Stofftiere bringen Glück

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Pentzw
Klio
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Stofftiere bringen Glück

Beitragvon Pentzw » 28.02.2019, 22:32

I. Am Morgen der Entführung

Ich saß ziemlich belämmert da, sah alt aus und war ratlos. Wir saßen in der Küche beim Morgenfrühstück und ich überlegte verzweifelt, was ich meiner Freundin verklickern konnte. Was hatte ich heute nacht um drei Uhr am Fuße der Zimmertreppe von Gina, ihrer Mitbewohnerin, zu tun gehabt? Sie hat mich dort vorgefunden, wie ich mit meinen vier Gliedern auf dem Fußboden herumgekrabbelt bin.
Was hatte ich wohl in Ginas Zimmer verloren?
Der Umstand, dass meine Freundin ein Morgenmuffel war, kam mir zugute und räumte mir Zeit ein, eine Entschuldigung, eine Erklärung zu finden.
Dann brach auch noch die Hölle los, glücklicherweise.
Wie wir da so schweigend am Küchentisch saßen, meine Freundin und ich, kam Gina hereingestürzt und weinte und weinte. Dass Loulou ein verbohrter Morgenmuffel ist, war mein Glück. Sie schaute nur verdutzt und verstand wohl nichts, aber ich biss und kaute in meiner Ratlosigkeit an der Unterlippe, um eine plausible Erklärung über und auf das herabstürzende Unwetter zu finden.
„Heute nacht ist jemand in mein Zimmer eingestiegen und... stellt euch das mal vor...“
Ich wusste, was jetzt käme. Nicht nur hatte ich ein missglücktes „Fensterln“ bei Gina veranstaltet, während sie in der Küche saß, sondern Spuren hinterlassen, eindeutige und unübersehbare. Unachtsamerweise hatte ich eines ihrer Stofftiere zerstört. Was blieb mir übrig, als es aus dem Fenster zu werfen?
Denn ich hatte das Stofftier, das ich versehentlich auf dem Bett beschädigt hatte, nachts durch das Fenster auf die Straße geworfen, um jegliche Spuren meines Eindringens zu verwischen und zu beseitigen.
Damit war ich jetzt voll vom Regen in die Traufe geraten. Es lag auf der Hand und wer eins und eins zusammenzählen konnte, vermochte sich seinen Reim darauf zu bilden, dass das Verschwinden des Stofftieres von Gina und mein Verhalten, auf dem Fuße der Wendeltreppe zu Ginas Zimmer auf allen Vieren zu krabbeln, auf einen Besuch in deren Zimmer verwies.
Aus den Augenwinkeln sah ich aber keine Reaktion meiner Freundin, sie war noch jenseits dieser Welt.
Ginas Gezeter nach zu schließen - ach wie ich ihn über alles vermisse - musste ihr dieses Ding das Wichtigste auf der Welt sein. Das Getue Lieblingsstoff-Tier war natürlich pure Übertreibung, nur darauf zurückzuführen, dass es jetzt weg war.
„Mein Benno, mein Lieblingsstoff-Tier, mein Hund, ist verschwunden.“
„Was? Du sagst, dein Lieblingsstoff-Tier ist Dir ausgebüchst. Meinst du, es hat sich auf die Beine gemacht und ist einfach so losgezogen?“
Diese Frauen verstanden einfach keinen Spaß, sonst hätten sie mitgelacht.
Ich erntete einen missbilligenden Blick von Loulou. Noch war er halbherzig erfolgt, noch ohne Kraft und Saft, damit noch nicht tödlich, rieb sich doch noch den Schlaf aus den Augen. Aber Gina griff doch meinen krepierten Witz auf.
„Mir ist nicht zum Lachen zumute. Da ist jemand in mein Zimmer eingedrungen und hat Benno entführt.“
„Mach mal einen Punkt. Ein Einbrecher hat es doch eher auf Wertgegenstände wie Schmuck, Bargeld und Kunstgegenstände abgesehen, aber nicht auf so ein Stofftier.“
„Vielleicht ist der Dieb zunächst wirklich mit dieser Absicht in Ginas Zimmer eingedrungen. Als er nichts fand, hat er aus Rache den Hund mitgenommen“, meinte Loulou dazu. Da sie sich immer noch in ihrer Traumwelt aufhielt, rührte ich den Teig weiter an. „Oder als Souvenir?“
„Das finde ich etwas übertrieben.“
Frauen haben einfach keinen Sinn für Humor.
„Aber möglich ist es doch!“
„Ja, möglich ist fast alles auf dieser Welt. Aber nicht besonders wahrscheinlich.“
„Na, vielleicht hat er selbst ein Kind zuhause und hat gedacht, wenn ich schon nicht auf Verwertbares, Geldmäßiges gestoßen bin, dann könnte vielleicht doch als Trost so ein Stofftier gute Dienste leisten und ich es meinem Mädchen geben. Wenn er das Stofftier mitnimmt, spart er sich den Kauf. Das wäre für einen solchen armen Schuft ein gefundenes Fressen.“.
„Der Fuchs und die saueren Trauben!“
„So ungefähr!“, meinte die Phantasiebegabte.
Gina verlor darüber jetzt völlig die Nerven.
“Ich rufe die Bullen an. Die soll den Fall aufklären.“ Sie wandte sich bereits um.
Das musste verhindert werden! Man stelle sich dies vor: „Ich muss eine Entführung melden. Mein Stofftier wurde geraubt.“ Was würde die Polizei denken? Sie würde sie sofort in die Geschlossene, Klapsmühle und in die Hupsala stecken. Jeder Psychiater würde diagnostizieren, Delirium tremens, Verfolgungswahn im Folge fortgeschrittenen Alkoholismus.
„Willst Du ihnen ernsthaft sagen: Jemand hat meinen Benno entführt?“
„Natürlich, stimmt ja auch.“
Sie war bereits an der Tür. Gina befand sich auch in einer Traumwelt. Aber sie wenigstens musste schnellstens auf den Boden der Realität zurückgeholt werden.
„Dann warte lieber Mal, bis die Entführer mit der Lösegeldforderung auf Dich zukommen.“ Was Besseres fiel mir nicht ein. Zum Glück nahm sie zunächst diese Aussage für bare Münze. Und gab ihr wieder den Rest.
„Mein Benno, ich fasse es nicht!“ Und sie brach wieder in Tränen aus. Dabei schlug sie die Hände über die Augenhöhlen. Das war doch krank, grenzwertig, kaum zu fassen. Ob wohl hier in den Räumen Kameras versteckt waren, die das jetzt in alle Welt hinaustrugen, gleich einem Schnulzenfilm im TV, nur in Echtzeit?
Mir kam die Lösung, eine Erleuchtung, ein Ausweg aus meinem lastenden Problem. „Aber jemand war da. Ich habe nämlich Geräusche gehört heute nacht. Deshalb bin ich aufgestanden, die Treppe zu deinem Zimmer hochgekrabbelt und habe in deinem Zimmer nachgesehen.“
Damit hatte ich mein dubioses Verhalten des Nachts gerechtfertigt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Ein Aha von Gina erfolgte. Loulou grunzte etwas.
„Aber da war niemand drinnen. Vielmehr niemand mehr, wie’s aussah.“
Meine Freundin schaute mich so an, als ginge ihr ein Licht auf. Na, ich war mit dieser Erklärung aus dem Schneider. Mich hatte ein Eindringling in das Boudoir von Gina gelockt, als ich wieder herunterkam, hatte mich meine Freundin gesehen und entdeckt.
Das bewies, dass jemand in Ginas Raum gewesen war.
Ich hatte eine einleuchtende Erklärung geliefert, weswegen ich aus Ginas Bereich gekommen war und mich Loulou auf dem Boden liegend entdeckt hatte. Dass ich über Gina herfallen wollte, war damit kaschiert, vom Tisch, schwuppdiwupp verschwundikus.
„Aber wie ist er wieder hinausgelangt?“
Oje, ich hatte die Fenster verschlossen und die Jalousie heruntergelassen.
„Nun, bestimmt so wie er hereingekommen ist. Durch die Haustür, die Treppe zum ersten Stock hinauf, einer weiteren zu Ginas Zimmer hoch und das wieder retour. Mann, der hatte aber Glück gehabt, dass er nicht ertappt worden ist.“
Das schien meine beiden Freundinnen nicht gerade zu überzeugen. Na klar, wahrscheinlich war es nicht, dass jemand vergessen hatte, die Wohnungstür zuzuziehen und zu verriegeln, man brauchte sie nicht einmal abschließen.
Ich drückte erst einmal auf die Angstdrüse.
„Hast zudem Glück gehabt, dass Du gerade in der Küche gesessen warst, als er einbrach, nicht Gina? Stell Dir vor, der wäre in Dein Zimmer hineingekommen, als Du im Bett gelegen wärst.“
Ginas Mund stand offen. „Nicht auszudenken!“
Eben, das müsste die Hitze der Sache dämpfen, den Druck ablassen, den Verdacht von mir ablenken durch die Freude darüber, die sie jetzt empfand, einer sehr, sehr gefährlichen Situation noch einmal entronnen zu sein.
„Aber gleich die Polizei anrufen, ist nicht gut. Warte noch ein bisschen...“
Gina hörte meist auf den Rat von Loulou, aber diesesmal nicht, denn sie ging stracks zum Telefon nach oben und rief die Polizei an. Sofort schossen mir die Schweißperlen auf die Stirn.
Ob ich Spuren im Bett von Gina hinterlassen habe?
Aber natürlich!
Bei den Methoden, die der Polizei mittlerweile zur Verfügung stehen, würde ich als Täter schnell und eindeutig entlarvt sein. Na ja, kein Schwerverbrechen, aber die Beziehung zu meiner Freundin wäre in den Wind geschossen, würde sie sich doch fragen, was ich im Bett Ginas zu suchen hatte und ihre Schlüsse ziehen, dumm war sie nicht.
Dann beruhigte ich mich wieder, als mein Verstand einsetzte.
Die Polizei wird Besseres zu tun haben, als für das Verschwinden eines Stofftieres so viel Aufmerksamkeit, Mittel und Wege einzusetzen, dass sie Spuren im Bett nachgehen würde, Haare, Schuppen, Samenstränge, weiß der Geier was. Sie wird ein Protokoll aufnehmen, wenn sie’s überhaupt tat und diesen Vorfall nicht Ernst nehmen, mit der Achsel zucken, verschmitzt lächeln, sich perplex in die Augen schauen, wenn es mehr als zwei Polypen waren, die sich mit diesem Fall beschäftigten und die Akte ad acta legen. Mann, die Polizei ist doch gegenwärtig voll überbeschäftigt, nach der Flüchtlingswelle und dem neuen bayerischen Polizeiaufgabengesetz.
Andererseits, wenn sie mir auf die Schliche käme, was würden sie denn für eine Strafe vorsehen?
Mein Adrenalinspiegel schnellte abrupt in die Höhe.
Ich versuchte meinen Verstand wieder einzuschalten und schlussfolgerte, der Versuch, ein entkommenen Stofftier einzufangen, wird ins Leere laufen...


