Ein Lehrer

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Pentzw
Klio
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Ein Lehrer

Beitragvon Pentzw » 11.12.2018, 19:20

Lehrer, von früher, wenn du ihnen begegnest, schwankst du zwischen Verachtung und Bewunderung. So erging es auch mir.
Es war mein Lieblingslehrer. Geschichte und Deutsch.
Ich konnte ihm nicht mehr glauben, wie als dummer Schuljunge, was er heute erzählte. Er hatte sich bereits als Opportunist geoutet. Aber Lehrer müssen es sein, opportunistisch, nicht wahr? Sonst müssten sie mindestens alle zehn Jahre den Job wechseln. Aber Lehrer sind gerade dafür bekannt, dass sie ihren Job ihr Leben lang behalten oder anders gesagt, diejenige Spezies Mensch unter den Studenten, die ein festes Leben wünschen, mit wenig Schwankungen und Unwägbarkeiten und etwas Grips haben oder besser aus gutgestellten Familien kommen, suchen einen Lehramt auf.

Wie gehen solche Herren vor?
Er ist bekennender Liberaler gewesen. Lehrer zu sein, wo noch ein Abglanz von 68iger Umwälzung und Revolution wehte, müssen sich dem stellen. Er war der einzige, der dies tat in unserer Schule. Der sich zu den Reformwilligen der 68iger bekannte, als es immerhin schon die 70iger Jahre waren. Das kreideten ihnen die Schüler hoch an, auch wenn er ein Liberaler war.
Aber er war bereit, Politik an die Schule zu tragen, wie das die 68iger sich wünschten und forderten. Der Plan war der, Gerechtigkeit solle siegen und Ausgewogenheit garantiert werden, in dem jeweils ein politischer Vertreter der etablierten Parteien zu einem Gespräch an die Schule eingeladen werden würde, allerdings nicht für sämtliche Schüler, sondern für die Schüler der oberen Klassen.
So kam ein Politiker der Liberalen als erster. Das war logisch: zu denen hatte er die beste Verbindung. Dass danach kein anderer Politiker mehr eingeladen werden würde, war so nicht ausgemacht, aber für diesen Herrn Lehrer logisch. Letztlich wollte er wohl nur für seine eigene Partei die Werbetrommel rühren. Natürlich durften keine spontanen Fragen gestellt werden, sondern die Schüler lasen brav von ihren wohlpräparierten Zetteln ab, die sie in den Geschichts- und Deutschstunden dieses Lehrers vorformuliert hatten oder, ich hoffe, aber nicht nur, ich war nicht dabei, ich war in einer unteren Klasse, dass dieser Lehrer ihnen nicht bloß diktiert hatte.
Danach, als er ein paar Jahre später, die Schule wechseln konnte, nämlich in der neuerrichteten seines Wohnortes, hörte ich, dass er über diese Zeit und diese Schüler folgendes gesagt haben soll: „An dieser Schule waren Linke!“ Nun, 15 bis 17jährige so zu bezeichnen, wobei dies eine Diffamierung ist, kann nur dem Umstand geschuldet sein, dass er sich in der neuen Schule und neuen Umgebung Lieb Kind machen wollte. Oder wurde er vor die Rede gestellt: „Sie haben damals in der Schule Politik betrieben!“ „Ja, ich musste, denn das war ein Hort linker Schüler!“ Wer weiß.

