In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

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Pentzw
Klio
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In der besten aller Republiken - Verteilungskämpfe

Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 12:25

Eine Gewerkschafterin begleiten

Ich fahre mit einer Freundin nach München, die dort als Freiwillige ein Ehrenamt bei der Gewerkschaft innehat. Sie beraten und entscheiden wohl darüber, wie hoch und in welchem Umfange die nächsten Forderungen des öffentlichen Dienstes sein sollen.
Ich erzähle ihr, dass ich letzthin einen Beschäftigten bei einer Telefongesellschaft englischer Provenienz getroffen habe. Wenn er sein Namensschild nicht am Revers trägt, wenn eine Kontrolle kommt, bekommt er Sanktionen. Derjenige, der ihn damit erwischt, bekommt eine satte Belohung.
„Das ist tariflich nicht erlaubt in Deutschland“, sagt die Gewerkschafterin, die gerade mit mir nach München fährt, wo die Delegierten einen Mindestzuschuss, Gehaltserhöhung und Forderung gegenüber den Arbeitgebern von mindestens 200 Euro pro Monat beschließen werden. Das ist die Hälfte der Grundsicherung eines armen Schluckers in der Republik.
„Verteilungskämpfe wird es geben!“, prophezeit sie.
Sie gluckst mit den Augen und die Augen treten langsam aus ihren Höhlen, als hätte sie Nierenprobleme.
Verteilungskämpfe - als wäre zu wenig da!? Wobei es auch aus ihrem Magen gluckst, immer wieder, als hätte der Alkohol Wein, ein sehr dicker, lieblicher Saft, der in ihr steckte und nicht zu wenig, gerade erst zu goren angefangen.
Ich darf mich nicht mit ihr vergleichen. Gleichen Alters würde sie heute so viel Rente bekommen, dass sie Steuern abführen müsste und unsereiner nicht einmal das Niveau der Grundsicherung erreichen mit meinen spärlichen Einzahlungen; sie hat lediglich eine Ausbildung, wohingegen ich zwei akademische Abschlüsse. Wer steht denn nun gut da: derjenige, der in Bildung investiert hat oder der andere, der sich mit einem Minimum an Fortbildung, Ausbildung und Schulen seinen Weg durchs Berufsleben geebnet hat?
Dabei langt die Gewerkschaft mit ihren aktuellen Forderungen wieder einmal, mehr den je, gehörig zu. Es ist genug vorhanden. Gewerkschaft? Achja, diejenigen Interessensgruppe, die nur eins will: Mehr.
Gewerkschaften?
(„Das ist eine Ausnahmeperson in diesem Verein“, höre ich den Entschuldigungssatz. Aber die Gewerkschaft hat die Tendenz, alle über einen Kamm zu scheren und ihre Mitglieder gleichzumachen.)
Ein Jahr lang kam ich selbst in den Genuss, im öffentlichen Dienst arbeiten zu dürfen und da trat ich auch der Gewerkschaft bei. Nachdem mein Dienst endete, ließ mich diese Organisation nur wieder willig frei, aus ihren Armen und ziehen. „Ihre Unterschrift der Kündigung entspricht nicht derjenigen ihres Beitrittes.“
Wie darf man das verstehen?
Sie hielten mich wohl für verrückt geworden, dass ich inzwischen eine Persönlichkeitsänderung vollzogen hatte? - Oder wollte ich betrügen, eine Person vortäuschen, dass eine andere aus ihrem Verein austreten will, womöglich eine Aktion der Gegenpartei, einer aus der Arbeitgeberorganisation oder welche Erklärung gibt es noch?
Heute, nach Jahrzehnten glaube ich einfach, sie wollten mir den Ausstritt so schwer wie möglich machen. Sie hofften, ich würde die Fahrt von gut 30 Kilometer mit dem Auto zur Zentrale scheuen und einstweilen die Mitgliedschaft aufrechterhalten, weil ich die Umstände scheute.