II. Die Polizei muss Ermittlungen anstellen


Gina kam mit dem Telefon in die Küche, hatte die Freisprechtaste eingeschaltet, so dass man den Wahlton laut hörte. Sie wollte offenbar Zeugen haben. Meine Freundin und ich schauten uns fragend an: „Was das noch geben wird?“
„Ja, hier Polizei!“
„Ja, hier Gina. Ich muss den Verlust eines Hundes melden.“
„Name. Seit wann? Aussehen...“
„Name Benno, seit heute nacht, braun-grau.“
„Rasse.“
„Äh, Phantasierasse.“
„Wie bitte? Eine Mischung.“
„Kann man so sagen.“
„Von was!“
„Äh, das kann ich nicht sagen. Der Designer hat eine gute Phantasie gehabt und so ziemlich alles eingemischt.“
„Sind Sie betrunken?“
„Nur ein bisschen“, gab sie noch ehrlicherweise zu.
„Mann, verschwenden Sie nicht unsere Zeit...“
„Aber wirklich, Polizist. Erstens bin ich eine Frau, damit Sie das wissen. Und zweitens, mein Hund ist heute nacht aus meinem Bett gestohlen worden. Oder meinen Sie, der ist freiwillig davongelaufen?“
„Möglich ist alles!“
„Sie beleidigen mich! Ich liebe meinen Hund über alles und würde für ihn sogar verhungern! Der würde mich deshalb niemals verlassen, nicht freiwillig, hundertprozent.“
„Also, okay Miss. Wir schicken nachmittags einen Beamten vorbei!”
„Das würde ich Ihnen auch geraten haben, äh.“
„Wie bitte! Wiederholen Sie noch einmal, was Sie eben gesagt haben!“
„Das beruhigt mich ungeheuer, dass sich die Polizei einschaltet, die Ermittlungen durchführt. Jedenfalls bin ich beruhigt, dass Sie sich um meinen Hund kümmern!“
„Äh, selbstverständlich!“
Und Klacken.
Meine Freundin und ich schauten uns wieder in die Augen.
Ich erlaubte mir doch Kritik an der Polizei zu üben. „Die hätten sofort kommen müssen!“, finde ich. „Wer weiß, wie lange die Lebensdauer einer genetischen Spur wohl beträgt?“
Ich hoffte, Gina dachte dabei nicht explizit an Spermien.
„Hä?“, fragte sie mich doch. So musste ich leider mit der Wahrheit herausrücken.
„Na, Haare, Spermien...“ Weiter kam ich nicht, denn Gina wurde es hundeelend zumute bei der Vorstellung, ihr Kuscheltier sei vergewaltigt worden und bekam einen Weinkrampf. Das tat mir natürlich leid.
„Also, das hättest Du nicht erwähnen müssen...“
Sie hatte auf etwas, was ich gesagt habe, reagiert, was zunächst für sich positiv war und ein Zeichen, dass sie allmählich vom Traum auf den Boden der Tatsachen oder der Welt zurückkehrte, auch wenn es eine Rüge gewesen war. Wurde auch allmählich Zeit.
Aber Gina war untröstlich und nicht mehr zu halten, kurzum drehte völlig durch.
„Jetzt reicht es mir. Wer kann es mir verdenken, bei dieser Art von Polizei, dass man da zum Alkoholiker wird...“
Ich ergänzte: „Besser bleibt.“
Gina schaute mich angesichts dieser neunmalklugen Bemerkung schief an, aber nur einen kurzen Moment, denn sie fing sich wieder schnell: „Genau, bleibt. Ich hol mir einen Flachmann.“ Meine Freundin war gerade dabei, Protest und Warnung einzulegen, aber es war zu spät. Gina wirbelte wie der weiße Wirbelwind aus dem Haus, setzte sich gekonnt wie ein Cowboy auf den Sattel ihres Fahrrades und strampelte wütend los, Richtung Kiosk, Richtung Tankstelle, Richtung Discounter, einer Schnapsbude, wo immer Alkohol angeboten wurde.
Ich atmete auf. Ich war gerettet.
Nur, wo war das Stofftier „Benno“, der Hund, hin verschwunden?
Nun aber setzte mich meine Freundin unter Druck. „Das können wir so nicht stehen lassen, Mann. Die Polizei muss sofort herkommen, irgendetwas unternehmen, zumindest sich den Tatort anschauen.“
„Ähm, ich weiß nicht!“
Aber sie war jetzt pikiert, weil ich zu weit gegangen war und schloss aus ihrer Anklage, dass die Polizei sofort zu kommen hatte. Das überraschte mich völlig.
„Und ich finde, D u solltest bei der Polizei anrufen!“
„Warum ich?“
„Zum einen, weil du Gina aus dem Konzept gebracht hast.“
„Ich geb’s ja zu“, räumte ich ein.
Etwas zugeben und daraus Konsequenzen zu einem bestimmten Handeln zu ziehen, war bei unserer Art des Umgangs zwei paar Stiefel. Im Gegenteil! Ein vages Schuldeingeständnis zu machen, verminderte die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Konsequenz in Handlung manifestierte. Folgerungen erübrigten sich dadurch meist oder wurden wieder fallengelassen.
„Zum anderen, weil Du als Mann mehr Autorität verkörperst. Du kannst überzeugender darstellen, dass es für alle Beteiligten eine Gefahr bedeutet, wenn jemand in die Wohnung, das Zimmer einer schwachen Frau eingedrungen ist, auch wenn er letztlich nur ein Kuscheltier entwendet hat und niemand ernsthaft an Körper und Gegenständen zu Schaden gekommen ist. (Sie war wach, eindeutig.) Umso gefährlicher. Das kann ein Psychopath sein, ein total Verrückter, nicht nur ein Liebhaber Ginas, wie sie vielleicht glaubt. Mann, da muss die Polizei sofort vorbeischauen, Protokoll aufnehmen, etwas tun, wenn auch nur...“
„Ich versteh Dich!“, sagte ich, obwohl mir durchaus nicht wohl dabei war, den Behörden Druck zu machen. Aber irgendwie lag alles im Grünen Bereich. Soll die Polizei sofort kommen, sie würden schon keine Spuren von mir entdecken, nein, das glaubte ich nicht. Oder?
Ich befand mich in einer Zwickmühle. Weigerte ich mich, würde mein Verhalten in ein verdächtiges Licht geraten. So aber, wenn ich was tat, entlastete ich mich letztlich.
Das gab den Ausschuss! Beiße in den saueren Apfel, um von dir abzulenken.
Ich warf all meine Überzeugungskraft in die Waagschale und siehe da, ein Mann hat doch mehr Chancen bei der Polizei als eine Frau, oder eine, die nur Rotz und Wasser heult, so gesehen.
Jedenfalls erklärte der Polizeisprecher am Telefon die Bereitschaft, mal morgen gleich einen Beamten vorbeizuschicken. Vielleicht beabsichtigten sie auch etwas anderes, als nach dem Täter zu suchen? Vielleicht waren die nicht ganz sauber, würden die Beamten denken. schauen wir einmal in diesem Haus vorbei, bei den Mitbewohnern deutet vieles darauf hin, dass die nicht ganz dicht, äh, irgendwie komisch waren oder was hätten Sie gedacht, wenn Menschen behaupteten, ein Stoffhund wäre entführt worden, mitten aus einer Wohnung heraus, die sich im ersten Stock befand? Und die Besitzerin war nicht Frau Rothschild, Frau Schickedanz oder sonst eine Millionärin?
Gebärdete sich aber nichtsdestotrotz wie selbige, wenn nicht schlimmer.

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Die Polizei muss ermitteln

Beitragvon Pentzw » 21.03.2019, 21:50

Gina kam mit dem Telefon in die Küche, hatte die Freisprechtaste eingeschaltet, so dass man den Wahlton laut hörte. Sie wollte offenbar Zeugen haben. Wir, meine Freundin und ich schauten uns konsterniert in die Augen, meinend: „Was das noch geben wird!“
„Ja, hier Polizei!“
„Ja, hier Gina. Ich muss den Verlust eines Hundes melden.“
„Name. Seit wann? Aussehen...“
„Name Benno, seit heute nacht, braun-grau.“
„Rasse.“
„Äh, Phantasierasse.“
„Wie bitte? Eine Mischung.“
„Kann man so sagen.“
„Von was!“
„Äh, das kann ich nicht sagen. Der Designer hat eine gute Phantasie gehabt und so ziemlich alles eingemischt.“
„Sind Sie betrunken?“
„Nur ein bisschen“, gab sie noch ehrlicherweise zu.
„Mann, verschwenden Sie nicht unsere Zeit...“
„Aber wirklich, Polizist. Erstens bin ich eine Frau, damit Sie das wissen. Und zweitens, mein Hund ist heute nacht aus meinem Bett gestohlen worden. Oder meinen Sie, der ist freiwillig davongelaufen?“
„Möglich ist alles!“
„Sie beleidigen mich! Ich liebe meinen Hund über alles und würde für ihn sogar verhungern! Der würde mich deshalb niemals verlassen, nicht freiwillig, hundertprozent.“
„Also, okay Miss. Wir schicken einen Beamten vorbei!”
„Das würde ich Ihnen auch geraten haben, äh.“
„Wie bitte! Wiederholen Sie noch einmal, was Sie eben gesagt haben!“
„Das beruhigt mich ungeheuer, dass sich die Polizei einschaltet, die Ermittlungen, jedenfalls, bin ich beruhigt, dass Sie sich um meinen Hund kümmern!“
„Äh, selbstverständlich!“
Und Klacken.
Meine Freundin und ich schauten uns wieder in die Augen.
Ich erlaubte mir doch Kritik an der Polizei zu üben. „Die hätten sofort kommen müssen!“, finde ich. „Wer weiß, wie lange die Lebensdauer einer genetischen Spur wohl beträgt?“
Ich hoffte, Gina dachte dabei nicht explizit an Spermien.
„Ha?“, fragte sie mich doch. So musste ich leider mit der Wahrheit herausrücken, so ungern ich es tat.
„Na, Haare, Spermien...“ Weiter kam ich nicht, denn Gina wurde es hundeelend zumute bei der Vorstellung, ihr Kuscheltier sei vergewaltigt worden und bekam deshalb einen Weinkrampf. Das tat mir natürlich leid.
Ich erntete eine Rüge von meiner Freundin. „Also, das hättest Du nicht erwähnen müssen...“ Sie hatte auf etwas, was ich gesagt habe, reagiert, was zunächst für sich positiv war und ein Zeichen, dass sie allmählich vom Traum auf den Boden der Tatsachen oder in die Welt der Realität geriet. Das quittierte ich mit Befriedigung. Wurde auch allmählich Zeit.
Aber Gina war untröstlich, nicht mehr zu halten, kurzum drehte völlig durch.
„Jetzt reicht es mir. Wer kann es mir verdenken, bei dieser Art von Polizei, dass man da zum Alkoholiker wird...“
Ich ergänzte: „Besser bleibt.“
Gina schaute mich angesichts dieser neunmalklugen Bemerkung schief an, aber nur einen kurzen Moment, denn sie fing sich wieder schnell: „Genau, bleibt. Ich hol mir einen Flachmann.“ Meine Freundin war gerade dabei, Protest und Warnung einzulegen, aber es war zu spät. Gina wirbelte wie der weiße Wirbelwind aus dem Haus, setzte sich gekonnt wie ein Cowboy auf den Sattel ihres Fahrrades und strampelte wütend los, Richtung Kiosk, Richtung Tankstelle, Richtung Discounter, wo immer Alkohol angeboten wurde.
Ich atmete auf. Ich war gerettet.
Nur, wo war das Stofftier „Benno“, der Hund hin verschwunden?
Nun aber setzte mich meine Freundin unter Druck. „Das können wir so nicht stehen lassen, Mann. Die Polizei muss sofort herkommen, irgendetwas unternehmen, zumindest sich den Tatort anschauen.“
„Ähm, ich weiß nicht!“
Aber sie war jetzt pikiert, weil ich zu weit gegangen war, schloß ich aus ihrer Forderung, dass die Polizei sofort zu kommen hatte. Das überraschte mich völlig.
„Und ich finde, D u solltest bei der Polizei anrufen!“
„Warum ich?“
„Zum einen, weil du Gina aus dem Konzept gebracht hast.“
„Ich geb’s ja zu“, räumte ich ein. Etwas zugeben und daraus Konsequenzen zu einem bestimmten Handeln zu ziehen, war bei unserer Art des Umgangs zwei paar Stiefel. Im Gegenteil! Ein vages Schuldeingeständnis zu machen, verminderte die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Konsequenz in Handlung manifestierte. Folgerungen erübrigten sich dadurch meist oder wurden wieder fallengelassen.
„Zum anderen, weil Du als Mann mehr Autorität verkörperst. Du kannst überzeugender darstellen, dass es für alle Beteiligten eine Gefahr bedeutet, wenn jemand in die Wohnung, das Zimmer einer schwachen Frau eingedrungen ist, auch wenn er letztlich nur ein Kuscheltier entwendet hat und niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist, an Körper und Gegenständen. (Sie war wach, eindeutig.) Umso gefährlicher. Das kann ein Psychopath sein, ein total Verrückter, nicht nur ein Liebhaber Ginas, wie sie vielleicht glaubt. Mann, da muss die Polizei sofort vorbeischauen, Protokoll aufnehmen, etwas tun, wenn auch nur...“
„Ich versteh Dich!“, sagte ich, obwohl mir durchaus nicht wohl dabei war, den Behörden Druck zu machen. Aber irgendwie lag alles - bei rechtem Licht betrachtet - im Grünen Bereich. Soll die Polizei sofort kommen, sie würden schon keine Spuren von mir entdecken, nein, das glaubte ich nicht. Oder?
Ich befand mich in einer Zwickmühle. Weigerte ich mich, würde mein Verhalten verdächtig erscheinen und in ein verdächtiges Licht geraten. So aber, wenn ich was tat, entlastete ich mich letztlich.
Das gab den Ausschuss! Beiße in den saueren Apfel, um von dir abzulenken.
Ich tat es. Ich warf all meine Überzeugungskraft in die Waagschale und siehe da, ein Mann hat doch mehr Chancen bei der Polizei als eine Frau, oder eine, die nur Rotz und Wasser heult, so gesehen. Jedenfalls erklärte der Polizeisprecher am Telefon die Bereitschaft, mal morgen gleich einen Beamten vorbeizuschicken. Vielleicht beabsichtigten sie auch etwas anderes, als nach dem Täter zu suchen? Vielleicht waren die nicht ganz sauber, dachte er, schauen wir einmal in diesem Haus vorbei, bei den Mitbewohnern deutet vieles darauf hin, dass die nicht ganz dicht, äh, irgendwie komisch waren oder was hätten Sie gedacht, wenn Menschen behaupteten, ein Hund wäre entführt worden, mitten aus einer Wohnung heraus, die sich im ersten Stock befand? Und die Besitzerin war nicht Frau Rothschild, Frau Schickedanz oder sonst eine Millionärin?
Gebärdete sich aber nichtsdestotrotz wie selbige, wenn nicht schlimmer.


