sound & vision

Moderne Literatur heißt: Kino, Theater und Oper nicht vergessen. Welcher Film ist sehenswert? Welche Inszenierung gelungen?
riemsche
Dionysos
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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 29.03.2020, 12:01

Freaks
US 1932 | 64 Min | DCP
Regie: Tod Browning
Darsteller/-innen: Wallace Ford, Leila Hyams, Olga Baclanova, Roscoe Ates, Harry & Daisy Earles
Drehbuch: Willis Goldbeck, Tod Robbins
Kamera: Merritt B. Gerstad

Ein Monolith in der Geschichte des kommerziellen Kinos, fremdartig wie Gestein von anderen Planeten. Eine Perle, wunderlich seltsam und zugleich wunderbar schön. Freaks, ein Film, der gemäß den Gesetzen der Industrie gar nicht bestehen dürfte, stellt das Genre schlichtweg auf den Kopf. Der halbe Mann, die an Marsmenschen erinnernd siamesischen Zwillinge, die Dame mit Bart, der lebende Torso sind keine Kreationen der Kinoillusion, sondern reale Geschöpfe_ das Phantastische wirklich, das Wirkliche phantastisch. Zudem radikalisiert Tod Browning ein Sujet, das im Horrorfilm stets latent vorhanden ist: Wer ist hier eigentlich das Monster? Freaks ist in all seinen berührenden und horriblen Momenten großartig nüchtern, trocken, lapidar und stets erpicht auf die kürzeste, schnörkellose filmische Aussage – eine Kino-Singularität, wahlverwandt den Werken des großen Don Luis Buñuel.

Tod Browning war physisch betroffenen Protagonisten kein Unbekannter. Viele seiner Stummfilme, darunter The Unknown (1927) und The Unholy Three (1925), zeigten prominente Charaktere mit speziellen Handicaps. Bevor er nach Hollywood kam, arbeitete er fünfzehn Jahre im Zirkus - Elemente dieses Schauplatzes flossen in Folge in seine Arbeiten ein. Im Gegensatz zu all den Schönen, die damals primär die Leinwand bevölkerten, waren seine Helden keine attraktiven, glamourösen Wesen, sondern von einer Form und Gestalt, welche zu dieser Zeit normalerweise im Verborgenen herablassend behandelt wurde. Nach dem Erfolg von Dracula (1931) wünschte sich MGM von Tod Brownings „etwas noch Schrecklicheres". In Folge adaptierte Willis Goldbeck _am ehesten für sein Script zu The Man Who Shot Liberty Valance bekannt_ eine Geschichte von Tod Robbins mit dem Titel Spurs, schrieb ein Drehbuch, in dem sich ein Zirkus-Zwerg in die schöne Bareback-Reiterin verliebt, welche sich bereit erklärt ihn zu heiraten, weil sie in Erfahrung bringt, dass es viel Geld zu erben gibt. Die Dreharbeiten begannen im Oktober 1931 mit einem Budget von 290.469 Dollar. Die Anwesenheit waschechter Freaks auf dem MGM-Grundstück verursachte allerlei Probleme – Harry Rapf, einer der Produzenten führte in dem Zusammenhang eine Delegation an, die den Studiobetreibern riet, das Vorhaben einzustellen. Dies wurde schließlich abgelehnt, die Arbeiten unter Bedingungen fortgesetzt, dass sich die Mehrheit der Darsteller gezwungen sah, im Freien zu speisen, um nicht als störend empfunden zu werden. Die Dreharbeiten wurden Mitte Dezember mit Ausgaben von knapp 10.000 Dollar über dem geplanten Budget abgeschlossen.

Erste Sichtungen des Filmmaterials führten zu katastrophal willkürlich Kürzungen von fast 30 Minuten. Das Werk musste vor seiner Genehmigung zweimal bei New Yorker Zensurbehörden eingereicht werden. Dennoch war es trotz umfangreicher Korrekturen bei Veröffentlichung für s zeitgenössisch Publikum noch immer the most shocking thing you d ever seen und ein Großteil der Presse dagegen. Die Kritik der New York Times begann mit: // Metro-Goldwyn-Mayer hat definitiv ein ungewöhnliches Bild auf Lager. Die Schwierigkeit besteht darin, zu sagen, ob es im Rialto - wo gestern die Premiere stattfand - oder beispielsweise im Medical Center gezeigt werden soll.// Die National Association of Women verurteilte den Film aufs Schärfste, sah in ihm nur einen weiteren Beweis für sinkend moralische Standards einer Traumfabrik. Aufgrund von Kontroversen, schlechter Presse und dem Unvermögen, ein Publikum zu finden, zog MGM ihn nach drei Wochen aus dem Verkehr. Das Studio sah keinen Anlass, für einen funktionierenden Vertrieb zu kämpfen – entfernte sogar von plakativ Drucksachen sein Logo. Manche vermuten, dass dies an der grundsätzlichen Abneigung von Studio-Chef Louis B. Mayers lag. Für Regisseur Tod Browning erwies sich die Lage als Knick in vielversprechend Karriere, von dem er sich nie mehr ganz erholte.

