Stofftiere bringen kein Glück

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Pentzw
Thaleia
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Stofftiere bringen kein Glück

Beitragvon Pentzw » 14.06.2020, 22:21

I. Gezerre

a) am Bahnhof

Sie fühlte sich schon seit einigen Stunden unwohl, als ob sie hohes Fieber hätte und gleichzeitig merkte sie, daß ihr Zahnfleisch entzündet war. „Ich muss halt einfach mal wieder die Zahnbürste mit einer neuen austauschen“, beschwichtigte sie sich. Das Wetter war warm, der Himmel wolkenlos, warum sich also grämen?
Weiter, Richtung Bahnhof!
Mit der Karte in der Tasche, zumal, wenn sie noch einen mitnehmen konnte, denn das Ticket war letztlich für zwei Personen gültig, wäre alles perfekt, sonnenklar und umwerfend und der Tag gerettet. Mal schauen, wer so am Bahnhof herumschlich an Bekannten, und wenn nicht bekannt, was soll’s, sie traute sich auch einen Wildfremden ansprechen. Jedermann, der in die gleiche Richtung fuhr, überlegte es sich gut, wenn er hörte, daß er nur den halben Preis bezahlen müsse, wenn er mit ihr führe. Dieses mit einem Papier vorm Kartenautomaten-in-der-Luft-Schwenken, diese Offenheit, ob jemand mitfahren würde, erfüllte sie mit Zuversicht. Ha, sie sah sich schon dastehen, mit ihrem Zettelchen hin- und herwedeln, wenn sie das Angebot einer Schar von Menschen offenbart hatte, worin sich bestimmt einer befände, der auf das Angebot eingehen würde. Ha, wie sie das liebte, diese Schreck-, Sturm-, Stillmomente, wenn einer überlegte, sich die Karte in seiner Hand befand, musternd, überprüfend, grübelnd, bis die Entscheidung getroffen war, ob er mitfahren würde – das war schön, das war befreiend und abenteuerlich!
Obwohl der Anlass weniger erfreulich war, diese Reise anzutreten, es war im Grunde leichtsinnig, jemanden mitzunehmen, wer wußte denn, warum sie dazu beordert worden war, in der Großstadt einen Termin beim Gesundheitsamt wahrzunehmen? Ging das nicht auch in der Kleinstadt? Und überhaupt: War sie krank? Nein, nicht! Es bestünde kein Verdacht, nur reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn man halt diesen Gaunern, Halsabschneidern und Blutekeln von Ärzten trauen könnte? Letztlich wusste man nie, woran man war. Aber vielleicht war es auch besser so!
Sie schaute ihren offenen Hals hinunter.
Recht attraktiv fühlte sie sich heute, hatte sie doch von ihrer Mitbewohnerin Loulou ein buntes Halsband geschenkt bekommen, daß über ihren dicken Hals schwenkte, baumelte und rutschte.
„Süße! Du siehst so etwas von verführerisch aus!“
Ja, leider aber einen dicken Hals hat sie, weil zugenommen in letzter Zeit allüberall; Bailey, Liköre und sonstige zuckerhaltige Getränke anstatt des bitteren Schnaps und dies forderte nun ihren Tribut. Ihre Dicke, ihre Schwemme, ihr Kokon war nur insofern vorteilhaft, als sie dadurch jünger aussieht oder anders betrachtet, weniger alt. Ältere Menschen sehen je älter aus, je dünner sie sind, man meint doch, sie stehen kurz vor dem Tod. Das Skelett und der Tod, ist das nicht nur sinnbildlich, sondern geradezu greifbar?
Dumm war bei diesem Umstand nur, ob sie nun krank war oder nicht, daß sie dafür eine längere Zugfahrt zurücklegen musste, aber wiederum nicht sie selbst war dumm, würde sie sich doch mit einem Mitfahrer lustig die Zeit vertreiben, verscheuchen, versüßen, verkürzen.
Sie pfiff jetzt wieder vor sich hin. Das Wetter war aber wirklich zu schön!
Erneut und erneut machte sie dies auf den zweiten glücklichen Umstand aufmerksam, daß sie mit ihrer Karte in der Hand nicht nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen musste. Zudem nämlich bestand nämlich die Möglichkeit, sogar umsonst fahren zu können, überzeugte sie noch jemanden, daß er mit ihr heimfuhr.
Ah, dort sind wir schon fast am Bahnhof. Hinter der nächsten Kurve würde sie sehen, was auf sie wartete.
Am Taxistand vorbei begann sie, trotz Bestaunens eines Fahrers, sich langsam tastend und tapsend an die Ecke heranzuschleichen. Erst einen Blick werfen, um das Terrain zu erkunden. Druckste erst einmal einer vor dem Terminal herum, wie sie wusste, würde dieser sie bestimmt ansprechen, wenn sie sich auf die Bank davor hinsetzte ohne Anstalten des Lösens einer Karte, ob sie nicht die Möglichkeit hätte, zwei Personen mitzunehmen. Dass diese bestand, wußten mittlerweile sowieso alle.
