird, das ist wie ein lied, ich glaube auch so gedichtet. Aber ein paar interpretationen gelesen, schon versteht man es.

Aber alle anderen sachen, die sind unglaublich schwierig. Ich habe ein dickes interpretationsbuch über ihn gelesen und bin noch nicht klüger geworden, trotzdem zieht er mich immer wieder an.

Nein, ich bin nicht beleidigt, empfinde deine kritik auch nicht als bewusster affront.

Ich möchte leicht andeuten, dass du dich widersprichst, wenn du wie im ersten posting schon meinst sinngemäß, jeder versteht etwas anderes von Celan und dann den anderen darauf aufmerksam machst, dass er in seiner hommage nicht die dinge gestriffen hat, die zu deinem verständnis gehören.

Danke für deine replik

Salut

w.pentz

Perry
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Perry » 07.12.2011, 22:49

Hallo Pentzw,
ich lasse jetzt mal den Celan-Bezug weg und lese deinen Text unvoreingenommen. ;-)
Was sofort auffällt, ist die dominante und verallgemeinernde Aussage der Bilder.
Dominant, weil überwiegend Behauptungen oder Statemants abgeliefert werden, die dann mit einem
jovial vorwurfsvollen "wer begreift sie jemals" bzw. "wer spürt den Spuren nach?" pauschaliert werden.
Zur Essenz, dem Schlussbild fehlt mir dann der hinführende Bezug, denn Begriffe, Gedanken, Gefühle oder Impulse sind mir viel zu plakativ, um mich auf die sprachlose Ohnmacht eines Massengrabes vorzubereiten.
Für mich leider nur Plastikblumen auf verbrannter Erde.
LG
Perry

Pentzw
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Pentzw » 08.12.2011, 00:09

Perry hat geschrieben:Was sofort auffällt, ist die dominante und verallgemeinernde Aussage der Bilder.
Dominant, weil überwiegend Behauptungen oder Statemants abgeliefert werden, die dann mit einem
jovial vorwurfsvollen "wer begreift sie jemals" bzw. "wer spürt den Spuren nach?" pauschaliert werden.



warum soll das dominant sein, warum dann jovial?
könntest du mir ein beispiel nennen, ausgehend von diesen, wo das nicht so herüberkäme?


Perry hat geschrieben:Zur Essenz, dem Schlussbild fehlt mir dann der hinführende Bezug, denn Begriffe, Gedanken, Gefühle oder Impulse sind mir viel zu plakativ, um mich auf die sprachlose Ohnmacht eines Massengrabes vorzubereiten.



begriff, gefühle... nicht zu fassen sind sie, alle irgendwo verschwunden. nun, von den geistigen elementen zum körper (ein sprung?) welche körper sind verschwunden - was liegt näher als diejenigen, die anonym im massengrab liegen?

Perry hat geschrieben:Für mich leider nur Plastikblumen auf verbrannter Erde.


das sind meine Fragen an dich!

Perry
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Perry » 08.12.2011, 00:29

Hallo Pentzw,
Fragen sind gut, wenn man an einem Massengrab steht, leider tauchen in deinem Text keine auf. ;-)

Dominant, Behauptung bzw. Statement:

"Begriffe, verstreut geworfen
wie Sand auf Papier –
glitzerndgleich Goldplättchen!"

Ich lese Begrifflichkeiten lose, vermutlich in Goldschrift oder blendend, auf Papier geworfen.
Das ist für mich ein Festellung ohne einen -für mich- erkennbaren Themenbezug.

Jovial, vorwurfsvoll:

"wer begreift sie jemals?", die Begriffe und Gedanken, was zugegeben auch schwierig ist, wenn man keine konkreten nennt. Aber so sind wir eben alle, oberflächlich und Pisadumm.

"von den geistigen elementen zum körper (ein sprung?)" ja ich hoffe, kein Bocksprung, denn das wäre vor einem Massengrab nicht ratsam bzw. schicklich. Im Klartext der rote Faden vom Geistigen zum Körperlichen zum Toten mag für dich erkennbar sein, für mich leider nicht.

Ich hoffe, mein etwas lockerer Kommentierton stört nicht allzusehr, ich meins trotzdem konstruktiv.
LG
Perry

Pentzw
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Re: Spurenelemente - Hommage an Paul Celan

Beitragvon Pentzw » 14.12.2011, 17:55

okay, ich habe lange nachgedacht, bis ich kapiert habe, was du sagen willst.

ich finde deine einwände nicht angemessen.

wer vor einem massengrab steht, fragt nicht mehr nach dem WARUM. die menge menschen beantworten jegliche fragen, die eh nur rechtfertigend wären.

es geht eben in diesem gedicht nicht um inhalte: warum so viele menschen gestorben sind, was der begriff aussagt, welches gefühl gefühlt wurde usw., es geht nur, dass es sie gegeben hat und diese unwiderbringlich sind. das ist alles.

aber ich denke, eines werde ich verändern, statt begriffe worte.

salut

werner

DerBaum
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Re: Paul Celan, ich frage Dich!

Beitragvon DerBaum » 15.12.2011, 21:54

Celan hat nie vor einem Massengrab gestanden, er hätte laut Rassengesetz hineingehört.
Seine Familie wurde vernichtet und damit auch er, er hat sein ganzes Lebenlang damit verbracht, sich vernichtet zu fühlen.
Ich glaube es ist sehr einfach Celan zu verstehen, wenn man das versteht, aber ich bin mir nicht sicher, denn dass was geschehen ist, zu verstehen, ist ja schon nicht zu begreifen.

Ich hab in Jugopslawien mal vor einem Massengrab gestanden, ich glaube über 200 000 serbische Menschen sollen da getötet worden sein und unter diesem Hügel liegen.
Aber ich denke da setzt der Verstand aus, das kann man gar nicht begreifen.
Aber man kann die Gedichte von Celan als ein Stück davon begreifen, jedes einzelne gehört dazu, jede Zeile liegt in den Massengräbern, oder in den Gaskammern, jede einzelne ist ein Wunder, ein klares Wunder gegen die Vernichtung von Menschen.


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