Stofftiere bringen Glück

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Pentzw
Klio
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Stofftiere bringen Glück

Beitragvon Pentzw » 28.02.2019, 22:32

I. Am Morgen der Entführung

Ich saß ziemlich belämmert da, sah alt aus und war ratlos. Wir saßen in der Küche beim Morgenfrühstück und ich überlegte verzweifelt, was ich meiner Freundin verklickern konnte. Was hatte ich heute nacht um drei Uhr am Fuße der Zimmertreppe von Gina, ihrer Mitbewohnerin, zu tun gehabt? Sie hat mich dort vorgefunden, wie ich mit meinen vier Gliedern auf dem Fußboden herumgekrabbelt bin.
Was hatte ich wohl in Ginas Zimmer verloren?
Der Umstand, dass meine Freundin ein Morgenmuffel war, kam mir zugute und räumte mir Zeit ein, eine Entschuldigung, eine Erklärung zu finden.
Dann brach auch noch die Hölle los, glücklicherweise.
Wie wir da so schweigend am Küchentisch saßen, meine Freundin und ich, kam Gina hereingestürzt und weinte und weinte. Dass Louise ein verbohrter Morgenmuffel ist, kam mir hier sehr zurecht. Sie verstand erst gar nicht richtig, aber ich biss und kaute in meiner Ratlosigkeit an den Unterlippen, um eine plausible Erklärung auf das herabstürzende Unwetter zu finden.
„Heute nacht ist jemand in mein Zimmer eingestiegen und... stellt euch das mal vor....“
Ich wusste, was jetzt käme. Nicht nur hatte ich ein missglücktes „Fensterln“ bei Gina veranstaltet, während sie in der Küche saß, sondern Spuren hinterlassen, eindeutige, unübersehbare, nahezu unmissverständliche. Unachtsamerweise hatte ich eines ihrer Stofftiere zerstört. Was blieb mir übrig, als es aus dem Fenster zu werfen?
Damit war ich jetzt voll vom Regen in die Traufe gekommen. Es lag auf der Hand, dass mein Verhalten, das auf einen Besuch in Ginas Zimmer verwies mit dem Verschwinden des Tieres zu tun haben. Aus den Augenwinkeln sah ich aber keine Reaktion meiner Freundin, sie war noch jenseits dieser Welt, zum Glück.
Ginas Gezeter nach zu schließen - ach wie ich ihn über alles vermisse - musste ihr dieses Ding das Wichtigste auf der Welt sein. Das Getue Lieblingsstoff-Tier war natürlich pure Übertreibung, nur darauf zurückzuführen, dass es jetzt weg war. Drama, Melo-Drama, Soap-Opera go on!
„Mein Benno, mein Lieblingsstoff-Tier, ist verschwunden.“
„Was? Du sagst, dein Lieblingsstoff-Tier sei verschwunden. Meinst du, es hat sich auf die Beine gemacht und ist losgezogen oder was?“
Unglücklicherweise verstanden die Frauen keinen Spaß, sonst hätten sie mitgelacht.
Ich duckte mich und befürchtete, mindestens einen sehr missbilligenden Blick von Louise zu ernten, noch schlimmer, eine Zurechtweisung und eine Rüge, die sich gewaschen hat. Aber meine Freundin rieb sich noch den Schlaf aus den Augen und Gina nahm dies fast für bare Münze.
„Mir ist nicht zum Lachen zumute. Da ist jemand in mein Zimmer eingedrungen und hat Benno entführt.“
„Mach mal einen Punkt. Ein Einbrecher hat es doch eher auf Wertgegenstände wie Schmuck, Bargeld und Blablabla abgesehen, aber nicht auf so ein Stofftier.“
„Vielleicht ist der Einbrecher zunächst wirklich mit dieser Absicht in Ginas Zimmer eingedrungen. Als er nichts fand, hat er aus Rache den Hund mitgenommen“, meinte Louise dazu. Da sie sich immer noch in ihrer Traumwelt aufhielt, rührte ich den Teig weiter an. „Oder als Souvenier“, ergänzte ich sinnig.
Beide Gesprächspartner erkannten meine elegante Bemerkung mitnichten. Frauen haben einfach keinen Sinn für Witze.
„Das finde ich etwas übertrieben.“
„Aber möglich ist es doch!“
„Ja, möglich ist fast alles auf dieser Welt. Aber nicht besonders wahrscheinlich.“
„Na, vielleicht hat er selbst ein Kind zuhause und hat gedacht, wenn ich schon nicht auf Verwertbares, Geldmäßiges gestoßen bin, dann könnte vielleicht doch als Trost so ein Stofftier gute Dienste leisten und ich es meinem Mädchen geben. Wenn er das Stofftier mitnimmt, spart er sich den Kauf ein solchen. Das war für einen solchen Dieb ein gefundenes Fressen.“ Wer das wohl gesagt hat, ist wohl glasklar.
„Der Fuchs und die saueren Trauben!“
„So ungefähr!“, meinte die Phantasiebegabte.
Gina verlor darüber jetzt völlig die Nerven.
“Ich rufe die Polizei an. Die soll den Fall aufklären.“ Sie wandte sich bereits um.
Das musste verhindert werden! Man stelle sich dies vor: „Ich muss eine Entführung melden. Mein Stofftier wurde geraubt.“ Was würde sie denken? Sie würde sie sofort in die Geschlossene stecken. Jeder Psychiater würde diagnostizieren, delirium tremens, Verfolgungswahn im Folge fortgeschrittenen Alkoholismus.
„Willst Du ihnen ernsthaft sagen: Jemand hat meinen Benno entführt?“
„Natürlich, stimmt ja auch.“
Sie war bereits an der Tür. Gina befand sich auch in einer Traumwelt. Aber sie wenigstens musste schnellstens auf den Boden der Realität zurückgeholt werden.
„Dann warte lieber Mal bis die Entführer mit der Lösegeldforderung auf Dich zukommen.“ Was besseres fiel mir nicht ein. Zum Glück nahm sie zunächst diese Aussage für bare Münze.
„Mein Benno, ich fasse es nicht!“ Und sie brach wieder in Tränen aus. Dabei schlug sie die Hände über die Augenhöhlen. Das war doch krank, zumindest grenzwertig. Ob wohl hier in den Räumen Kameras versteckt waren, die das jetzt in alle Welt hinaustrugen, gleich einem Schnulzenfilm im TV, nur in Echtzeit?
Nun kam mir die Lösung, der Ausweg aus meinem lastenden Problem. „Aber jemand war da. Ich habe nämlich Geräusche gehört heute nacht. Deshalb bin ich aufgestanden, die Treppe zu deinem Zimmer hochgekrabbelt und habe in deinem Zimmer nachgesehen.“
Ein Aha von Gina erfolgte. Louise grunzte etwas.
„Aber da war niemand drinnen. Vielmehr niemand mehr, wie’s aussah.“
Meine Freundin schaute mich so an, als ginge ihr ein Licht auf. Na, ich war mit dieser Erklärung aus dem Schneider. Mich hatte ein Eindringling in das Gemach von Gina gelockt, als ich wieder herunterkam, hatte mich meine Freundin gesehen und entdeckt.
Das bewies, dass jemand in Ginas Zimmer gewesen war.
Zudem hatte ich eine einleuchtende Erklärung geliefert, weswegen ich aus Ginas Bereich gekommen war und mich Louise auf dem Boden liegend entdeckt hatte. Dass ich über Gina herfallen wollte, war damit kaschiert.
„Aber wie ist er wieder herausgelangt?“
Oje, die Fenster hatte ich ja wieder zugemacht und die Innen-Jalousie heruntergelassen.
„Nun, bestimmt so wie er hineingekommen ist. Durch die Haustür, die Treppe zum ersten Stock hinauf, einen weiteren zu Ginas Zimmer hoch und das wieder retour. Mann, der hatte aber Glück gehabt, dass er nicht ertappt worden ist.“
Das schien meine beiden Freundinnen nicht gerade zu überzeugen. Na klar, wahrscheinlich war es nicht, dass jemand vergessen hatte, die Wohnungstür zuzuziehen und zu verriegeln, man brauchte sie nicht einmal abschließen. Was gab es aber nicht auf dieser Welt?
Deswegen drückte ich erst mal auf die Angstdrüse.
„Hast zudem Glück gehabt, dass Du gerade in der Küche gesessen warst, als er einbrach, nicht Gina? Stell Dir vor, der wäre in Dein Zimmer hineingekommen, als Du im Bett gelegen wärst.“
Ginas Mund stand offen. „Nicht auszudenken!“
Eben, das müsste die Sache dämpfen, den Verdacht von mir ablenken durch die Freude darüber, die sie jetzt empfand, einer sehr, sehr gefährlichen Situation noch einmal entronnen zu sein.
Louise riet Gina: „Aber gleich die Polizei anrufen, ist nicht gut. Warte noch ein bisschen...“
Gina hörte meist auf den Rat von Louise, aber diesesmal nicht, denn sie ging stracks zum Telefon nach oben und rief die Polizei an. Sofort schießen mir die Schweißperlen auf die Stirn.
Ob ich Spuren im Bett von Gina hinterlassen habe? Aber natürlich! Bei den Methoden, die der Polizei mittlerweile zur Verfügung stehen, würde ich als infamer Täter schnell und eindeutig entlarvt sein. Na ja, kein Schwerverbrechen, aber meine Freundin wäre ich damit mit Sicherheit los, die sich schon fragen würde, was ich im Bett Ginas zu suchen hatte.
Dann beruhige ich mich wieder, als ich meinen Verstand einsetzte. Die Polizei wird besseres zu tun haben, als für das Verschwinden eines Stofftieres so viel Aufmerksamkeit, Mittel und Wege einzusetzen, dass sie Spuren im Bett nachgehen werden, Haare, Schuppen, Samenstränge, weiß der Geier was. Sie wird ein Protokoll aufnehmen, wenn’s überhaupt tat und diesen Vorfall Ernst nahm, mit der Achsel zucken, verschmitzt lächeln, sich perplex in die Augen schauen, wenn es mehr als zwei Polypen waren, die sich mit diesem Fall beschäftigten und die Akte ad acta legen. Mann, die Polizei ist doch gegenwärtig voll überbeschäftigt, nach der Flüchtlingswelle und dem neuen Polizeiaufgabengesetz. Andererseits, wenn sie mir auf die Schliche käme, was würden sie denn für eine Strafe vorsehen?
Ich versuchte zu verdrängen, nein, Verstand wieder einzuschalten, das wird ins Leere laufen, der Versuch einem entkommenen Stofftier einzufangen.