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Polizeipräsens

Beitragvon Pentzw » 21.03.2019, 21:51

Es klingelte. Ich befand mich gerade in der Küche und öffnete die Flurtür. Vor mir stand ein Polizist in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, wenn man so sagen kann.
„Sie kommen wegen des entführten Hundes?“
„Jawohl!“
„Einen Moment. Ich hole die Besitzerin.“ Die schwere Eingangsholztür wurde von mir zu einem Spalt zurückgeschoben, bevor ich mich umdrehte und die Treppe erklomm, um nach Gina zu suchen.
Als ich wieder die Treppe hinunterging, um in der Küche weiter zu werkeln, befremdete mich der Anblick des Polizisten, der sich schon unten im Flur befand und sich mit misstrauisch-kennerischen Blick umschaute, sich unautorisiert einen Eindruck von dem obskuren Anblick der Räumlichkeiten zu machen.
War es Unhöflichkeit einzutreten, ohne darum Erlaubnis ersucht zu haben bzw. Erlaubnis erteilt bekommen zu haben?
Man darf nicht vergessen, dass es sich hier um einen Polizisten handelt.
Aber deckte dieses Verhalten seinen quasi hohheitsrechtlichen Auftrag?
Seh es pragmatisch, dachte ich mir. Wahrscheinlich nutzte er einfach die tote Zeit, als ich nach Gina schaute, um sich einen Eindruck vom Tatort und sein weiteres Umfeld zu verschaffen.
Genau, nur so war sein Verhalten zu interpretieren, wohlwollend gesehen.
Außerdem war ich ohnehin hier nur zu Gast und ich befand mich nicht in meinen eigenen vier Wänden, nicht wahr?
„Hier muss er eingedrungen sein. Weil das Fenster in meinem Zimmer war ja verschlossen.“ Gina deutete auf die schwere Eingangstür aus Holz vom vorigen Jahrhundert, der fast historischen museumswerten, alten Bauerntür, mit einem rostigen Mammutschloß mit Riegel versehen, der, wenn er zugeschoben war, nur mit Hilfe von Sprengstoff zu öffnen war.
„Wahrscheinlich war er nicht verschlossen, ja! Und eine der Mitbewohnerinnen hier hat ihn vergessen, wie jeden Abend zu verriegeln. Weil wir machen das immer. Ich schwöre.“ Gina hob überflüssigerweise zwei Schwurfinger.
„Da sind drei junge, hübsche Frauen hinter dieser Tür und sie ist nicht verschlossen!“, sagte der Polizist, um dieses wahnsinnige, leichtsinnige Verhalten noch einmal auf die Waagschale zu legen. Seine Bemerkung war absolut ordnungsgemäß.
„Obwohl, ich glaube mich zu erinnern, dass ich sie an diesem Abend...“
Der Polizist ergänzte, wobei er die Stirn kräuselte: „Gestrigen Abend.“
„Genau, es war gestern, also dass ich sie gestern verschlossen habe.“
Das war alles sehr merkwürdig. Wie sehr konnte man sich auf diese Zeugenaussage eigentlich verlassen? War sie wirklich zugesperrt, musste er durch die Fenster gekommen sein.
Folgerichtig schlug er vor: „Kann ich einmal den Tatort inspizieren!“
„Sie meinen mein Zimmer, mein Schlaf- und Wohnzimmer. Äh!“
„Genau, der Ort, wo der Hund entführt worden ist.“ Gut formuliert, normalerweise wird ein Hund entführt, fortgeführt, aber einer aus Stoff wurde natürlich entwendet, ganz passiv wie er war. Er hatte ja noch keine Ahnung von Wahrheit.
„Aber natürlich! Folgen Sie mir, Herr Polizist!“
Nun schnarrte Gina wieder wie eine Ente, ein Ton, den Schauspieler verfremdend aus ihren Mundwerk produzierten, um Kindern eine sprechende Ente vorzugaukeln. Ob der Polizist dabei auch an eine Ente dachte? Gina schien mittlerweile an der Sache, der Untersuchung, der Ermittlung und nun Inspizierung des Tatortes richtig Spaß zu haben. Ernst schien sie die Sache nicht (mehr) zu nehmen. Oder täuschte ich mich?
Sie ging die Treppe hinauf in den ersten Stock, gefolgt vom Polizisten in blauer, akkurater Uniform, sowie von mir. Ich fand auch daran gefallen, aber eher so schummrig-schaurig-unheimliches. Wer weiß, ob sie mich entlarven würden? Interessant würde es im anderen Fall werden, welche obskuren anderen Tatmotive und Tathergänge sie sich ausmalten, um das Verschwinden des Stofftieres erklären zu können. Vor allem das Täterprofil würde höchstinteressant ausfallen. Wenn jemand von einer Frau deren Lieblings- und Schoßhündchen klaute, war er ein Perversling oder ein hoffnungslos Verschossener oder noch etwas Schlimmeres, Unausdenkliches, Noch-nie-Dagewesenes?
Ich fand mein Verhalten nicht verdächtig. Bei einem derartigen hochoffiziellen, hochwichtigem Vorfall war das durchaus legitim, das ein Dritter wie ich dabei war.. Eventuell könnte ich wichtige Hinweise liefern, wer weiß, welche Fragen auftauchten? Da ich der Täter war, fand ich, wäre es ganz sinnvoll, mich, wenn es brenzlig würde, im Falle der Untersuchungsbeamte verdächtigte und stieß auf mich, worauf er nicht stoßen sollte, da es zum wahren Täter führte, einzuschalten, um von dem wahren Tathergang abzulenken und die Fährte nach irgendwo sonsthin als zu mir zu lenken..
Bild: Weiße Schwäne drehten auf der Oberfläche eines Sees ihre Kreise, der von einem großen Frauenantlitz im Hintergrund des Horizontes überblickt wird, das mit weit aufgerissenen Augen auf diese Unschulds-Tiere blickte, – mit ihrer sehr weißen Gesichthaut kontrastierend zu dem sehr schrillen Lippenstift-Rot – evozierten in ihren psychedelischen Touch auf den ersten Blick den Eindruck einer Kifferin, Morgenland-Fahrerin, Buddhistin, Asketin (Eindruck täuschend) oder so etwas.
Diverser Klimbim aus dem Orient war hier und dort platziert: eine Elefanten-Plastik mit einem Tragekorb aus einem asiatischen Gebiet wie Indien etwa, aber auch eine langhalsige Giraffen aus Afrika, unzählige abgebrannte Räucherstäbchen hier und dort – kurzum, etwas Unaufgeräumtes, wenig Ordnungsliebendes haftete dem Zimmer an.
Aber am Imposantesten in diesem Raum waren die Berge von Stofftieren, die sich auf dem Doppelbett türmten oder in einer Zimmerecke hineingestopft worden waren. Ich fragte mich da, ob sich der Aufwand und die Aufregung angesichts genügend anderer Knuddelobjekte wegen eines, zudem auch noch Hundes, lohnte? Aber das sag mal einer Stofftier-Besitzerin, bzw. Stofftier-Besessenen!
Ich ließ es mir nicht nehmen, überall mitzuschauen und teilnehmend zu beobachten. Dabei versetzte ich mich in die Welt des Polizisten. Mir dünkte, er verzog die Nase, innerlich. Das war hier ein Kiffernest und er war wahrscheinlich ein Bierfan, ganz angepasst und einheimisch. Also, was dachte er wohl über Gina? War er wirklich nur aus kriminaltechnischer Hinsicht her hier präsent oder meinte er, er stieße hier in ein illegales Wespenest?
„Wie sah denn ihr Hund aus?“, kam endlich die naheliegenste Frage.
„Ah, weiß-braun, so ungefähr.“
„Hatte er lange oder kurze Haare, lange oder kurze Ohren.“
„Haare wie der Bär dort.“
Gina deutete auf ihren großen braunen Bären.
„Sie meinen so lange wie die Haare des Bären dort.“
„Auch, aber unbedingt auch so weiche, zottelige, kurzum fast gleiche Haare wie der Bär.“
„Nur mit dem Unterschied, dass sie nicht aus Stoff waren, nicht wahr!“ Das war wohl eine witzige Bemerkung, oder sollte es sein, da jedoch, wenn eine Aussage zu nahe an die Realität heranreicht wie diese, kein Witz mehr ist, krepierte dieser vermeintliche Witz wie ein Rohrkrepierer. Aber das konnte der Witzemacher gar nicht wissen.
„Nein, schon fast gleich. Sie beugte sich mit den Knien aufs Bett, streichelte ihren Bären und sagte zum Ermittler. „Nehmen Sie ruhig auch einmal Tuchfühlung, damit sie, wenn Sie meinen Benno finden, ihnen nicht verwechseln und eindeutig identifizieren können.“
Er streichelte auch über das Fell. Aber dem Polizist wurde es bestimmt allmählich etwas komisch. Diese Frau mit ihrer schnarrenden Stimme, (der Mann, der da ein festes Lächeln auf seinen Lippen trug) – vielleicht war er hier in eine Art Kinderspiel-Hörstück hineingezogen worden oder was?
Und dann musste man den Eindruck bekommen, der Hund war gar kein Hund, sondern so ein Tier wie der Bär.
„Hoffentlich bürstet der gemeine Entführer meinen Benno auch jeden Tag. Hoffentlich hat er ein einigermaßen sauberen, staubfreien Platz für ihn. Mein Benno ist ein richtiger Staubfänger nämlich.“
Dem Polizist dämmerte allmählich doch ein erschreckender Verdacht und fragte lächelnd und lachend, wiederum ein Witz, der keiner war: „Benno ist wohl auch so ein empfindliches Tierchen wie der Bär!“
„Sie haben es erfasst. Noch empfindlicher nämlich. Den Bär muss ich nur alle Woche einmal bürsten, aber Benno alle drei Tage.“
Allmählich zweifelte der Polizist vielleicht selbst an seinem Verstand. Und jetzt ging er aufs Ganze und fragte geradeheraus, bevor er überschnappte sozusagen:
„Aha, ein Stoffhund.“
„Genau!“
„Ein Stofftier also!!!“ Jetzt schien er endlich zu kapieren, was sich auch zudem durch die Lautstärke verdeutlichte.
„Genau Mann, Benno, mein Kuschel-Stoffhund. Lebensalter 8 Jahre, Rasse unbekannt, aber treu und anhänglich und...“
„Sie wissen hoffentlich, was es bedeutet und welche Konsequenzen das nach sich zieht, wenn man die Polizei auf den Arm nimmt.“
„Ja. Aber keine Angst, Herr Polizist, auf den Arm nehme ich nur, ich betone, nur meinen Benno.“
„Den Stoffhund!“, ergänzte der Polizist genervt.
„Sie haben es erfasst, Herr Polizist.“
Jetzt schnappte der Polizist hilfesuchend nach Luft, schien mir.
„Also, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich auf den Arm nehmen wollen...“
„Aber nein, Herr Polizist. Ich will Ihnen bestimmt keinen Bären aufbinden.“ Über diese gelungene Formulierung mussten Gina und ich lachen. Beim Polizisten kam sie nicht so gut an.
„Also, jetzt mal im Ernst. Wir müssen also von einem Eindringlich ausgehen, der in eine fremde Wohnung eingedrungen war und einen Stoffhund entwendet hat. Kein Geld, kein Schmuck, keinen sonstigen Wertgegenstand.“
Unisono sagten Gina und ich: „Jawohl!“
Der Polizist musste erneut tief ein- und ausschnaufen, bevor er weiterreden konnte: „Und warum sollte dies jemand tun? Aus Gold war der Hund nicht, oder?“
„Nein.“
„Also, warum.“
„Das müssten Sie doch rausfinden, Herr Polizist.“
Wieder schnaufte er einvernehmlich.
Ich wollte die Situation entschärfen, wie es insgeheim meine Pflicht war angesichts dessen, dass ich die Schuld daran hatte, auch wenn es keiner wusste und so versuchte ich zu beschwichtigen. „Nun, vielleicht war es das Delikt, die Kurzschluss- oder Zwangshandlung eines verschmähten Liebhabers, der das Tier in fetischistischer Absicht und Neigung mitgenommen hat, nachdem er seine begehrtes Liebesobjekt nicht in ihrem Zimmer vorgefunden hat.“
„Denn ich war nachts ein paar Stunden in der Küche gesessen, weil manchmal...“, ergänzte Gina.
„Oder jemand wollte Gina nur einen Streich spielen. Sie ärgern, was weiß ich, welche unzählige Motive es da schon gibt“, unterbrach ich sie, weil ich glaubte, dass die Ursachen ihrer Schlaflosigkeit wenig zur Lösung dieses Falles beitragen würde.
„Ein Lausbubenstreich sozusagen!“
„Möglich!“
„Ich wüsste auch schon jemanden, der für dieses Motiv in Frage kommt. In meiner Arbeit...“
Der Polizist schnaubte wie ein Ackergaul.
„Oder...“, ich erlaubte mir, eine weitere Fährte zu legen. „Einer der Maler dort!“ Ich zeigte zum Haus gegenüber, das die letzten Wochen gestrichen wurde. „Gina, war da nicht so ein Malergeselle, der immer wieder heimlich und offen zu Dir herübergeschaut hat?“
„Genau!“
„Und, ist er nicht sogar bis an unsere Häuserfassade herangekommen, um einen besseren Blick durchs Fenster in die Küche zu werfen?“
„Genau!“
Die Malerarbeiten wurden mit einem Hausgerüst bewerkstelligt.
„Dann konnte er zum Beispiel auch vom Gerüst dort rüber durchs Fenster zu uns hereingesprungen, äh, geklettert sein.“ Die Gasse, in der wir uns hier befinden, macht zwar seinen Namen Ehre, sprich ist schon eng, aber ein Sprung herüber war doch sehr, sehr gewagt.
Diese Bedenken äußerte auch der Polizist.
„Na, vielleicht hat er ganz einfach eine Leiter genommen, herübergeklappt und ist darüber hinweggeklettert in mein Zimmer herein.“
„Hm. Und das nachts, wie Sie sagten.“
„Ja, warum nicht?“
„Aber dort drüben ist ein Sisha-Bar, da stehen die Jugendlichen immer vor der Tür, reden, unterhalten sich, rauchen Zigaretten, die müssten doch etwas wahrgenommen haben.“
„Aber es war ja Nacht. Deswegen in der Nacht!“
„Ein Stalker, Herr Polizist!“, setzte ich begeistert hinzu und zusammen. Zwischen den Zeilen schwebte die Aufforderung: Handeln Sie, und zwar sofort, es ist Gefahr im Verzug.
„Also, das führt uns zu nichts.“
„Aber Herr Polizist, Sie müssen in alle Richtungen ermitteln!“, meinte Gina mit einem Ausdruck, der in solchen offenen Fällen tagtäglich und obligatorisch von der Polizei in den Medien verkündet wurde.
Der Polizist, der jetzt die Geduld verlor, schien es, unterbrach abrupt jegliche weitere Spekulationen und, um die Sache gut abzurunden, sagte er, dass er gleich im Präsidium ein Protokoll auffassen täte, ja, die Ermittlungen aufnehmen, vorantreiben, forcieren werde, und auch, ein tiefer Seufzer entrang seiner Kehle, in jede erdenkliche Richtung, und bitte, Gina solle in einer Woche bei ihm im Präsidium nach dem Stand derselbigen nachzusuchen und deswegen unbedingt selbst in persona dort erscheinen. Das betonte er richtig. Wir waren arglos, dachten uns nichts dabei, nur, würde schon so seine Richtigkeit haben.
Ich atmete bei diesem Stand der Untersuchung aus, nämlich dem vorläufigen Ende, verspürte ich doch merkliche Erleichterung, dass diese nicht Greifbares ergeben hatte. Der Polizist musste ergebnislos von dannen ziehen, hurra, Gina einmal so in einer Woche im Präsidium vorbeischauen, prima. Für mich klang das so, als ob der Polizist in weitere Untersuchungen keinen Sinn mehr sah und überhaupt keinen Finger mehr rühren würde. Wer kann es ihm verdenken?
Na denn, Gina, viel Spaß bei der Polizei nächste Woche!