Dwain Esper, an den Louis B. Mayer die Rechte Mitte der 1930er Jahre für 5000 Dollar plus Lizenzgebühren verkaufte, brachte den Film als Teil einer Roadshow bis in die 1940er unter zahlend Publikum. Dabei kombinierte er ausschnittweise Szenen aus Freaks und eigenes Material, präsentierte einige der Darsteller als Teil der Show, unterlag damit den Regeln und Vorschriften des Underground-Milieus, nicht mehr dem Produktionsgesetzbuch. Die Rechte des Films sollten schließlich 1957 an MGM zurückgehen.

Noch weniger Glück hatte Freaks in Großbritannien, wo man 1932 _der Ansicht, dass aus kommerziellen Gründen behinderte Personen ausgebeutet wurden_ die Zertifizierung verweigerte. Dieses Verbot wurde bis in die 1950er aufrechterhalten, als der Film erneut zur Klassifizierung herangezogen wurde. Die Rechte für dessen Verleih wurden von Adelphi Films gekauft, wobei der Direktor dieses Unternehmens, Arthur Dent, in einem Brief an die BBFC dafür plädierte, dem Werk ein X-Rating zu verpassen. Er war der Meinung, dass die sympathische Art und Weise, in der darin Charaktere dargestellt werden, weit davon entfernt ist, noch immer zugunsten vorgefasster Meinung das übliche Gefühl des Grauens zu schüren. Das Verbot wurde dennoch aufrechterhalten, der Film in Großbritannien erst 1963 vertrieben. Diesmal mit der Besorgnis seitens BBFC-Vorstand, er würde potenziell jene Leute ins Kino locken, die Freaks aus unwürdigen Gründen sehen wollen.

In seinem Artikel mit dem Titel Gefährliche Körper: Freak Shows, juristischer Diskurs und die Definition von Behinderung befasste sich Brigham D. Fordham mit der Legalität und Ethik der Freak Shows in den Vereinigten Staaten. Er argumentierte, dass deren Verbot im Sinne der ersten Änderung verfassungswidrig sei, da es die Menschlichkeit von Menschen mit abnormen Körpern nicht berücksichtigt – und beschreibt den Kontext seiner Ausführungen wie folgt:
// Heutzutage gibt es in unzähligen Städten Verordnungen, die Freakshows verbieten oder eine Gebühr erheben - und eine Reihe von Staaten haben Gesetze erlassen, die eine Zurschaustellung von Personen mit ungewöhnlichen Körpern einschränken oder verbieten sollen. In Kalifornien und Florida wurde das Verbot von Freakshows als verfassungswidrig eingestuft - nicht weil angenommen wurde, dass die Gesetze gegen die erste Änderung verstoßen, sondern weil Personen mit ungewöhnlichen Körpern das Recht haben, angestellt zu werden – wobei Gerichte dort überraschenderweise davon ausgehen, dass es sich bei Freakshows nur um passend Arbeitgeber für bestimmte Leute handelt. Der feste Glaube, dass diese Menschen ausgebeutet werden, zeigt einen grundlegenden Mangel an Respekt. Denn obwohl viele dieser Leute Erwachsene sind und man sie als unfähig ansieht, einem Teil der Aufführung zuzustimmen – man ihnen die gleichen Rechte und geistigen Fähigkeiten wie andere zu haben in Abrede stellt, ist zu tolerieren, dass Freak-Show-Darsteller einen Handel zwischen Würde und finanzieller Belohnung schließen. Darauf mit Angst und Ekel zu reagieren _ein Verhalten, welches durch Formen der traditionellen Freak-Show gefördert wird_ spiegelt Einstellungen wider, die zu diskriminierender Behandlung führen. Jemand, der tot als besser dran wahrgenommen wird und dessen Äußeres Entsetzen hervorruft, wird nie und nimmer als gleichwertig empfunden. //

Die Bedeutung von Freaks im Hier und Jetzt besteht im Wesentlichen darin, dass an Konventionen gerüttelt wird, mit denen wir uns bis dato arrangieren - wir in Frage stellen, was wen warum sympathisch macht. Unser Mitgefühl gilt nicht der drallen blonden, nicht behinderten Frau sondern seltsamerweise von Anfang an den Freaks. Das nenn ich Wirkung. Ein Publikum _auf der Suche nach Charakteren, die dem typisch Bösewicht entsprechen_ ist somit gefordert, was ihm Abnorm und Hässlich dünkt auf s Gründlichste zu überdenken. Kein anderer Film erzählt in dieser Klarheit von der Menschlichkeit von Monstern und dem Monster Mensch, ist ein derart verständlich in schwarzweiss gehalten Aufruf zu mehr Solidarität, Toleranz und zivilem Ungehorsam.

Gooble Gobble One of Us!” Fans der Punkrockband Ramones wird dieser Schlachtruf in etwas veränderter Art und Weise unter „Gabba Gabba Hey“ vertraut sein. Die Band selbst sahen den Film Freaks an einem ihrer seltenen freien Tage in einem Kunsthauskino, als eine Veranstaltung im Freien, bei der sie auftreten sollte, wegen schlechten Wetters abgesagt wurde. In Folge identifizierte sie sich auf ihre Weise mit einer der Hauptfiguren, den Mikrozephaliker oder Stecknadelkopf genannt Schlitzie. Als während eines Konzertes im The Roxy ein Fan mit der entsprechenden Maske die Bühne stürmte und ein großes Schild mit der Aufschrift Gabba Gabba Hey schwenkte, wollte sie diese Erfahrung live nicht mehr missen. Fortan erschien ihr Roadie, Mitch Bubbles Keller, derart maskiert on stage, gab Joey Ramone das Schild und vollführte einen Tanz, der in der HipHop-Kultur als Jerk Dance Verbreitung fand. In späteren Jahren aktualisierte Keller den Pinhead mit einem an das Film-Original erinnernd gepunktet Kleid, das ihm ein Mitarbeiter des Ritz zusammengenäht hatte. Bis heute ist die Figur zusammen mit dem Ramones Presidential Seal ein Symbol ihrer Punk-Philosophie und fixer Bestandteil ihres Merchandisings.