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Die Polizei muss ermitteln

Beitragvon Pentzw » 21.03.2019, 21:50

Gina kam mit dem Telefon in die Küche, hatte die Freisprechtaste eingeschaltet, so dass man den Wahlton laut hörte. Sie wollte offenbar Zeugen haben. Wir, meine Freundin und ich schauten uns konsterniert in die Augen, meinend: „Was das noch geben wird!“
„Ja, hier Polizei!“
„Ja, hier Gina. Ich muss den Verlust eines Hundes melden.“
„Name. Seit wann? Aussehen...“
„Name Benno, seit heute nacht, braun-grau.“
„Rasse.“
„Äh, Phantasierasse.“
„Wie bitte? Eine Mischung.“
„Kann man so sagen.“
„Von was!“
„Äh, das kann ich nicht sagen. Der Designer hat eine gute Phantasie gehabt und so ziemlich alles eingemischt.“
„Sind Sie betrunken?“
„Nur ein bisschen“, gab sie noch ehrlicherweise zu.
„Mann, verschwenden Sie nicht unsere Zeit...“
„Aber wirklich, Polizist. Erstens bin ich eine Frau, damit Sie das wissen. Und zweitens, mein Hund ist heute nacht aus meinem Bett gestohlen worden. Oder meinen Sie, der ist freiwillig davongelaufen?“
„Möglich ist alles!“
„Sie beleidigen mich! Ich liebe meinen Hund über alles und würde für ihn sogar verhungern! Der würde mich deshalb niemals verlassen, nicht freiwillig, hundertprozent.“
„Also, okay Miss. Wir schicken einen Beamten vorbei!”
„Das würde ich Ihnen auch geraten haben, äh.“
„Wie bitte! Wiederholen Sie noch einmal, was Sie eben gesagt haben!“
„Das beruhigt mich ungeheuer, dass sich die Polizei einschaltet, die Ermittlungen, jedenfalls, bin ich beruhigt, dass Sie sich um meinen Hund kümmern!“
„Äh, selbstverständlich!“
Und Klacken.
Meine Freundin und ich schauten uns wieder in die Augen.
Ich erlaubte mir doch Kritik an der Polizei zu üben. „Die hätten sofort kommen müssen!“, finde ich. „Wer weiß, wie lange die Lebensdauer einer genetischen Spur wohl beträgt?“
Ich hoffte, Gina dachte dabei nicht explizit an Spermien.
„Ha?“, fragte sie mich doch. So musste ich leider mit der Wahrheit herausrücken, so ungern ich es tat.
„Na, Haare, Spermien...“ Weiter kam ich nicht, denn Gina wurde es hundeelend zumute bei der Vorstellung, ihr Kuscheltier sei vergewaltigt worden und bekam deshalb einen Weinkrampf. Das tat mir natürlich leid.
Ich erntete eine Rüge von meiner Freundin. „Also, das hättest Du nicht erwähnen müssen...“ Sie hatte auf etwas, was ich gesagt habe, reagiert, was zunächst für sich positiv war und ein Zeichen, dass sie allmählich vom Traum auf den Boden der Tatsachen oder in die Welt der Realität geriet. Das quittierte ich mit Befriedigung. Wurde auch allmählich Zeit.
Aber Gina war untröstlich, nicht mehr zu halten, kurzum drehte völlig durch.
„Jetzt reicht es mir. Wer kann es mir verdenken, bei dieser Art von Polizei, dass man da zum Alkoholiker wird...“
Ich ergänzte: „Besser bleibt.“
Gina schaute mich angesichts dieser neunmalklugen Bemerkung schief an, aber nur einen kurzen Moment, denn sie fing sich wieder schnell: „Genau, bleibt. Ich hol mir einen Flachmann.“ Meine Freundin war gerade dabei, Protest und Warnung einzulegen, aber es war zu spät. Gina wirbelte wie der weiße Wirbelwind aus dem Haus, setzte sich gekonnt wie ein Cowboy auf den Sattel ihres Fahrrades und strampelte wütend los, Richtung Kiosk, Richtung Tankstelle, Richtung Discounter, wo immer Alkohol angeboten wurde.
Ich atmete auf. Ich war gerettet.
Nur, wo war das Stofftier „Benno“, der Hund hin verschwunden?
Nun aber setzte mich meine Freundin unter Druck. „Das können wir so nicht stehen lassen, Mann. Die Polizei muss sofort herkommen, irgendetwas unternehmen, zumindest sich den Tatort anschauen.“
„Ähm, ich weiß nicht!“
Aber sie war jetzt pikiert, weil ich zu weit gegangen war, schloß ich aus ihrer Forderung, dass die Polizei sofort zu kommen hatte. Das überraschte mich völlig.
„Und ich finde, D u solltest bei der Polizei anrufen!“
„Warum ich?“
„Zum einen, weil du Gina aus dem Konzept gebracht hast.“
„Ich geb’s ja zu“, räumte ich ein. Etwas zugeben und daraus Konsequenzen zu einem bestimmten Handeln zu ziehen, war bei unserer Art des Umgangs zwei paar Stiefel. Im Gegenteil! Ein vages Schuldeingeständnis zu machen, verminderte die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Konsequenz in Handlung manifestierte. Folgerungen erübrigten sich dadurch meist oder wurden wieder fallengelassen.
„Zum anderen, weil Du als Mann mehr Autorität verkörperst. Du kannst überzeugender darstellen, dass es für alle Beteiligten eine Gefahr bedeutet, wenn jemand in die Wohnung, das Zimmer einer schwachen Frau eingedrungen ist, auch wenn er letztlich nur ein Kuscheltier entwendet hat und niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, an Körper und Gegenständen. (Sie war wach, eindeutig.) Umso gefährlicher. Das kann ein Psychopath sein, ein total Verrückter, nicht nur ein Liebhaber Ginas, wie sie vielleicht glaubt. Mann, da muss die Polizei sofort vorbeischauen, Protokoll aufnehmen, etwas tun, wenn auch nur...“
„Ich versteh Dich!“, sagte ich, obwohl mir durchaus nicht wohl dabei war, den Behörden Druck zu machen. Aber irgendwie lag alles - bei rechtem Licht betrachtet - im Grünen Bereich. Soll die Polizei sofort kommen, sie würden schon keine Spuren von mir entdecken, nein, das glaubte ich nicht. Oder?
Ich befand mich in einer Zwickmühle. Weigerte ich mich, würde mein Verhalten verdächtig erscheinen und in ein verdächtiges Licht geraten. So aber, wenn ich was tat, entlastete ich mich letztlich.
Das gab den Ausschuss! Beiße in den saueren Apfel, um von dir abzulenken.
Ich tat es. Ich warf all meine Überzeugungskraft in die Waagschale und siehe da, ein Mann hat doch mehr Chancen bei der Polizei als eine Frau, oder eine, die nur Rotz und Wasser heult, so gesehen. Jedenfalls erklärte der Polizeisprecher am Telefon die Bereitschaft, mal morgen gleich einen Beamten vorbeizuschicken. Vielleicht beabsichtigten sie auch etwas anderes, als nach dem Täter zu suchen? Vielleicht waren die nicht ganz sauber, dachte er, schauen wir einmal in diesem Haus vorbei, bei den Mitbewohnern deutet vieles darauf hin, dass die nicht ganz dicht, äh, irgendwie komisch waren oder was hätten Sie gedacht, wenn Menschen behaupteten, ein Hund wäre entführt worden, mitten aus einer Wohnung heraus, die sich im ersten Stock befand? Und die Besitzerin war nicht Frau Rothschild, Frau Schickedanz oder sonst eine Millionärin?
Gebärdete sich aber nichtsdestotrotz wie selbige, wenn nicht schlimmer.


