Die Nacht umhüllt mich wie ein Mantel. Die ersten Vögel zwitschern schon. Es ist vier Uhr morgens. Ich muß mal wieder an sie denken. Sie begleitet mich durch mein Leben seit ich denken kann. Nur wußte ich anfangs nichts davon. Das erste Buch von ihr habe ich mit 28 Jahren gelesen. Soweit ich mich erinnere war es "Mrs Dalloway". Ich bin hellwach. So ist das, wenn man schon mehrere Psychosen hinter sich hat. Immer erwacht man um die gleiche Uhrzeit und will schreiben, rauchen, hin und herlaufen, manchmal nach einem schlechten Traum, manchmal auch einfach nur so, wie jetzt, ganz friedlich.
Ich betrachte das Foto von ihr. Es hängt an meiner Wand. Irgendwann habe ich es eingescannt und ausgedruckt. Es gibt keine Fanposter von ihr. Vielleicht hätte ich sonst eines aufgehängt. Sie sitzt in ihrer Bibliothek, hält eine Zigarettenspitze in der Hand und raucht. Sie ist auf dem Foto schon 55 Jahre alt. Mit 57 Jahren hat sie sich mit einem Stein beschwert im Fluß ertränkt. Ihr Gesicht spitz zulaufend. Die Wangen hohl. Die großen Augen mit den Hängelidern in die Ferne gerichtet. Das Haar zu einem Knoten verschlungen, so wie ich auch mein Haar trage. Sie ist bestimmt keine schöne Frau, aber sie wirkt interessant mit ihrer großen nach unten laufenden Nase. Gisèle Freund hat das Foto gemacht. Sie war ständig von diesen Größen umgeben. Auch Man Ray hat sie fotografiert.
Ich könnte heulen, daß sie schon tot ist. Sie erscheint mir allgegenwärtig in meinem Leben. Und ich konnte sie nie kennenlernen. Im viktorianischen Zeitalter aufgewachsen. Heute schreiben wir das Jahr 2003. Eine Frau, die für die Emanzipation kämpfte. Vor allem in ihrem Buch "Ein Zimmer für sich allein". Ich bin aufgewachsen mit einem Zimmer für mich allein. Und doch hat mich das ständig berührt. Diese Forderung. Für eine schreibende Frau oder für überhaupt alle Frauen.
Ich nippe an meinem Weißwein. Ich weiß, ich sollte das nicht tun, da ich morgen arbeiten muß. Die Dinge werden mir morgen früh wieder seltsam erscheinen. Ich weiß, das Wort "seltsam" ist zu streichen aus dem Vokabular. Aber was soll ich sonst schreiben? "Hypervirtuell?" Auch kein guter Ausdruck. Vielleicht trifft sensibel das Gefühl. In der Ferne heult ein Hund, vielleicht kräht auch ein Hahn.
Sie lebte von einer kleinen Erbschaft und von Rezensionen, die sie schrieb bis sie Leonard Woolf heiratete. Ihr Mann hatte auch nicht viel Geld, aber sie schafften sich beide ein Überleben vom Schreiben, was heutzutage kaum mehr möglich scheint. Sie gründeten sogar einen Verlag, die Hogwarth Press, in der Virginias Bücher erschienen. Trotzdem hat sie Zeit ihres Lebens Existenzängste gehabt. Ich kenne das auch, diese Angst, irgendwann gehe das Geld aus. Ich, für meinen Teil muß kämpfen, hart arbeiten, damit ich überlebe. Ich hätte auch gern dieses Zimmer, in dem ich tags und nachts schreiben könnte. Aber ich bin alleine. Ja, emanzipiert, denn ich kämpfe um mein eigenes Leben.
Das Gezwitscher der Vögel wird ohrenbetäubend. Das Geräusch ist für mich Symbol der Psychose, da ich im Zustand der Krankheit um 4.00 Uhr morgens erwache mit einem Alptraum. Virginia hat einmal in einer ihrer Psychosen die Vögel auf griechisch singen hören. Vielleicht sind wir irgendwo verwandt. Ich werde nun das Fenster schließen, damit ich die Vögel nicht mehr höre. Danach werde ich zu Bett gehen und versuchen noch etwas Schlaf zu finden bevor der Morgen endgültig graut.
