Schöne Söhne

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mög
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Schöne Söhne

Beitragvon mög » 03.01.2005, 12:23

Ich bin immer noch beim Thema männliche Flittchen. Es hat wieder nicht wirklich viel Handlung (sorry, Razor, normalerweise bemühe ich schon, deine Tipps zu berherzigen). Und es ist noch geschwätziger geraten. Aber es muss wohl sein, damit ich endlich eine Ruh hab.

Schöne Söhne

Jetzt kenne ich also einen Kriminellen. Hauptsächlich vom Sehen, beziehungsweise aus den Erzählungen diverser Bekannter: der Freund eines Freundes eines Freundes meines Bruders. Einer aus dem Ort. Und von gewisser lokaler Berühmtheit noch dazu, weil der womöglich best-aussehendeste nicht-schwule Friseur – wenn schon nicht weltweit, so doch auf jeden Fall im Umkreis von 100 km.

Meine Cousine hat ihm im Bus einmal vorgejammert, dass sie demnächst wieder dringend zum Friseur müsste, da hat er ihr an Ort und Stelle die Spitzen geschnitten. Ein Friseur eben aus Leidenschaft und sich selbst übrigens der liebste Werkstoff für seine Kunst.

Dieser also war vor zwei Wochen im Gefängnis. Ein paar Tage allerdings nur, und sonderlich zur Herzen genommen haben, dürfte er sich’s auch nicht. Lässt sich jetzt „der Pate“ nennen. Weil er mit Kokain gedealt hat. Er erzählt es jedem, und gerne.

Mir hat es meine Cousine erzählt. Ich war geschockt. Ein schlichtes Gemüt schien er mir zu sein, im Bus immer umgeben von Schwärmen schwärmender Zwölf- bis Vierzehnjähriger, was ganz gut passt, jetzt vom geistigen Horizont her gesehen. Und rein karma-mäßig ist das vielleicht auch gar nicht so schlecht, von wegen „ihr müsst werden wie die Kinder“, auch wenn mir da jetzt mit den Religionen etwas durcheinander geraten ist. - Jemand jedenfalls, der sich bei spärlich besuchten Konzerten befreundeter Nachwuchsbands gemeinsam mit drei, vier weiteren Getreuen an ansonsten gähnend leerer vorderster Front die Seele aus dem Leib head-bangt und die Show durch semi-exhibitionistische Einlagen (verschwitzerter nackter, durchtrainierte Oberkörper… ) aufpeppt, was ich immer rührend fand. Im Wesentlichen also harmlos, gefährlich höchstens für seine zahlreichen Wochenenderoberungen, denn sein Frauenverschleiß dürfte tatsächlich einigermaßen beträchtlich sein, wobei, ich bin mir auch da in Bezug auf die Gefährlichkeit gar nicht so sicher - so viele Herzen bricht der wohl auch wieder nicht. Ein männliches Flittchen. Kein „Homme Fatale“.

Nicht gerade der reine Tor, aber doch so was in dieser Richtung.

Hab ich mich wohl getäuscht.

Auf meinem Maturaball war er übrigens auch. Mehr oder weniger mit meiner Cousine, der das lästig war. Aber ihr war eine Karte übrig geblieben, die sie unbedingt los werden wollte und die hat sie ihm angedreht. Meine Cousine kann an jedem Fingern 10 holde Knaben haben und es kostet sie nur einen müden Augenaufschlag, die lässt sich durch schlichte physische Form-Vollendung nicht so leicht hinter dem Ofen hervorlocken. Überhaupt ist meine Cousine weit weniger oberflächlich als ich.

Und das ist auch völlig richtig so. Gerade schöne Menschen sollten sich keine Oberflächlichkeit erlauben, eben weil sie es könnten. Denn ihnen gerät das leicht zur Hybris, unter der dann auch andere zu leiden haben. Bei hässlichen Menschen jedoch führt Oberflächlichkeit unter Beibehaltung einer realistischen Selbstwahrnehmung, was ich jetzt voraussetze, höchstens zur Selbstzerfleischung und schadet somit hauptsächlichen ihnen selbst. Das ist erbärmlich und verdient deswegen folgerichtig eher Erbarmen und weniger Kritik. Oberflächlichkeit der Schönen ist lächerlich, Oberflächlichkeit der Hässlichen ist tragisch.

Wohin das führen soll?

Als ich 13 war, fand ich ihn wunderschön.