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Polizeipräsens

Beitragvon Pentzw » 21.03.2019, 21:51

Es klingelte. Ich befand mich gerade in der Küche und öffnete die Flurtür. Vor mir stand ein Polizist in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, wenn man so sagen kann.
„Sie kommen wegen des entführten Hundes?“
„Jawohl!“
„Einen Moment. Ich hole die Besitzerin.“ Die schwere Eingangsholztür wurde von mir zu einem Spalt zurückgeschoben, bevor ich mich umdrehte und die Treppe erklomm, um nach Gina zu suchen.
Als ich wieder die Treppe hinunterging, um in der Küche weiter zu werkeln, befremdete mich der Anblick des Polizisten, der sich schon unten im Flur befand und sich mit misstrauisch-kennerischen Blick umschaute, sich unautorisiert einen Eindruck von dem obskuren Anblick der Räumlichkeiten zu machen.
War es Unhöflichkeit einzutreten, ohne darum Erlaubnis ersucht zu haben bzw. Erlaubnis erteilt bekommen zu haben?
Man darf nicht vergessen, dass es sich hier um einen Polizisten handelt.
Aber deckte dieses Verhalten seinen quasi hohheitsrechtlichen Auftrag?
Seh es pragmatisch, dachte ich mir. Wahrscheinlich nutzte er einfach die tote Zeit, als ich nach Gina schaute, um sich einen Eindruck vom Tatort und sein weiteres Umfeld zu verschaffen.
Genau, nur so war sein Verhalten zu interpretieren, wohlwollend gesehen.
Außerdem war ich ohnehin hier nur zu Gast und ich befand mich nicht in meinen eigenen vier Wänden, nicht wahr?
„Hier muss er eingedrungen sein. Weil das Fenster in meinem Zimmer war ja verschlossen.“ Gina deutete auf die schwere Eingangstür aus Holz vom vorigen Jahrhundert, der fast historischen museumswerten, alten Bauerntür, mit einem rostigen Mammutschloß mit Riegel versehen, der, wenn er zugeschoben war, nur mit Hilfe von Sprengstoff zu öffnen war.
„Wahrscheinlich war er nicht verschlossen, ja! Und eine der Mitbewohnerinnen hier hat ihn vergessen, wie jeden Abend zu verriegeln. Weil wir machen das immer. Ich schwöre.“ Gina hob überflüssigerweise zwei Schwurfinger.
„Da sind drei junge, hübsche Frauen hinter dieser Tür und sie ist nicht verschlossen!“, sagte der Polizist, um dieses wahnsinnige, leichtsinnige Verhalten noch einmal auf die Waagschale zu legen. Seine Bemerkung war absolut ordnungsgemäß.
„Obwohl, ich glaube mich zu erinnern, dass ich sie an diesem Abend...“
Der Polizist ergänzte, wobei er die Stirn kräuselte: „Gestrigen Abend.“
„Genau, es war gestern, also dass ich sie gestern verschlossen habe.“
Das war alles sehr merkwürdig. Wie sehr konnte man sich auf diese Zeugenaussage eigentlich verlassen? War sie wirklich zugesperrt, musste er durch die Fenster gekommen sein.
Folgerichtig schlug er vor: „Kann ich einmal den Tatort inspizieren!“
„Sie meinen mein Zimmer, mein Schlaf- und Wohnzimmer. Äh!“
„Genau, der Ort, wo der Hund entführt worden ist.“ Gut formuliert, normalerweise wird ein Hund entführt, fortgeführt, aber einer aus Stoff wurde natürlich entwendet, ganz passiv wie er war. Er hatte ja noch keine Ahnung von Wahrheit.
„Aber natürlich! Folgen Sie mir, Herr Polizist!“
Nun schnarrte Gina wieder wie eine Ente, ein Ton, den Schauspieler verfremdend aus ihren Mundwerk produzierten, um Kindern eine sprechende Ente vorzugaukeln. Ob der Polizist dabei auch an eine Ente dachte? Gina schien mittlerweile an der Sache, der Untersuchung, der Ermittlung und nun Inspizierung des Tatortes richtig Spaß zu haben. Ernst schien sie die Sache nicht (mehr) zu nehmen. Oder täuschte ich mich?
Sie ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, gefolgt vom Polizisten in blauer, akkurater Uniform, sowie von mir. Ich fand auch daran gefallen, aber eher so schummrig-schaurig-unheimliches. Wer weiß, ob sie mich entlarven würden? Interessant würde es im anderen Fall werden, welche obskuren anderen Tatmotive und Tathergänge sie sich ausmalten, um das Verschwinden des Stofftieres erklären zu können. Vor allem das Täterprofil würde höchstinteressant ausfallen. Wenn jemand von einer Frau deren Lieblings- und Schoßhündchen klaute, war er ein Perversling oder ein hoffnungslos Verschossener oder noch etwas Schlimmeres, Unausdenkliches, Noch-nie-Dagewesenes?
Ich fand mein Verhalten nicht verdächtig. Bei einem derartigen hochoffiziellen, hochwichtigem Vorfall war das durchaus legitim, das ein Dritter wie ich dabei war.. Eventuell könnte ich wichtige Hinweise liefern, wer weiß, welche Fragen auftauchten? Da ich der Täter war, fand ich, wäre es ganz sinnvoll, mich, wenn es brenzlig würde, im Falle der Untersuchungsbeamte verdächtigte und stieß auf mich, worauf er nicht stoßen sollte, da es zum wahren Täter führte, einzuschalten, um von dem wahren Tathergang abzulenken und die Fährte nach irgendwo sonsthin als zu mir zu lenken..
Bild: Weiße Schwäne drehten auf der Oberfläche eines Sees ihre Kreise, der von einem großen Frauenantlitz im Hintergrund des Horizontes überblickt wird, das mit weit aufgerissenen Augen auf diese Unschulds-Tiere blickte, – mit ihrer sehr weißen Gesichthaut kontrastierend zu dem sehr schrillen Lippenstift-Rot – evozierten in ihren psychedelischen Touch auf den ersten Blick den Eindruck einer Kifferin, Morgenland-Fahrerin, Buddhistin, Asketin (Eindruck täuschend) oder so etwas.
Diverser Klimbim aus dem Orient war hier und dort platziert: eine Elefanten-Plastik mit einem Tragekorb aus einem asiatischen Gebiet wie Indien etwa, aber auch eine langhalsige Giraffen aus Afrika, unzählige abgebrannte Räucherstäbchen hier und dort – kurzum, etwas Unaufgeräumtes, wenig Ordnungsliebendes haftete dem Zimmer an.
Aber am Imposantesten in diesem Raum waren die Berge von Stofftieren, die sich auf dem Doppelbett türmten oder in einer Zimmerecke hineingestopft worden waren. Ich fragte mich da, ob sich der Aufwand und die Aufregung angesichts genügend anderer Knuddelobjekte wegen eines, zudem auch noch Hundes, lohnte? Aber das sag mal einer Stofftier-Besitzerin, bzw. Stofftier-Besessenen!
Ich ließ es mir nicht nehmen, überall mitzuschauen und teilnehmend zu beobachten. Dabei versetzte ich mich in die Welt des Polizisten. Mir dünkte, er verzog die Nase, innerlich. Das war hier ein Kiffernest und er war wahrscheinlich ein Bierfan, ganz angepasst und einheimisch. Also, was dachte er wohl über Gina? War er wirklich nur aus kriminaltechnischer Hinsicht her hier präsent oder meinte er, er stieße hier in ein illegales Wespenest?
„Wie sah denn ihr Hund aus?“, kam endlich die naheliegenste Frage.
„Ah, weiß-braun, so ungefähr.“
„Hatte er lange oder kurze Haare, lange oder kurze Ohren.“
„Haare wie der Bär dort.“
Gina deutete auf ihren großen braunen Bären.
„Sie meinen so lange wie die Haare des Bären dort.“
„Auch, aber unbedingt auch so weiche, zottelige, kurzum fast gleiche Haare wie der Bär.“