Das erste, was folgte, als ich mich als Schüler von ihm zu erkennen gab: „Sie sind doch der Lehrer... Ich hatte sie in Roth in der Realschule als Geschichts- und Deutschlehrer!“, lächelte er erst einmal das Lächeln der Generation, der er angehörte als 80ig Jähriger, denn das hatte sie gut heraus und sich angeeignet, gerät’s du in unangenehme Situationen, lächele zuerst einmal ungenant. Er entschuldigte sich quasi dafür, dass er sich leider nicht mehr an mich erinnerte ,nein, sich entschuldigen, wäre zu viel gesagt, daß ihm mein Gesicht nicht mehr erinnerlich ist, „Macht nichts“, meinte ich, „Lehrer sehen viele Menschen im Laufe ihrer Laufbahn an sich vorbeiziehen“, „Aber gehen wir doch“, schlug ich vor und wir machten uns auf, beide auf den gleichen Weg mit dem gleichen Fahrzeug, die Bahn, zum gleichen Zielbahnhof: Nürnberg.
Nun, zuerst, nachdem ich mich also vorgestellt hatte, lachte er erst einmal über den sogenannten “Nürnberger Trichter“, wobei er den Erfinder dieser Metapher nannte, dessen Namen ich mich weigere nachzuschauen, weil ich das Bild des sogenannten Nürnberger Trichters, wodurch man Lehrer-Wissen in die lernresistenten Köpfe der Schüler eintrichtert.für meine Vorstellungskraft ein allzu krudes, blutiges und abstoßendes Bild darstellt.
„Ich war ein stiller Schüler!“, sagte ich ihm am Schluß. „Sie werden sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern können.“

Aber nun erst, am Anfang unserer Begegnung war ich immerhin ein Schüler, dem er wie wohl allen es schwer machten, ihn mit dem Wissen, das als notwendig erachtet wird, zu füllen. In der Tat, bei mir hatten alle Lehrer einen schweren Stand.
Während ich das schreibe, spiele ich zwischendurch Musik von den Beatles. „Filling me up with their rules, the teacher werent cool. Turning me round, holding me down. „ Volia, die Beatles drückten aus, was die meisten jungen Menschen in den Schulen dieser Welt von den Lehrern erfahren und erdulden müssen.
Ich wüsste kein deutschsprachiges Lied, das einen derartigen Inhalt besitzt.

