Stofftiere bringen Glück

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Pentzw
Klio
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Stofftiere bringen Glück

Beitragvon Pentzw » 28.02.2019, 22:32

I. Am Morgen der Entführung

Ich saß ziemlich belämmert da, sah alt aus und war ratlos. Was sollte ich meiner Freundin verklickern, was ich am Fuße der Zimmertreppe Ginas, ihrer Mitbewohnerin, nachts zu suchen gehabt habe, als sie mich dort gefunden hatte?
Was hatte ich im Ginas Zimmer wohl verloren?
Der Umstand, dass meine Freundin ein Morgenmuffel war, kam mir zugute und räumte mir Zeit ein, eine Entschuldigung, eine Erklärung zu finden.
Es brach wirklich die Hölle los.
Wir saßen schweigend in der Küche, meine Freundin und ich, als sie hereingestürzt kam und weinte und weinte. Dass Louise ein verbohrter Morgenmuffel ist, kam mir hier sehr zurecht. Sie verstand erst gar nicht richtig, aber ich biss und kaute in meiner Ratlosigkeit an den Unterlippen, um eine plausible Erklärung auf das herabstürzende Unwetter zu finden.
Erschwerend zu meinem missglückten „Fensterln“ bei Gina kam hinzu, dass ich aus Ärger darüber ein Stofftier von ihr zerstört hatte und es aus dem Fenster werfen musste, um alle Spuren zu verwischen. Aber ich war damit vom Regen in die Traufe gekommen.
Da Gina ihr geliebtes Stofftier über alles vermisste, konnte nur den Schluss zulassen, dass es ihr das Wichtigste auf der Welt sei. Das Getue um dieses Lieblingsstoff-Tier war natürlich pure Übertreibung und nur darauf zurückzuführen, dass es jetzt weg war. Drama, Melo-Drama, Soap-Opera go on!
„Mein Benno, mein Lieblingsstoff-Tier, ist verschwunden.“
„Was? Du sagst, dein Lieblingsstoff-Tier sei verschwunden. Meinst du, es hat sich auf die Beine gemacht und ist losgezogen oder was?“
Unglücklicherweise verstanden die Frauen keinen Spaß, sonst hätten sie mitgelacht.
Ich duckte mich und befürchtete, mindestens einen sehr missbilligenden Blick von Louise zu ernten, noch schlimmer, eine Zurechtweisung und eine Rüge, die sich gewaschen hat. Aber meine Freundin rieb sich noch den Schlaf aus den Augen und Gina nahm dies fast für bare Münze.
„Mir ist nicht zum Lachen zumute. Da ist jemand in mein Zimmer eingedrungen und hat Benno entführt.“
„Mach mal einen Punkt. Ein Einbrecher hat es doch eher auf Wertgegenstände wie Schmuck, Bargeld und Blablabla abgesehen, aber nicht auf so ein Stofftier.“
„Vielleicht ist der Einbrecher zunächst wirklich mit dieser Absicht in Ginas Zimmer eingedrungen. Als er nichts fand, hat er aus Rache den Hund mitgenommen“, meinte Louise dazu. Da sie sich immer noch in ihrer Traumwelt aufhielt, rührte ich den Teig weiter an. „Oder als Souvenier“, ergänzte ich sinnig.
Beide Gesprächspartner erkannten meine elegante Bemerkung mitnichten. Frauen haben einfach keinen Sinn für Witze.
„Das finde ich etwas übertrieben.“
„Aber möglich ist es doch!“
„Ja, möglich ist fast alles auf dieser Welt. Aber nicht besonders wahrscheinlich.“
„Na, vielleicht hat er selbst ein Kind zuhause und hat gedacht, wenn ich schon nicht auf Verwertbares, Geldmäßiges gestoßen bin, dann könnte vielleicht doch als Trost so ein Stofftier gute Dienste leisten und ich es meinem Mädchen geben. Ob ich es nun kaufe oder es gleich an mich nehme, es kommt schließlich aufs Gleiche heraus.“ Wer das wohl gesagt hat, ist wohl glasklar.
„Der Fuchs und die saueren Trauben!“
„So ungefähr!“, meinte die Phantasiebegabte.
Gina verlor darüber jetzt völlig die Nerven.
“Ich rufe die Polizei an. Der soll den Fall aufklären.“ Sie wandte sich bereits um.