riemsche
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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 20.10.2020, 23:00

Wes Andersons Hymne an Japan Isle of Dogs _traditionelle Stop-Motion-Technik, Hunde und eigentlich alles Lebens- und Liebeswerte - statt dem Titel-Zusatz Ataris Reise dünkt mich in dem Zusammenhang Ataris Laterne schlüssiger. Denn so nennt sich s Haiku, zu dem der mutig Bengel im Film ansetzt. Und wenn Atari diesen Dreizeiler aufsagt, bringt Anderson für kurze Zeit alles in Einklang. Seine Liebe zu Japan, das Unverständnis, das man dort gelebter Kultur auf die Schnelle entgegenbringt. Dazu die Macht, welche auch wenige Worte haben können und eine Bildsprache, die mittlerweile auch s Heim_Kino in seinem Sinne 1:1 zu vermitteln vermag. Und natürlich_ dass Hunde fetzen.

Nach einem kurzen Prolog, in dem ein jahrhundertealter Kampf zwischen Hunden und dem Clan der Kobayashi (extrem fiese Katzenfans!!!) erklärt wird, werden Sprecher und Titel des Films eingeblendet. Auf die Bill Murrays, Jeff Goldblums und Greta Gerwigs, die da zu sehen sind, achtet man aber kaum, weil die Titelmusik von drei stämmig Perkussionisten mit Inbrunst aus Trommelfellen geprügelt wird. Die Musikanten sind Puppen, so wie alle Figuren in Isle of Dogs, und ihre Bewegungen abwechselnd lebensecht und bewusst stümperhaft – soll doch der Zuschauer nie vergessen, dass es sich um einen Film handelt . Zudem hat Indie- und Hipsterdarling Wes Anderson der 2009 mit Der fantastische Mr. Fox seinen ersten dieser Art drehte, bezüglich Umgang mit den Mini-Sets, natürlichem Bewegungsablauf und dem World-Building eine Menge dazugelernt.

Anderson ist sowohl von dieser Welt und ihrer Kultur als auch seiner Sicht der Dinge schier besessen. Sogar der Dialog besitzt eine musikalische Trittfrequenz, die ihn universell verständlicher macht, als manch talentiert Hundeflüsterer bereit ist zuzugeben. Unterdessen mischt Alexandre Desplats Partitur Taiko-Drums mit jazzigen Holzbläsern, reiben sich schwindelerregende Töne einer West Coast Pop Art Experimental Band der 60er an Prokofiev, lassen Seven Samurai s Taktschema schön grüssen.

Das retro_futuristisch Japan, in dem der Bürgermeister einer Metropole alle Hunde auf eine Müllinsel verbannt, sieht zwar naiv aber dennoch definitiv gefährlich aus. Ein Zwölfjähriger sucht seinen Hund Spots, der als allererster deportiert wurde, legt mit einem geklauten Flugzeug ne Bruchlandung hin. Dabei bohrt sich ein Metallteil in seinen Schädel. Ein eingeschworen Rudel, das in der Nähe der Absturzstelle gerade den Kampf um essbaren Müll gewonnen hat _wobei einem Rivalen sogar ein Ohr abgebissen wurde_ leistet, obwohl sie den Jungen eigentlich zum Fressen gern hätten, nach gebührend Abstimmung erste Hilfe.

Mit solch fast brutalen Szenen greift Anderson an Basics in die Trickkiste, stellt auf d Unmissverständliche klar, dass es in seiner oft naiv gestalteten Welt auch Konsequenzen gibt, die weh tun. In Isle of Dogs sind Tod und Schmerz ständige Begleiter, was wichtig ist, weil sich die von Hollywoods A-Liga gesprochenen Hunde und Atari mit Problemen beschäftigen, die auch in der realen Welt existieren. So konnten die Vierbeiner nur deshalb verbannt werden, weil für angeblich von Tier auf Mensch übertragbare Krankheiten _wie zB. Hundegrippe_ eine aufwändige Propaganda-Maschine in Gang gesetzt wurde, die der Bevölkerung tierisch Angst macht. Opposition, kritische Presse und unliebsam Wissenschaftler werden unter Druck gesetzt, weggesperrt, diskreditiert.

Isle of Dogs ist sicher nicht die top Metapher für Ängste und Ressentiments unserer Welt, gewinnt aber durch zahlreiche Figuren und Nebenschauplätze, die Anderson etabliert und kombiniert an bis dahin selten gesehen Brillianz. Zu einem ergreifenden Film wird die Dramedy durch die vielen kleinen Momente, in denen sich Hunde und Menschen mit entwaffnender Ehrlichkeit ihrer Fehler und Vorurteile bewusst werden, sie revidieren und aus ihnen lernen, sich in Folge weiterentwickeln und zu sich bessernd Charakteren werden. Das klingt alles irre kitschig, aber wenn Bryan Cranston diese mutige Reise als Streuner Chief auf seine Weise durchlebt und ihr synchron eine Stimme verleiht, die zu Herzen geht, dann ist das eben doch weit weg von allen gängig Varianten dieser klassischen Kinoformel.

