Verbrannte Erde XX - Menschen in der besten aller Republiken

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Pentzw
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Verbrannte Erde XX - Menschen in der besten aller Republiken

Beitragvon Pentzw » 02.03.2019, 15:33

Mit einer Gewerkschafterin zu einer Sitzung fahren

Ich fahre mit einer Freundin nach München, die dort als Freiwillige ein Ehrenamt bei der Gewerkschaft innehat. Sie beraten und entscheiden wohl darüber, wie hoch und in welchem Umfange die nächsten Forderungen des öffentlichen Dienstes sein sollen.
Ich erzähle ihr, dass ich letzthin einen Beschäftigten bei einer Telefongesellschaft englischer Provenienz getroffen habe. Wenn er sein Namensschild nicht am Revers trägt, wenn eine Kontrolle kommt, bekommt er Sanktionen. Derjenige, der ihn damit erwischt, bekommt eine satte Belohung.
„Das ist tariflich nicht erlaubt in Deutschland“, sagt die Gewerkschafterin, die gerade mit mir nach München fährt, wo die Delegierten einen Mindestzuschuss, Gehaltserhöhung und Forderung gegenüber den Arbeitgebern von mindestens 200 Euro pro Monat beschließen werden. Das ist die Hälfte der Grundsicherung eines armen Schluckers in der Republik.
„Verteilungskämpfe wird es geben!“, prophezeit sie.
Sie gluckst mit den Augen und die Augen treten langsam aus ihren Höhlen, als hätte sie Nierenprobleme.
Verteilungskämpfe - als wäre zu wenig da!? Wobei es auch aus ihrem Magen gluckst, immer wieder, als hätte der Alkohol Wein, ein sehr dicker, lieblicher Saft, der in ihr steckte und nicht zu wenig, gerade erst zu goren angefangen.
Ich darf mich nicht mit ihr vergleichen. Gleichen Alters würde sie heute so viel Rente bekommen, dass sie Steuern abführen müsste und unsereiner nicht einmal das Niveau der Grundsicherung erreichen mit meinen spärlichen Einzahlungen; sie hat lediglich eine Ausbildung, wohingegen ich zwei akademische Abschlüsse. Wer steht denn nun gut da: derjenige, der in Bildung investiert hat oder der andere, der sich mit einem Minimum an Fortbildung, Ausbildung und Schulen seinen Weg durchs Berufsleben geebnet hat?
Dabei langt die Gewerkschaft mit ihren aktuellen Forderungen wieder einmal, mehr den je, gehörig zu. Es ist genug vorhanden. Gewerkschaft? Achja, diejenigen Interessensgruppe, die nur eins will: Mehr.
Gewerkschaften?
(„Das ist eine Ausnahmeperson in diesem Verein“, höre ich den Entschuldigungssatz. Aber die Gewerkschaft hat die Tendenz, alle über einen Kamm zu scheren und ihre Mitglieder gleichzumachen.)
Ein Jahr lang kam ich selbst in den Genuss, im öffentlichen Dienst arbeiten zu dürfen und da trat ich auch der Gewerkschaft bei. Nachdem mein Dienst endete, ließ mich diese Organisation nur wiederwillig frei und aus ihren Armen. „Ihre Unterschrift der Kündigung entspricht nicht derjenigen ihres Beitrittes.“
Wie darf man das interpretieren?
Sie hielten mich wohl für verrückt geworden, dass ich inzwischen eine Persönlichkeitsänderung vollzogen hatte? - Oder wollte ich betrügen, eine Person vortäuschen, dass eine andere aus ihrem Verein austreten will, womöglich eine Aktion der Gegenpartei, einer aus der Arbeitgeberorganisation oder welche Erklärung gibt es noch?
Heute, nach Jahrzehnten glaube ich einfach, sie wollten mir den Ausstritt so schwer wie möglich machen. Sie hofften, ich würde die Fahrt von gut 30 Kilometer mit dem Auto zur Zentrale scheuen und einstweilen die Mitgliedschaft aufrechterhalten, weil ich die Umstände scheute.