Drei Minuten zu spät kommen wir an vor dem Gewerkschaftshaus Münchens, sie überlässt mir ihr Auto, das ich inzwischen bis 16 Uhr irgendwo parken soll. „Das Geld fürs Parken!“ „Kriegst du später. Ich habe keine Zeit mehr“, und verschwindet im Gebäude. Ich frage nach einer Möglichkeit, Theresienwiese und im Parkhaus des Geschäftes Sowieso. Ich ahne, erstere Option ist die billigere, aber da muss ich rumsuchen, ich nehme das, was ich deutlich vor mir sehe. Es wird für den Tag 30 Euro kosten, eine horrente Summe, soll ich nicht doch lieber nach der Theresienwiese umschauen?
Was machst du dir für einen Kopf, für andere, kriegst bei dieser Herumsucherei nur graue Haare!
Spätnachmittags, pünktlich, warte ich im Gewerkschaftshaus über eine halbe Stunde auf den vereinbarten Termin, bis meine Bekanntin aus ihrer Versammlung, ihrem Seminar, Kurs kommt. „Gib mir das Geld, ich muss die Parkgebühren bezahlen.“ „Wie viel?“ „Dreißig Euro!“, genervt, gestresst, sich schon eine Zigarette angezündet, klaubt sie diesen Betrag, in einzelnen Fünf-Euro-Scheinen, aus ihrem Portemonnaie.
Ich hole das Auto, es stellt sich aber heraus, das ich nur etwa die Hälfte zahlen muss. Ich überlege mir, ob ich ihr den Restbetrag korrekterweise wieder geben oder ihn für mich behalten soll? Ich entscheide mich zunächst für letzteres, etwas, was ich bislang noch niemals getan habe.
Ich bin froh, dass sie nicht nachfragt, ob sie doch nicht Wechselgeld bekäme, so gestresst ist sie heute. Ich wäre in eine sehr ungute Situation geraten, nämlich lügen zu müssen. Unpünktlichkeit, Lüge, Betruf, Täuschung usw. sind Eigenschaften, die man mir anerzogen hat. Aber auch weniger gute Eigenschaften: Gehorsam, Willfährigkeit und immer Bereit-sein-für-den-anderen –heutzutage fatal.
„Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht einen Tag früher mit Dir nach München fahren sollte...“
„Du meinst, da im Hotel übernachten.“ „Genau.“ Wir haben dies ein paar Mal gemacht, in Berlin, in Potsdam, sie weiß, dass mir das gut täte, ich bin immer froh, aus meinem grauen Alltag herauszukommen. Sie wohl auch. Nur habe ich nicht das nötige Kleingeld, sie umso mehr. Aber es ist nicht ernst gemeint. Sie grinst feist. Ich denke, na schön, sie nimmt mich nicht ernst. Das ist nur so daher gesagt, cest la vie. Oder vielmehr hat es Methode. Dem anderen seine Wahrnehmung abstreiten, so dass er irritiert ist und beginnt an seiner eigenen Urteilsfähigkeit zu zweifeln, wonach er leicht irritier- und lenkbar wird.
Menschen, die das Helfen zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen Bescheid wissen in der Psyche des human sapiens. Und das tat sie, um ihre Interessen zielgerade durchsetzen zu können.
Was hat sich geändert seit der Steinszeit, mit Beginn des menschlichen Imperalismus über die ganze Erde? Er verdrängt seine Konkurrenten mittels seiner Schlauheit, seines besseren Gehirns und domestiziert andere Tier zu seinem Nutzen. Die Erde war ein riesiger Stall von Sklaven anderer Spezies, umsoweniger die Sklaverei der dümmeren der gleichen Spezies abgenommen hat.
Zuhause sagt sie mir dann frank und frei ins Gesicht, daß sie keinen kennen und es wohl keinen gebe, der so etwas machen würde, einen Tag opfern, mit einem Navi laborierend und händelnd sich abmühen, bis in die Münchener Innenstadt zu fahren, den ganzen Tag zu warten und herumzubummeln, bis diejenige, die er begleitete, mit ihren Dingen fertiggeworden sei.
Nicht nur, dass sie mich nicht für ernst nahm. Sie hielt mich schon die ganzen Jahre für verrückt, gestand sie mir, als ob dies etwas Neues für mich gewesen wäre. Also, geahnt habe ich es, aber so direkt ins Gesicht gesagt zu bekommen, bringt mich doch fast zu schlucken. So hat es mittlerweile und jetzt so ausgesprochen gewisse Signalwirkung.
Ich dachte nach. „Verrückt“ hieß nicht „unzurechnungsfähig“, sonst hätte sie mich bestimmt nicht als Begleiter und Händler bzw. Lenker des Navigators erwählt. „Verrückt“ konnte in diesem Zusammenhang doch nur gemeint sein, wenn jemand Zeit und Energie opfert, jemanden anderen „entschädigungslos“ einen Tag zu opfern und ihm zu helfen wie hier bei der Fahrt von Nürnberg nach München.
Wer will schon als verrückt gelten?
Ich bin jetzt froh, dass ich das Geld behalten habe.
Ich habe den Rubikon überschritten.
Ich hatte danach, wie üblich in solchen Fällen, keine Schuldgefühle.