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Stofftiere bringen Glück

Beitragvon Pentzw » 09.04.2019, 20:40

V. Ein Stofftier bringt Glück

Was ist mit dem Stofftier geschehen?
Es ist nicht Pu, der Bär und Rammler, der Hase, sondern Benno, der Hund...
Wo halten sich meistens Hunde auf? Natürlich auf der Straße.
„Oh, was ist denn das für ein schönes Tier!“, der kleine Junge beugt sich auf dem Fußgängerweg über das Stofftier, dessen Kopf an ihm herunterhängt. Er selbst hängt an der Hand seiner Mutter, die ihn versucht davon wegzuzerren. „Komm, puh, das ist dreckig.“ Schon hat sich der Junge von der klammernden Hand der Mutter befreit und hebt das mitleidserregenden Tier auf. „Mutti, schau mal, das ist ein Hund!“ „Ja, wirklich! Aber der Kopf hängt ihm weg. „Mutti, ich nehm ihn mit nach Hause!“ „Aber das geht doch nicht!“
„Das geht schon. Ich kann ihm den Kopf annähen, dann ist er wieder ganz und neu!“, sagt der Opa, der auf der Schwelle seines Ladens steht. Über ihn prangt ein Schild: Opa’s „Änderungsschneiderei“, über die Fensterauslage steht: „Änderungen; „Kleidungsflickerei“.
„Ich bin Schneider, ich näh den Hund zusammen. Er wird wieder wie neu sein. Kein Problem!“ „
„Ahja, Mutti, kann ich ihn dann haben und mit nach Hause nehmen.“
Der Opa wendet sich an die Mutter mitleidserheischend: „Wirklich, in einer Stunde habe ich ihn zusammengeflickt. Das ist nicht schwierig.“ „Aber ist doch schmutzig!“ „Ach richtig. Ich geb ihn meinem Argadasch.“ Dabei zeigt er an den übernächsten Laden in dieser Häuserzeile, ein Waschsalon.
„In diesem Waschgeschäft kann er den Hund zwischendrein in einen Waschauftrag stecken. Das kostet ihm nichts. Glauben Sie mir, ich mach das schon. – Dann kommen Sie morgen und fertig ist das Tier.“
Die Mutter, über so viel Großzügigkeit geschmeichelt, erwidert zögerlich: „Na gut! Also, mein Junge. Du hast gehört. Gib Hund Opa, morgen ist er frisch gewaschen und der Kopf wieder angenäht.“ Zunächst will der Junge seine Beute nicht wieder aus den Armen lassen, aber Mutter und Opa strahlen ihn so freundlich an, dass er, wiewohl die Worte und den Zusammenhang nicht ganz verstanden, kapiert, dass es gut gemeint ist und ihm sein Fund nicht wieder abgenommen werden wird.
„Glaub mir, mein Junge. Morgen hast Du den Hund samt Kopf. Kopf ist wieder angenäht“, beschwichtigt ihn noch einmal der leutselige, kinderfreundliche Opa mit den vielen Leberflecken auf seinem großen, kahlen Schädel.
„Nach dem Einkaufen kommen wir vorbei, morgen, zu selben Stunde etwa!“
„Ja, machen sie das!“
Sie nimmt den Jungen wieder an die Hand und dieser hüpft freudig an dieser die Straße hinunter gen Marktplatz.
Opa geht sofort zum Nachbarsladen mit dem Hund, dessen Kopf an ein paar Fäden herunterhängt.

Am nächsten Tag erscheinen Mutter und Kind aber nicht in Opas Laden. Mutter ist überhaupt nicht angetan davon, ein fremdes Stoffmonster in ihre sauber, ordentlich und tiptop gehaltene Wohnung zu lassen, auch wenn es zuvor durch eine Waschmaschine gegangen ist. Wer weiß, welche Viecher, Insekten, Parasiten, Bazillen, Viren, Spinnen, Skorpione noch darinnen verborgen sein mochten, resistent, unbeweglich und nicht wegzukriegen?
So kann sie ihren Sohn ablenken, als es an diesem Tag zum Geburtstagsfeiern geht. Der hat danach sein neues Spielzeug wirklich vergessen. Die Mutter gleichfalls. Jedenfalls erinnert sie ihn nicht an ihn. Leider macht sie am übernächsten Tag den Fehler, dass sie gedanken- und ahnungslos wieder mit dem Kleinen in der Stadt Schoppen geht und an Opa’s Änderungsschneiderei vorbeikommt. Dieser steht an sder Schwelle seines kleinen Ladens, strahlt übers ganze Gesicht, die Platte, die Glatze mit den Unmengen Leberflecken vom Sonnenlicht bestrahlt, als hätte er auf die beiden gewartet.
Es wird ihnen feierlich den zusammengeflickten Hund überreicht, freudig entgegengenommen vom Jungen, die Augen weit aufgerissen und die Mutter ihre verdreht.
Dann suchen sie einen Döner-Laden auf. Der Junge legt den Hund in eine Ecke, zwei Kerle sitzen anschließend neben ihnen, am Nachbarstisch.
Erschrocken sehen sie ein Polizeiauto vorfahren, denken an eine bestimmte Fäkalie und suchen verzweifelt nach einem geeignetes Versteck für ihre in Silberpapier verstauten Haschisch-Plättchen.
Da der Hund reckt seinem Popos gegen sie. Einer erkennt seine Chance und steckt in den After die Plättchen, wonach er behutsam das Schwänzchen des Hundes darüber deckt.
Die zwei Polizeibeamten kommen herein, bestellen zwei Döner und nehmen neben den beiden Freaks Platz.
Der Junge bestaunt die Uniformierten, denn es ist nicht alle Tage, dass man solche leibhaftig vors Gesicht bekommt. Zudem ist der eine Polizist offenbar eine Frau. Polizisten sind doch Männer.
Die Mutter ereilt einen Anruf und drängt zum Aufbruch, so dass der Junge im Eifer des Geschehens sowie durch das Gebanntsein des faszinierenden Anblicks einer weiblichen Polizistin sein Pläsierchen vergisst.
Auch die Kiffer vergessen es. Allerdings weniger fasziniert vom Anblick der Polypen als aufgeschreckt, einerlei, beides sind Ursachen, zu vergessen, was sehr sehr wichtig ist, für den Jungen sein Pläsierchen, für die Jugendlichen ihre Drogen.
Der Hund döst in seiner Ecke bis zum Abend, bis nach Mitternacht, als Gina zufällig auch in das Restaurant kommt und ihren entwendeten Hund entdeckt. Sie schaut den jungen Verkäufer erstaunt an, bis ihr ein Verdacht aufglimmt. Aber darauf angesprochen, tut er, als wüsste er nicht, woher der Hund stamme.
„Du hast meinen Hund gestohlen! Gib’ zu!“
„Hund?“
„Ja, bist in meine Wohnung eingedrungen, wolltest mich vergewaltigen, ausrauben, was weiß ich. Der Hund ist der Beweis.“
„Hund?!“
Gina deutet auf das Stofftier. Nun kann der Döner-Mann nicht richtig Deutsch, erschwerend kommt hinzu, dass Hund in seinem Kulturkreis auch nicht besonders positiv belegt ist. Er verwundert sich sehr, warum diese Frau sich so aufregt. Da riecht sie auch noch komisch. Und dann „Hund“. Meint sie sich damit vielleicht? Sieht sie sich als Hund, weil sie so nach Schnaps und Alkohol riecht? Was will sie aber damit?
Ich kommt ein Verdacht. Der ist aber schon stark.
Sieht sie sich als Hund, so meint sie, sie sei eine Hure. Meint sie, sie ist eine Hure, dann bietet sie sich jetzt gerade an, dass er sie vögeln, nageln und bumsen darf.
So doch nur kann er das sehen. Das Angebot ist ihm zu delikat. Er ist verheiratet, er hat Kinder, wenn jemand dahinter kommt, jemand sieht es, trägt es seiner Frau zu Ohren zu, dann ist alles zu spät – es steht einfach zu viel auf dem Spiel – er kann sie nicht ficken!
Oder doch? Im Nebenraum. Nachts, nach dem Zapfenstreich?
Ihm fällt sein Chef ein, der Inhaber. Dieser macht in letzter Zeit auf multi-kulti. Wäre nicht schlecht fürs Geschäft, hat er letzthin verlauten lassen, wenn ein Bulgare oder Rumäne angestellt werden würde. Die kosten nicht so viel. Und da diese Osteuropäer immer mehr häufiger hier auftauchen, würde er sich eine neue Kundschaft erschließen. Gefahr!
Der Döner-Verkäufer wird jetzt laut und weist ihr unmißverständlich die Tür.
„Kannst gehen. Hure!“
Sie ist entsetzt! Staunt einen langen Moment. Ist ganz entgeistert.
Erbost greift sie ihre Tasche und den Stoffhund unter ihre Arme und verschwindet wie ein Wirbelwind aus diesen von Zwiebeln, Kohl, Knoblauch und Fleisch angeräucherten Raum.