Eigenartiger Weise gebrauchte er zwischendurch immer wieder einen nichtgebräuchlichen, nichtdeutschen Ausdruck. „Das ist mein Goijm“, im Sinne von dies ist mein Hobby, mein Spaß, meine Freude. –(Ich finde keine Bedeutung dafür, außer der, dass es sich um einen jüdischen Ausdruck für einen Nichtjuden handelt.)
Ist er auch einer derjenigen Heutigen, die sich gerne mit Jüdischem schmückten? Deren gibt es mittlerweile viele, alle wollen was mit Judentum zu tun haben, ja, die Abkömmlinge der größten Judenhasser, wollen sich gerne mit dem Judentum schmücken. Jeder wäre froh, selbst Jüdisches Blut zu haben (immer noch rassistisch), alles was jüdisch ist, ist „in“, obwohl es ehemals ach so „out“ war.
Jedenfalls, sprach er immer wieder von seinem Goijm... befremdlich.
Dann erzählte er von einem seiner Ahnen, ein führender Kopf in Nürnberg während der Reformationszeit. Er leitete irgendein Symposium, eine Bürgerversammlung in der Reichsstadt bezüglich religiöser Belange, die Katholen wurden in die Ratsversammlung mit eingeladen. Aber das Volk stand bereits vor den Toren, das die Freiheit eines Christenmenschen forderte, nämlich auch Privatbesitz haben zu dürfen – übrigens dieses Verständnis für Freiheit eines Christenmenschen hat mir gerade dieser Lehrer als katholischer Schüler in der staatlichen Schule einen Begriff vermittelt – und drinnen tagten die sich verfeindeten Konfessionen. Das protestantische Volk vor den Stadtmauern wurde es allmählich leid, dieses herumdisputieren und begann bereits die Ärmel hochzukrempeln, bereit, dem Reden Taten folgen zu lassen und die verhassten Katholischen auf protestantische Art und Weise die Leviten zu lesen. Aber nein, sein Verwandter beruhigte die lynchlustige Meute, weil er den Katholen nun einmal freien Abzug zugesichert hatte und herrschte die Hitzköpfe nieder, so daß die Delegation der Päpstlichen ungeschoren wieder abziehen konnte. So war sein Verwandter, ein Vorfahr!
Einfach mustergültig, zu schön, um wahr zu sein!
Gleiches Verhalten, ergänzte der Herr Lehrer, zeigte er übrigens auch bei den Bilderstürmerei in Nürnberg, indem er die Meute zurückpfiff sozusagen, bevor sie die Heiligen, die Ikonen und wertvollen Gemälde der Christenheit herunterrissen und verbrennen und zerstören konnten.
Also, der Herr Lehrer durfte sich auf eine beeindruckende, humanistisch gesinnte Verwandtschaftslinie berufen, sofern es denn stimmte! Denn so wie die einstigen Nazis plötzlich keine mehr waren, niemals gewesen waren, nach 45, so waren die protestantischen also auch keine Bilderstürmer und Katholenverhauer mehr gewesen, obwohl, wie jeder Geschichtslehrer zugeben musste, es doch an allen Ecken und Kanten brannte. Aber natürlich, wir, unsere Vorfahren, wir waren die Ausnahme – damit kann sich heute jede Familie mit Stolz schmücken, zumal eine, die mittlerweile Professoren (nämlich in Mikrobiologie, wenn das nicht rassistisch ist!) als Schwiegersöhne ihr eigenen nennen konnte. Klar, darunter tut es unsere Familie schließlich nicht, bei dieser Ahnengalerie und familiären Historie!
Geschichtslehrer!
Und wie im Kleinen, in der Kernzelle der Gesellschaft, der Familie, ist auch immer im Großen der Wunsch groß, die Geschichte so hinzudrehen, wie es einem passt.
So erzählt er von seiner Tochter, die beratend einer neuzugründenden katholischen Bücherei beisteht. Klar, wir sind protestantisch, haben aber keine Berührungsängste mit den Katholen, zudem sind wir so gebildet, daß uns die anderen gerne zu Rate ziehen, einladen, wenn nicht um Hilfe bitten.
„Und da ist der Bedarf an historischen Romanen unstillbar!“, ergänzt er.
Der Trend in der Literatur, historische Romane! Diese Gesellschaft hat es nötig, offenbar.
Entsprechend hat man in der Stadt, aus der er kommt, auch eine Historikerin in den Landtag gewählt, die alle Jahre die Sehnsucht der Historien- und Geschichtslehrern befriedigt, in dem sie alljährlich ein Buch veröffentlicht. Na, solche Märchenerzähler braucht es in der Politik! Und offenbar auch unter dem Volk, das es gewählt hat.
Daß die neue Landtagsabgeordnete in der Sozialdemokratie ist, eine der geschichtsträchtigsten Parteien, wenn nicht die überhaupt, versteht sich von selbst. Diese Sozialdemokratie ist mittlerweile sowenig sozialdemokratisch wie jede andere nicht sich so schmückende Gruppierung, so daß in dieser Sozialdemokratie ein um so stärkeres Bedürfnis nach Verklärung herrlicher sozialdemokratischer Zustände besteht.