Das musste verhindert werden! Man stelle sich dies vor: „Ich muss eine Entführung melden. Mein Stofftier wurde geraubt.“ Was würde sie denken? Sie würde sie sofort in die Geschlossene stecken. Jeder Psychiater würde diagnostizieren, delirium tremens, Verfolgungswahn im Folge fortgeschrittenen Alkoholismus.
„Willst Du ihm ernsthaft sagen: Jemand hat meinen Benno entführt?“
„Natürlich, stimmt ja auch.“
Sie war bereits an der Tür. Gina befand sich auch in einer Traumwelt. Aber diese hier musste schnellstens zerstört werden.
„Dann warte lieber Mal, bis die Entführer mit der Lösegeldforderung auf Dich zukommen.“ Was besseres fiel mir nicht ein. Zum Glück nahm sie zunächst diese Aussage für bare Münze.
„Mein Benno, ich fasse es nicht!“ Und sie brach wieder in Tränen aus. Dabei schlug sie die Hände über die Augenhöhlen. Das war doch krank, zumindest grenzwertig. Ob wohl hier in den Räumen Kameras versteckt waren, die das jetzt in alle Welt hinaustrugen, gleich einem Schnulzenfilm im TV, nur hier in Echtzeit?
Nun kam mir die Lösung, der Ausweg aus meinem lastenden Problem. „Aber jemand war da. Ich habe nämlich Geräusche gehört heute nacht. Deshalb bin ich aufgestanden, die Treppe zu deinem Zimmer hochgekrabbelt und habe in deinem Zimmer nachgesehen.“
Ein Aha von Gina erfolgte.
„Aber da war niemand drinnen. Vielmehr niemand mehr, wie’s aussieht.“
Meine Freundin schaute mich gleichfalls so an, als ginge ihr ein Licht auf. Na, ich war mit dieser Erklärung aus dem Schneider. Mich hatte ein Eindringling in das Gemach von Gina gelockt, als ich wieder herunterkam, hatte mich meine Freundin gesehen und entdeckt.
Das bewies, dass jemand in Ginas Zimmer gewesen war.
Zudem hatte ich eine einleuchtende Erklärung geliefert, weswegen ich aus Ginas Bereich gekommen war und mich Louise auf dem Boden liegend entdeckt hatte. Dass ich über Gina herfallen wollte, war damit kaschiert.
„Aber wie ist er wieder herausgelangt?“
Oje, die Fenster hatte ich ja wieder zugemacht und die Innen-Jalousie heruntergelassen.
„Nun, bestimmt so wie er hineingekommen ist. Durch die Haustür, die Treppe zum ersten Stock hinauf, einen weiteren zu Ginas Zimmer hoch und das wieder retour. Mann, der hatte aber Glück gehabt, dass er nicht ertappt worden ist.“
Das schien meine beiden Freundinnen nicht gerade zu überzeugen. Na klar, wahrscheinlich war es nicht, dass von den Mitbewohnerinnen eine vergessen hatte, die Wohnungstür zuzuziehen, man brauchte sie nicht einmal abschließen. Was gab es aber nicht auf dieser Welt?
Deswegen drückte ich erst mal auf die Angstdrüse.
„Hast zudem Glück gehabt, dass Du gerade in der Küche gesessen warst, als er einbrach, nicht Gina? Stell Dir vor, der wäre in Dein Zimmer hineingekommen, als Du im Bett gelegen wärst.“
Ginas Mund stand offen. „Nicht auszudenken!“
Eben, das müsste die Sache dämpfen, den Verdacht von mir ablenken durch die Freude darüber, die sie jetzt empfand, einer sehr, sehr gefährlichen Situation noch einmal entronnen zu sein.
Louise riet Gina: „Aber gleich die Polizei anrufen, ist nicht gut. Warte noch ein bisschen...“
Gina hörte meist auf den Rat von Louise, aber diesesmal nicht, denn sie geht stracks zum Telefon nach oben und ruft die Polizei an. Sofort schießen mir die Schweißperlen aus der Haut und auf die Stirn.
Ob ich Spuren im Bett von Gina hinterlassen habe? Aber natürlich! Bei den Methoden, die die Polizei mittlerweile zur Verfügung stehen, würde ich als infamer Täter schnell und eindeutig entlarvt sein. Na ja, kein Schwerverbrechen, aber meine Freundin wäre ich damit mit Sicherheit los, die sich schon fragen würde, was ich im Bett Ginas zu suchen hatte.