„Nur mit dem Unterschied, dass sie nicht aus Stoff waren, nicht wahr!“ Das war wohl eine witzige Bemerkung, oder sollte es sein, da jedoch, wenn eine Aussage zu nahe an die Realität heranreicht wie diese, kein Witz mehr ist, krepierte dieser vermeintliche Witz wie ein Rohrkrepierer. Aber das konnte der Witzemacher gar nicht wissen.
„Nein, schon fast gleich. Sie beugte sich mit den Knien aufs Bett, streichelte ihren Bären und sagte zum Ermittler. „Nehmen Sie ruhig auch einmal Tuchfühlung, damit sie, wenn Sie meinen Benno finden, ihnen nicht verwechseln und eindeutig identifizieren können.“
Er streichelte auch über das Fell. Aber dem Polizist wurde es bestimmt allmählich etwas komisch. Diese Frau mit ihrer schnarrenden Stimme, (der Mann, der da ein festes Lächeln auf seinen Lippen trug) – vielleicht war er hier in eine Art Kinderspiel-Hörstück hineingezogen worden oder was?
Und dann musste man den Eindruck bekommen, der Hund war gar kein Hund, sondern so ein Tier wie der Bär.
„Hoffentlich bürstet der gemeine Entführer meinen Benno auch jeden Tag. Hoffentlich hat er ein einigermaßen sauberen, staubfreien Platz für ihn. Mein Benno ist ein richtiger Staubfänger nämlich.“
Dem Polizist dämmerte allmählich doch ein erschreckender Verdacht und fragte lächelnd und lachend, wiederum ein Witz, der keiner war: „Benno ist wohl auch so ein empfindliches Tierchen wie der Bär!“
„Sie haben es erfasst. Noch empfindlicher nämlich. Den Bär muss ich nur alle Woche einmal bürsten, aber Benno alle drei Tage.“
Allmählich zweifelte der Polizist vielleicht selbst an seinem Verstand. Und jetzt ging er aufs Ganze und fragte geradeheraus, bevor er überschnappte sozusagen:
„Aha, ein Stoffhund.“
„Genau!“
„Ein Stofftier also!!!“ Jetzt schien er endlich zu kapieren, was sich auch zudem durch die Lautstärke verdeutlichte.
„Genau Mann, Benno, mein Kuschel-Stoffhund. Lebensalter 8 Jahre, Rasse unbekannt, aber treu und anhänglich und...“
„Sie wissen hoffentlich, was es bedeutet und welche Konsequenzen das nach sich zieht, wenn man die Polizei auf den Arm nimmt.“
„Ja. Aber keine Angst, Herr Polizist, auf den Arm nehme ich nur, ich betone, nur meinen Benno.“
„Den Stoffhund!“, ergänzte der Polizist genervt.
„Sie haben es erfasst, Herr Polizist.“
Jetzt schnappte der Polizist hilfesuchend nach Luft, schien mir.
„Also, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich auf den Arm nehmen wollen...“
„Aber nein, Herr Polizist. Ich will Ihnen bestimmt keinen Bären aufbinden.“ Über diese gelungene Formulierung mussten Gina und ich lachen. Beim Polizisten kam sie nicht so gut an.
„Also, jetzt mal im Ernst. Wir müssen also von einem Eindringlich ausgehen, der in eine fremde Wohnung eingedrungen war und einen Stoffhund entwendet hat. Kein Geld, kein Schmuck, keinen sonstigen Wertgegenstand.“
Unisono sagten Gina und ich: „Jawohl!“
Der Polizist musste erneut tief ein- und ausschnaufen, bevor er weiterreden konnte: „Und warum sollte dies jemand tun? Aus Gold war der Hund nicht, oder?“
„Nein.“
„Also, warum.“
„Das müssten Sie doch rausfinden, Herr Polizist.“
Wieder schnaufte er einvernehmlich.
Ich wollte die Situation entschärfen, wie es insgeheim meine Pflicht war angesichts dessen, dass ich die Schuld daran hatte, auch wenn es keiner wusste und so versuchte ich zu beschwichtigen. „Nun, vielleicht war es das Delikt, die Kurzschluss- oder Zwangshandlung eines verschmähten Liebhabers, der das Tier in fetischistischer Absicht und Neigung mitgenommen hat, nachdem er seine begehrtes Liebesobjekt nicht in ihrem Zimmer vorgefunden hat.“
„Denn ich war nachts ein paar Stunden in der Küche gesessen, weil manchmal...“, ergänzte Gina.
„Oder jemand wollte Gina nur einen Streich spielen. Sie ärgern, was weiß ich, welche unzählige Motive es da schon gibt“, unterbrach ich sie, weil ich glaubte, dass die Ursachen ihrer Schlaflosigkeit wenig zur Lösung dieses Falles beitragen würde.
„Ein Lausbubenstreich sozusagen!“
„Möglich!“
„Ich wüsste auch schon jemanden, der für dieses Motiv in Frage kommt. In meiner Arbeit...“
Der Polizist schnaubte wie ein Ackergaul.
„Oder...“, ich erlaubte mir, eine weitere Fährte zu legen. „Einer der Maler dort!“ Ich zeigte zum Haus gegenüber, das die letzten Wochen gestrichen wurde. „Gina, war da nicht so ein Malergeselle, der immer wieder heimlich und offen zu Dir herübergeschaut hat?“
„Genau!“
„Und, ist er nicht sogar bis an unsere Häuserfassade herangekommen, um einen besseren Blick durchs Fenster in die Küche zu werfen?“
„Genau!“
Die Malerarbeiten wurden mit einem Hausgerüst bewerkstelligt.
„Dann konnte er zum Beispiel auch vom Gerüst dort rüber durchs Fenster zu uns hereingesprungen, äh, geklettert sein.“ Die Gasse, in der wir uns hier befinden, macht zwar seinen Namen Ehre, sprich ist schon eng, aber ein Sprung herüber war doch sehr, sehr gewagt.
Diese Bedenken äußerte auch der Polizist.
„Na, vielleicht hat er ganz einfach eine Leiter genommen, herübergeklappt und ist darüber hinweggeklettert in mein Zimmer herein.“
„Hm. Und das nachts, wie Sie sagten.“
„Ja, warum nicht?“
„Aber dort drüben ist ein Sisha-Bar, da stehen die Jugendlichen immer vor der Tür, reden, unterhalten sich, rauchen Zigaretten, die müssten doch etwas wahrgenommen haben.“
„Aber es war ja Nacht. Deswegen in der Nacht!“
„Ein Stalker, Herr Polizist!“, setzte ich begeistert hinzu und zusammen. Zwischen den Zeilen schwebte die Aufforderung: Handeln Sie, und zwar sofort, es ist Gefahr im Verzug.
„Also, das führt uns zu nichts.“
„Aber Herr Polizist, Sie müssen in alle Richtungen ermitteln!“, meinte Gina mit einem Ausdruck, der in solchen offenen Fällen tagtäglich und obligatorisch von der Polizei in den Medien verkündet wurde.
Der Polizist, der jetzt die Geduld verlor, schien es, unterbrach abrupt jegliche weitere Spekulationen und, um die Sache gut abzurunden, sagte er, dass er gleich im Präsidium ein Protokoll auffassen täte, ja, die Ermittlungen aufnehmen, vorantreiben, forcieren werde, und auch, ein tiefer Seufzer entrang seiner Kehle, in jede erdenkliche Richtung, und bitte, Gina solle in einer Woche bei ihm im Präsidium nach dem Stand derselbigen nachzusuchen und deswegen unbedingt selbst in persona dort erscheinen. Das betonte er richtig. Wir waren arglos, dachten uns nichts dabei, nur, würde schon so seine Richtigkeit haben.
Ich atmete bei diesem Stand der Untersuchung aus, nämlich dem vorläufigen Ende, verspürte ich doch merkliche Erleichterung, dass diese nicht Greifbares ergeben hatte. Der Polizist musste ergebnislos von dannen ziehen, hurra, Gina einmal so in einer Woche im Präsidium vorbeischauen, prima. Für mich klang das so, als ob der Polizist in weitere Untersuchungen keinen Sinn mehr sah und überhaupt keinen Finger mehr rühren würde. Wer kann es ihm verdenken?
Na denn, Gina, viel Spaß bei der Polizei nächste Woche!