Sie kommt ins Nachdenken.
Ihr kommt ein Verdacht, weil sie ihm nicht glaubt, weil sie schon ein bisschen in ihn verliebt ist, auch nach diesem unappetitlichen Wortwechsel.
Er ist in ihr Gemach eingedrungen, wollte etwas von ihr und hat aus unerfüllter Liebe ihren Hund unter den Nagel gerissen.
Als sie ein paar Tage später das Haschisch entdeckt, sich einen Joint dreht, ist sie schließlich restlos davon überzeugt: der will etwas von ihr. Man muss ihn nur ein bisschen auf die Beine stellen, dann wird das schon werden, was sie sich erhofft.
Inzwischen hat der Döner-Verkäufer seinem Chef von der besoffenen deutschen Tussi und ihrem undelikaten Auftreten des Nachts erzählt.
Sie sind gerade beim Ausladen neuer Fleischware, tragen es von dem alten VW-Bus heraus in das Hinterzimmer des Dönerladens hinein. „Wer ist es?“ „Na, du weißt schon, die, da um die Ecke wohnt, mit...“ In der Kleinstadt kennt man sich. Der Chef nickt. Hier im Hinterzimmer lagern alle Waren, einschließlich die Kühltruhen fürs Fleisch. Aus denen dringt Eisdampf, wenn man den Deckel aufmacht und sie werfen die Fleischkegel dahinein –keine angenehme Arbeit.
Der Chef verzieht das Gesicht bis zu den Ohren und stößt aus: „Fick Sie, die braucht das!“
Da war das Signal. In diesem Raum fiel das Losungswort, die Einwilligung des Chefs, in diesem Ort, dem Nebenzimmer des Ladens, in dem schließlich auch die folgenden wichtigen Dinge geschehen.
Er zweifelt, ob sie wiederkommen würde, schließlich hatte er sie gelinde gesagt nicht gerade wie eine Dame behandelt, auf deren Begegnung man gesteigerten wert legt.
Aber er braucht nicht lange zu warten.
Bereits einige Tage später schmachtet sie in eine Ecke gekuscht unscheinbar vor sich hin und verfolgt das den schicken Fleisch-Kegel-Schneider bei seinem galanten Treiben.
Der Dönnerverkäufer schweigt erst einmal, nachdem er den Schock ihres Erscheinens, das so klammheimlich über die Bühne gegangen war, verwunden hat. Würde ein Donnerwetter erfolgen? Er getraut sich nicht einmal, sie nach ihren Wünschen bezüglich Essens und Trinkens zu fragen. Gina plagen indessen andere Gelüste.
Es ist nicht mehr lange bis zur Sperrstunde, es ist schon eine Stunde nach Mitternacht.
Als niemand mehr im Laden ist, springt Gina mit einemmal auf und stelltt ihn zur Rede, der nicht weiß und versteht, sind es Anschuldigungen oder Liebeserklärungen, eigenartig, er tippt zunächst auf letzteres.
Er findet verschämtes Grinsen und zweideutiges Lächeln als den besten Weg in dieser Situation.
Gina ist sich somit ihrer Sache sicher. Angesichts dieses Schuldeingeständnisses presst sie sich unmittelbar an ihn, rückt ihren Körper zu seinem hin und umfängt ihn. Der junge Mann nützt die Gelegenheit, macht sich frei, verrammelt und schließt schnellstens den Laden zu und zerrt, wenn Gina nicht gewollt hätte, in den Nebenraum, in die Rumpelkammer, dort, wo alle Waren gelagert werden und aus dem lecken Kühltruhen weißer Kühldampf dringt. Auf einem alten Sofa macht er sich über die stark betrunkene und freudig erregte Gina her.


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Gründe für knallharten Sex

Beitragvon Pentzw » 25.04.2019, 00:29

V. Gründe, Gründe

Warum denkt Gina an knallharten Sex in diesem Zusammenhang.

Gina ist an einem jener Abende wieder einmal sehr, sehr betrunken,
„Aber morgen höre ich auf.“
Loulou war mittlerweile diesen Reden sattsam überdrüssig.
„Du bist für Dich selbst verantwortlich. Du musst es wollen, sonst geht gar nichts.“
Ich staunte Bauklötze über diesen Tenor ihrer Rede, denn die Botschaft war so untypisch für Loulou, dockte sie sich selbst nur allzu gerne an andere Menschen an, um Herr ihrer Probleme zu werden oder davon loszukommen und darin auch die Ursache derselben zu sehen.
„Ich bin umgeben von Trinkern. Wie soll ich da stark sein?“
Aber beide Frauen, es ist ein Wunder und eine Freude, können sich schnell versöhnen.
Nach diesem Sermon von Loulou, von wegen, man muss selbst wollen, sich vom Alkohol zu befreien, als wäre nichts gewesen, setzten sich beide zusammen auf die Schwelle der Tür zur Gasse hinaus, um einträchtig eine Friedenspfeife zu rauchen.
Mich ließen sie allein zurück in der Küche und ich begann die Sachlage zu reflektieren.
Klar, warum Gina gerne moralische Ergüsse von religiösen Sendern über sich ergehen lässt. Entweder Horrorfilme, thrillerartige Krimis zog sie sich vorm TV rein. Oder Predigten von ominösen Predigern. Diesesmal übernahm Loulou diese Funktion, um der sich reumütig sich gebärdenden Sünderin Gina in der Küche die Leviten zu lesen.
Als wäre nichts geschehen, hatten sie sich rausgesetzt. Nach dem Lesen der Leviten war die Auswirkung gleich Null. Nicht lange saßen sie dort in Eintracht und Harmonie.
Bald kommt Loulou zurück in die Küche gestochen, schlägt wütig das Geschirr-Schrank-Fenster heftig zu, so dass ich das Schlimmste ahne: „Nach der Zigarette ist Gina aufgestanden und über die Straße zur gegenüberliegenden Sisha-Bar gewankt. Abgesehen davon - die Straße ist sehr belebt, dass ich Todesängste ausgestanden habe - war ich zunächst perplex, dass auf ihre Reue hin keinerlei Taten folgen, dann jetzt bin ich nur noch wütend. Die verarscht mich.“
Das-Ins-Gebet-Nehmen von Gina ist für die Katze gewesen, denn von der Schwelle des Hausausgangs weg ist sie zu der neoleuchtenden „Goldenen XXL“, der nicht einzigen Sisha-Bar in der kleinen Stadt, zugelaufen, um sich dort restlos die Kante zu geben.
Loulou schiebt einen Hals!

Wir trippelten in Loulous Zimmer im ersten Stock hinauf, gedrückt, bedrückt und enttäuscht. Von dort aus konnte man auf die anderen Straßenseite zur Sisha-Bar schauen: durch die Fenster blinkte der Geldspiel-Automat bunt, krebsartig leuchtete die chromverzinkte Bar in ihrem diversen Neonlicht, davor flankierten zwei schwarz-goldene ägyptische hundeähnliche Statuen den Eingang, die auch von feldbetten-artigen Lehnsesseln aus der Rumpelkammer der 50-Jahre geschmückt waren, in denen sitzend oder liegend vor überdimensionalen Wasserpfeifen sich Dampflok-Schlot-Dicke Qualmwolken vor den Gesichtern der Jugendlichen aufbauten. Praktisch. Würden sie einen Kreislaufkollaps bekommen, lägen sie bereits auf einer transportablen Tragbahre. Der Weg ins Nirwana war schon gebettet.
Ich saß allerdings mit dem Rücken zu diesem herrlichen Ausblick, Loulou aber beobachtete jede Bewegung von Gina mit Argusaugen, sprang schließlich auf, als jene in den Eingang hineinschwankte, lief zum Fenster, um ihre Beobachtung durch näheren Augenschein zu bestätigen und drehte sich zu mir um: „Soll ich sie holen?“
„Hm!“
„Hm, nein. Das ist nicht meine Aufgabe.“
Loulou setzte sich wieder.
Das Argument fand ich schwach.
„Nein, aber geh und hol sie trotzdem dort heraus!“
„Okay!“
„Ich rauche erst einmal eine Zigarette.“ Das Ritual fand stets statt: bevor man etwas anpackte, wurde eine Zigarettenpause eingelegt. Nach ein paar Minuten war sie wieder so besorgt, dass sie sich aufmachte und hinüberging.
An der Tür riefen ihr ein paar Mädchen zu: „Sie suchen bestimmt die Alte? Sie ist dahinten in der Kneipe.“ Sie ist erst einmal von dem Interieur dieser Sisha-Bar geblendet und findet sich darin kaum zurecht. Hier innen empfing sie eine kühle Oase mit plätschernden Springbrunnen, orientalischen Wandbehängen, Deckenventilatoren und Bambus-Paravents. Als ihr ein Barkeeper heftig zuwinkt, entdeckt sie auch Gina auf einem hohen Tresenstuhl. Verschämt holte also Loulou die sturzbetrunkene Mitbewohnerin Genia aus der von 18- bis 25jährigen besuchten Bar heraus, in der bereits der Barkeeper sich schon kategorisch, stand- und heldenhaft geweigert hatte, was er der Suchenden natürlich stolz sofort auch bekundete, auch nur einen Tropfen Alkohol der sternhageldichten Besucherin auszuschenken.
Gina war bekannt wie ein bunter Hund.
Allerdings beging ihre Retterin in ihrer Über-Fürsorge einen schwerwiegenden, folgendschweren Fehler, indem sie die Sprüche der jungen Mädchen von vorhin wiedergab: „Suchen Sie die Alte?“
„Was, das haben sie über mich gesagt?“
„Ja!“
„Denen werde ich es aber zeigen!“
Zwei Tage später klopfte Gina nachts um 1 Uhr bei der schlafenden Loulou an die Tür.
Verschlafen lugte Loulou zwischen einem Türspalt in den Gang, in der, glücklich und beseelt, sich eine himmlisch wiegende Gina stand oder vielmehr wankte, die wie eine Gottesbotschaft quasi das scheinbar Unmögliche wie damals der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria eine frohe Botschaft verkündete: „Ich bin gerade von einem jungen Türken gevögelt worden: So alt bin ich auch wieder nicht. Mensch, bin ich glücklich.“

Warum denkt der Döner-Verkäufer an knallhartem Sex?