Verteilungskämpfe

Wie alles anfing

Mit meiner damaligen Freundin hatte ich mir eine Karte geteilt, es war eine Bahnkarte, bei der gleichzeitig zwei Personen fahren konnten. Wir fuhren öfter am WE aufs Land, nahmen unsere Fahrräder mit, die auch von dieser Karte gedeckt war. Anstelle von zwei Fahrrädern hätte man auch noch vier Jugendliche mitnehmen können. Sie überließ mir diese Karte bei der Trennung, die noch vierzehntätige Gültigkeit besaß. Mir kam die Idee, vielleicht kannst du ja statt mit deiner Freundin auch mit einem Fremden fahren. Nur wenn, wann, und wie an einen kommen? Ich stand gerade vor einem Ticketschalter. Ein Fremder wählte die Route, die auch beschreiben wollte und also fragte ich ihn, ob er nicht mit mir fahren wolle. Die Möglichkeit bestünde aufgrund dieses meines Tickets. Ich dachte, dass er ruhig umsonst mitfahren, vielleicht symbolisch mir einen Euro geben könne. Das empfand er jedoch als Affront. „Ich bin noch niemals meinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach gekommen.“ Sagte er etwas beleidigt und stolz zugleich und gab mir einen Betrag, den ich wiederum insoweit zurückzahlte, dass ich ihm die Hälfte dessen, was er hätte bezahlen müssen, berechnete. So konnten er und ich billiger dorthin fahren, wohin wir fuhren. Das war eine runde Sache für beide Beteiligten.
Die Menschen hierzulande sind stolz geworden, oder reich, jedenfalls niemand will sich etwas schenken lassen. Eine positive Entwicklung.
Auf dem Rückweg stand ich vor der gleichen Ausgangsposition. Zeit hatte ich ja, warum sollte ich nicht wieder jemanden fragen? Ich stand vor den Terminals der Bundesbahn und blickte dem ein oder anderen Kunden über seine Schultern, um zu sehen, welche Reiseziel er eingeben würde. Deckte es sich mit meinem, würde ich diejenige Person ansprechen: „Entschuldigen, wollen wir nicht zusammen nach Nürnberg fahren. Ich habe da eine Karte, die ist für zwei Personen gültig und da können wir... Wenn Sie wollen?“ Flopp. Wieder klappte es. Erstaunlich. Aber klar, auch wenn die Leute hierzulande reich geworden waren insoweit, dass sie sich nicht gerne mehr etwas schenken lassen wollten, so waren sie wiederum nicht derartig reich, dass sie die horrenten und überdimensionierten Ticketpreise der Bahn so ohne weiteres schluckten. Bot sich eine Möglichkeit, diese zu umgehen, hier in meinem Falle zu halbieren, warum nicht? Teuer genug sind die Pendlerpreise, auf Dauer gesehen sowieso, das sagte einem jede Milchmädchenrechnung.
Und so bekam ich wieder leicht einen Mitfahrer.
Ich kam ins Grübeln.
Warum dies nicht öfter tun?