© werner pentz

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Stofftiere bringen Glück

Beitragvon Pentzw » 09.04.2019, 20:40

V. Ein Stofftier bringt Glück

Was ist mit dem Stofftier geschehen?
Es ist nicht Pu, der Bär und Rammler, der Hase, sondern Benno, der Hund...
Wo halten sich meistens Hunde auf? Natürlich auf der Straße.
„Oh, was ist denn das für ein schönes Tier!“, der kleine Junge beugt sich auf dem Fußgängerweg über das Stofftier, dessen Kopf an ihm herunterhängt. Er selbst hängt an der Hand seiner Mutter, die ihn versucht davon wegzuzerren. „Komm, puh, das ist dreckig.“ Schon hat sich der Junge von der klammernden Hand der Mutter befreit und hebt das mitleidserregenden Tier auf. „Mutti, schau mal, das ist ein Hund!“ „Ja, wirklich! Aber der Kopf hängt ihm weg. „Mutti, ich nehm ihn mit nach Hause!“ „Aber das geht doch nicht!“
„Das geht schon. Ich kann ihm den Kopf annähen, dann ist er wieder ganz und neu!“, sagt der Opa, der auf der Schwelle seines Ladens steht. Über ihn prangt ein Schild: Opa’s „Änderungsschneiderei“, über die Fensterauslage steht: „Änderungen; „Kleidungsflickerei“.
„Ich bin Schneider, ich näh den Hund zusammen. Er wird wieder wie neu sein. Kein Problem!“ „
„Ahja, Mutti, kann ich ihn dann haben und mit nach Hause nehmen.“
Der Opa wendet sich an die Mutter mitleidserheischend: „Wirklich, in einer Stunde habe ich ihn zusammengeflickt. Das ist nicht schwierig.“ „Aber ist doch schmutzig!“ „Ach richtig. Ich geb ihn meinem Argadasch.“ Dabei zeigt er an den übernächsten Laden in dieser Häuserzeile, ein Waschsalon.
„In diesem Waschgeschäft kann er den Hund zwischendrein in einen Waschauftrag stecken. Das kostet ihm nichts. Glauben Sie mir, ich mach das schon. – Dann kommen Sie morgen und fertig ist das Tier.“
Die Mutter, über so viel Großzügigkeit geschmeichelt, erwidert zögerlich: „Na gut! Also, mein Junge. Du hast gehört. Gib Hund Opa, morgen ist er frisch gewaschen und der Kopf wieder angenäht.“ Zunächst will der Junge seine Beute nicht wieder aus den Armen lassen, aber Mutter und Opa strahlen ihn so freundlich an, dass er, wiewohl die Worte und den Zusammenhang nicht ganz verstanden, kapiert, dass es gut gemeint ist und ihm sein Fund nicht wieder abgenommen werden wird.
„Glaub mir, mein Junge. Morgen hast Du den Hund samt Kopf. Kopf ist wieder angenäht“, beschwichtigt ihn noch einmal der leutselige, kinderfreundliche Opa mit den vielen Leberflecken auf seinem großen, kahlen Schädel.
„Nach dem Einkaufen kommen wir vorbei, morgen, zu selben Stunde etwa!“
„Ja, machen sie das!“
Sie nimmt den Jungen wieder an die Hand und dieser hüpft freudig an dieser die Straße hinunter gen Marktplatz.
Opa geht sofort zum Nachbarsladen mit dem Hund, dessen Kopf an ein paar Fäden herunterhängt.

Am nächsten Tag erscheinen Mutter und Kind aber nicht in Opas Laden. Mutter ist überhaupt nicht angetan davon, ein fremdes Stoffmonster in ihre sauber, ordentlich und tiptop gehaltene Wohnung zu lassen, auch wenn es zuvor durch eine Waschmaschine gegangen ist. Wer weiß, welche Viecher, Insekten, Parasiten, Bazillen, Viren, Spinnen, Skorpione noch darinnen verborgen sein mochten, resistent, unbeweglich und nicht wegzukriegen?
So kann sie ihren Sohn ablenken, als es an diesem Tag zum Geburtstagsfeiern geht. Der hat danach sein neues Spielzeug wirklich vergessen. Die Mutter gleichfalls. Jedenfalls erinnert sie ihn nicht an ihn. Leider macht sie am übernächsten Tag den Fehler, dass sie gedanken- und ahnungslos wieder mit dem Kleinen in der Stadt Schoppen geht und an Opa’s Änderungsschneiderei vorbeikommt. Dieser steht an sder Schwelle seines kleinen Ladens, strahlt übers ganze Gesicht, die Platte, die Glatze mit den Unmengen Leberflecken vom Sonnenlicht bestrahlt, als hätte er auf die beiden gewartet.
Es wird ihnen feierlich den zusammengeflickten Hund überreicht, freudig entgegengenommen vom Jungen, die Augen weit aufgerissen und die Mutter ihre verdreht.
Dann suchen sie einen Döner-Laden auf. Der Junge legt den Hund in eine Ecke, zwei Kerle sitzen anschließend neben ihnen, am Nachbarstisch.
Erschrocken sehen sie ein Polizeiauto vorfahren, denken an eine bestimmte Fäkalie und suchen verzweifelt nach einem geeignetes Versteck für ihre in Silberpapier verstauten Haschisch-Plättchen.
Da der Hund reckt seinem Popos gegen sie. Einer erkennt seine Chance und steckt in den After die Plättchen, wonach er behutsam das Schwänzchen des Hundes darüber deckt.
Die zwei Polizeibeamten kommen herein, bestellen zwei Döner und nehmen neben den beiden Freaks Platz.
Der Junge bestaunt die Uniformierten, denn es ist nicht alle Tage, dass man solche leibhaftig vors Gesicht bekommt. Zudem ist der eine Polizist offenbar eine Frau. Polizisten sind doch Männer.
Die Mutter ereilt einen Anruf und drängt zum Aufbruch, so dass der Junge im Eifer des Geschehens sowie durch das Gebanntsein des faszinierenden Anblicks einer weiblichen Polizistin sein Pläsierchen vergisst.
Auch die Kiffer vergessen es. Allerdings weniger fasziniert vom Anblick der Polypen als aufgeschreckt, einerlei, beides sind Ursachen, zu vergessen, was sehr sehr wichtig ist, für den Jungen sein Pläsierchen, für die Jugendlichen ihre Drogen.
Der Hund döst in seiner Ecke bis zum Abend, bis nach Mitternacht, als Gina zufällig auch in das Restaurant kommt und ihren entwendeten Hund entdeckt. Sie schaut den jungen Verkäufer erstaunt an, bis ihr ein Verdacht aufglimmt. Aber darauf angesprochen, tut er, als wüsste er nicht, woher der Hund stamme.
„Du hast meinen Hund gestohlen! Gib’ zu!“
„Hund?“
„Ja, bist in meine Wohnung eingedrungen, wolltest mich vergewaltigen, ausrauben, was weiß ich. Der Hund ist der Beweis.“
„Hund?!“
Gina deutet auf das Stofftier. Nun kann der Döner-Mann nicht richtig Deutsch, erschwerend kommt hinzu, dass Hund in seinem Kulturkreis auch nicht besonders positiv belegt ist. Er verwundert sich sehr, warum diese Frau sich so aufregt. Da riecht sie auch noch komisch. Und dann „Hund“. Meint sie sich damit vielleicht? Sieht sie sich als Hund, weil sie so nach Schnaps und Alkohol riecht? Was will sie aber damit?
Ich kommt ein Verdacht. Der ist aber schon stark.
Sieht sie sich als Hund, so meint sie, sie sei eine Hure. Meint sie, sie ist eine Hure, dann bietet sie sich jetzt gerade an, dass er sie vögeln, nageln und bumsen darf.
So doch nur kann er das sehen. Das Angebot ist ihm zu delikat. Er ist verheiratet, er hat Kinder, wenn jemand dahinter kommt, jemand sieht es, trägt es seiner Frau zu Ohren zu, dann ist alles zu spät – es steht einfach zu viel auf dem Spiel – er kann sie nicht ficken!
Oder doch? Im Nebenraum. Nachts, nach dem Zapfenstreich?
Ihm fällt sein Chef ein, der Inhaber. Dieser macht in letzter Zeit auf multi-kulti. Wäre nicht schlecht fürs Geschäft, hat er letzthin verlauten lassen, wenn ein Bulgare oder Rumäne angestellt werden würde. Die kosten nicht so viel. Und da diese Osteuropäer immer mehr häufiger hier auftauchen, würde er sich eine neue Kundschaft erschließen. Gefahr!
Der Döner-Verkäufer wird jetzt laut und weist ihr unmißverständlich die Tür.
„Kannst gehen. Hure!“
Sie ist entsetzt! Staunt einen langen Moment. Ist ganz entgeistert.
Erbost greift sie ihre Tasche und den Stoffhund unter ihre Arme und verschwindet wie ein Wirbelwind aus diesen von Zwiebeln, Kohl, Knoblauch und Fleisch angeräucherten Raum.