Bevor im Film die Helden an ihr Ziel gelangen, an dem Schurken besiegt, Tier und Mensch wieder versöhnt werden sollen, wird geweint, Blut vergossen und _natürlich_ herzlich gelacht. Isle of Dogs spricht mit halb erhobenem Zeigefinger über ernste Themen, überschüttet den grübelnd Zuschauer zeitgleich mit wahrhaft putzig Dialog und detailliert Designs die dazu animieren, sich s optisch und akustisch Ergebnis mittels Zeitlupe und Standbild ein weiteres Mal vor Augen zu führen.
_____
link zu ner sehr ausführlich art von makingOf für trickfilm-spezialisten und solche die s vielleicht noch werden wollen
https://www.indiewire.com/2018/03/isle- ... 201942149/

riemsche
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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 10.12.2020, 10:36

Alive Inside (77 min. / 2014) könnte als eine erfrischend quicklebendig Erkundungsreise beschrieben werden, die sich mit dem Wunder Musik beschäftigt, der Möglichkeit durch sie Hoffnung zu wecken, Freude zu bereiten, sich aus diagnostiziert Zurückgezogenheit zu erheben und beleben zu lassen. Der Film erinnert daran, dass jemand mit Demenz _auch wenn er nicht zu kommunizieren scheint, im seinem Inneren weder leer noch leblos ist. Und er beweist anschaulich, wie bereits ein einzig fast vergessen Lied eine heilsame Wirkung in Bereichen entfacht, wo sämtlich verschrieben Pharmaka versagen, Therapeuten vor verschlossenen Türen stehen.

Die Musik meines Lebens_ so der deutsche Titel, ist eine zu Herzen gehend, für gegenüber Oldschool allzu voreingenommen Jugendliche in manchen Belangen sicherlich herausfordernd Dokumentation. Der Filmemacher Michael Rossato-Bennett hatte eigentlich vor, seinen Interessen einen Tag lang zu folgen, war aber in Folge selbst so fasziniert, dass daraus ein dreijähriges Projekt wurde. Er begleitet darin die Arbeit von Dan Cohen, Gründer des Programms Music & Memory, das mit Hilfe von personalisierter Musik per iPod Menschen mit Alzheimer bzw. Patienten/-innen, die sich mit einem entweder alters- oder krankheitsbedingt Endstadium konfrontiert sehen, für Momente und in Folge von Dauer aus ihrem in sich selbst versunken Dasein holt. Zutiefst anrührende Zeugnisse, die belegen, welche besondere Kraft Musik innewohnt. Zusammen mit Familienangehörigen, Pflegekräften und Sozialarbeitern bringt er das Gezeigte mit Hilfe von Experten, dem Neurologen Oliver Sacks und Musikschaffenden wie Bobby McFerrin in einen wissenschaftlichen und gesundheitspolitischen Kontext, vermittelt primär ein Altern in Würde.

Man kriegt feuchte Gucker, wenn man sich auf d Bildsprache einlässt, sieht, wie sich Elan, Fröhlichkeit ihren Weg in bis dahin stoisch Mimik bahnt. Seit einer Ewigkeit kaum oder gar nicht mehr ansprechbare Menschen beginnen zu tönen, tanzen, erzählen. So lauscht zum Beispiel der 94-jährige schwer demente Henry, der seine eigene Tochter nicht mehr kennt, seinem Lieblingssänger Cab Calloway, seine Augen füllen sich nach Jahren erstmals wieder mit Leben, leuchten, sein Körper schwingt im Takt, er singt, erinnert sich an seine Jugend und beantwortet ohne Mühe an ihn gestellte Fragen. Ein entsprechend Clip ging über sieben Millionen mal viral_ was man wegen abschließend erwähnt Aufmerksamkeit für s kulturell und menschlich wertvoll Gesamtwerk kaum vermuten würde.

Der Film sensibilisiert nicht nur für den therapeutischen Einsatz von Musik, sondern zeigt auch, welchen Unterschied ein einzig beharrlich und hartnäckig agierend Aktivist _in diesem Fall ein Sozialarbeiter namens Dan Cohen_ ausmacht. Seine gemeinnützige Organisation nimmt weiterhin Spenden von gebrauchten iPods entgegen, schult klinische und private Pflegekräfte in der richtigen Art und Weise, das engagierte Programm mit bedürftigen Bewohnern verschiedenster Institutionen und zuhause auf d Kreative umzusetzen.

Alive Inside gewann 2014 den Publikumspreis des Sundance Film Festival. Zu registrieren, dass die komplette Dokumentation über YouTube bis heute nur um die 22.000 Klicks und drei Kommentare _zwei wortkarge und nen Smiley_ generierte, finde ich so gesehen irgendwie traurig. Hoffe aber, dass sich das angesichts der durch die derzeitige Situation zunehmenden Thematisierung der steigenden Isolation betroffener Risiko_Gruppen und nach diesem Posting auch bei ansonsten pumperlgsund Anonymen schleunigst ändert.

https://www.youtube.com/watch?v=AA3AOO4Q37o
einzig Manko während Laufzeit 22:23–22:56 Tonausfall (>DVD?)
was spontaner Damenwahl rein nichts an Jubelstimmung nimmt
_n gut gemeinter lieblos Upload mit einzig Plus_ ohne Werbung.