Der Nachteil bestand nur darin, daß viele der notorischen, stadtbekannten Schmarotzer eher eine Stunde Herumstehens in Kauf nahmen, auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit, als sich eine Karte zu lösen und wie sie sich selbst sehr gut kannte, konnte sie nicht nein sagen, wenn sie angesprochen wurde.
Aber umsonst wollte sie keinen mitnehmen. Nahm sie sich zumindest fest vor!
Es hatte sie also zu all dem schönen Wetter der Rausch des Geldes am Wickel.
Lieber würde sie noch eine halbe Stunde, die sie Zeit hatte, hinter der Ecke kauern, hoffend, einer der Bekannten Trittbrettfahrer verschwände bald, und wenn er sich nur in die Bahnhofshalle verzog, um sich einen Flachmann, einen Burger oder einen Kaffee zu erstehen, so daß sich die Möglichkeit, Gelegenheit und Zeit ergab, jemanden anderen zu fragen. Zu dieser Tageszeit war ohnehin ein starkes Gedränge, ja sie sah, daß sich sogar zwei kleine Schlangen von vier Personen aufgereiht hatten. Da konnte man immerhin zwei Mal vier Personen fragen - eine günstige Gelegenheit, zog man die Möglichkeit in Betracht, keinen Heller und Pfennig ergattert zu haben, sofern an einem nicht so ein labernder Mitfahrer klebte, dessen Gesprächsstoff einem sattsam bekannt, dessen Selbstmitleid einem schrecklich gleichgültig und dessen Übellaunigkeit einem auf dem Nerv geht, kurzum einem schier alles zum Hals heraushing, steckte man nur selbst bis zum Hals im Sumpf, nur der andere dies nicht wissen wollte oder konnte, gleichgültig oder schadenfreudig wie sie doch alle waren. Davon abgesehen verschlimmerte sich alles nur, sich im solidarischen Selbstmitleid zu suhlen!
Nein – heute war ihr Tag, ein Tag des Geldes, des Ersparens, womöglich des Gewinnens, war es doch immerhin im Bereich des Möglichen, daß sie von Nürnberg einen Rückfahrer abbekam, was ihr ein Plus von Einnahmen verhelfen würde – wenngleich diese Möglichkeit sehr, sehr unwahrscheinlich war und wenn, dann nur ein Bekannter es sein durfte, bei einem weniger guten konnte sie immerhin den Vorschlag anbringen, sofern er zauderte, vorzuschlagen: „Einen Euro, symbolisch, kannst Du mir schon geben fürs Mitfahren!“
Obwohl, was war heutzutage schon ein Euro? Weniger als Nichts. Wenngleich für sie sehr viel!
Schlecht war zudem ein Konkurrent. Mit so einem würde sie selbstverständlich nicht wetteifern. Dazu war der Tag zu schön, um sich Stress zu machen.
Am schlimmsten, stellte sie sich vor, stünde Fido dort.
Tatsächlich, dort stand er, dessen Hemd genau so aus der Hose hing wie seine Zunge aus dem Mund.
Sprach er einem mit seiner lispelnden Stimme an, mussten viele spontan lächeln, auch wenn es an einer Behinderung, seiner fremdländischen Sprachherkunft oder medikamentösen Behandlung lag. Deswegen war er wohl so sehr erfolglos, einem Mitfahrer anzuwerben, wohingegen er oft genug einen Euro zugesteckt bekam.
Ärgerlich und vielen lästig war er, wenn er abgeblitzt war, daß er denjenigen stante pene ohne Umschweife noch gleich bittelnd und bettelnd so nah auf die Pelle rückte, um einen Euro zu ergattern. Bei keinem scheute er mit dem Du. Im Gleichklang des Lispelns lächelten die meisten darüber oder schüttelten leicht den Kopf in der Annahme, daß es sich um den Dorftrottel handelte. Trotzdem warteten, postierten und begaben sich daraufhin viele möglichst weit weg von ihm zum Zugsteig.
Gina gab es auf, länger herumzustehen und darauf zu rechnen, daß sie zum Zuge käme, sowie Fido einen Passanten zum Mitfahren überredet hätte. Wahrscheinlich würde er sogar bis zum nächsten Zug und darüber hinaus auf der Sitzbank dort vor den Terminals sitzen bleiben.
"Ein Vollmedikamentöser! Bedauerliches Individuum“, dachte Gina mitleidig und etwas befriedigt, denn auch sie schluckte bereits solche bunten, lustigen, trügerischen Pillen, Tabletten und Dragees. Nichtsdestoweniger kam sie sich entschieden als Auf-Rote-Rosen-Gebettete, Glückskind und Privilegierte vor – bei einem Schlechter-als-man-selbst-Draufseienden und bei dieser schönen, bunten Halskette!
Diese baumelte lustig hin und her, funkelte, blitzte und glitzerte wie ein Kaleidoskop, als sie sich ihm näherte.