Sie kommt ins Nachdenken.
Ihr kommt ein Verdacht, weil sie ihm nicht glaubt, weil sie schon ein bisschen in ihn verliebt ist, auch nach diesem unappetitlichen Wortwechsel.
Er ist in ihr Gemach eingedrungen, wollte etwas von ihr und hat aus unerfüllter Liebe ihren Hund unter den Nagel gerissen.
Als sie ein paar Tage später das Haschisch entdeckt, sich einen Joint dreht, ist sie schließlich restlos davon überzeugt: der will etwas von ihr. Man muss ihn nur ein bisschen auf die Beine stellen, dann wird das schon werden, was sie sich erhofft.
Inzwischen hat der Döner-Verkäufer seinem Chef von der besoffenen deutschen Tussi und ihrem undelikaten Auftreten des Nachts erzählt.
Sie sind gerade beim Ausladen neuer Fleischware, tragen es von dem alten VW-Bus heraus in das Hinterzimmer des Dönerladens hinein. „Wer ist es?“ „Na, du weißt schon, die, da um die Ecke wohnt, mit...“ In der Kleinstadt kennt man sich. Der Chef nickt. Hier im Hinterzimmer lagern alle Waren, einschließlich die Kühltruhen fürs Fleisch. Aus denen dringt Eisdampf, wenn man den Deckel aufmacht und sie werfen die Fleischkegel dahinein –keine angenehme Arbeit.
Der Chef verzieht das Gesicht bis zu den Ohren und stößt aus: „Fick Sie, die braucht das!“
Da war das Signal. In diesem Raum fiel das Losungswort, die Einwilligung des Chefs, in diesem Ort, dem Nebenzimmer des Ladens, in dem schließlich auch die folgenden wichtigen Dinge geschehen.
Er zweifelt, ob sie wiederkommen würde, schließlich hatte er sie gelinde gesagt nicht gerade wie eine Dame behandelt, auf deren Begegnung man gesteigerten wert legt.
Aber er braucht nicht lange zu warten.
Bereits einige Tage später schmachtet sie in eine Ecke gekuscht unscheinbar vor sich hin und verfolgt das den schicken Fleisch-Kegel-Schneider bei seinem galanten Treiben.
Der Dönnerverkäufer schweigt erst einmal, nachdem er den Schock ihres Erscheinens, das so klammheimlich über die Bühne gegangen war, verwunden hat. Würde ein Donnerwetter erfolgen? Er getraut sich nicht einmal, sie nach ihren Wünschen bezüglich Essens und Trinkens zu fragen. Gina plagen indessen andere Gelüste.
Es ist nicht mehr lange bis zur Sperrstunde, es ist schon eine Stunde nach Mitternacht.
Als niemand mehr im Laden ist, springt Gina mit einemmal auf und stelltt ihn zur Rede, der nicht weiß und versteht, sind es Anschuldigungen oder Liebeserklärungen, eigenartig, er tippt zunächst auf letzteres.
Er findet verschämtes Grinsen und zweideutiges Lächeln als den besten Weg in dieser Situation.
Gina ist sich somit ihrer Sache sicher. Angesichts dieses Schuldeingeständnisses presst sie sich unmittelbar an ihn, rückt ihren Körper zu seinem hin und umfängt ihn. Der junge Mann nützt die Gelegenheit, macht sich frei, verrammelt und schließt schnellstens den Laden zu und zerrt, wenn Gina nicht gewollt hätte, in den Nebenraum, in die Rumpelkammer, dort, wo alle Waren gelagert werden und aus dem lecken Kühltruhen weißer Kühldampf dringt. Auf einem alten Sofa macht er sich über die stark betrunkene und freudig erregte Gina her.


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Gesprächsbedarf und Herbstdissonanzen

Beitragvon Pentzw » 25.04.2019, 00:29

Am nächsten Tag, ernüchtert oder im nüchternen Zustand, je nach dem, wie man es sehen mag, war der Jubel dem Jammer gewichen: „Ich fühle mich so elend!“ Scham, Liebe oder die Gemengelage obskurem Verschnitts davon hatte sich ihrer bemächtigt, da sie in der kleinen Stadt an jeder Ecke das Bartgesicht des edlen Vöglers, Rammlers und Sex-Derwischen wahrnahm und es half auch nichts, dass sie es vermied, die Hauptverkehrsstraße zu passieren, wo sie an dem heruntergekommenen Dönerladen vorbeidefilieren musste, aus deren Schaufensterauslagen inzwischen bereits eine ganze Meute sexhungriger body-gestylter Ausländer welcher Herkunft auch immer gierten.
Sie hätte es nicht ertragen können – wohlgemerkt, den „Geliebten“ erblicken zu müssen.
So fuhr sie statt der breiten, hell erleuchteten Einkaufsstraße durch die verwinkelten, engen, kantig-sperrigen Kleinstadtstraßen – für eine oft angeheiterte Fahrradfahrerin eine nahezu zirkusreife Nummer.