Dann die alles entscheidende Frage: wer ist Nationalist? Unter den Schüler natürlich keiner.
Aber schauen wir uns einmal das Kaugummi-Kauen an.
Man erinnert sich in den 60iger Jahren durchaus an die Aufnahme aus den 40igern von kaugummi-kauenden amerikanischen Kriegsgefangenen, die als tierisch in ihrem permanenten Kiefern-Bewegungen demonstriert worden waren. „Kaugummi-Kauen ist nicht gut!“, sagte auch dieser Lehrer. „Weil permanent Speichel produziert wird und dem Magen Essen vorgegaukelt wird, so dass er automatisch Säure produziert und diese Überproduktion und –bildung führt schließlich zu Magengeschwüren.“ Das klingt logisch und ich habe es damals auch geglaubt, obwohl ich weiß Gott sehr skeptisch gegenüber Lehrer und Schule war, ein gebranntes Kind von Nazi-Lehrer aus der Volksschule bereits.
Wer Nazi ist oder war oder sein könnte, wurde heftig diskutiert unter der Schülerschar.
Die Schüler kamen gerade von der Pause zurück in das Klassenzimmer, welches hufeisenförmig geordnet war. Offenbar nach einer sehr emotionalen Diskussion in der Pause ein Schüler, ein langer, schlampig gekleideter - die meisten waren dies mehr oder minder, befinden wir uns hier einer Realschule - zeigte mit dem Finger auf jeden einzelnen im Runde: „Jeder wäre damals ein Nazi gewesen!“
Mich empörte dies zwar total, so dass ich instinktiv die Arme vor der Brust verschränkte, trotzig zeigend, dass ich die Ausnahme gewesen wäre. Doch kamen mir keine rechten Worte über die Lippen, die Gedanken, die durch meinen Kopf gingen, konnte ich nicht richtig formulieren, aussprechen und mich damit in Szene setzen: „Gerade dies zu behaupten, dass alle Nazis gewesen wären, ist eine Nazi-diktatorische Aussage und gleich dem Gleichschaltungsterror dieser Nazis!“
Habe ich mich verständlich gemacht, schwierig, nicht?
Man kann nachvollziehen, wie schwierig und unmöglich mir es gewesen ist, mich ähnlich in diesem Moment in diesem Sinne auszudrücken. Ich konnte es einfach nicht. Aber ich wusste, ich hatte recht damit. Diese Gruppengleichschaltung war ein Mittel der Nazis!

Wo er mich wirklich nervös gemacht hat schließlich, war, als der Herr Lehrer das Wort „Machtergreifung“ der Nazis mit Anführungsstrichen versaß, wozu er seine beiden Hände nahm und diese Striche in die Luft zeichnete. Dieser Ausdruck wird heftig diskutiert. Heute wohl noch. Nach meinem Verständnis heißt dies: Machtergreifung ohne Bindestrich –die Nazis haben schon im Vorfeld ihrer Gewinn-Wahl 1933 die Bevölkerung, Behörden und alles andere Erdenkliche unter ihre Kontrolle genommen und somit die Stimmabgabe beeinflusst und manipuliert, wie es meine Großmutter in ihrem Wahlkreis bestätigen kann. Oder aber eben nicht und sie wurden quasi aus dem Herzen des Volkes heraus freiwillig und gerne gewählt –was er mit seiner Gestik ausdrücken wollte! Und das machte mich nervös –obwohl er, nachdem ich ihm von Schwierigkeiten meiner Großmutter durch die Nazis erzählte, erwähnte, dass auch aus seinem Familien- oder Verwandtenkreis Personen ins Konzentrationslager verschleppt und gesteckt worden seien, wobei er zwei Namen von solchen KZ’s nannte.
Wie passte dies zusammen?
Lügt er? Geschichtsklittert er? Ist er ein großartiger Märchenerzähler, der Herr Deutsch- und Geschichtslehrer, vor sich selbst und anderen? Muss er sich belügen, andere gleichfalls oder erst recht?
Immerhin, als ich lange nach der Schule, nach Hinterlassen des Studiums, mein erstes Buch herausgebracht hatte, besuchte ich ihn an seiner Schule, jetzt Konrektor und er nahm mir anstandslos ein Buch ab, ob er mich nun als Schüler erkannte oder nicht damals. Er ließ sich nicht lumpen, er war hilfsbereit –aber ob als seine Aufgabe als dieser Jobinhaber, der er war?
Jedenfalls hatte er Charisma! Für mich als Schüler und für eine Freundin, eine Bekanntin, die ich habe und die Englisch- und Deutschlehrerin an seiner Schule gewesen war und davon geschwärmt hatte, dass sie es als Lehrerin und an dieser Schule nur ausgehalten habe, weil dieser Lehrer dort Konrektor war. Und, sagte sie zu mir: „Wußtest Du, dass er Schauspieler gewesen war, äh, halt Theaterwissenschaft studiert hat, wo man auch als solcher Erfahrungen sammeln muß, bevor er in den Schuldienst gegangen ist!“
Das glaubte ich durchaus.

© werner pentz

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