Unsereiner kam gerade von der anderen Seite her um das Bahnhofsgebäude gebogen, so daß wir drei Personen zusammenstießen.
Aber halt, da war noch ein Vierter im Bunde, derjenige, der sofort im Mittelpunkt des Geschehens stand.
Gina tat so, als wäre sie auf niemanden sonst lieber getroffen.
Bello.
Genau, ich hatte ihn unterm Arm geklemmt. Ich wollte ihn nach Hause bringen. Zwar nicht in eine geliebte Hundehütte, sondern – äh, ich wusste noch nicht, was ich mit ihm anstellen wollte, ehrlich gesagt – und alles war offen! (Bello war ein Stoffhund – für die Neueinsteiger. Siehe vorhergehende Kapitel.)
Aber ich hätte ihn in meinen Rucksack verstauen sollen, anstatt so.
„Ach, mein liebster Bello, mein...“
So trat sie gleich zu mir heran, streichelte den wuscheligen Kopf des Hundes und intonierte, stimmte an und ließ verlautbaren alle Facetten menschlicher Stimmen: Grummeln, Grunzen, Röhren, Kichern, Kiggeln, Tzirpen, Tirilieren, Maunzen, Miauen, Bellen, Brummen, Knurren, kurzum Geräusche in allen Stimmlagen, Tonhöhen und Frequenzen, einfach alle wie auch immer mit dem Mund, Brust und sonstigem Bereich des menschlichen Körpers, der zu einem Klangkörper taugte, zu bildende Kehlkopf-, Schnalz-, Gaumen- Zungen-, Zahnlaute, einfach alle.
Daneben stand wie gesagt Fido. Er brach über Ginas Verhalten der totalen Zuneigung in entfesseltes Lachen aus.
Ich fand das höchst merkwürdig, dass jemand Fremdes über jemand Fremden Verhaltens so ungeniert lachte. Ich vermutete etwas, was ich zum Ausdruck brachte mit diesen Worten: „Ihr kennt Euch wohl?“
„Ja, natürlich. Aber wir sind nicht lädiert!(=liiert).“ Dies hatte Fido gesagt.
„Euer Glück!", sagte ich hinwiderum, aber meine Aussage traf auf keine Aufnahme mehr. Fido und Gina waren nun so mit dem Streicheln des Stoffhundes beschäftigt.
„Vorsicht!", rief ich aus, weil Fido meines Dafürdenkens zu sehr an Bellos Ohren zupfte. "Du reißt ihm doch die Lauscher ab!"
„Was, ich einem Tier Schmerzen zufügen! Ihn verletzen. Niemals!", entrüstete er sich.
„Mann, sei nicht so cholerisch!“, wollte ich ihn beschwichtigen. Dies machte ihn aber nur wütender.
„Ich habe nicht die Cholera! Ich bin erst letzte Woche bei einer Generaluntersuchung beim Amtsarzt gewesen und gestern habe ich das Ergebnis erhalten. Total gesund, keine Krankheit. Also keine Cholera!"
„Okay, okay Mann, ist ja gut."
Er war so erhitzt, aufgebracht und wütend, daß ich lieber davon absah, ihm zu erklären, wenn man cholerisch ist, daß dies nicht hieße, gleichzeitig die Cholera zu haben, obwohl beide Worte, gemäß den Regeln der deutschen und anderer darüberhinausgehender Grammatiklehren, sowohl zwei gleiche Mitlaute, als auch einen gleichen Vokal besaßen und damit zwingend verwandt sein müssten. Aber da steckte was anderes dahinter: Latein das eine, das andere eingedeutschte Wort - ach, dies zu erklären, erschien mir zu mühselig und ich schwieg lieber und schaute Gina an, die zurückschaute.
Sie blinzelte, wohl nicht wegen der Sonne.
Dies bot mir Gelegenheit, sie anzusprechen: „Freust Dich, deinen Lieblingshund wiederzusehen!“
„Ja, ich bin ganz cholerisch deswegen.“
„Ich verstehe.“
Ich grinste auch.
„Tja, Gina. Was einem fehlt, vermißt man am meisten.“
„Ohja."
Dabei war ich mir sicher, daß er ihr mitnichten fehlte, nur aufgrund der Zufallsbegegnung mit ihm entfachte sich Liebe plötzlich stichflammenartig.
Gleich wieder stürzte sich Gina auf Bello und zerrte mit Fido an ihn herum, daß ich ihn in Fetzen gehen sah.
„Vorsicht, daß ihr euch in eurer Freude nicht mit dem Kopf kollabiert.“
Was in meiner Absicht lag, geschah, denn Gina lachte und trat dabei etwas von Bello zurück. Was ein Wort doch alles bewirken kann, donnerwetter! Wenn auch ein falsches Wort! Höchstwahrscheinlich sogar deshalb!