Dann beruhige ich mich wieder, als ich meinen Verstand einsetze. Die Polizei wird besseres zu tun haben, als dem Verschwinden eines Stofftieres so viel Aufmerksamkeit, Mittel und Wege einzusetzen, dass sie Spuren im Bett nachgehen werden, Haaren, Schuppen, Samensträngen, weiß der Geier was. Sie wird ein Protokoll aufnehmen, wenn’s überhaupt tut und diesen Vorfall Ernst nimmt, mit der Achsel zucken, verschmitzt lächeln, sich perplex in die Augen anschauen, wenn es mehr als zwei Polypen sind, die sich mit diesem Fall beschäftigen und die Akte ad acta legen. Mann, die Polizei ist doch gegenwärtig voll überbeschäftigt, nach der Flüchtlingswelle und dem neuen Polizeiaufgabengesetz. Andererseits, wenn sie mir auf die Schliche käme, was würden sie denn für eine Strafe vorsehen?
Ich versuchte zu verdrängen, nein, Verstand wieder einzuschalten, das wird ins Leere laufen, der Versuch einem entkommenen Stofftier einzufangen.
Gina kam mit dem Telefon in die Küche, hatte die Freisprechtaste eingeschaltet, so dass das Tuten laut vernehmlich war. Sie wollte offenbar Zeugen haben. Wir, meine Freundin und ich schauten uns konsterniert in die Augen, meinend: „Was das noch geben wird!“
„Ja, hier Polizei!“
„Ja, hier Gina. Ich muss den Verlust eines Hundes melden.“
„Name. Seit wann? Aussehen...“
„Name Benno, seit heute nacht, braun-grau.“
„Rasse.“
„Äh, Phantasierasse.“
„Wie bitte. Eine Mischung.“
„Kann man so sagen.“
„Von was!“
„Äh, das kann ich nicht sagen. Der Designer hat eine gute Phantasie gehabt und so ziemlich alles eingemischt.“
„Sind Sie betrunken.“
„Nur ein bisschen“, gab sie noch ehrlicherweise zu.
„Mann, verschwenden Sie nicht unsere Zeit...“
„Aber wirklich, Polizist. Erstens bin ich eine Frau, das Sie das wissen. Und zweitens, mein Hund, ein Stoffhund ist heute nacht aus meinem Bett gestohlen worden.“
„Aha, ein Stoffhund.“
„Genau!“
„Ein Stofftier also!!!“ Jetzt schien er endlich zu kapieren, was sich auch durch die etwas lautere Aussprache verdeutlichte.
„Genau Mann, Benno, mein Stoffhund. Lebensalter 8 Jahre, Rasse unbekannt, aber treu und anhänglich und...“
„Sie wissen hoffentlich, was es bedeutet und welche Konsequenzen das nach sich zieht, wenn man die Polizei auf den Arm nimmt.“
„Ja. Aber keine Angst, Herr Polizist, auf den Arm nehme ich nur, ich betone, nur meinen Benno.“
„Den Stoffhund!“, ergänzte der Polizist genervt.
„Sie haben es erfasst, Herr Polizist.“
„Ich lasse noch mal Gnade vor Recht walten, gnädiges Fräulein, und lege jetzt auf, ohne Konsequenzen. Ich wiederhole mich: ohne Konsequenzen. Sollten Sie aber erneut anrufen, dann kenne ich keine Gnade mehr und Sie müssen sich für ihr Tun mit allen Konsequenzen des Rechtes verantworten. Haben Sie mich verstanden?“
„Aber mein Benno.“
Und Klacken.
Meine Freundin und ich schauten uns wieder nichtssagend in die Augen.
„Jetzt reicht es mir. Wer kann es mir verdenken, bei der Polizei, dass man da zum Alkoholiker wird...“
Ich ergänzte: „Besser bleibt.“
Gina schaute mich angesichts dieser Neunmalklugen Bemerkung schief an: „Genau, bleibt. Ich hol mir einen Flachmann.“ Meine Freundin war gerade dabei, Protest einzulegen, aber es war zu spät. Gina wirbelte wieder der weiße Wirbelwind aus dem Haus, setzte sich auf gekonnt wie ein Cowboy auf seinen Sattel auf ihr Fahrrad und strampelte wütend los, Richtung Kiosk, Richtung Tankstelle, Richtung Discounter, wo immer Alkohol angeboten wurde.