Drei Minuten zu spät kommen wir an vor dem Gewerkschaftshaus Münchens, sie überlässt mir ihr Auto, das ich inzwischen bis 16 Uhr irgendwo parken soll. „Das Geld fürs Parken!“ „Kriegst du später. Ich habe keine Zeit mehr“, und verschwindet im Gebäude. Ich frage nach einer Möglichkeit, Theresienwiese und im Parkhaus des Geschäftes Sowieso. Ich ahne, erstere Option ist die billigere, aber da muss ich rumsuchen, ich nehme das, was ich deutlich vor mir sehe. Es wird für den Tag 30 Euro kosten, eine horrente Summe, soll ich nicht doch lieber nach der Theresienwiese umschauen?
Was machst du dir für einen Kopf, für andere, kriegst bei dieser Herumsucherei nur graue Haare!
Spätnachmittags, pünktlich, warte ich im Gewerkschaftshaus über eine halbe Stunde auf den vereinbarten Termin, bis meine Bekanntin aus ihrer Versammlung, ihrem Seminar, Kurs kommt. „Gib mir das Geld, ich muss die Parkgebühren bezahlen.“ „Wie viel?“ „Dreißig Euro!“, genervt, gestresst, sich schon eine Zigarette angezündet, klaubt sie diesen Betrag, in einzelnen Fünf-Euro-Scheinen, aus ihrem Portemonnaie.
Ich hole das Auto, es stellt sich aber heraus, das ich nur etwa die Hälfte zahlen muss. Ich überlege mir, ob ich ihr den Restbetrag korrekterweise wieder geben oder ihn für mich behalten soll? Ich entscheide mich zunächst für letzteres, etwas, was ich bislang noch niemals getan habe.
Ich bin froh, dass sie nicht nachfragt, ob sie doch nicht Wechselgeld bekäme, so gestresst ist sie heute. Ich wäre in eine sehr ungute Situation geraten, nämlich lügen zu müssen. Unpünktlichkeit, Lüge, Betruf, Täuschung usw. sind Eigenschaften, die man mir anerzogen hat. Aber auch weniger gute Eigenschaften: Gehorsam, Willfährigkeit und immer Bereit-sein-für-den-anderen –heutzutage fatal.
„Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einen Tag früher mit Dir nach München fahren sollte...“
„Du meinst, da im Hotel übernachten.“ „Genau.“ Wir haben dies ein paar Mal gemacht, in Berlin, in Potsdam, sie weiß, dass mir das gut täte, ich bin immer froh, aus meinem grauen Alltag herauszukommen. Sie wohl auch. Nur habe ich nicht das nötige Kleingeld, sie umso mehr. Aber es ist nicht ernst gemeint. Sie grinst feist. Ich denke, na schön, sie nimmt mich nicht ernst. Das ist nur so daher gesagt, cest la vie oder so ähnlich.
Menschen, die das Helfen zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen Bescheid wissen in der Psyche des human sapiens. Und das tat sie, um ihre Interessen zielgerade durchsetzen zu können.
Was hat sich geändert seit der Steinszeit, mit Beginn des menschlichen Imperalismus über die ganze Erde? Er verdrängt seine Konkurrenten mittels seiner Schlauheit, seines besseren Gehirns und domestiziert andere Tier zu seinem Nutzen. Die Erde war ein riesiger Stall von Sklaven anderer Spezies, umsoweniger die Sklaverei der dümmeren der gleichen Spezies abgenommen hat.
Zuhause sagt sie mir dann frank und frei ins Gesicht, daß sie keinen kennen und es wohl keinen gebe, der so etwas machen würde, einen Tag opfern, mit einem Navi laborierend und händelnd sich abmühen, bis in die Münchener Innenstadt zu fahren, den ganzen Tag zu warten und herumzubummeln, bis diejenige, die er begleitete, mit ihren Dingen fertiggeworden sei.
Nicht nur, dass sie mich nicht für ernst nahm. Sie hielt mich schon die ganzen Jahre für verrückt, gestand sie mir, als ob dies etwas Neues für mich gewesen wäre. Also, geahnt habe ich es, aber so direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, bringt mich doch fast zu schlucken. So hat es mittlerweile und jetzt so ausgesprochen gewisse Signalwirkung.
Ich dachte nach. „Verrückt“ hieß nicht „unzurechnungsfähig“, sonst hätte sie mich bestimmt nicht als Begleiter und Händler bzw. Lenker des Navigators erwählt. „Verrückt“ konnte in diesem Zusammenhang doch nur gemeint sein, wenn jemand Zeit und Energie opfert, jemanden anderen „entschädigungslos“ einen Tag zu opfern und ihm zu helfen wie hier bei der Fahrt von Nürnberg nach München.
Wer will schon als verrückt gelten?
Ich bin jetzt froh, dass ich das Geld behalten habe.
Ich habe den Rubikon überschritten.
Ich hatte danach, wie üblich in solchen Fällen, keine Schuldgefühle.


Schwarze Frau will Konditorin werden

Die schwarze Frau weist mir einen freien Platz zu, in einem Zweiersitz im Zug.
Die Frau hat ihre Sitz-Lade vor sich herunter gelassen, auf dem ein Plastiktablett steht, in dem sich Reste eines frittierten Hähnchens befinden, das sie mir großherzig anbietet. Dankend lehne ich ab, aber nicht deswegen, weil es nur ein kleines unappetitliches Stückchen ist; mir ist nicht nach Essen momentan.
So kommen wir gleich ins Gespräch. Sie sei Feinkonditorin in Ausbildung. Sie komme von ihrem Arbeitplatz und fahre nach Plauen zurück, ein Weg, der einfach zwei Stunden benötigt. Insgesamt ist sie also vier Stunden unterwegs. Schon das klingt unglaublich, es muss bestimmt mehr Zeit in Anspruch nehmen, denn sie arbeitet in einer Kleinstadt, hier schon einmal umzusteigen in einen Bus und dann noch in Nürnberg und oftmals werden Züge gekoppelt, die auch nicht fristgerecht eintreffen, Zeitverzögerungen sind normal. Aber bitte, wenn sie es sagt. Ich kann es trotzdem nicht glauben.
Sie zeigt mir ihre Monats-Schülerkarte, die Strecke steht so drauf, wie gesagt, sie kostet über 400 Euro pro Monat. „Wie viel verdienst Du?“ "Über 600 Euro.“ Was bleibt da noch übrig? Zuhause hat sie zwei Kinder, Kindergartenkinder, vermute ich den Bildern nach zu urteilen, die sie mir auf ihren Smart-Phone stolz zeigt. Zudem einen Mann, Vater beider Kinder, der gleichfalls aus Nigeria kommt. Dieser wird sich wohl neben der Mutter um die Kinder kümmern, wenn die Mutter derartig lange tagsüber unterwegs ist. Viel werden sie nicht von ihr haben, etwas vier Stunden am Tag, denn geschlafen werden muss auch, so etwa 8 Stunden.
Kann das alles wahr sein?.
Ich kann es nicht glauben.

copyright werner pentz

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