Mittlerweile hatten sich mindestens zehn Leute um uns herum gruppiert, weil das Getue von Gina und Fido solches Aufsehen erregte. Zunächst lachten sie mit, verständlich, wenn man jener beiden überkandidelten Getues mit ansehen musste. Dann aber begann manch einer auch damit, über das Fell des Stofftiers zu streicheln und dabei die gleichen Laute auszustoßen. Ich wandte mich ab, aber die Ohren zuzuhalten, wäre auffällig gewesen.
War dies eigentlich Tierquälerei, was die da trieben? Würde ich dafür verantwortlich gemacht werden?
Angstschweiß feuchtete meine gefaltete Stirn.
(Leser, Du fragst Dich, wie komme ich darauf? Dann wirst Du nicht wissen, in welchem Land ich lebe.)
Was kann ich in dieser verzwickten Lage nur tun?
Es wurden auch immer mehr Leute...
Zug, wo bist du?
Aber weit breit war keiner zu sehen.
Obwohl der Blick auf die Uhr anzeigte, daß er überfällig war.
Ich trat hin und her mit meinen Füßen vor Verzweiflung!
Wenn jetzt die Uhr noch vorging?
Plötzlich kam mir eine Idee!
Vielleicht kann ich den Hund abgeben?
Nein, ein Geschenk verschenkt man nicht weiter, zumal nicht an die Geschenkte selbst.
Und Fido?
Nein, trotz Stoff wäre es Tierquälerei. Dafür liebte ich ihn zu sehr, auch wenn er ein Menetekel, ein Symbol, eine Narbe meiner Niederlage darstellt.
Immer furchtbarer litt ich an diesem zunehmender Menschenauflauf: dieses Gekreische von Gina, von Fido und den völlig Fremden.
Schamesrot wechselte zu purpurner Farbe.
Und dann dieser geistlose Senf, den sie dazu abgaben, ausgestoßen in den höchsten, nein allen Tönen, so daß neu Hinzukommende, Sich-Nähernde, Von-Weitem-Beobachtende denken mussten, hier probe ein Chor, oder spiele die Heilsarmee auf, oder es handele sich um das Straßen-Spektakel einer avantgardistischen, spontanen, street-off-enen (=straßen-offenen) Schauspielgruppe.
Jeder Mensch würde den Kopf schütteln und denken: was soll schließlich an einem Stoffhund so Tolles dran sein?
Daran war nichts besonderes, aber drinnen – was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte.