Ich atmete auf. Ich war gerettet.
Nur, wo war das Stofftier, Pu, der Bär vielleicht, oder Meister Rammel, der Hase hin verschwunden?

II. Ein Stofftier bringt Glück

Was ist mit dem Stofftier geschehen?
Es ist nicht Pu, der Bär und Rammler, der Hase...
„Oh, was ist denn das für ein schönes Tier!“, der kleine Junge beugt sich auf dem Fußgängerweg über das Stofftier, dessen Kopf an ihm herunterhängt. Er selbst hängt an der Hand seiner Mutter, die ihn versucht davon wegzuzerren. „Komm, puh, das ist dreckig.“ Aber der Junge hat sich schon von der klammernden Hand der Mutter befreit und hebt das mitleidserregenden Tier auf. „Mutti, schau mal, das ist ein Hund!“ „Ja, wirklich! Aber der Kopf hängt ihm weg.. „Mutti, ich nehm ihn mit nach Hause!“ „Aber das geht doch nicht!“
„Das geht schon. Ich kann ihm den Kopf annähen, dann ist er wieder ganz und neu!“, sagt der Opa, der auf der Schwelle seines Ladens steht, Zeit habend und keine Aufträge momentan, seines Ladens „Änderungsschneiderei“, genannt „Opa’s Nähladen, in dem er Kleidungs-, Stoffstücke und sonstiges zusammennäht. „Ich bin Schneider, ich näh ihn zusammen. Kein Problem!“ „
Ahja, Mutti, kann ich ihn dann haben und mit nach Hause nehmen.“
Der Opa wendet sich an die Mutter und schaut sie mitleidig an. „Wirklich, in einer Stunde habe ich ihn zusammengeflickt. Das ist nicht schwierig.“ „Aber ist doch schmutzig!“ Der Opa sagt: „Ach richtig. Ich geb ihn meinem Argadasch.“ Dabei zeigt er an den übernächsten Laden in dieser Häuserzeile, ein Waschsalon.
„Der kann das Stofftier zwischendrein in einen Waschauftrag stecken. Das kostet ihm nichts. Glauben Sie mir, ich mach das schon. – Dann kommen Sie morgen und fertig ist das Tier.“
Die Mutter, über so viel Großzügigkeit geschmeichelt, erwidert zögerlich: „Na gut! Also, mein Junge. Du hast gehört. Gib dem Hund dem Opa, morgen ist er frisch gewaschen und der Kopf wieder angenäht.“ Zunächst will der Junge seine Beute nicht wieder aus den Armen lassen, aber Mutter und Opa strahlen ihn so freundlich an, dass er, wiewohl die Worte und den Zusammenhang nicht ganz verstanden, kapiert, dass es gut gemeint ist und ihm sein Fund nicht wieder abgenommen werden wird.
„Glaub mir, mein Junge. Morgen hast Du den Hund samt Kopf. Kopf ist wieder angenäht“, beschwichtigt ihn noch einmal der leutselige, kinderfreundliche Opa mit den vielen Leberflecken auf seinem großen, kahlen Schädel.
„Nach dem Einkaufen kommen wir vorbei, morgen, zu selben Stunde etwa!“
„Ja, machen sie das!“
Sie nimmt den Jungen wieder an die Hand und dieser hüpft freudig an dieser die Straße hinunter gen Marktplatz.
Opa geht gleich zum Nachbarsladen mit dem Hund in der Hand, dessen Kopf an ein paar Fäden herunterhängt.

Am nächsten Tag erscheinen Mutter und Kind noch nicht. Die Mutter ist überhaupt nicht angetan davon, ein fremdes Stoffmonster in ihre sauber, ordentlich und tiptop gehaltene Wohnung zu schleppen, auch wenn es zuvor durch eine Waschmaschine gegangen ist. Wer weiß, welche Viecher, Insekten, Parasiten, Bazillen, Viren, Spinnen, Skorpione, weiß der Teufel was, noch darinnen verborgen sein mochten, resistent, unbeweglich und nicht wegzukriegen?