Nicht, dass ich jemals etwas von ihm gewollt hätte. In meinen Tagträumen nicht! Und auch in meinen nächtlichen Träumen kamen bezeichnenderweise immer andere vor, nicht einmal mein Unterbewusstes wäre je auf ihn rein gefallen.

Aber angeschaut hab ich ihn mir schon recht gern. Dieses Gesicht! Schmal, fein geschnitten, markant. Spitzes Kinn, hohe Wangenknochen. Die geben ihm fast was Indianisches – Typ edler Wilder. Und erst im Profil… perfekte Linien. An Tagen, an denen ich wusste, dass er zur selben Zeit wie ich mit dem Bus fahren würde, setzte ich mich immer vor diese durchsichtige Trennscheibe, die den Einstiegsbereich abgrenzt und betete, dass er hinter mir einsteigen würde. Dann konnte ich mich nämlich ungehemmt an seiner Reflektion in dieser Trennscheibe weiden, ohne dass er es mitkriegen würde.

Wenn er mir unverhofft über den Weg lief, war der Tag schon kein totaler Reinfall mehr.

Einmal hab ich ihn bei so einer Gelegenheit im Bus erst bemerkt, als er bereits dabei war, auszusteigen, weil ich die ganze Fahrt über gelesen hatte. Was hab ich dieses Buch verflucht!

Es war natürlich keine Verliebtheit. Mehr so eine „Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn“-Sache. Und das war doch eigentlich recht angenehm. Viel angenehmer jedenfalls als später dann die hohe Minne. Da ist das Objekt der Begierde zwar auch unerreichbar, die Begierde abstrakt und die Attraktion doch grundlegend optischer Natur, aber diesmal nur mehr in Ermangelung tiefer gehender Kenntnisse der Persönlichkeit des Begehrten, was – und das ist jetzt der entscheidende Unterschied – auf einmal schwer bedauert wird, weshalb auch versucht wird, in stundenlanger gedanklicher Beschäftigung mit dem Objekt jedes Fizzelchen über diesen Menschen, das zufällig aufgeschnappt wird, zu einem Bild zusammenzusetzen. Natürlich vergeblich. Und diese Vergeblichkeit kann plötzlich richtig weh tun.

Voraussetzung für derartiges ist natürlich, dass der Auserkorenen einer auch genügend zu denken gibt. Aber dann! Dann wird’s bitter.

In dieser Hinsicht war Frau bei bewusstem Friseur immer auf der sicheren Seite.

Mit der Zeit legt sich die rein physische Anziehung. Dieser leicht rötliche Teint, der vielleicht auch ein bisschen zur Indianer-Assoziation inspiriert hat, scheint auf Dauer doch etwas zu Sonnenbank-gegerbt. Mittlerweile hat der Mann auch tausend neue Frisuren ausprobiert – steht ihm alles nicht so gut wie damals die Dreads. Abgesehen davon gewöhne ich mich an die Schönheit, ich stumpfe dagegen ab. Und überhaupt: Dumme Männer können schön, aber niemals sexy sein. Das lernt man dann irgendwann auch. Und Männer, die beides bieten – Optik und Persönlichkeit – sind gar nicht so rar. Andere Mütter haben auch schöne Söhne. Ich sehe sie plötzlich überall. Er ist keine Attraktion mehr.

Und doch…

Als ich 13 war, fand ich ihn wunderschön.

Nie zuvor hatte ich einen Mann so schön gefunden.

Nie zuvor war mir klar gewesen, dass Männer so schön sein können. Dass irgendetwas so schön sein kann.

Mir wird er immer etwas bedeuten.
Er hat mir die Augen geöffnet.

Bloß war diese Augenöffnung meinem Seelenfrieden nicht gerade zuträglich, ich wär’ wohl besser blind geblieben.

Und deshalb höre ich jetzt durchaus mit gewisser Befriedigung, dass er 3 Jahre auf Bewährung kriegt.
Man müsste das System seiner Widersprüche finden, indem man ruhig wird. Wenn man die Gitterstäbe _sähe_, hätte man den Himmel dazwischen gewonnen. (Elias Canetti)

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Re: Schöne Söhne

Beitragvon SMID » 03.01.2005, 15:53

Hi moeg,

gut gemacht! Flot formuliert, liest sich wie ein Regentropfen an der Fensterscheibe, man muss nur zuschauen, er laeuft von selbst.

Dann allerdings bleibt er kurz haengen, der Tropfen, der Text, und zwar als du ueber Schoenheit und Oberflaechlichkeit sinnierst. Du gehst an dieser Stelle etwas tiefer. Das fand ich, hast du nicht schlecht gemacht. Jedenfalls las sich das nicht aufgezwungen-humorlos sondern recht amuesant.