Rotkäppchen und Gelb-Westen


Plötzlich steht er da. Ein Bediensteter der Bundesbahn. „Wir sind nicht so doof, wie sie meinen. Das ist Steuerhinterziehung.“ „Ich tue nichts Verbotenes!“ Eine heftiger verbaler Austausch findet statt. Daneben stehen etliche Jugendliche, schwarz-häutig, Zufall?, die ich mit meiner Karte mitnehmen wollte. Hemmungslos brüllt, echauffiert und gestikuliert der mit einer roten Kappe bewehrte Bedienstete. Er verschwindet wieder, läuft zum Hauptschalter in der Mitte der Halle hin, kommt aber bald wieder zurück. „Ich rufe die Bundespolizei.“ „Rufen Sie, genau. Machen Sie das!“ Macht er aber nicht. Die Situation ist unangenehm, bedrängend, beängstigend. Er ist so wenig im Recht wie ich. Er hat letztlich keine rechtliche Handhabe, die Karte ist nun einmal übertragbar für zwei Erwachsene sowie vier Jugendliche, plus einem Hund. Es gibt keine Einschränkungen, wie oft und mit wem man fährt. Also tue ich nichts Unrechtes. Wäre die Bahnpreise nicht so hoch, würde auch keiner mitfahren, aber so ist es eine sogenannte Win-Win-Situation, vorteilhaft für den Angesprochene, der über die hohen Tarife stöhnt und den Kopf schüttelt. Die meisten freuen sich, wenn sie ein paar Euro sparen können dabei.
Dann ist er wochen-, monatelang nicht zu sehen. Ich begebe mich auch vornehmlich in andere Städte, Bereiche, weil ich einer eskalierenden Konfrontation aus dem Wege gehe. Ich fühle mich zwar nach reifer Überlegung nach wie vor im Recht und erkenne keine Unrechtmäßigkeit in meinem Tun, aber nichtsdestotrotz habe ich keine Lust, mich weiter mit ihm auseinanderzusetzen. Auch zur Bundespolizei zu gehen, um ihn anzuzeigen, mein Recht klar darzustellen, vermeide ich, weil ich eigentlich meine Ruhe haben will. Ich lese wahnsinnig gerne, brauche dafür viel Zeit, die ich beim Fahren mit einer Begleitperson habe und muss meine Zeit nicht mit dem Herumschlagen bei Behörden vergeuden.
Okay, mein Weg führt nun einmal über den Nürnberger Bahnhof, dort muss ich mir eine Mitfahrperson acqurieren, um nach Erlangen, nach Bamberg und dort schließlich hauptsächlich herumzufahren. Also lässt es sich nicht vermeiden, ihm zu begegnen, das passiert nicht allzu oft, weniger oft und häufig als man denkt, wie gesagt, monatelang nicht, aber hin und wieder denn doch. Sinnvollerweise halte ich mich denn dann im Hintergrund, gehe zu einem, wenn auch weniger häufiger von potentiellen Fahrgästen besuchten Terminals. Meine Ruhe ist mir aber am wichtigsten.