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 02.01.2021, 13:24

An musikalisch Quartett meine absoluten Lieblingsrabauken. Und offensichtlich Beleg dafür, dass sich n Livekonzert für die onStage nur bedingt mit Erwartungshaltung und werd.diktiert.Ruf.gerecht deckt. Beispiel1_ verglich nach Sichtung subjektiv Zusammenfassung meinerseits mit der kompetent angesagt Anwesender. Würd darum dem zitiert Fundstück aus m RollingStone inklusive Blick ins Publikum bezüglich Szeneerkennung und Soundcheck beipflichten . Warum also dran rumdoktern_ zudem bedient sich s Feedback durchgängig einer Wortwahl, die s Deep Learning Urban Dictionary in knackig Satzbau und Pointierung auf Deutsch nicht stimmig hinbekommt. Hab mir auf Anraten seitens kritisch Fangemeinde wegen angepeilt Volumen und möglichst originalgetreu rohFassung die listening.to.you DVD von Pulsar Productions VFB14616 zugelegt. Beispiel2_ diesmal in dargelegt Betrachtungsweise ne Fusion aus Recherche und mir eigen Nacherzählung. Dank nonperfekt Auftakt in Summe doppelt gern gesehen, auch weil d öffentlich vorgetragen Streitkultur samt very british Umgangsformen zweier Kratzbäum zu mehr Einsatz und Spielfreude motiviert. Werd s mir daher _sollt s kreativ wiederholt nicht nach Wunsch verlaufen_ als ergänzend Mut_und Muntermacher in d bestehend Sammlung einverleiben.

The Who Live At The Isle Of Wight Festival 1970 went on at about 2:30 in the morning, playing in typical English festival weather — cold, dark and wet. As the centerpiece of their show, Tommy was already teetering on its last, played-out legs. And we’ve recently been blessed with an expanded concert document called Live at Leeds, taped just six months before this show. So ask yourself: How much Who is too much? Is this excavation of their IOW ’70 show -Tommy, warts and all- necessary? Yeah, if only for the white-riot theater of Young Man Blues _particularly the band’s astounding staccato convulsions in the midsection_ the rare, live reading of Pete Townshend‘s wonderful hymn to self-doubt, I Don’t Even Know Myself; and the raw, glowing power of Naked Eye. As Townshend tartly remarks early in the set, “Smile, ya buggers. Pretend it’s Christmas.” And treat yourself.

Listening to The Rock & Roll Circus spares you the pain of watching Mick Jagger prance around in ringmaster’s gear and seeing the death-mask pallor of Brian Jones’ face. But then you miss out on riveting eyefuls of Taj Mahal — a vision of blackoutlaw cool amid the lily-white parade of British rock royalty — and an early, surprisingly grungy Jethro Tull. There’s a reason why the Rolling Stones stuffed this 1968 TV show into the can after filming: The Who blew ’em off the soundstage. Believe me or get the video and see for yourself.

• Heaven And Hell
• I Can't Explain
• Young Man Blues
• I Don't Even Know Myself
• Water
• Overture
• It's A Boy
• 1921
• Amazing Journey
• Sparks
• Eyesight To The Blind (The Hawker)
• Christmas
• The Acid Queen
• Pinball Wizard
• Do You Think It's Alright?
• Fiddle About
• Tommy Can You Hear Me?
• There's A Doctor
• Go To The Mirror!
• Smash The Mirror
• Miracle Cure
• I'm Free
• Tommy's Holiday Camp
• We're Not Gonna Take It
• Summertime Blues
• Shakin' All Over / Spoonful / Twist And Shout
• Substitute
• My Generation
• Naked Eye
• Magic Bus


Am 15. Dezember 1977 filmt man at Kilburn von The Who ihre in diesem Jahr einzige Live-Performance im Gaumont State Theatre für den Film The Kids Are All Right. Zwei Ausschnitte daraus fanden im Final-Cut Verwendung, der Rest verschwand vorerst in ner Blechdose. Wenige Monate nach dem Auftritt stirbt Schlagzeuger Keith Moon. Der geniale Witzbold, im Double mit Gitarrist Pete Townshend band_intern für d Exzesse und als Moon the Loon in benebelt Zustand für so manch verwüstet Hotelzimmer und Wohnungseinrichtung zuständig nimmt, um vom Alkohol wegzukommen, verordnet Beruhigungsmittel und vergreift sich am 7. September 1978 tödlich in der Dosis. 2002 feiern die anscheinend letzten Live-Aufnahmen der original Startaufstellung lautstark Wiederauferstehung. Während die PR-Abteilung vom Holy Grail spricht, kursiert s hartnäckig Gerücht von einem eher miserabel Auftritt, der acht Monate später zum Teil wiederholt wurde. Sicher ist, dass die Band am Anfang noch mit m WarmUp kämpft, aber spätestens ab Baba O'Riley wird s zu einem magischen Moment. Pete bearbeitet mit Windmühlen-Riffs seine LesPaul, Roger Daltrey sorgt mit Löwenmähne und knappem Shirt über m definiert Tommy-Body für entsprechend Wirbel, während John Entwistle _Fels in maniacscher Brandung_ dem Ganzen s virtuose Fundament verleiht, Keith sein kreatives Drumming auslebt und nem mächtig angepisst und wie er rotzbesoffen Townshend _“There's a guitar up here, if any big-mouthed little git wants to come up and fucking take it off me“_ mit Breaks und Tempowechsel gekonnt auf die Nerven geht.