Inzwischen hat der Döner-Verkäufer seinem Chef von der besoffenen deutschen Tussi und ihrem undelikaten Auftreten des Nachts erzählt.
Sie sind gerade beim Ausladen neuer Fleischware, tragen es von dem alten VW-Bus heraus in das Hinterzimmer des Dönerladens hinein. „Wer ist es?“ „Na, du weißt schon, die da um die Ecke wohnt, mit...“ In der Kleinstadt kennt man sich. Der Chef nickt. Hier im Hinterzimmer lagern alle Waren, einschließlich der Kühltruhen fürs Fleisch. Aus denen dringt Eisdampf, nicht nur wenn man den Deckel aufmacht und sie werfen die Fleischkegel dahinein – keine angenehme Arbeit.
Der Chef verzieht das Gesicht bis zu den Ohren und stößt aus: „Fick Sie, die braucht das!“
Da war das Signal. In diesem Raum fiel das Losungswort, die Einwilligung des Chefs, in diesem Ort, dem Nebenzimmer des Ladens, in dem schließlich auch die folgenden wichtigen Dinge geschehen.
Er zweifelt, ob sie wiederkommen würde, schließlich hatte er sie gelinde gesagt nicht gerade wie eine Dame behandelt, auf deren Begegnung man gesteigerten Wert legt.
Aber er braucht nicht lange warten.
Bereits einige Tage später schmachtet sie in eine Ecke gekuscht unscheinbar vor sich hin und verfolgt den schicken Fleisch-Kegel-Schneider bei seinem galanten Treiben.
Er schweigt erst einmal, nachdem er den Schock ihres Erscheinens, das so klammheimlich geschah, verwunden hat. Würde ein Donnerwetter erfolgen? Er getraut sich nicht einmal, sie nach ihren Wünschen bezüglich Essens und Trinkens zu fragen. Gina plagen indessen andere Gelüste.
Es ist nicht mehr lange bis zur Sperrstunde, schon eine Stunde nach Mitternacht.
Als niemand mehr im Laden ist, springt Gina mit einemmal auf, baut sich vor ihm groß auf und stellt ihn zur Rede, der nicht weiß und versteht, sind es Anschuldigungen oder Liebeserklärungen, eigenartig, er tippt zunächst auf letzteres.
Er findet Zuflucht in verschämtes Grinsen und zweideutiges Lächeln als den besten Weg in dieser Situation.
Gina ist sich somit ihrer Sache sicher. Angesichts dieses offensichtlichen, nonverbalen, eindeutigen Schuldeingeständnisses presst sie sich unmittelbar an ihn, rückt ihren Körper zu seinem hin und umfängt ihn. Der junge Mann nützt die Gelegenheit, macht sich frei, verrammelt und schließt schnellstens den Laden und zerrt sie, wenn Gina nicht gewollt hätte, in den Nebenraum, in die Rumpelkammer, dort, wo alle Waren gelagert werden und aus dem lecken Kühltruhen weißer Kühldampf dringt. Auf einem alten, breiten Bauerntisch macht er sich über die stark betrunkene und freudig erregte Gina her, dass es sich gewaschen hat.
Ein junger, stämmiger, bärtiger, dichtbehaarter Türke vögelt eine weiße, engelsgleiche, faltige, leger-gekleidete alte Tussi in der dönergeschäftshintigen Ablage-, Abstell- und Aufbewahrungskammer, um der um die von der Decke herab an einem Haken festgebundenen vergammelnde Fleisch-Spieße fette Fleischfliegen schwirren und deren breiter Hintern auf riesige, flache, knusprige Fladenbrote geworfen, geklatscht, gedrückt wird und umgarnt wird wie Lammeta den Weihnachtsbaum von Gemüsebeuteln, die in den Farben der jeweiligen Gemüsesorten, gelb, weiß, rot leuchten und daher stehen förmlich in der Luft deren ausgesendeten eindringliche Düfte von Geschnetzeltem von Rind, Huhn, Truthahn – umwölkt von quasi exquisiten, muffelnden Weihwasserduft liegt ein Lamm Gottes auf einem okkulten, archaischen, besonderen Altar – ein samtig-weißes, blond-gefärbtes und engelsgleiches Opfertier, das nach Strich und Faden gevögelt wird von einem dichtbehaarten Belzeebub auf Teufel komm raus!

Zusammenfassung.
Für Gina stand die Frage auf dem Spiel: bin ich noch jung, so jung, dass ich einen knackigen, jungen Mann in meine Kiste zerren noch imstande bin?
Für den Türken stand quasi seine berufliche Existenz auf der Kippe. Man musste mit der Zeit gehen, sonst würde man aus dem Geschäft fliegen und gedrängt. Die Konkurrenz schläft nicht!

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Gesprächsbedarf und Herbstdissonanzen

Beitragvon Pentzw » 12.06.2019, 11:42

VI. Ein Gesprächgesuch und Herbstdissonanzen

Am übernächsten Tag aber schon, ernüchtert oder im nüchternen Zustand, je nach dem, wie man es sehen mag, war der Jubel dem Jammer gewichen: „Ich fühle mich so elend!“ Scham, Liebe oder die Gemengelage obskurem Verschnitts davon hatte sich ihrer bemächtigt, da sie in der kleinen Stadt an jeder Ecke das Bartgesicht des edlen Vöglers, starken Rammlers und irren Sex-Derwischen wahrnahm und es half auch nichts, dass sie es vermied, die Hauptverkehrsstraße zu passieren, wo sie an dem heruntergekommenen Dönerladen vorbeidefilieren musste, aus dessen Schaufensterauslage inzwischen bereits eine ganze Meute sexhungriger body-gestylter Ausländer welcher Herkunft auch immer gierten und stierten.
Sie hätte es nicht ertragen können – den „Geliebten“ erblicken zu müssen.
So fuhr sie statt der breiten, hell erleuchteten Einkaufsstraße durch die verwinkelten, engen, kantig-sperrigen Kleinstadtstraßen – für eine oft angeheiterte Fahrradfahrerin eine nahezu zirkusreife Nummer.