Einmal kam es zu einer Situation, dass Sicherheitsleute auftauchten, weil sich irgend eine Person anonym darüber beschwert hatte, dass sie beim Ticket-Lösen oder Tarif-Erkunden am Terminal dauernd von den verschiedensten Leuten angesprochen wird oder von einem, den er als hartnäckig empfunden hat und er sich dabei gestört fühlte, in Ruhe, das richtige Ticket auszulösen.
„Verschwinden Sie von hier!“ Es handelt sich um eine Frau und einen Mann. „Wir haben hier das Recht, bayerisches Gesetz durchzusetzen. Und wenn wir ihnen sagen, Sie sollen sich von diesem Ort hier, in dem wir Hausrecht haben, wegbegeben, dann müssen Sie dem folgeleisten.“
Die Sicherheitsleute erkennt man daran, dass sie nicht wie das Rotkäppchen eine rote Kappe, einen einheitlichen, steifgebügelten Anzug mit einem Namensschildchen wie Rotkäppchen und seine anderen Klone tragen, sondern eine an einen Bauarbeiter erinnernde Gelbe Weste, auf der am Rücken in roten Lettern „Sicherheitspersonal der deutschen Bundesbahn“ geschrieben steht.
„Ich befinde mich hier auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland, noch immer. Bundesrecht bricht Landesrecht!“ Und ich gehe zum nächsten Monitor ein paar Meter weiter. Doch die beiden folgen mir. „Nun gut, Sie scheinen sich in den Gesetzen auszukennen. Aber wir haben hier das Hausrecht. Das geht vor!“ „Ich habe eine gültige Fahrkarte. Ich bin hier Kunde. Also darf ich mich wohl auch hier aufhalten.“ Der Mann verliert die Nerven, sagt etwas, was nicht stimmig klingt. Ich krause die Stirn. Die Frau erfasst den Faux paux ihres Kollegen und schaltet sich mit den Worten ein. „Sie haben also gehört, was mein Kollege gesagt hat. Begeben Sie sich auf das Gleis, von dem ab ihr Zug fährt.“ „Ich muss also eine halbe Stunde in der Kälte draußen stehen, obwohl ich eine Karte besitze, die mich berechtigt, den Bereich der Bundesbahn zu betreten, wo immer ich will...“ „Wenn Sie nicht der Anweisung Folge leisten, verbanne wir Sie für diesen Tag aus diesem Bereich. Sie dürfen bis 24 Uhr sich dann nicht mehr hier aufhalten.“ Der Mann hat sich wieder gefasst. „Das möchte ich schriftlich haben...“ „Wenn Sie dies schriftlich haben wollen, dann bekommen Sie Hausverbot für ein ganzes Jahr.“ Welch eine Logik! Na, ich mache mich auf dem Weg zum kalten – und es ist Winter – Bahnsteig. Aber nach ein paar Meter wende ich mich um, gehe zu ihnen hin und frage ob ich einen Stockwerk tiefer mich zum Discounter zum Einkaufen gehen darf. Jovial sagt er Mann, die Frau akkurat neben ihn stehend und zurückgezogen an einer Wand sich postiert: „Das dürfen Sie! Das gehört nicht mehr zum Bereich der deutschen Bundesbahn.“ Ich kann nur eine Viertelstunde einkaufen, dann stehe ich frierend am Bahnsteig, um auf meinen Zug zu warten.

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Beitragvon Pentzw » 01.05.2019, 20:35