Ich bin wieder hier bei ihr. Wieder eine Nacht, in der ich keinen Schlaf finde. Ich glaube, ich kann sie nur nachts beschreiben, wenn die Sinne wie angespitzt sind.
Sie erlitt fünfmal in ihrem Leben eine manisch-depressive Psychose. Die letzte Psychose kostete sie ihr Leben. Ich kann nur auf zweimal, vielleicht dreimal zurückblicken. Damals gab es noch kein Lithium. Die Ärzte versuchten die Krankheit mit Schlafmitteln und vielem Essen zu bekämpfen, auch mit Zähneziehen. Sie hat das Pech gehabt, im falschen Zeitalter gelebt zu haben. Heute hätte man die Krankheit wirksamer bekämpfen können. Sie hatte keine Kinder, da die Ärzte ihr sagten, daß sich die Krankheit vererbe. Die Kinderlosigkeit wurde einfach durch ihren Mann und ihre Schwester über ihren Kopf wegbestimmt. Ihr Mann hat für sie einen relativ eingeengten Rahmen geschaffen. Ein starrer Rythmus zwischen Essen, Schlafen und Arbeit. Vielleicht hätte sie nicht so viel geschrieben, wenn sie Kinder gehabt hätte. Ich hätte auch noch gerne ein weiteres Kind gehabt. Aber durch die Einnahme der Medikamente ist es unmöglich, verantwortungslos, noch ein Kind in die Welt zu setzen.
Sie war sicherlich ein zäher Geist, daß sie es schaffte, sich nach den Krankheitsschüben immer soweit zu erholen, daß sie schreiben konnte. Sie war auch bestimmt keine schwache Frau. Sie war brillant in ihren Reden und sah sich selbst als ein Genie. In den Phasen, als sie wahnsinnig war, hat sie überhaupt nichts geschrieben. In den Tagebüchern finden sich Einträge, die ein relativ normales Leben beschreiben. Spaziergänge, Einkäufen und Besuche ihrer zahlreichen Bekanntschaft. Sie scheint nie alleine gewesen zu sein, während ich oft Phasen hatte, in denen ich mich ziellos ohne viele Freunde in der Einsamkeit verlor. Es finden sich kaum Aufzeichnungen, wie sie sich in den Phasen der Manie und der Depression gefühlt haben mochte. Schade, daß sie das nie festgehalten hat. Ich würde das gerne lesen. In der ersten Psychose habe ich geschrieben wie ein Teufel. Vielleicht ist alles Müll, aber immerhin, ich habe etwas festgehalten, was die Krankheit beschreibt. Ein Arzt wollte das sogar lesen. Ich habe ihm das Geschriebene nie geschickt. Ich habe es ad acta gelegt und nie wieder gelesen, bis auf den Anfang, wo ich noch konzentriert war.
Es ist unwirklicher nachts zu schreiben. Die Welt scheint wie ausgestorben. Die Einsamkeit kriecht mir wie ein Nachtfalter ins Genick.