In der Nacht war sie mit dem psychedelischen Song von Pink Floyd: “I wish You were here” eingeschlafen. Sie flog auf den Mond, umrundete ihn und setzte auf der erdabgewandten, dunklen Seite und Hälfte ab. Sie befand sich in der Rumpelkammer, in der es dunkel und düster war. Diese Hemisphäre des Fleischlagers hatte Eis- bzw. zumindest Nebelbildung wie die, die aus dem undichten Fleischkühler drang.
Eine schwarze Katze schlich in diesem Raum herum, durch das laute, abrupte Gepoltere des hektischen Sexualverkehrs lief diese plötzlich schnell aus dem Räumlichkeiten. Wie ein Blitz!
Aber am Morgen war Schluss mit Träumen, da wurde zur Sache gegangen, zum Marsch geblasen, indem sie den unsterblichen Bob Marley and the Wailers auflegte mit: „Get up, stand up! Fight for Your right!”
Dieser Song putschte die ehemalige Jamaika-Reisende auf. Sie kriegte schon die Krise, es war nur ein dumpfes Gefühl, irgend eine Anwandlung, egal welcher Absicht, nur ein dumpfes Drängen verspürte sie, mit ihm zu reden, mit ihm, der sie... naja.
Sie schlief wieder ein und befand sich im undurchdringlichen Dschungel der Tropen, wo es so feucht wie in der Sauna war. Es war alles so dicht bewachsen mit Grünzeug, dass man sich nur mit einer Machete einen Weg bahnen konnte. Boa in Ausmaßen wie Bäume hingen wie Lianen von den Ästen herab. Ein furchtbares lautes, schrilles Gekreische, Gejauchze, Gebrülle erklang und erschall aus den Baumkronen, am übelsten taten sich Paviane hervor, Makaken, Meerkatzen, Schimpansen, alle erdenklichen affenartige Wesen, die mit ihren Gestikulationen, Gebärden, Gebaren sie schier zu veräppeln, zu foppen und herauszufordern schienen. „Geht weg, verschwindet!“, schrie sie hysterisch und wie aus dem Nichts tauchten bunte Papageien in ihr Blickfeld, die ätzend zurückschrieen. „Geh weg, verschwindet!“ Das war zuviel, sie war dem Wahnsinn nahe, hielt sich die Ohren zu, bekam weiche Knie und ließ sich schließlich auf der Stelle fallen. Sie sah durch ein geöffnetes Auge einen flirrenden roten Hügel wie eine Düne auf sich zukommen, sie, die auf dem Boden lag, ohnmächtig, beklommen und steif. Allmählich begann sie in dem Hügel Einzelheiten zu unterscheiden und wahrzunehmen: tausende, krabbelnde, gierige Ameisen.
„Get up. Stand up. Fight for Your right!“ Und das Stakkato der Raggaemusik lässt sie erheben, einen kleinen, klitzekleinen, mutmachenden Schluck aus dem bereits angebrochenen Flachmann nehmen, sich anziehen, die Wendeltreppe hinuntergleiten, das Fahrrad aus dem Gang durch die Haustür ins Freie schieben, aufsetzen und losfahren.
Der Scheinwerfer des Fahrradlichtes tänzelte an den Hauswänden hin und her, rauf und runter, dass es eine Wucht war. Da und dort hatten die Haustüren überdies Lämpchen über den Rahmen, selbst in den Fenster glitzerten welche, wie süß! Weihnachten war nicht mehr weit. Das Fest der Liebe, und sie? Oje, oje, oje! Sollte sie leer ausgehen, wieder einmal, wie seit dreizehn Jahren schon, damit musste Schluß sein. Jeder hat ein Recht auf Liebe. „Get.. Genau, kämpfe für dein Recht, Gina!“
Gina hat ihren Fahrradkorb hinten aufgespannt, der mit einem weinroten Tuch überspannt ist, ein Korb, der in seiner Verzierung dem Weidenkorb des Rotkäppchen ähnelt, in dem sich für Großmutter eine Weinflasche befindet, vulgo hier ein Flachmann aus dem Discounter, aus dem sie sich schließlich noch ein Schlückchens Mut antrinkt auf der Schwelle vorm Eingang zum Paradies, zur Hölle, zum Fleischerladen.
[Gina, die Sozialpädagogik studiert hat, wenn auch ohne Abschluss, sucht das Gespräch, muss es suchen oder es sucht sie, wie man will, weil man/frau bekanntermaßen in diesem Beruf das Schwätzen lernt, über Probleme reden, über vermeintliche Probleme quasseln, über Nichtprobleme. Punktum. (Schreibt der Autor, der dies selbst studiert hat.) Gina kann eigentlich nichts anderes als reden, reden ohne Konsequenz, ohne einer Handlung und Tat infolge, weswegen sie trinkt. Oder umgekehrt ist es die des Trinkens!?]
Sie lässt sich nieder in eine der abgeschabten braunen Leder-Sitzen, nicht unähnlich denen von Hinterbänken in kleinen Busen, hinten, in der äußersten diagonalen Ecke des kleinen Dönerlokals, wo einst ihr Insignum, das Zeichen, das Mahnmal der Liebe ruhte, der Stoffhund, nun zu ruhigerer Geschäftszeit und wartet eine günstige Gelegenheit ab, mit dem Geliebten darüber zu reden, ins Gespräch zu kommen. Das geht doch so nicht, dass man das jetzt auf sich beruhen lässt, nachdem, was da passiert ist, da gibt es doch natürlich Redebedarf! – aber, wie sich bald herausstellt, leider nur von ihrer Seite aus.
.„Ich muss mit Dir reden... Ähm, also, diese Nacht... Ich war total betrunken, aber... Nun, du bist verheiratet, ich weiß das ja... Aber wir können die Sache so nicht stehen lassen.“
SACHE STEHEN LASSEN!
Von welcher Sache spricht sie überhaupt, die wir wegräumen müssen? Er sieht keinen Gegenstand, der dafür in Frage kommt, mit anderen Worten, er erkennt keinen Sinn in ihren Worten. Was wunder auch, von dem was er inhaltlich nicht versteht, kommt hinzu, dass sie stammelt, lispelt und nuschelt bei dem Versuch, krampfhaft die richtigen Ausdrücke zu finden, welche für ihn ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Die Worte kommen aus der Welt der Fakten und wer kann damit schon etwas Handfestes anfangen: „Ein stückweit sind wir zu weit gegangen.“
STÜCKWEIT – welches Stück, Gegenstand, Ding meint sie denn?
Immerhin denkt er doch ein bisschen darüber nach.
Soll ich diese Frau zu meiner zweiten machen, theoretisch möglich, per Gesetz seiner Religion, der er sich verpflichtet fühlen kann, wenn er will. Er denkt an seinen Cousin in Syrien, der es immerhin zu zwei Frauen und 16 Kindern gebracht hat – der Stolz des ganzen Clans! Oder soll er es schlicht bei seinem guten Ruf unter den Jüngeren der Gemeinde belassen, mit seinem Treffer im fremden Revier gewildert zu haben und mit der Aussicht, dass dies erst der Anfang gewesen ist– ich habe deutsche Frau gefickt, klingt gut.
In das weiße, verschwommene Gesicht Ginas fährt aber jäh ein schrecklich-schlimmer Blitz zwischen das Glück der beiden, hier Glück ob ihrer Hoffnungsträchtigkeit, er glücklich ob einer goldenen Zukunft.
Gina lächelt verschämt bei ihrem Ansuchen und der glückseligen Erinnerung über den nächtlichen Quicki und Holterdipolter- Fuck im Nebenzimmer und sie zeigt dabei ihre Zähne, ihre weißen Hackerchen, wobei dieser Ausdruck nur insofern zutrifft, als sie keine gleichmäßig aufgereihten 32 Zähne mehr hat, zwar noch die großen Schneidezähne vorne, aber einige Backenzähne sind bereits herausgefallen, so dass eine schwarze Lücke in ihrem offenen Mund klafft. Wenn sie lacht und ihre betont kehliges Grunzen ausstößt, frankiert von dieser Lücke, erscheint sie als entweder faszinierendes oder abstoßendes Original, Unikum und Hexe. Der Angesprochene schreckt zurück und denkt um entschieden: nee, nö, nein, nein - das ist doch nichts. Wenn seine Freunde, Bekannten und Anverwandten zum Fleischbeschau kämen, würde sein Ansehen, Ruhm und Renomée doch zu tief in den Keller rutschen angesichts dieser Braut.
Außerdem versteht er sowieso kaum mehr als Bahnhof. Und so ist ihm dieses Gespräch zu „blöd“, wenn es auch vom Ginas sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus auf einem hohen Niveau, von einem anderen in einem höheren Blödsinn geführt wird, umkehrt proportional ist es dem Türken noch „blöder“, wie die Deutschen sagen würden, wenn sie ungehalten werden und über etwas nicht mehr reden wollen: „Das ist mir zu blöd!“. Beim Denken bleibt es glücklicherweise auch, denn nun, Gina, du kannst froh darüber sein, öffnet sich störend und unterbrechend die Tür und hereintritt ein Kunde, um sich vor den leeren Tresen des Fast-Food-Ladens aufzubauen.
Gerade noch kann der Verkäufer der Kundin im sonst leeren Laden zuraunen, ungeachtet dessen, ob es sich bei dem Neuling um einen Deutschen oder Türken handelt: „Ich nicht verstehen, nem anladim.“
Genia will aber nicht locker lassen, erreicht aber den Geliebten nicht mehr, welcher ihr inzwischen den Rücken zugekehrt und sich dem Fleischkegel zugewendet hat, um daran in einer Verlegenheitsgestik herumzuschnetzeln, das vom heißen Backblech krude gewordene Fleisch abzuschaben – ein Signal, das heißen will: für mich ist die Sache erledigt.
Aber noch lange nicht für Gina.
Sie hakt nach. Sie spricht laut, sehr laut: „Du, mir ist die Sache zu wichtig, als dass...“
Zwar wendet sich der Türke wieder um, aber er versteht überhaupt nichts mehr – was Sache? Sinn- und zusammenhangloses Gelaber ist das. Mochte er sich zudem hilflos und ohnmächtig gegenüber der Deutsch Sprechenden fühlen, sein halbherziges Stammeln lässt ihn die Nerven verlieren und schlussendlich in seinen buschigen Bart hineinraunen: „Ich nicht weiß Deutsch!“
Das stellt das Signal dazu dar, dass endlich der Käufer, bislang noch überlegend und höflicherweise das Gespräch anderer Leute nicht unterbrechen wollend, seine Bestellung aufgibt, um dieses unwürdige, beschämende und ausweglose Schauspiel, diesen einseitigen Dialog, diese Einbahnstraße menschlicher Kommunikation zu blockieren, zu unterbrechen, zu beenden, sprich zu erlösen, das immerhin eine Dauer erreicht hat, dass es dem dümmsten Gesprächspartner überdrüssig wird und mitunter auch die partiell nüchterne Gina kapiert, dass hier Ende der Durchsage war.
Je länger sie über den Ausgang oder Fortgang oder Irrgang dieser notwendigen Aussprache der einseitigen Art nachdenkt, desto mehr Blut schießt ihr in den Kopf und treibt sie voran. Den Flachmann stellt sie in ihrer Verzweiflung einfach auf den Tisch, sieht, was sie getan hat, ergreift ihn sofort wieder und steckt ihn in den Weidenkorb zurück und nimmt sich ihre Habseligkeiten zur Brust, um aus dem Raum zu stechen.
Außen kippt sie sich den Rest des Flachmannes hinter die Binsen, aber bis zum letzten Tropfen. Die leere Flasche wirft sie mit einer Geste der Verächtlichkeit in den Rinnstein vor dem Lokal.
Dann besteigt sie ihr Fahrrad in abenteuerlich artistischer Weise, muss aber sofort wieder absteigen, da sie zu sehr schwankt und Angst kriegt, auf die Nase zu fallen. So schiebt sie es kurzerhand. Aber weit kommt sie nicht.
Denn sie bekommt Durst, sehr großen Durst. Zurückzugehen und sich vor diesem Schnösel schwankend aufzubauen und um Bier zu betteln, gönnt sie dem nicht.
Also, dort der Italiener.
Dieser wittert sofort seine Chance. Warum? Der Geruch, die schwankende Erscheinung, die etwas heruntergekommene Gestalt?
„Bonjourno, Guten Tag, junge Frau. Wein wollen Sie? Wir aber nur guten haben.“
Gina fühlt sich natürlich und sofort herausgefordert.
„Natürlich will ich nur einen guten, was glauben Sie denn?“
„Va Bene, sehr gut, dann hol ich mal einen, Senorita!“
„Machen Sie das!“, antwortet Gisa großspurig, angestachelt und herausgelockt.
„Ist der Senorita genehm?“
Er umfasst liebevoll mit seinen Händen einen billigen Hauswein, streichelt die Flasche, als wäre es ein Babypo, der einen Preis hat, der diesem würdig ist.
„Ich nehme ihn!“, sagt Gina, geht damit in die Falle, fragt sie doch nicht nach dem gespickten Preis.
„Soll ich ihn der Senorita einpacken?“
„Nicht nötig!“ Das klang so, als „den sauf ich sowieso gleich!“
Gleichzeitig öffnet sie ihre Geldbörse auch schon.
„20 Euro!“
Sie schluckt, kann jetzt aber nicht mehr zurück. Noch wütender, ohne sich etwas anmerken zu lassen, blättert sie ihren letzten blauen Schein hin, nimmt schnell den Wein wie ein kleines Baby zwischen Arme und Bauch, als wollte sie es schnell in Sicherheit bringen, wobei es eigentlich sie ist, die sich verstecken und verbergen will.
Sie fühlt sich natürlich zurecht gefleddert, ausgebeutet und gezinkt! Aber was soll’s! Jetzt kam’s auch darauf nicht mehr an. Hastig setzt sie ihren Weg fort, den Wein feinsäuberlich zwischen den Lebensmitteln im Weidenkorb gesteckt, damit er auch wirklich keinen Schaden erleidet, was einfach zu bitterlich und schade gewesen wäre.
Na, mal los! Ab in die warme Stube und dann sich die Kante geben. Uff! Sie ist nunmehr, zu allem Übel, einerseits unerwiderte Liebe, andererseits geprellte blöde Tussi, den Tränen nahe, sehr nahe. Los!
Es ist Anfang Herbst und abends bereits düster. Der Wind, obwohl nur leicht, aber nicht sanft, fühlt sich schnöde auf der Gesichtshaut Ginas an, die kurz vorm Tränenausbruch steht.
Das wäre ein guter Grund!
Auf dem Trottoir liegt klebrig nasses Laub, über das man leicht ausrutschen könnte – ein weiterer Grund, um zu weinen. Sie sieht kaum 10 Meter weit und die gelben Lampen sind von Nebelwolken umhüllt und bilden von weitem ein schummrig-spühliges Abwaschlicht. Die Feuchtigkeit in der Luft lässt das Atmen schwer fallen und die Kälte frisst sich schon durch die Kleider. „Es wird Zeit, in den rettenden Hafen einzulaufen!“, sagt sie sich in ihrem leicht schnatternden Ententon, schon wieder leicht vergnügt. Der Alkohol wirkt eben, gäbe es denn nicht, na Prost Mahlzeit!
Im Rinnstein staut sich neben dem Laub das Wasser, aber nicht ausrutschen, um da hineinzutatschen. Schon sieht sie von weitem die Ecke zu ihrer Seitenstraße, die von einem großen, einen Meter hohen Stein markiert wird. Wozu man den ehemals aufgestellt hat?
Bei Anblick dieses Marksteines an der Ecke kommen ihr Bilder von Hunden hoch, aber solche, die sie in Jamaika gesehen hat, wo man sie öfter auf den Straße herumstreunen sieht. Hunde würden, wenn sie an diesen Druidenstein vorbeikämen, zwanghaft darauf pissen müssen, das steht fest.
Sie liebte Katzen, sie hasste Hunde.
Zum Glück würde ihr das nicht passieren, in diesem Land hier einem solchen Köter jetzt zu später düsterer Stunde über den Weg zu laufen, es gibt sie kaum, herrenlose Köter. Hunde in Jamaika, friedfertig, hier zulande weniger. „Kein Wunder!“, sagt sich Gisa. Bei diesem Wetter würde jede Kreatur widerborstig und übellaunig, musste so sein und seufzte: „Ach!“, wenn ich doch nur in den Tropen sein könnte, in Jamaika!“
Schneller schob sie das Rad.
Eine Hitze durchfuhr ihre Adern, Kontrastprogramm zur kühlen Außenwelt – sie fühlte sich so warm eingelullt jetzt wie eine amphibische Schnecke im labyrinthischen Schneckenhaus – was gab es Besseres als solche Momente? Oh, jetzt ließ der Alkohol ihre Fingerspitzen kribbeln – voilá.
Sie schob schwankend ihr Fahrrad über und durch den Schneematsch. Es hat geschneit, aber es war nicht kalt genug, so dass der Schnee sofort geschmolzen wäre. Sie ist zu betrunken, um Fahrrad zu fahren.
Außerdem, nur noch diese eine Ecke war zu nehmen, dort, wo dieser lustige große, abgerundete, einen quadratkubikmetergroße Stein steht, ein Relikt vergangener Zeit, 50ziger, 40ziger Jahre, wer weiß das schon, ein lustiges Unikum, welches sie jetzt galant umrunden will.
Dann ab ins warme Nest.
Sie kommt aber diesem Zauberstein zu nahe, wobei der klitschige Urin des Steines, der daherum auf den Trottoir eine gelbe Rosette bildet, zu ihrem Verhängnis wird.
Ein Glück, dass sie nicht gegen die rechtwinkligen Kante der spitzen Hausecke fällt.
Das Rad schlittert dabei über den gebogenen, abgerundeten Stein hinweg und rollt, rutscht und hutscht zurück, so dass es sie von den Beinen hebt und sie auf das Trottoir niederfällt, wobei das Fahrrad auf die Fahrbahn segelt, sie jedoch hinfliegt auf ihren Hintern, laut schreit sie auf und so sitzend am Ende ihr die Tränen kommen und sie – von weitem – sich wie ein herrenloser Hund vor sich hinschüttelt, hin- und herschaukelnd wie ein vernachlässigtes Kind, dann versuchend, auf die Beine zu kommen, wobei sie ein paar Mal ausrutscht, gleichviel ob vom Urin oder Alkohol, sie landet immer wieder auf ihren Hintern. Niemand achtet auf sie, zu dieser fortgeschrittenen Stunde sind die Straßen ziemlich leergefegt, zumal unter der Woche, so wird sie niemand beobachten, wie diese quasi herrenlose Hündin auf allen Vieren krabbelt und versucht, in die aufrechte Haltung, auf zwei stehende Füße und den aufrecht Gang zu kommen, wie es menschlich wäre.

