Zu Torgau

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solneman
Erinye
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Zu Torgau

Beitragvon solneman » 10.12.2003, 00:49

Torgau. Die Burg, das Schloss, auf das ich über die nagelneue Brücke zufahre. Wie dieses Gemäuer so trutzig und scheinbar uneinnehmbar daliegt - wie muss es sein, in einer Stadt großzuwerden, die sich mit so einem Gebäude krönt? Wie passiert man, an der Hand der Mutter, so einem Bestandteil des Horizonts einer Kindheit?

Torgau aber: ein geschichtlicher Ort, hier gaben sich am 25.April 1945 der sowjetische Sergeant Nikolaj Andrejew und der amerikanische Second Lieutenant Bill Robertson die Hand und feierten das baldige Ende des Krieges. Der Russe war über die Trümmer der Elbbrücke dem Amerikaner entgegengeklettert. Der hatte das Schloss im Rücken...
Was wir aus dem Fernsehen kennen, sind nachgestellte Szenen, wie ich später von der Frau aus dem Tourist-Zentrum erfahre. Jedenfalls ist die historische Elbbrücke in einer Nacht- und Nebel-Aktion kürzlich einfach abgerissen worden, erzählt sie, gegen den erklärten Widerstand der Einwohner. Nackt und glatt steht eine neue Brücke da.

Die Bären in der tiefen Grube vor dem Schloss sind ein trauriger Anblick. Ohne zu wissen, dass Bären darin wohnen, denke ich beim Betrachten der Anlage von außen: wer immer hier gehaust haben mag, ob es Josef der Beständige, Karl der Fürchterliche oder Johann der Unbedeutende war - die Reiseführerprosa verleitet mich zum Blödeln - die Anlage ist wie geschaffen für einen Bärenzwinger, und es erschreckt mich etwas, in schmutziger, finsterer Tiefe tatsächlich eine Handvoll Braunbären herumdösen zu sehen. Josef, Karl und Johann sind fort, die Russen sind fort, die DDR ist fort, alle konnten nach Hause gehen, nur die armen Viecher sind noch da. Die Stadt Torgau wirbt auch noch mit den Bären, man kann sein Scherflein zur Erhaltung des Geheges beitragen und Postkarten mit Meister Petz erstehen. Ich denke nicht daran, einen Tierknast zu unterstützen. Möge das Unternehmen pleite gehen. Doch auch dann streifen die Bären nicht wieder durch die Wälder, denn diese sind auch – nach Hause gegangen?

Das unübersehbar an die Elbpromenade geklotzte Denkmal der Sowjets wirkt ungepflegt, auch das zusätzliche Denkmal an der anderen Straßenseite, das dem Sowjetvolk für seine Befreiungstat steinernen Dank ausspricht, ist heruntergekommen. Die Fahnenmasten sehen aus nach lange nicht benutzt. Auch Dankbarkeit kommt in die Jahre – oder unter die Räder der Geschichte. Gepflegt ist, was gewollt ist. Will man den Sowjets noch dankbar sein? Das jetzige Russland ist nicht die Sowjetunion. Man bringt durch Nichtachtung auch die Steine zum Schweigen.

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