• I Can‘t Explain
• Substitute
• Baba O'Riley
• Behind Blue Eyes
• Dreaming from the Waist
• Pinball Wizard
• I'm Free
• Tommy's Holiday Camp
• Summertime Blues
• Shakin' All Over
• My Generation
• Join Together
• Who Are You
• Won´t Get Fooled Again

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 16.01.2021, 18:26

Es gehört zu den abiz schrägen dieses an Überraschungen reichen Films, Ohren- und Augenzeuge einer urdeutschen Performance zu werden. Das EselLied, ein alpenländisches Traditional, das im Repertoire der Wildach Buam bei hochprozentig Festivitäten das Publikum der Volksmusik beglückt - hier ertönt es mitten im südamerikanischen Regenwald. Als Gast eines Eingeborenenstammes am Amazonas darum gebeten, zur Abendunterhaltung beizutragen, stimmt der Tübinger Ethnologe Theo von Martius (Jan Bijvoet) nicht nur den bajuwarischen Evergreen an, sondern legt in der grünen Hölle auch noch einen zünftigen Schuhplattler aufs Tropenholzparkett.

Nicht immer wird in dem Spielfilm des Regisseurs Ciro Guerra jede interkulturelle Begegnung auf eine so leichte, spielerische Weise tatsächlich zur transkulturellen Kommunikation. Der Schamane und die Schlange erzählt von den Reisen zweier Forscher im kolumbianischen Amazonasgebiet. Während Theo von Martius in den frühen Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf der Suche nach der seltenen Yakruna-Pflanze ist, die sein Tropenfieber heilen kann, macht sich 40 Jahre später der US-Biologe Evan (Brionne Davis) ebenfalls auf die Suche nach dem Gewächs, das ihm nicht nur als Halluzinogen, sondern auch zur Kautschuk-Veredelung dienen soll. Beide Reisenden hat es wirklich gegeben. In Theo von Martius ist unschwer der deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (1872-1924) wieder zu erkennen, während sich hinter Evans der Ethno-Botaniker Richard Evans Schultes (1915-2001) verbirgt. Aus Büchern, Journalen und Briefen der beiden hat Regisseur Guerra seine Filmhandlung extrahiert - und in gemeinsamer, vierjähriger Arbeit mit Vertretern indigener Ethnien in Amazonien zum Drehbuch entwickelt.

So steht in dessen Zentrum nun auch ein Ureinwohner_ der Schamane Karamakate, der im Abstand von vier Jahrzehnten beide Wissenschaftler durch den Dschungel lotst. Seine Sicht der Welt ist auch jene des Films. Aus seiner Perspektive gerät die anfangs erwähnt Performance zur exotischen Gaudi, wird s christlich Abendmahl zum kannibalischen Akt. An ihm ist es auch, die _wenn man so will_ Botschaft des Films in Worte zu fassen: "Wenn die Weissen nicht lernen, ist das unser Ende und das Ende von allem." Worin er mit Koch-Grünberg im Wesentlichen übereinstimmt. Dieser registrierte nicht nur in seinem 1909/10 erschienen Hauptwerk Zwei Jahre unter den Indianern musikalische Exotica im Urwald ("Eine Musikbande spielte die Donauwellen "). Auch der indigenen Wirklichkeit begegnete er hellsichtig. Den Pesthauch einer Pseudozivilisation nannte Koch-Grünberg das Walten und Wüten der europäischen Kautschukbarone: "Wo die rohen Banden der Kautschuksammler hinkommen, da ist kein Bleiben für den wilden Indianer." Ebenso kritisch sah er deren Missionierung: "Katechese - ein christliches Wort - dient häufig dazu, die Vergewaltigung der armen Indianer zu verschleiern_ rohe Gewalttaten, Misshandlungen, Totschlag sind an der Tagesordnung."

All das lässt Guerras Film beileibe nicht aus. Und so gleichen die Fahrten von Martius und Evans Reisen in das Herz der Finsternis, vorbei an Plantagen, auf denen Sklaven verkrüppelt wurden, und an Missionsstationen, in denen Priester Kinder mit der Peitsche züchtigen oder _40 Jahre später_ als Psychosekten-Gurus ihr Unwesen treiben. Und doch macht die eindringliche Anklage all dieser Übel nicht den Kern des vor allem durch Bilder beeindruckenden Werks aus. Mit fliessenden Übergängen zwischen den Dekaden schafft es Der Schamane und die Schlange auf dem mäandernden Flusslauf jenes Wilde Denken abzubilden, von dem der Entdecker Claude Lévi-Strauss sagt, es gehe schlicht darum, "das Andere in das Unsere und umgekehrt zu übersetzen". Aus der Warte des Schamanen Karamakate erzählt, wirkt der Film wie eine visuelle Initiation, die auf den atemberaubenden Kanufahrten zwischen Stromschnellen und tropischen Regengüssen den Dialog der Kulturen in Gang setzt - bis hin zu Visionärem, mit dem sich s Erlebnis Kino einmal mehr als das wirksamste aller frei zugänglichen Halluzinogene erweist.