In der Nacht war sie mit dem psychedelischen Song von Pink Floyd: “I wish You were here” eingeschlafen. Sie flog auf den Mond, umrundete ihn und setzte auf der erdabgewandten, dunklen Seite und Hälfte ab. Sie befand sich in der Rumpelkammer, in der es dunkel und düster war. Diese Hemisphäre des Fleischlagers hatte Eis- bzw. zumindest Nebelbildung wie die, die aus dem undichten Fleischkühler drang.
Eine schwarze Katze schlich in diesem Raum herum, durch das laute, abrupte Gepoltere des hektischen Sexualverkehrs lief diese plötzlich schnell aus dem Räumlichkeiten. Wie ein Blitz!
Aber am Morgen war Schluss mit Träumen, da wurde zur Sache gegangen, zum Marsch geblasen, indem sie den unsterblichen Bob Marley and the Wailers auflegte mit: „Get up, stand up! Fight for Your right!”
Dieser Song putsche die ehemalige Jamaika-Reisende auf. Sie kriegte schon die Krise, es war nur ein dumpfes Gefühl, irgend eine Anwandlung, egal welcher Absicht, nur ein dumpfes Drängen verspürte sie, mit ihm zu reden, mit ihm, der sie... na, ist bekannt.
Sie schlief wieder ein und befand sich im undurchdringlichen Dschungel der Tropen, wo es so feucht wie in der Sauna war. Es war alles so dicht bewachsen mit Grünzeug, dass man sich nur mit einer Machete einen Weg bahnen konnte. Boa Construkta in Ausmaßen wie Bäumen hingen wie Lianen von den Ästen herab. Ein furchtbares lautes, schrilles Gekreische, Gejuchze, Gebrülle erklang und erschall aus den Baumkronen, am übelsten taten sich Paviane hervor, jedenfalls affenartige Wesen gleich diesen oder Schimpansen, die mit ihren Gestikulationen, Gebärden, Gebaren sie schier zu veräppeln, zu foppen und herauszufordern schienen. „Geht weg, verschwindet!“, schrie sie hysterisch und wie aus dem Nichts tauchten, bunte Papageien in ihr Blickfeld, die ätzend zurückschrieen. „Geh weg, verschwindet!“ Das war zuviel , sie war dem Wahnsinn nage, hielt sich die Ohren zu, bekam weiche Knie und ließ sich schließlich auf der Stelle fallen. Sie sah durch ein geöffnetes Augen einen flirrenden roten Hügel wie eine Düne auf sich zukommen, die auf den Boden lag, ohnmächtig, beklommen und steif. Allmählich begann sie in dem Hügel Einzelheiten zu unterscheiden und wahrzunehmen: tausende, krabbelnde, gierige Ameisen.
„Get up. Stand up. Fight for Your right!“ Und das Stakkato der Raggaemusik lässt sie erheben, einen kleinen, klitzekleinen, mutmachenden Schluck aus dem bereits angebrochenen Flachmann nehmen, sich anziehen, die Wendeltreppe hinuntergleiten, das Fahrrad aus dem Gang durch die Haustür ins Freie schieben, aufsetzen und losfahren.
Der Scheinwerfer des Fahrradlichtes tänzelte an den Hauswänden hin und her, rauf und runter, dass es eine Wucht war. Da und dort hatten die Haustüren überdies Lämpchen über den Rahmen, selbst in den Fenster glitzerten welche, wie süß! Weihnachten war nicht mehr weit. Das Fest der Liebe, und sie? Oje, oje, oje! Sollte sie leer ausgehen, wieder einmal, wie seit dreizehn Jahren schon, damit musste Schluß sein. Jeder hat ein Recht auf Liebe. „Get.. Genau, kämpfe für dein Recht, Gina!“
Gina hat ihren Fahrradkorb hinten aufgespannt, der mit einem weinroten Tuch überspannt ist, ein Korb, der in seiner Verzierung dem Weidenkorb des Rotkäppchen ähnelt, in dem sich für Großmutter eine Weinflasche befindet, vulgo hier ein Flachmann aus dem Discounter, aus dem sie sich schließlich noch ein klitzekleines Schlückchens Mut antrinkt auf der Schwelle vorm Eingang zum Paradies, zur Hölle, zum Fleischerladen. Gina, die Sozialpädagogik studiert hat, wenn auch ohne Abschluss, sucht das Gespräch, muss es suchen oder es sucht sie, wie man will, weil man/frau bekanntermaßen in diesem Beruf das Schwätzen lernt, über Probleme reden, über vermeintliche Probleme quasseln, über Nichtprobleme. Punktum. (Schreibt der Autor, der dies selbst studiert hat.) Gina kann eigentlich nichts anderes als reden, reden ohne Konsequenz, ohne einer Handlung und Tat infolge, weswegen sie trinkt. Oder umgekehrt ist es die des Trinkens!?
Sie lässt sich nieder in eines der abgeschabten braunen Leder-Sitzen, nicht unähnlich denen von Hinterbänken in kleinen Busen, hinten, in der äußersten diagonalen Ecke des kleinen Dönerlokals, wo einst ihr Insignum der Liebe ruhte, der Stoffhund, nun zu ruhigerer Geschäftszeit und wartet eine günstige Gelegenheit ab, mit dem Geliebten darüber zu reden, ins Gespräch zu kommen. Das geht doch so nicht, dass man das jetzt auf sich beruhen lässt, nachdem, was da passiert ist, da gibt es doch natürlich Redebedarf! – aber, wie sich bald herausstellt, leider nur von ihrer Seite aus.
.„Ich muss mit Dir reden... Ähm, also, diese Nacht... Ich war total betrunken, aber... Nun, du bist verheiratet, ich weiß das ja...“
Er erkennt kaum einen Sinn in ihren Worten. Was wunder auch, da sie herumstammelt, als wäre sie kaum der deutschen Sprache mächtig.
Immerhin denkt er doch ein bisschen darüber nach, als er von Gina zum Darüberreden aufgefordert wird: Soll ich diese Frau zu meiner zweiten machen, theoretisch möglich, per Gesetz seiner Religion, der er sich verpflichtet fühlen kann, wenn er will. Er denkt an seinen Cousin in Syrien, der es immerhin zu zwei Frauen und 16 Kindern gebracht hat – der Stolz des ganzen Clans! Oder soll er es schlicht bei seinem guten Ruf unter den Jüngeren der Gemeinde belassen mit seinem Treffer im fremden Revier gewildert zu haben und mit der Aussicht, dass dies erst der Anfang gewesen ist– ich habe deutsche Frau gefickt, klingt gut.
So orientalisch verträumt in die Zukunft blickend, in das weiße, verschwommene Gesicht Ginas, fährt aber jäh ein schrecklich-schlimmer Blitz zwischen das Glück der beiden, hier Glück ob ihrer Hoffnungsträchtigkeit, er glücklich ob einer goldenen Zukunft.
Gina lächelt verschämt bei ihrem Ansuchen und der glückseligen Erinnerung über den nächtlichen Holterdipolter- Fuck im Nebenzimmer und sie zeigt dabei ihre Zähne, die im ersten Backenzahn neben den Schneidezähnen eine Lücke aufweist, also schon an sehr exponierter, forterster Front, so dass der Angesprochene etwas zurückschreckt, aber um so entschiedener hinwiderum denkt: nee, nö, nein, nein - das ist vielleicht doch nichts. Wenn seine Freunde, Bekannten und Anverwandten zum Fleischbeschau kämen, würde seine Renomee doch in den Keller rutschen angesichts dieser Braut.
Außerdem versteht er sowieso kaum mehr als Bahnhof. Und so ist ihm dieses Gespräch zu „blöd“, wenn es auch vom Ginas sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus auf einem hohen Niveau, von einem anderen in einem höheren Blödsinn geführt wird, umkehrt proportional ist es dem Türken noch „blöder“, wie die Deutschen sagen würden, wenn sie ungehalten werden und über etwas nicht mehr reden wollen: „Das ist mir zu blöd!“. Beim Denken bleibt es glücklicherweise auch, auch wenn es dem Betroffenen schon fast über die Lippen gekommen wäre, denn nun, Gina, du kannst froh darüber sein, öffnet sich zum Leidwesen Ginas die Tür und hereintritt ein Kunde, um sich vor den leeren Tresen des Fast-Food-Ladens aufzubauen.
Gerade noch kann der Verkäufer der Kundin im sonst leeren Laden zuraunen, ungeachtet dessen, ob es sich bei dem Neuling um einen Deutschen oder Türken handelt: „Ich nicht verstehen, nem anladim.“