Wilde Kämpfe vorm Schalter

Rotkäppchens Name ist „Rührer“, wie auf seinem Revers-Schildchen steht, das er stolz auf seiner Brust trägt, hinter einem trenchcoatartigen Überzieher verdeckt, der hinter ihm her flattert wie Graf Dracula seiner, huscht und läuft er durch die zugigen Bahngleis-Unterführungen. In der Hand hält er meist ein knatterndes, schepperndes, großes Talkie-Walkie, also kein handy-förmiges oder smart-phone-artiges Telefon, welches wahrscheinlich extra auf eigener Frequenz der Bahnhofshalle läuft, womit keine Kosten verursacht werden und ein besserer Empfang herrscht.
Der Name Rührer ist Programm.
Sobald er hinter Säulen, aus Tunneln oder Ausgängen plötzlich auftaucht, erschrecken eine Menge Leute und ein Pulk stiebt auseinander wie Tauben, wenn man ihnen zu Nahe kommt und die Einzelnen suchen Schutz und Versteck hinter allem, ziehen sich die Kapuzen über den Kopf, den Krakenrevers höher, die Schildmütze herunter.
Rührer macht seinem Namen Ehre. Die Mitfahranbieter schauen sich panisch um sich, sobald sie auf jemanden Anzusprechenden zugehen von ihren Standorten aus von etlichen Meter Abstand zu den Terminals. Sie spähen links und rechts und hinter sich, ob nicht der böse Wolf hinter ihnen lauert, bereit ein furchtbares Gröhlen, Bellen, Hellen und furchteinflößendes Grinsen und Grollen anzunehmen, wo es jedermann urplötzlich den Appetit verschlägt, die Lust vergeht, in Stehstarre übermannt oder in Fluchtpose verfällt.

Einmal: „Would You like to go to Bamberg…” Der Engländer ist unschlüssig, ob er das Angebot einer Mitfahrgelegenheit annehmen oder lieber alleine fahren soll. Hinter uns erscheint plötzlich wütenden Gesichtes und funkelnden Auges die Wolfs-Visage, eine verzerrte Wolfs-Grimasse, genau auf der Höhe zwischen unsere sich in Unterhaltung zugewandten Köpfen, taucht wieder ab, als er nach einem - äh, was, wie – bemerkt hat, dass sich die beiden Herren in Englisch verständigen, ein Idiom, den er wohl nicht versteht und wenn er einen davon, mich, auf Deutsch anpöbelt, der andere, Fremde, sehr ungastfreundschaftlich befremdet sein wird. Da er weiß, dass dieses Geschäftsgebaren nicht einem modernen Leistungsunternehmen geziemt, hat sich der Störenfried rechtzeitig wieder zurückgezogen, nur eine Meter hinter uns platziert mit seinem überdimensionalen krächzenden Talkie-Walkie, aus der gebrochene Stimmen dringen, einschüchternd und warnend, dass er, der Ordnungsmann, bereit stehe. Der Tourist, der Geschäftsmann oder Universitäts- oder Internationalen-Gesellschaft-Beschäftigte entschließt sich schließlich, eine Einzelkarte zu lösen. Damit hat er die Chance verpasst, billiger an seinen Bestimmungsort zu gelangen; der Bahnbedienstete hat ein paar Euro mehr für die Aktionäre dieser Gesellschaft gerettet, deren Vertreter er darstellt; und ich bin nicht näher meinem Ansinnen gekommen, mir ein paar dringend benötigte Sommerschuhe zu kaufen.

Einmal: Grimmiger Wolfsblick durchbohrt mich. Ich gehe auf ihn zu: „Wie heißen sie überhaupt?“, und lese das erste Mal den Namen an seinem Schildchen. „Aha, Rührer, heißen Sie! Den Namen muss ich mir merken.“ „Das wird Ihnen nichts nützen!“, sagt er ungerührt, nicht einen Schritt zurückgewichen ist er oder sonstwie eine körperliche Bewegung vollzogen. „Das wird man ja sehen!“, sage ich. „Alles ist auf Video aufgezeichnet, was hier geschieht. Und das 10 Jahre lang gespeichert.“ „Wir tun nichts Ungesetzliches!“, und ich gehe mit einer leeren Flasche in der Hand Richtung Flaschenautomat, um den Pfandbonus einzulösen. „Betrug ist nun einmal Betrug!“, brüllt er laut, mir dicht auf den Fersen –und in den hier beginnenden Restaurant-, Imbiss- und Bäckereibereich befindet er sich plötzlich auf nicht hausrechtlichem Boden. Da wir uns schon zwei Schritte über der imaginären roten Linie befinden, wildert er im fremden Terrain und hat ihr kein Anrecht, seine vermeintlichen Rechte lautstark einzuklagen, sodaß ihn prompt eine Verkäuferin mit Namen anspricht: „Aber Herr Rührer!“, was machen Sie denn, klingt es mir in den Ohren. Ich gehe weiter Richtung Automaten. Ich bin ihn los, abgeschüttelt habe ich ihn und mir kommt eine Idee, wie ich den Berserker zur Strecke bringen, den Schreihals das Maul stopfen - gut gesprochen, ihn einigermaßen zum Schweigen bringen könnte.