So kann sie ihren Sohn ablenken, als es an diesem Tag zum Geburtstagsfeiern geht. Der hat danach sein neues Spielzeug wirklich vergessen, die Mutter gleichfalls. Aber diese begeht einen Fehler, in dem sie am übernächsten Tag unabsichtlich, unwissentlich und gedanken- und ahnungslos wieder mit dem Kleinen in der Stadt Schoppen geht und sie, die kleine Stadt macht’s, an Opa’s Änderungsschneiderei vorbeikommen.
So lassen sie sich feierlich den zusammengeflickten Hund überreichen, freudig entgegengenommen vom Jungen, die Augen weit aufgerissen und gen Himmel gerichtet die Mutter.
Gegenüber der Schneiderei befindet sich ein Döner-Laden, in den sie dann hineingehen. Der Junge legt den Hund in die Ecke, während er seine Mahlzeit verzehrt, inklusive Softgetränk trinkt.
Zwei Kerle sitzen gleichfalls hier, am Nachbarstisch.
Sie sehen ein Polizeiauto vorfahren, denken an eine bestimmte Fäkalie und drehen sich fast um sich selbst, um ein geeignetes Versteck für ihre in Silberpapier verstauten Haschisch-Plättchen aufzutun.
Da der Hund mit seinem Popos gegen sie weist, erkennt einer seine Chance und steckt in den After die Plättchen, ganz schnell und zielgerichtet, der Schwanz des Hundes bedeckt eventuelle Einsichtslöcher.
Die zwei Polizeibeamten, selten passiert’s, sie können nur etwas im Schilde führen, bestellen sich zwei Döner und nehmen neben den beiden Freaks Platz.
Der Junge bestaunt die Uniformierten, denn es ist nicht alle Tage, dass man solche leibhaftig vors Gesicht bekommt. Zudem ist der eine Polizist offenbar eine Frau. Polizisten sind doch Männer.
Die Mutter bekommt plötzlich einen Anruf und drängt recht unvermittelt und hurtig zum Aufbruch, so dass der Junge im Eifer des Gewühls und Aufbruchs sowie durch den faszinierenden Anblick der Polypen sein neues Stofftierchen vergisst.
Auch die Kiffer vergessen dieses, vielmehr eine gewisse neuralgische Zone desselben. Allerdings sind sie weniger von dem Anblick fasziniert als abgeschreckt, einerlei, beides sind Ursachen, zu vergessen, was sehr sehr wichtig ist: für den Jungen sein Pläsierchen, für die Jugendlichen ihre Drogen.
Der Hund döst in seiner Ecke bis zum Abend, bis nach Mitternacht, als Gina zufällig auch in das Restaurant kommt und ihren entwendeten Bär entdeckt. Sie schaut den jungen Verkäufer fragend an, der, angesprochen, tut, als wüsste er nicht, woher der Bär stamme.
„Du hast meinen Hund gestohlen!“
„Hund?“
Gina echauffiert sich: „Ja, bist in meine Wohnung eingedrungen, wolltest mich vergewaltigen, ausrauben, was weiß ich. Der Hund ist der Beweis.“
„Hund?!“
Gina deutet auf das Stofftier. Nun kann der Döner-Mann nicht richtig Deutsch, erschwerend kommt hinzu, dass Hund in seinem Kulturkreis auch nicht besonders positiv belegt ist. Er verwundert sich sehr, warum diese Frau sich so aufregt. Da riecht sie auch noch komisch. Und dann „Hund“. Meint sie sich damit vielleicht? Sieht sie sich als Hund, weil sie so nach Schnaps und Alkohol riecht? Was will sie aber damit?
Ich kommt ein Verdacht. Der ist aber schon stark.
Sieht sie sich als Hund, so meint sie, sie sei eine Hure. Meint sie, sie ist eine Hure, dann bietet sie sich jetzt gerade an, dass er sie vögeln, nageln und bumsen darf.
So doch nur kann er das sehen. Das Angebot ist ihm zu delikat. Er ist verheiratet, er hat Kinder, wenn jemand dahinter kommt, jemand sieht es, trägt es seiner Frau zu Ohren zu, dann ist alles zu spät – es steht einfach zu viel auf dem Spiel – er kann sie nicht ficken!
Oder doch? Im Nebenraum. Nachts, nach dem Zapfenstreich?