Genia will aber nicht locker lassen, erreicht den Adressaten ihrer wichtigen Botschaft nicht mehr, welcher ihr inzwischen den Rücken zugekehrt und sich dem Fleischkegel zugewendet hat, um daran in einer Gelegenheitsgestik herumzuschnetzeln, das vom heißen Backblech krude gewordene Fleisch abzuschaben – ein Signal, das heißen will: für mich ist die Sache erledigt - aber noch lange nicht für Gina.
Sie hakt nach. Sie spricht laut, sehr laut: „Du, mir ist die Sache zu wichtig, als dass...“
Zwar wendet sich der Türke wieder um, aber er versteht von diesem Psycho-Gespräch überhaupt nichts mehr, es kommt ihn wie sinnloses Gelaber vor, so dass er sich in seiner Ohnmacht gegenüber diesem quasi hochgestochenem Deutsch nur noch in ein halbherziges Stammeln verliert und in seinen buschigen Bart hineinraunt: „Ich nicht weiß Deutsch!“, bis endlich der Käufer, bislang noch überlegend und höflicherweise das Gespräch anderer Leute nicht unterbrechen wollend, endlich seine Bestellung aufgibt, um dieses unwürdige, beschämende und ausweglose Schauspiel, diesen einseitigen Dialog, diese Einbahnstraße menschlicher Kommunikation zu blockieren, zu unterbrechen, zu beenden, sprich zu erlösen, das immerhin eine Dauer erreicht hat, dass es der dümmste Gesprächspartner überdrüssig wird und mitunter auch die partiell nüchterne Gina kapiert, dass hier Ende der Durchsage energieschonend und sinnvoll zum Ausdruck gebracht worden ist.
Je länger sie über den Ausgang oder Fortgang oder Irrgang dieser notwendigen Aussprache der einseitigen Art nachdenkt, desto mehr Blut schießt ihr in den Kopf und treibt sie voran. Den Flachmann stellt sie in ihrer Verzweiflung einfach auf den Tisch, sieht, was sie getan hat, ergreift ihn sofort wieder und steckt sie in den Weidenkorb zurück und nimmt sich ihre Habseligkeiten zur Brust, um aus dem Raum zu stechen.
Außen kippt sie sich nun den Rest des Flachmannes abrupt hinter die Binsen, aber bis zum letzten Tropfen. Die leere Flasche wirft sie mit einer Geste der Verächtlichkeit in den Rinnstein vor dem Lokal.
Dann besteigt sie ihr Fahrrad in abenteuerlich artistischer Weise, muss aber sofort wieder absteigen, da sie zu sehr schwankt darauf und Angst kriegt, auf die Nase zu fallen. So schiebt sie es kurzerhand. Aber weit kommt sie nicht.
Denn sie bekommt Durst, sehr großen Durst. Zurückzugehen und sich vor diesem Schnösel schwankend aufzubauen und um Bier zu bitteln, gönnt sie dem nicht. also, dort der Italiener. Dieser wittert seine Chance. „Bonjourno, junge Frau. Wein wollen Sie? Wir aber nur guten haben.“ Gina fühlt sich natürlich provoziert. „Natürlich will ich nur einen guten, was glauben Sie denn?“ „Va Bene, dann hol ich mal einen, Senorita!“ „Machen Sie das!“, antwortet Gisa großspurig, nun angestachelt und aus ihrem Nest herausgelockt. „Ist der der Senorita genehm?“ Er umfasst liebevoll mit seinen Händen einen billigen Hauswein, aber mit einem wahrhaften gespickten Preis. „Ich nehme ihn!“, sagt Gina, indem sie damit in die Falle geht, da sie nicht nach dem Preis fragt. „Soll ich ihn der Senorita einpacken?“ „Nicht nötig!“, während sie ihre Geldbörse schon öffnet. „20 Euro!“ Sie schluckt, kann jetzt aber nicht mehr zurück. Noch wütender, ohne sich etwas anmerken zu lassen, blättert sie ihren letzten blauen Schein hin, nimmt schnell den Wein wie ein kleines Baby zwischen Arme und Bauch, als wollte sie es schnell in Sicherheit bringen, wobei es eigentlich sie ist, die sich verstecken und verbergen will.
Sie fühlt sich natürlich zurecht gefleddert, ausgebeutet und verarscht! Aber was soll’s! Jetzt kam’s auch darauf nicht mehr an. Hastig setzt sie ihren Weg fort, den Wein feinsäuberlich zwischen den Lebensmitteln im Weidenkorb gesteckt, damit er auch wirklich keinen Schaden erleidet, was einfach zu bitterlich und schade gewesen wäre.
Na, mal los! Ab in die warme Stube und dann sich die Kante geben. Uff! Sie ist nunmehr, zu allem Übel, einerseits unerwiderte Liebe, andererseits geprellte blöde Tussi, den Tränen nahe, sehr nahe. Los!
Es ist Anfang Herbst und nach 20 Uhr bereits düster. Der Wind, obwohl nur leicht, aber nicht sanft, fühlt sich schnöde auf der Gesichtshaut Gises an, die kurz vorm Tränenausbruch steht. Das wäre ein guter Grund! Auf dem Trottoir liegt klebriges, nasses Laub, über das man leicht ausrutschen könnte – ein weiterer Grund, um zu weinen. Sie sieht kaum 10 Meter weit und die gelben Lampen sind von Nebelwolken umhüllt und bilden von weitem ein schummrig-spühliges Abwaschlicht. Die Feuchtigkeit in der Luft lässt das Atmen schwer fallen und die Kälte frisst sich schon durch die Kleider. „Es wird Zeit, in den rettenden Hafen einzulaufen!“, sagt sie sich in ihrem leicht schnatternden Ententon, schon wieder leicht vergnügt. Der Alkohol wirkt eben, gäbe es denn nicht, na Prost Mahlzeit!
Im Rinnstein staut sich neben dem Laub das Wasser, aber nicht ausrutschen, um da hineinzutatschen. Schon sieht sie von weitem die Ecke zu ihrer Seitenstraße, die von einem großen, einen Meter hohen Stein markiert wird. Wozu man den ehemals aufgestellt hat?
Bei Anblick dieses Steines an der Ecke - sie konnte sie an den Ausrutscher der unseligen Nacht nicht mehr erinnern - kommen ihr Bilder von Hunden hoch, aber solche, die sie in Jamaika gesehen hat, wo man sie auf der Straße öfter herumstreunen sieht. Hunde würden, wenn sie an diesen Druidenstein vorbeikämen, zwanghaft darauf pissen müssen, das steht fest.
Sie liebte Katzen, sie hasste Hunde.
Zum Glück würde ihr das nicht passieren, in diesem Land hier einem solchen Köter jetzt zu später düsterer Stunde über den Weg zu laufen, es gibt sie kaum, herrenlose Köter. Hunde in Jamaika, friedfertig, hier zulande weniger. „Kein Wunder!“, sagt sich Gisa. Bei diesem Wetter würde jede Kreatur widerborstig und übellaunig, musste so sein und seufzte: „Ach!“, wenn ich doch nur in den Tropen sein könnte, in Jamaika!“
Schneller schob sie das Rad.
Eine Hitze durchfuhr ihre Adern, Kontrastprogramm zur kühlen Außenwelt – sie fühlte sich so warm eingelullt jetzt wie eine amphibische Schnecke im labyrinthischen Schneckenhaus – was gab es Besseres als solche Momente? Oh, jetzt ließ der Alkohol ihre Fingerspitzen kribbeln – volá.
Nur noch die Ecke, dort, wo dieser lustige große, abgerundete Stein steht, dann ins warme Nest. Doch plötzlich ist sie zu nahe dem Zauberstein gekommen und scheiterte an der daherum auf dem Trottoir eine Rosette bildende, gefrorene oder bloß klitschige Urin? Gina rutschte aus, es hob sie von den Beinen, so dass sie, das Fahrrad segelte auf die Fahrbahn, hinflog auf ihren Hintern, laut schrie und so sitzend am Ende ihr die Tränen kamen und sie – von weitem –sich wie ein herrenloser Hund vor sich hinschüttelte, hin- und herschaukelnd wie ein vernachlässigtes Kind, dann versuchend, auf die Beine zu kommen, wobei sie ein paar Mal ausrutschte, gleichviel ob vom Urin oder Alkohol, sie landete immer wieder auf ihren Hintern. Niemand achtete auf sie, so weit man sehen konnte, weil bedauerlicherweise niemand auf der Straße war und so beobachtete sie niemand, niemand, diese quasi herrenlose Hündin, wie sie auf allen Vieren krabbelte und versuchte, in die aufrechte Haltung, auf zwei stehende Füße und den aufrecht Gang zu kommen, wie es menschlich wäre.

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