Das Charakterbild des Schoenlings eroeffnet sich besonders durch deine eigenen Reflektionen, das geht in Ordnung. Aber vielleicht - besonders auf die Pointe am Ende hin betrachtet - koenntest du ihn einmal persoenlich in Szene setzen. Denn so wie es jetzt scheint, kommt der kleine als Friseur und Kiffer daher, der Leser traut ihm nicht zu, dass er auch wirklich kriminell ist. Er scheint mir mehr Mammasoehnchen zu sein als krimineller Widerling mit schoenem Taint. Vielleicht pruefst du noch mal, ob ich nicht falsch liege.

Weiter so im Neuen Jahr!

SMID

mög
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Re: Schöne Söhne

Beitragvon mög » 03.01.2005, 16:52

Hi SMID,

danke für die schnelle Antwort, du hast damit den Text vor der Löschung bewahrt, ich wollte ihn nämlich eigentlich grad wieder rausnehmen. Zu sehr Tagebuch-Eintrag. Schön, dass es trotzdem was hergibt, denn offenbar lag mir das Thema irgendwie im Magen und sonst hätt ich womöglich noch was dazu schreiben müssen.

Ihn persönlich in Szene setzen? Fänd ich gut, würde vielleicht auch das Tagebuch-Artige ein wenig eindämmen. Ist vielleicht ein Problem, dass der Text nur über Reflektionen funktioniert, eine einzige Reflektion eigentlich. Bloß weiß ich nicht recht wie, wenn ich bei der ich-perspektive bleiben will, "ich" hat ja keinen Berührungspunkt mit ihm, das gehört sich so fürs aus der Ferne bewundern.

In Bezug auf die Glaubwürdigkeit der kriminellen Aktivitäten: Da ist ds Problem, dass das genau der Aspekt ist, der tatsächlich eins zu eins aus dem Leben entnommen ist (bin momentan nicht so rasend einfallsreich unterwegs). Wir hielten die Vorlage für diese Figur auch immer für den sonnigen Kiffer, das ist ja eben das Schockierende. Das Original hat überdies auch noch beim Arbeitgeber eingebrochen, das hab ich eh schon weg gelassen.

Für mich unterstreicht diese ganze Aktion mit dem Dealen aber ohnehin mehr die Dummheit als die Widerlichkeit. Der soll jetzt auch im Text eh nicht gerade das kriminelle Mastermind sein, das demnächst sein eigenes Drogenkartell aufziehen wird, sondern mehr so der kleine Gelegenheitsganove.

Als "Widerling" im eigentlichen Sinn wollte ich ihn eigentlich auch gar nicht schildern.
Es geht da irgendwie auch um unterschiedliche Aspekte der Dummheit - die wird ja in seinem Fall nicht durchgehend negativ besetzt, erweist sich dann aber eben doch als gemeingefährlich.

lg
mög
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Re: Schöne Söhne

Beitragvon SMID » 04.01.2005, 02:54

Hi Moeg,

mit /in Szene setzen/ meinte ich, dass du dem Leser einmal vorfuehrst, wie sich Sunny Boy verhaelt, /wenn er in seinem Element ist/. Dass er bei seinem Arbeitgeber eingestiegen ist, klasse! Warum hast du das nicht geschrieben? Ich finde, das passt sehr gut ins Charakterbild.

Du schreibst /Als ich 13 war, fand ich ihn wunderschön./

Dann verschweigst du dein Jetzt-Zeit Alter und nimmst uns die Gelegenheit, zeitliche Distanz zu schaetzen. Wenn du dein jetziges Alter nicht nennen willst, was in Ordnung ist, warum dann nicht einfach nur /vor einigen Jahren/ oder /in der 8. Klasse/?

Nur Tagebucheintrag? Oder tiefstapelst du jetzt wieder? :-D

Bis dann
SMID

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Re: Schöne Söhne

Beitragvon mög » 04.01.2005, 18:03

ob's nur ein Tagebucheintrag ist? - na eben nicht, und drum sollte es sich ja auch nicht so lesen.

was das Alter betrifft: auch wenn ich mir selber vorkomm wie eine alte Schachtel und schon längst aufgehört hab, mich über Geburtstage zu freuen, ist es eigentlich noch nicht so weit, dass ich es lieber verheimliche, aber ich glaube der Hinweis " auf meinem Maturaball" gibt bereits gewisse Anhaltspunkte über die zeitliche Distanz.