Der Samurei

Ein japanisches Dorf im 16., 17. Jahrhundert wird von einer Räuberbande belagert. Jene überfällt immer wieder diese, raubt, mordet und vergewaltigt und verschwindet wieder für einige Zeit. Der Dorfrat beschließt, diesem Treiben ein Ende zu setzen und einen erfahrenen Kämpfer, einen Samurei zu engagieren. Dieser ortet die Umgebung, die Möglichkeiten. Das Dorf ist von einem dichten Wald umgeben, aus denen die Räuber hervorstechen und gegen den Dorfwall anrennen.
Der Samurei nimmt den Auftrag an.
Er verspricht den Dorfbewohnern, sie von der Räuberplage zu befreien.
Als die Räuber wieder kommen, wird ein Plan durchgeführt. Die Dorfbewohner sind imstande, die Räuber jedes Mal abzuschütteln, aufzuhalten, wenn auch unter Verlusten. Nur lassen sie jedes Mal einen Reiter durchkommen, der als einziger in das Dorf einfällt und von den unberittenen Dörflern durchs Dorf gejagt und gedrillt wird, bis er ermordet werden kann.
So geschieht es jedesmal. Jedesmal kommt nur ein Reiter durch, der gestreckt wird. Natürlich fallen dabei einige Dörfler diesem Unterfangen zum Opfer, aber die Anzahl der Räuber mindert sich, sie durchschauen nicht den Trick, können ihr Treiben nicht aufgeben, rennen immer wieder gegen das Dorf an, verlieren immer wieder einen Reiter und wissen danach nicht Bescheid, was mit ihnen geschehen ist.
Schließlich kommt der letzte, der Räuberhäuptling durch, auch er wird von der stark dezimierten Dorfschar endlich gestreckt. Das Dorf ist recht verwüstet, der Boden darin von den wild herumreitenden Räubern auf Pferden ganz durchweicht, es ist ein hartes Werk gewesen, solch gut bewaffneten quirligen Reiter zur Strecke zu bringen –doch mit Hilfe des Samureis ist es gelungen. Am Ende sind alle am Ende ihrer Kräfte, aber der Auftrag ist erfüllt.
Der Samurei kann weiterziehen, der Samurei, der ein professioneller Krieger ist, der nicht mehr gebraucht wurde nach dem Fürstenbefriedungen, dem Bürgerkrieg, wonach eine Zeit angefangen hat, wo man solche Krieger nicht mehr brauchen konnte. Er hat bei solchen Aufgaben wie mit dem Dorf seine Bestätigung und sein Auskommen gefunden –immer noch treu und ritterhaft hilft er von Räubern überfallenden und gedemütigten Dörflern vor solchen Verbrechern zu schützen, damit die Landbevölkerung nicht ausgebeutet, erniedrigt und ein zu schweres Leben und Los führen und erdulden muß.

Genau so werde ich es machen: ich locke den vermeintlichen Räuber ins fremde Territorium, wo er mit Schimpf und Schande, Anklagen und Vorhaltungen von den Verkäufern und Verkäuferinnen empfangen wird. Damit erhoffe ich, ihn mürbe zu machen. Forthin habe ich stets eine leere Flasche bereit, mit der ich schließlich durch das für ihn fremde Terrain schreiten werde, sobald er hinter mir her ist, um einen Pfandbonus einzulösen.

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