Denn auch Koch-Grünberg nahm das Land am Amazonas nicht allein mit wissenschaftlicher Akkuratesse und moralischer Emphase wahr. Er liess sich von dessen ästhetischen Reizen hinreissen. So notierte er auf seiner Reise durch den Tropenwald: "Es gibt keine Sprache, in der sich die Schönheit und Pracht, die sich mir in diesen verzauberten Stunden bot, ausdrücken liesse." Leicht variiert stellt Regisseur Guerra diese Worte seinem Film voran. Wer sich auf dem betörend Schwarzweisstrip zwei Stunden lang offenen Auges bezaubern lässt, wird möglicherweise verstehen_ warum.

https://www.trigon-film.org/de/movies/E ... Medien.pdf
Mediendossier EL ABRAZO DE LA SERPIENTE (Der Kuss der Schlange)Ciro Guerra, Kolumbien 2015
http://sensesofcinema.com/2018/feature- ... holocaust/
do you speak english ? _hope so

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 28.02.2021, 13:45

In Richard Linklaters animierter Adaption von A Scanner Darkly, einem Blick in eine Zukunft, die der um d nächste Ecke verdächtig ähnlich sieht, nimmt er sich 2006 den Roman des Science-Fiction-Visionärs Philip K. Dick aus dem Jahr 1977 gelungen zur Brust_ ne semispekulative Geschichte über einen süchtigen Drogenfahnder, der undercover vor lauter Täuschung, Tarnung und wechselnder Identität irgendwann vergisst, wer er ist, wer gegen wen ermittelt. Der Umstand, selber den Konsum einer speziellen Substanz Tabulator für Tabulator auf ein halbwegs erträglich Maß zu reduzieren, sorgt zudem dafür, dass man sich als Ordnungshüter zunehmend daneben fühlt. Wie auch andere Welten des Autors ist diese eine, die um d Droge kreist. Realität ist somit eher n riesig Fragezeichen, das wie ne permanent Gedankenblase über Charakteren schwebt, die ihrerseits alltäglich, nicht sonderlich super in Dies oder Das sind, mit außergewöhnlichen Umständen demnach laufend so ihre Probleme haben.

„So-called reality“, meinte Mister Dick, „ is a mass delusion that we've all been required to believe for reasons totally obscure." Ergo suchte er auf seine Weise exzessiv nach Antworten. Mehr als 40 Romane plus Geschichten ohne Ende und bevorzugt Sprungbrett für Elster-Regisseure, die ihre eigene erzählen wollen, legen dies nahe. 1980, zwei Jahre bevor er im Alter von 53 Jahren an einer Serie von Schlaganfällen starb, beschrieb er sich selbst als „a_cosmic panenthiest, which means that I don't believe that the universe exists.
I believe that the only thing that exists is God and he is more than an universe. The universe itself is just an extension of God into space and time.“
Ob während einem Interview als Outing oder Joke gestreut, spielt keine Rolle. Es war wohl sEin vernünftig Weg, für ihn der Rätsel Lösung, ohne _siehe Vita, Umfeld und Konsum_ in Folge völlig auszuticken.

Wie schon in Waking Life animiert Linklater den Film in Rotoscope und hält sich eng an den Geist der Erzählung. Protagonisten wabern über ihren jeweilig Background, als wären sie gerade eben gegossen worden und müssten noch in ihre endgültige Form aushärten. Für kognitive Dissonanz und alternative Realitäten macht das durchaus Sinn. Aber so verblüffend auch die Bildsprache ist, bleibt es ein Film über Kiffer, die faulenzen und Unsinn verzapfen. Keanu Reeves ist wirklich gut, auf seine wirre Art und Weise, hat es aber schwer, mit Robert Downey Jr. zu konkurrieren, der in brillanter Weise den paranoid Verrückten mimt. Der Originaltitel ist ne Anspielung auf eine Übersetzung aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 13, Vers 12_ For now we see through a glass, darkly. Nur bestimmt die Sichtweise diesmal das holographische Aufnahmesystem, der Scanner. Der sogenannte Scramble-Suite, welcher die Gestalt und das Gesicht des Trägers hinter einer ständig wechselnden Folge von Figuren und Gesichtern verbirgt und die allgegenwärtige Droge Substance-D(eath) gehören zu den wenigen erlesen Sci-Fi-Elementen, die s für diesen 100minütigen unglaublich schönen Albtraum braucht_ sofern man sich auf Linklaters Vorliebe für lange Einstellungen und Improvisationen nüchtern oder anders gesehen einlässt.

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 21.04.2021, 00:04

Wenn s Vergessen zur Big-Show wird_ der viel zu frühe Tod ihres Vaters war der Ansatz für Filmemacherin Regina Schilling zu ihrem Dokumentarfilm Kulenkampffs Schuhe. Auf verschlungenen Wegen findet sie Zugang zu Helden und Vorbildern, erzählt von Krieg Schuld und Verdrängungsmechanismen, vergleicht Quizshows und Burn-outs, legt Wert auf d Subjektive.

»Und sie werden nicht mehr frei ein ganzes Leben.« Drei Mal ist dieser Satz im eineinhalbstündig Bilderreigen zu hören, erinnert an den Verführer anno 1938 in seiner Rede über die deutsche Jugend. Für Regina Schilling wird dieses böse Zitat zum Stigmata. Was sie in ihrer Kindheit und Jugend erlebte, ein Leben lang verschwiegen wurde, wer s dem Volk aufs Maul geschaut in Witze presste, in Interviews zu verarbeiteten hatte oder per Schlager mit Zuckerguss servierte - von dem also, was da im Graubereich verborgen blieb, sie aber nie mehr verließ, handelt dieser Film.