Sollte ich vielleicht den Einbruch rein und dafür das Dealen rausgeben? Ich müssten dann auf den "Paten" verzichten, aber wäre dieses Ausmaß an Verbrechertum realistischer?

lg
mög
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Re: Schöne Söhne

Beitragvon razorback » 19.01.2005, 15:05

Ja, aber der Text ist dann doch um Längen besser als der Schnittchenflittchentext. Und Handlung hat er schon, ich verlange ja ger nicht andauerndes Rennenkämpfenschwitzen. ;-)

Es gibt hier nur ein einziges Wort, dass mir nicht so gefällt

Hybris

Generell ist Hybris ein sehr schönes Wort, hier aber wirkt es zu technisch, zu gekonnt distanziert in diesem Text, der auf so gelungene Weise vom vergeblichen Ringen um Distanz erzählt.

Ich finde - um diesen Punkt aufzugreifen - den Kriminellen-Aspekt sowohl glaubhaft als auch sehr gelungen. Er ist für mich ein Spiegel des gesamten Restes der Geschichte. Vielleicht lebe ich zu nah an zu vielen Großstädten: Für mich ist ein kleiner Kokaindealer keine grosse kriminelle Nummer. Verachtenswert, gewiss (um da keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen), aber eben alles andere als ein "Pate". Und gerade dieser Aspekt passt so gut zu dem Charakter der Figur, und seine Wirkung auf das LI in diesem Punkt (Schock) spiegelt sehr gut seine Wirkung in allem anderen: Beeindruckend (positiv wie negativ) auf den ersten Blick, aber dann eben wenig dahinter.

Die Selbstreflektionen des LI wirken durch die Bank stimmig, glaubwürdig, unkitschig, uneitel, kein bisschen effekthascherisch - sehr gut. Allerdings - fällt mir gerade ein - eine einzige Stelle ist da vielleicht kritisch:

Meine Cousine kann an jedem Fingern 10 holde Knaben haben und es kostet sie nur einen müden Augenaufschlag, die lässt sich durch schlichte physische Form-Vollendung nicht so leicht hinter dem Ofen hervorlocken. Überhaupt ist meine Cousine weit weniger oberflächlich als ich.

Und das ist auch völlig richtig so. Gerade schöne Menschen sollten sich keine Oberflächlichkeit erlauben, eben weil sie es könnten. Denn ihnen gerät das leicht zur Hybris, unter der dann auch andere zu leiden haben. Bei hässlichen Menschen jedoch führt Oberflächlichkeit unter Beibehaltung einer realistischen Selbstwahrnehmung, was ich jetzt voraussetze, höchstens zur Selbstzerfleischung und schadet somit hauptsächlichen ihnen selbst. Das ist erbärmlich und verdient deswegen folgerichtig eher Erbarmen und weniger Kritik. Oberflächlichkeit der Schönen ist lächerlich, Oberflächlichkeit der Hässlichen ist tragisch.


Das kann man so verstehen (ich weiss nicht, ob es so gemeint ist), dass das LI sich als hässlich beschreibt (im Gegensatz zur Cousine). Das klingt mir ein wenig zu sehr nach Koketterie. Gut - kaum jemand ist mit seinem/ihrem Äusseren wirklich zufrieden. Aber "hässlich"? Das hat für mich einen andere Dimension. Wer findet sich (oder ist schon) wirklich hässlich?

Aber ich will mich damit nicht zu lange aufhalten. Ein Wort und ein eventuelles Missverständnis - das ist alles, was mir an diesem lesenswerten, gekonnten, gut ausbalancierten Text nicht gefällt. :applaus:
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Schöne Söhne

Beitragvon mög » 29.01.2005, 02:08

na, das freut mich, dass es diesmal besser geklappt hat.

"Hybris" und "Hässlichkeit" sind allerdings starke Wörter, die nicht so ganz in eine nette kleine Alltagsplauderei passen. Aber ich kann mich in diesem Fall absolut nicht davon trennen.

Das mit der Distanz durch "Hybris" in diesem Absatz ist schon völlig okay, find ich. Darum geht's ja auch, wie du eingangs richtig bemerkst, Ringen um Distanz und so. Vergeblich natürlich, auch richtig, aber zur Verwendung komplizierter Wörter reichts allemal.

"Wer findet sich (oder ist schon) wirklich hässlich?"

. . .

So, ich brauch dringend neue Themen.

lg
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