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Polizeipräsens

Beitragvon Pentzw » 25.06.2019, 13:22

Gina zetert, womöglich kreislaufbedingt, da Fahrradschieben und hierinnen warme Küche sich schlecht verträgt. Ihr fallen die Schneeflocken von ihrem amerikanischen High-School-Blazer, als sie in die Küche tritt, nachdem sie sich das Eis und den Schnee an der Hausschwelle von den dünnen chinesischen Turnschuhen gestreift hat. Aus ihrer Seitentasche des blau-weißen Gewandes, viel zu dünn für die Jahreszeit, zaubert sie einen vegangen Döner, den sie auf den Tisch wirft. Überflüssig zu erwähnen, dass sie diesen in einer anderen als jener ihres untreuen Türken gekauft hat.
Jetzt plärrte gerade der zu laut eingestellte Radio. „Sicherheitskräfte wurden von randalierenden ausländischen Jugendlichen, wahrscheinlich aus Afghanistan, attackiert. Ein Beamter liegt im Krankenhaus mit einer Schädelfraktur, nachdem er, von den herbeigeholten Polizisten wegen Ruhestörung...“, die anonym erfolgt war, wie sonst auch in diesem Land, zu Boden geschubst und dort mit Füßen traktiert worden war.
„Diese verdammten Nigger!“, grölte Gina dazu.
„Was?“ Bin ich etwas von entsetzt. Eine ausländerfeindliche Gina, unmöglich, so etwas hätte ich ihr niemals zugetraut, bei ihrer Biographie, Sozialpädagogik Studium absolviert, Jamaika-Aufenthalt und bekennende Rastafa-Frau.
Aber Gina denkt, was ich noch nicht weiß, an ihren Polizisten, der das Opfer einer solchen Attacke hätte sein können, den sie vielleicht noch nicht liebt, aber Hoffnung in ihr entzündet hat, die sie nicht dämpfen kann. In Wirklichkeit kann sie gar nicht gegen Schwarze sein Als Rastafa-Frau hat sie etliche Male mit schwarzhäutigen Gleichgesinnten geschlafen, wobei sie meinte, so unglaubwürdig es klingen mag, sie noch nie mit jemanden in die Kiste oder auf die Parkbank gestiegen ist, ohne bekifft, betrunken und berauscht gewesen zu sein. Glaube es, wer mag!
Trotz beginnender Liebe zu jenem Polizisten, der neulich zum Protokoll- und Ermittlungen-Aufnehmen gekommen war, hätte sie mehr Anlass gegen die Bullen zu sein, denn ihr geliebter Lebensgefährte Kevin war als Gegenstand und Subjekt der Verfolgung von Konsumenten illegaler Drogen seitens der Staatsmacht eines Nachts auf der Flucht vor diesen über eine Mauer geklettert, an einem Nato-Draht hängen geblieben und sich in unglücklichsten Umständen selbst erhängt, erwürgt und zu Tode gestürzt.
Die Wut gegen die Ordnungshüter dieses Landes wäre mit Sicherheit gerechtfertigter!
Aber!
Aufgeheizt brodelt jetzt der Wodka und das Bier in ihren Adern darüber, dass sie von einem Polizisten im Verhör am Busen und Po angegrabscht worden ist, als sie sich ins Polizeipräsidium wegen des Stofftieres begeben hatte und zudem angelockt durch die vermeintliche Aussicht auf Geschenke wie Handy und Kleidung, welches der Herr Beamte zudem verkündet hat, ihr zum Geschenk zu machen.
„Das geht doch nicht, dass der mir gleich an die Wäsche geht!“, stammelte und brummelte sie hilflos und aufgebracht und stark betrunken, so dass sie sich erschöpft auf einen Küchenstuhl niederließ, der bedrohlich schwankte als würde sie sogleich davon herunterfallen und abstürzen.
„Genau! So schnell schießen die Preußen auch wieder nicht“, entgegnete Loulou.
„Ich habe ihm telefonisch gesagt, er solle das Handy zurücknehmen, es sich bei mir abholen oder ich bringe es ihm ins Präsidium vorbei. Jedenfalls geht das so nicht.“ Sie ist dieser abhängigen Situation des Staatsgewaltigen gegenüber völlig hilflos ausgesetzt. Hier spielt nicht nur der Alkohol eine Rolle,
„Wie konntest Du bloß glauben, da entstünde etwas, wenn Du ins Geschäftbüro von dem gehst? Er hätte Dich ins Restaurant oder dergleichen einladen sollen, aber nicht zu ihm ins Revier. Das hätte Dir gleich verdächtig vorkommen und sagen müssen, dass da nichts Gescheites entstehen könne“, resümiert Loulou ganz vernünftig.
„Naja, vielleicht ja doch, habe ich gedacht. Man weiß es ja nicht. Möglicherweise ist er ja ganz nett, habe ich gedacht“, erwiderte Genia. Sie wiederholte sich in der Folgezeit öfter, ist sternhagelvoll und weiß nicht, ob sie ihren vorhin gekauften Döner nun schon in ihr Zimmer nach oben abgelegt hat oder nach unten in der Küche irgendwohin.
„Ist das vielleicht derselbe Polizist, der letzthin Wilhelmine, du weißt, die Behinderte im Rollstuhl, besucht hat. Sie hat erzählt, dass ein Polizist oder ein in einer Polizeiuniform Verkleideter zu ihr in die Wohnung gekommen sei und sie wegen irgendeiner Ermittlungssache hinsichtlich einem nur fernen Bekannten ausgefragt hatte. Dabei sei dieser Uniformierte übergriffig geworden, ihr ständig an die Wäsche gegangen, hat sie erzählt. Aber sie hat nicht geglaubt, dass das wirklich ein waschechter Polizist gewesen ist.“
„Ja, klingt nicht so, als ob es einer war“, sagte ich, denke aber angesichts Genias Erlebnisse das Gegenteil. Das ist bestimmt der Gleiche gewesen. Mann, ein Polizist, der abhängige Zivilpersonen sexuell belästigt. Na Prost, Gemeinde!
Loulou sagte schnell hinter dem Rücken von Genia zu mir gerichtet: „Vielleicht steht er auf gewisse Praktiken sexueller Art im Verhörraum.“ Dabei entblößt sie den Oberkiefer.
Ich grinste zurück: „Das kann schon sein.“ Ich knöpfte mir den obersten Knopf meines Hemdes auf, denn mir ist sehr heiß geworden.
In der Tat, Gina kommt jetzt erst mit „das geht doch nicht, das geht doch nicht!“, reichlich spät, nachdem sie sich von dem Polizisten schon hat in sein Spinnwebennetz hat locken lassen.
Als sie auf die Wache gekommen ist, hat der Polizist weiter versucht sie zu beschenken und sie hat zuerst gemeint, der beschenkt sie, weil er etwas für sie empfindet, vielleicht sogar so viel wie Liebe.
Aber spätestens mit dieser Frage, ist es ihr schon klar geworden, worauf der letztlich bloß rauswollte: „Jetzt erzähl mal, Mädl. Wen kennst Du, der Drogen nimmst. Du musst mir alles erzählen, den kleinsten Verdacht. Aber das wird nicht notwendig sein. In deinen Kreisen kreist nur so der Joint, was. Ha ha!“
Blöder kaum konnte man sich ausdrücken. Diese Formulierung ging Gina denn doch zu sehr gegen den Strich. Sicherlich, wenn der Polizist nicht so viele Vorurteile gehabt hätte und etwas vorsichtiger vorgegangen wäre, wäre die Falle zugeschnappt und Gina hätte wie ein Fluß fließt gequasselt wie eine Ente. Aber das hier – das war denn doch etwas zu blöd!
Sie hat daraufhin versucht, sich schnell wieder zu verdünnisieren und je länger sie diesem grünen Uniformierten weggewesen war, desto klarer wurde es ihr, worauf der überhaupt bloß hinauswollte: Sie quasi als Kronzeugin aufbauen, um die Kiffer, Kräuter-Konsumenten und Speedschnupfer dingfest zu machen. Diejenige, die eh schon mit sich selbst zu krebsen hatten, die Psychisch Kranken, die ärmsten von den Armen.
Aber nicht mit Gina!
Die ja auch dazu gehörte, dazu zählte.
Aber nein, nicht mit ihr. Sie mochte vom Alkohol ja schon ein bisschen plemplem sein, die ein oder andere graue Gehirnzelle angefressen sein, ihr Hirn davon überschwemmt sein, aber schwachsinnig, debil, dement, gaga, girre-girre oder weiß der Teufe etwas war sie noch lange nicht. Sie hatte schon noch ein Gespür dafür, wer es wirklich gut mit ihr meinte, oder nicht!
Schön, dass wir jetzt Luft schnappen gehen und uns nach draußen begeben, um sich auf die Schwelle des alten fränkischen Fachwerkhauses zu setzen. Es riecht aus den daneben stehenden Abfalleimern, grüne, weiße und braune Tonne, weil seit Jahren nicht mehr gründlich ausgeputzt worden. Wir schauen durch die schmale Gasse auf die Innenstadt-Straße, durch die immer wieder am Steuer sitzende Backfische Ralley-Rennen veranstalten. Vielleicht aber auch sind es Polizei-Aspiranten, - ist doch dieser Beruf bei Jugendlichen sehr beliebt geworden - die sich bereits auf ihren Diensteinsatz vorbereiten. Wundert es jemanden, dass hier keine Geschwindigkeits-Meßgeräte aufgestellt werden?
Gina verfiel nun wieder in heulendes Elend, diesmal über ihre Vergangenheit. Sie müsse mit einem noch Lebenden unter ihren Freundeskreis unbedingt heute noch Kontakt aufnehmen, um mit dem über ihren verstorbenen Rastafa-Freund Kevin zu reden; sie brauche dies; sie müsse dies unbedingt spätestens am Wochenende machen.
„Und dabei“, Genia geriet wieder in einen weinerlichen Tonfall, - ihre weinerliche Nostalgie und Erinnerungsseeligkeit rührt bestimmt auch davon - was immer dann geschähe, sie dachte an diese Situationen mit dem behördlichen Aufdringling, ‚wollte ich gar nichts von ihm“.
„Kevin war so etwas von einem schönen Rastafa-Locken-Mann“, kam jetzt gleich darauf und sie meint wieder ihren verstorbenen Freund. Sie machte dabei keine Andeutung mit der Hand bis zur Taille, was sie sonst immer tat, was ein Anzeichen ihrer verstrickten Hilflosigkeit darstellen musste. „So schön.“ Ob er schön war oder wegen seiner Erscheinung, der bis zum Hinternansatz herfallenden Dreadlocks, bleibt deshalb offen.
Uns ist kalt geworden und wir sind wieder in die Küche gegangen. „Mensch, habe ich einen Durst!“, zuvor schnatternd wie eine Ente, nun mit dem Anstieg des Alkohols im Blut grunzend in einem schweine-ähnlichen, schnarrenden, nasalen Tonfall, als sie sich daran macht, in Schränke, Ablagen und Kühlschränke die Objekte ihrer Wünsche zu vermuten und zu suchen.
Sowie sie nichts fand, ließ sie die Hände in den Schoß fallen, als betete sie und erzählte grinsend, was ihr alles in der Vergangenheit mit Kevin so Schönes zugestoßen war, sie erlebt hatte und erleben durfte - ach!
Bald jedoch kommt sie wieder auf den belästigenden Polizisten und verfällt wieder in einen larmoyanten Tonfall.
Loulou meint, Sibylle, ihre Sucht-Beraterin, meint dazu: „So etwas geht nicht!“
Dieser stimme ich entschieden zu. Dies geht natürlich nicht, dass ein Polizist Abhängige mit kleinen Geschenken zu sexuellen Abschweifungen nötigt und treibt.
Aber das sagt gerade die Sucht-Therapie-Mieze Sibylle!
Deren Bruder ist zudem der Pächter von der größten Absteige-Kneipe in der Kleinstadt. Dort lassen sich die Alkoholiker vollaufen und die Schwester des Kneipiers, eine Sozialpädagogin, therapiert und berät diejenigen, die dort sich regelmäßig auftanken – nur was rät sie? Vielleicht, besucht die Kneipe meines Bruders nicht! Wohl kaum!
So verdienen die Mitglieder einer Familie ihren Lebensunterhalt damit, dass die Schwachen um sie herum zu ihnen kommen – zum einen zum Zwecke sich zu betäuben, zum anderen zum Zwecke, sich von dieser Sucht nach Betäubung wegzukommen. Würde eine dieser Partizipanten und Geldverdiener und Selbstunterhalts-Damitbestreiter fehlgehen, indem etwa die Sozialpädagogin es schafft, die Süchtlinge von der Kneipe fernzuhalten, wäre der Bruder sehr ärgerlich auf die Schwester und würde sie des geschäftschädigenden Verhaltens anklagen, mit ihr streiten und ihr gehörig die Leviten lesen, worauf man Gift nehmen kann.
Denn es geht auch nicht, dass eine Sucht-Therapeutin Patienten, die die allerhärtesten und stärksten Medikamente verschrieben bekommen, etwas von „kontrolliertem Alkoholtrinken“ vorschwärmt oder nahelegt und überhaupt so einen Gedanken in deren Köpfe pflanzt.
Mühselig, dumm und überflüssig darüber nachzudenken, was am Schlimmsten ist bei all den Überdruss Hervorrufendem... - Dein „Freund und Helfer“, die Polizei; die Sozialarbeiter, Psychiater – sprich die, die sich Helfer nennen. Das Sklavenhaltertum hat sich in die neue Zeit hinübergerettet...

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