Wenn schon nicht mehr frei werden, dann doch wenigstens vergessen dürfen. Soweit s Credo, das über viele Jahre bei dem, was vom Land übrig blieb, s einzig Recht zu sein schien, auf das sich Überlebende und Nachgeborene berufen durften. Erst s Radio, dann s Fernsehen, das Quiz, die Show_ Unterhaltung statt Aufarbeitung, Erholung statt Erinnerung. Wir sind ja wieder wer - wollen nimmer wirklich wissen, wer wir vorher waren. An der Geschichte ihres Vaters, wie Kulenkampff und Rosenthal im Jahre 1925 geboren, bricht Regina Schilling Politik und Zeitgeschichte. Im Kleinen wird groß Zusammenhang verständlich_ mit Bier, Wein und Kindern im Schlafanzug zum Zwecke der schwer verdient Erholung nach dem Tagewerk die für gesund befunden Amnesie kultiviert. Es darf _wieder_ geklatscht werden.

Wie die Regisseurin das über Umwege erzählt, die sich verästelnde, aber nie unübersichtlich Fülle_ wie es ihr dabei gelingt drei, vier Jahrzehnte Nachkriegsdeutschland zu erklären, ist ein geradezu irrwitzig Unterfangen. Immer wieder findet die Filmemacherin eine gewisse Balance, stellt persönliche Erinnerungen an ihre Kindheit und Eltern, die sich im Drogeriegeschäft abrackerten, den Unterhaltungsshows, die zum familiären Eckpfeiler wurden, in Stimmung Nebenwirkung gegenüber. Die großen Quizmaster wie Kulenkampff und Hans Rosenthal fungieren anfangs als Begleiter, werden nach und nach zu Freunden und als der Vater stirbt, an seiner statt Beschützer.

Einer wird gewinnen oder Dalli-Dalli als therapeutisches Allheilmittel_ ein Narkotikum, das der eigenen Seele schmeichelt und zwei Nationen sediert. Heitere Melodien lassen all die quälenden Fragen nach dem, was generationsübergreifend geschah verstummen, bringen s aus dem Takt geraten gute Herz wieder in den Rhythmus. Als durch dessen Störung das Organ letztlich krampfhaft zum Stehen kommt, stirbt s Familienoberhaupt. Zuhause bastelt die Tochter an dessen Rückkehr und wird noch viele Jahre am geistig Erbe laborieren, welches ihr Vater hinterließ.

Regina Schilling vollbringt im Kleinen große Wunder. Wie sie aus ner Flut von Shows der 60er und 70er Jahre folgerichtig die treffend Sequenzen pickt, die sie benötigt, um kollektive Schuld, s Trauma, Vergessen und Vergeben mit ihrer eigenen Familienhistorie zu verweben, ist nebst naiv berührend schlichtweg atemberaubend. Zudem stößt einem _der wegen fortgeschritten Baujahr s meiste an Schwarzweiß dank Oma noch lebhaft auf m Schirm hat_ unweigerlich auf, mit welch trostlos Entertainment man sich heutzutage zwischen Werbepausen brav zufrieden geben muss.

Kulenkampffs Schuhe / Dokumentarfilm, D 2018, 92 Min.
Regie: Regina Schilling / Produktion: Zero One Film

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Re: sound & vision

Beitragvon riemsche » 14.06.2021, 12:07

Hätt mich gestern wer gefragt, was ich cineastisch mit Unpaarhufer in Verbindung bringe, würd ich _geographisch voreingenommen_ `gen Wilder Westen tendieren. Kenn sonst nur Fury, Flüsterer und s Leben ist kein Ponyhof (:-)) Hab den Trailer zufällig geguckt, zweimal wirken lassen_ hielt mir bei der Wiederholung beide Augen zu und dacht mir dann_ schaumamal.

Roman Coleman (Matthias Schoenaerts), ein unauslöschlich aufbrausender Sträfling in einem ländlichen Gefängnis in Nevada kämpft damit, seiner gewalttätigen Vergangenheit zu entrinnen. Während seiner staatlich verordneten sozialen Rehabilitation nimmt er wie befohlen an einem Outdoor Maintenance-Programm teil. Der dabei auf ihn aufmerksam werdende und ungemein nüchtern gestrickte Veteranentrainer (Bruce Dern) integriert ihn mit Hilfe eines aufgeschlossenen Mitgefangenen und Trickreiters (Jason Mitchell) in den selektiven Wildpferde-Trainingsbereich.

Zu The Mustang / 2019 / US engl. / 96 min nur so viel vorab_ innerhalb von nicht mehr als einer Minute Spielzeit hat man d Gewissheit, dass Regisseurin Laure de Clermont-Tonnerre einer Vision folgt, und dass man einen guten Film sieht. Obwohl man als Zuschauer zuweilen gern der Meinung ist, bereits den Durchblick zu haben, erweist sich manch Frühdiagnose als Trugschluss in eigener Sache, fühlt sich s authentisch Schauspiel dank Sound und Bildsprache wie im echten Leben an. Ein Zeugnis für all die Geschichten, die s wert sind, noch erzählt zu werden und über die heilenden, starken Bindungen zwischen gequälten Menschen und missverstandenen Tieren, die da kommen, sie zu retten.


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