Ihm fällt sein Chef ein, der Inhaber. Dieser macht in letzter Zeit auf multi-kulti. Wäre nicht schlecht fürs Geschäft, hat er letzthin verlauten lassen, wenn ein Bulgare oder Rumäne angestellt werden würde. Die kosten nicht so viel. Und da diese Osteuropäer immer mehr häufiger hier auftauchen, würde er sich eine neue Kundschaft erschließen. Gefahr!
Der Döner-Verkäufer wird jetzt laut. Er wird fast gewalttätig, er weist ihr direkt oder indirekt die Tür.
„Kannst gehen. Hure!“
Sie ist entsetzt! Staunt einen langen Moment. Ist ganz entgeistert.
Erbost greift sie ihre Tasche und den Stoffhund unter ihre Arme und verschwindet wie ein Wirbelwind aus diesen von Zwiebeln, Kohl, Knoblauch und Fleisch dunstigen Raum.

Doch dann kommt sie bald zum Nachdenken.
Ihr kommt ein Verdacht, weil sie ihm nicht glaubt, weil sie schon ein bisschen in ihn verliebt ist, auch nach diesem unappetitlichen Wortwechsel.
Er ist in ihr Gemach eingedrungen, wollte etwas von ihr und hat aus unerfüllter Liebe ihren Hund unter den Nagel gerissen.
Als sie ein paar Tage später das Haschisch entdeckt, sich einen Joint dreht, ist sie schließlich restlos davon überzeugt: der will etwas von ihr. Man muss ihn nur ein bisschen auf die Beine stellen, dann wird das schon werden, was sie sich erhofft.
Inzwischen hat sich der Döner-Verkäufer mit seinem Chef verständigt. Er hat ihm von der besoffenen deutschen Tussi und ihrem undelikaten Auftreten des Nachts erzählt.
Sie sind gerade beim Ausladen neuer Fleischware, tragen es von dem alten VW-Bus heraus in das Hinterzimmer des Dönerladens hinein. „Wer ist es?“ „Na, du weißt schon, die, da um die Ecke wohnt, mit...“ In der Kleinstadt kennt man sich. Der Chef nickt. Hier im Hinterzimmer lagern alle Waren, einschließlich die Kühltruhen fürs Fleisch. Aus denen dringt Eisdampf, wenn man den Deckel aufmacht und sie werfen die Fleischkegel dahinein –keine angenehme Arbeit.
Der Chef verzieht das Gesicht bis zu den Ohren und stößt aus: „Fick Sie, die braucht das!“
Da war das Signal. Das sie just in diesem Raum fiel, das Losungswort, die Erlaubnis, den Akt der Eroberung hier in diesem Laden, in diesem Ort, dem Nebenzimmer des Ladens zu bewerkstelligen und zu tätigen, war grünes Licht gegeben worden.
Nur, er zweifelt, ob sie wiederkommen würde, er hatte sie schließlich gelinde gesagt nicht gerade wie eine Dame behandelt, auf deren Begegnung man gesteigerten wert legt.
Aber er braucht nicht lange zu warten.
Bereits einige Tage später schon erscheint sie, kuscht sich unsichtbar in eine Ecke und wartet ab. Schmachtend.
Der Dönnerverkäufer macht sich schon auf ein Donnerwetter gefasst und schweigt erst einmal, geschweige, dass er sie fragt, ob und was sie wohl Essens- und Trinkenmäßiges wolle.
Außerdem ist es nicht mehr lange bis zum Dichtmachen des Ladens. Es ist schon eine Stunde nach Mitternacht.
Und sie spricht ihn an, stellt ihn zur Rede, der nicht weiß und versteht, sind es Anschuldigungen oder Liebeserklärungen, komisch, er tippt zunächst auf letzteres.
Er befindet sich in der Defensive und da ist das beste Lachen.
Ja, er lacht so verschämt. Gina deutet dies als Schuldeingeständnis und presst sich unmittelbar an ihn, so dass es zu einem Kuss und Zärtlichkeits-Austausch kommt. Der junge Mann nützt die Gelegenheit, verrammelt den Laden und zerrt, wenn Gina nicht gewollt hätte, diese in den Nebenraum, in die Rumpelkammer, dort, wo alle Waren gelagert werden. Darin macht er sich über die freudige, stark betrunkene und bekiffte Gina her.

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