Ich suche noch immer nach dieser weiblichen Begleitung in meinem Leben. Ihre Schriften können das Bedürfnis danach nur bedingt stillen. Ich kann über ihre zahlreichen weiblichen Freundschaften lesen und dabei neiderfüllt werden. Ich glaube nicht, daß sie lesbisch war, sie hatte nur so ein Grundgefühl für das Weibliche, dem jede körperliche Liebe abhand ging. Das Körperliche lag ihr nicht. Sie war ein Freigeist, der ständig von einer Blüte zu anderen flatterte, ohne sie recht berühren zu wollen. Manche Biographen sagen, sie sei frigide gewesen, aber ich sehe eher einen Bezug zu ihrer Krankheit. Zu viel körperliche Nähe konnte sie nicht ertragen, was wahrscheinlich auch ein wenig durch den leicht sexuellen Mißbrauch ihres Cousins in der Kindheit herrührte. Er hatte sie aufgehoben, auf ein Schränkchen gestellt, das vor einem Spiegel stand und hat sie an ihren Genitalien betatscht. Diese Berührung hätte aber auch reine Imagination sein können, ein Wunsch von ihr aus. Es ist nicht sicher, ob sie das tatsächlich erlebt hat. Ich denke, man kann diesen Mißbrauch nur bedingt als Anlaß für ihren Wahnsinn sehen. Die Krankheit ist sicherlich vererbt. Dafür gibt es in ihrer Biographie Belege, während es bei mir keine Verwandten gab, die eine solche Krankheit hatten. Deshalb wundere ich mich immer noch, warum ich krank werden mußte.
Vita Sackville-West war sicherlich die Frauengestalt in ihrem Leben, die sie am meisten bewegte. Es gab nach Briefzeugnissen von Vita zwei Nächte, in denen sie "sexuell?" zusammen waren. Nirgendwo ist beschrieben, ob diese Nächte tatsächlich sexuell waren. Vielleicht haben sie nur Zärtlichkeiten ausgetauscht. Es existieren Zeugnisse, in denen sich Virginia von Vita versuchte zu distanzieren. Virginia war zweifelslos die Stärkere in der Beziehung, obwohl sie geisteskrank war. Das schöne, das aus dieser Beziehung entsprang, ist das Werk "Orlando" von Virginia. Eine geistige Liebeserklärung.
Ein häßlicher Halbmond scheint durch das Fenster. Ein einziger Stern verglüht am Horizont. Ich habe die Fenster weit geöffnet. Der Wind fegt durch die Wohnung. Die Gardinen bauschen sich zu kleinen Ungeheuern auf. Ich sitze, rauche, denke nach. Hin und wieder ein kleiner Satz auf der Tastatur. Sie hatte ein kleines Brett, auf dem das Papier lag. Dort schrieb sie ihre Sätze im Sitzen. Handschriflich. In Monks House gab es ein kleines Gartenhaus. Im Sommer zog sie sich dorthin zurück. Anfangs wollte ich immer wie sie schreiben in langen ausladenden blumenreichen Sätzen. Das ist heute ganz anders. Ich übe mich in Reduktion. Und ich merke, diese spartanische Zurückgenommenheit tut mir gut. Ich habe kein Bedürfnis mehr, jede Kleinigkeit in langen ausschweifenden Sätzen zu beschreiben. Die Reduktion ist ein Mittel, um die Krankheit zu bekämpfen. Das hat sie nicht gewußt. Sie wünschte sich, sie könnte schreiben wie Proust. Fast jedesmal, wenn ein Buch von ihr erschien wurde sie krank. Sie scheute sich vor den Kritiken. Sie war auch oft neiderfüllt auf andere Autoren, insbesondere auf Katherine Mansfield. Das geht mir ab. Ich sehe mich nicht als Genie. In der Psychose, die einem zum Höhenflug anregt ja, aber ich bin nun mehr als drei Jahre frei von psychotischen Gefühlen.
Der Mond nimmt zu, starrt wie ein Auge auf mich herab. Eine ungewisse Klammheit macht sich in mir breit. Ich kann sie nicht bestimmen. Sie dringt auf mich ein. Aber macht mich noch nicht zu. Noch sehe ich klar, wie ich selber bin und agiere. Nach 1000 Seiten Biographie von ihr hätte ich früher dichtgemacht und wäre davongerannt zu irgendeinen Stern am Horizont. Sie perforiert mich nicht mehr. Vielleicht ist das gesund. Manchmal sehne ich mich nach diesem Gefühl, aber ich bin mir sicher, diesmal bleibe ich bei mir.
Ich erinnere mich an einen Urlaub in der Bretagne vor vier Jahren. Ich war psychisch angeschlagen und hatte meine Medikamente erhöht. Wie immer in diesem Zustand, wollte ich mich noch weiter emporschwingen, indem ich "Zum Leuchtturm" von Virginia las. Sie sagte selbst, daß sie mit diesem Buch ihre eigene Psychoanlayse bewältigt hätte. Ich glaube es sind die Naturbeschreibungen in diesem Buch, die am stärksten auf mich eindringen. In jenem Sommer habe ich es geschafft, das Buch das erste Mal zu Ende zu lesen nach mehrmaligen erfolglosen Anläufen. Das Ergebnis war, ich konnte nicht mehr am Meer entlang gehen. Es zog mich zwar wie magisch an, aber jedesmal, wenn ich mich auf den kleinen Pfad wagte, der auf einem Abgrund am Rande des Meers entlang lief, trugen mich die Schritte keine zehn Meter. Vielleicht war es auch die Angst vor dem Absturz. Aber ich erinnere mich auch des Geräusches der Wellen, das ich nicht ertrug.
Im ersten Weltkrieg lag sie drei Jahre lang darnieder und kämpfte mit ihrer Krankheit. Dies schien sich im zweiten Weltkrieg zu wiederholen. Obwohl sie Erfolg gehabt hatte als Schriftstellerin, fühlte sie sich ungebraucht, unbeachtet, ihre rechte Hand zitterte beim Schreiben und sie konnte keine klaren zusammenhängenden Sätze mehr schreiben. Sie begann, den Fußboden zu schrubben, eine Tätigkeit, mit der sie sich an der Realität festhalten wollte. Ihren letzter Roman "Zwischen den Akten" wollte sie nocheinmal aus der Druckpresse holen, da sie ihn für trivial empfand. Als sie wieder begann, Stimmen zu hören, gab ihr das den Rest. Sie schrieb einen rührenden Abschiedsbrief an ihren Ehemann Leonard und ging in die Ouse, einen Fluß nahe dem Monks House. Während des zweiten Weltkrieges blieben ihre Schriften verborgen. Erst danach veröffentlichte Leonard ihr Gesamtwerk Stück für Stück, darunter auch die zahlreichen Tagebücher. Eine große Autorin des letzten Jahrhunderts ist uns zu früh verloren gegangen. Alles, was ich heute für sie tun kann, ist, sie zu lesen und immer wieder zu lesen.
Draußen bewegt sich kein Blatt. Die Luft scheint dünn zu werden. Ich zünde mir noch eine letzte Zigarette an und denke daran, wie sie ihre Selbstgedrehten am Schreibbrett rauchte. Dazu noch ein Schluck Rotwein. Ich denke nicht an morgen. Er wird grausam. Aber nicht so grausam, wie der Tag, an dem sich Virginia Woolf ihr Leben nahm.
Virginia Woolf und ein anderes Ich
Re: Virginia Woolf und ein anderes Ich
Patina,
danke für diesen Text.
Ich denke, es war besser, nicht den Film anzusehen, und dafür diese Worte zu lesen

Und seltsam (hypervirtuell?), obwohl das hier todtraurig ist, kommt mir ein Schlüsselsatz von Tom Robbins in den Sinn: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben."
danke für diesen Text.
Ich denke, es war besser, nicht den Film anzusehen, und dafür diese Worte zu lesen
Und seltsam (hypervirtuell?), obwohl das hier todtraurig ist, kommt mir ein Schlüsselsatz von Tom Robbins in den Sinn: "Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben."
Re: Virginia Woolf und ein anderes Ich
Hallo Tolya,
schön, daß es dir was gebracht hat. Jetzt mußt du nicht die 1000-Seiten Biografie lesen.
War ein Witz, das lohnt sich natürlich trotzdem.
Der Text ist Bestandteil meines Erstlings. Kleiner Appetitanreger.
lg Patina
schön, daß es dir was gebracht hat. Jetzt mußt du nicht die 1000-Seiten Biografie lesen.
War ein Witz, das lohnt sich natürlich trotzdem.
Der Text ist Bestandteil meines Erstlings. Kleiner Appetitanreger.
lg Patina
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