b) auf dem Klo

Der Zug kam doch - ich war erlöst. Als wir einstiegen, wurden wir von allen Seiten mit Tschüssi, Herzchen, Küsschen, Winke-Winke und allem möglichen außer einem winkendem Taschentuch verabschiedet. Wir fanden einen Viererplatz, noch hatte ich den Hund in Armen. Damit dies so bliebe, nahm ich ihn sogar aufs Klo mit, wohin es mich drängte. "Du hast noch Bello!", rief mir Gina nach. Aber ich wollte ihn nicht wieder hergeben. "Ja, auch Bello muss hin- und wieder!" "Seit wann!" "Was hat er nicht bei dir müssen?" "Nö" "Na so etwas, bei mir geht er regelmäßig aufs Klo wie ich", und ich drehte mich um, um es zu tun. Damit hinterließ ich den Stoffhund nicht. Es waren noch etliche andere Fahrgäste im Waggon und absehbar war, was geschehen würde, wenn Gina wieder mit ihrem Getüttle anfing.
In der kleinen Kabüse war es leider so eng, daß ich Bello in Händen halten mußte, während ich mich mit meiner Obstipation abquälte. Ich drückte und drückte, wobei ich auch Bellos Bauch verknautsche und gegen etwas Hartes dabei stieß. "Nanu!", rief ich aus. "Bello, seit wann haben Stoffhunde harten Stuhlgang." Oder waren es Gallensteine - bei diesem Ärger, Hin-und-Her, auf die Straße-Geworfen-Werden und was nicht alles, wäre es nicht wenig verwunderlich gewesen. Ich drehte in der engen Kabine den Hund mit einigem Bemühen, um einen Weg zu den harten Dingern zu finden. Zuerst machte ich das Falsche, aber Naheliegenste, weil Ästhetischte, nämlich durch den Mund in das Innere zu gelangen. Aber die aus hartem Kunststoff geformten Hackerchen verwehrten mir den Zugriff. Na klar, da ist der letzte Weg, um ins Innere eines Hundes zu gelangen. Ich drehte weiter, bis ich auch auf die widersinnigste, unangenehmste Alternative stieß: durch den Anus hineinzukommen. Ich merkte erst, daß es hier einen Weg gab, als ich schon mit der ganzen Faust drinnensteckte. Wenn ich jetzt nicht rauskäme, hängenbliebe - eine Vorstellung, die mich schauderte und die Stirn feuchtete, gerade da ich eine der süßen Schaffnerinnen denken musste, die neuerdings auf der Bildfläche des Zugbordes erschienen... plötzlich spürte ich zwischen meinen Fingerspitzen Zelluloid-artiges Etwas, daß mir zunächst auch Angst machte, weil es sich fremd, abweisend und leicht kühl anfühlte. Aber schob ich es in beherzt in meine Faust, weil mir klar wurde, daß alles bloß in meiner Einbildung stattfand - von wegen Skorpion, Schlange oder sonstiges Ungetier. Es musste sich einfach nur um ein Stück Abfall handeln. Als die Gefahr vom Kopf her wenigstens gebannt, abgeklärt und vorüber war, kam ich trotz etwas vergrößerter Faust mit den Händen wieder heraus.
Na, flutscht doch – und was hielt ich nun in diesen?
Tatsächlich, ein kleines Plastikbeutelchen. Alles halb so wild, dachte ich. Nichtsdestoweniger, was immer drinnenstecken mochte, es fühlte sich nicht wie weiches, biegsames Material aus Baumwolle an – da war etwas viel härteres drinnen.
Ich hielt den Beutel gegen das Licht, das hier drinnen sehr schummrig war und zudem wackelte ja die Klo-Kombüse aufgrund ihrer Enge und der rasanten Zuggeschwindigkeit wie eine Boje auf See. Der Inhalt war in Alu-Folie verpackt, wie ich zu sehen glaubte und es ertastete. Aha, es handelt sich um ein pralinenartiger Alu-verpackter dicker Drop, diskusartig, oder doch eher quadratisches, oder kleines quaderförmiges Ding, also so ein kleines schäpses, schräges Plättchen halt.
Ich betastete es erneut und spürte durch das Aluminium den sehr harten Kern, der aber nicht wie ein Bonbon, Dragee, Drop oder wie immer man das Pralinenzeugs nennen mag, zerstört und zerstäubt werden konnte - also war ich auch nicht klüger als zuvor.
Dann ging ich die Sache von vorne an, sprich von der Öffnung her versuchte ich das Ding aufzufingern, was weiter nicht schwierig war, da Aluminium gefügig ist.
Was war wohl im Beutelchen drinnen?
Raten Sie dreimal!
Wie aber kommen diese Drogen dahinein?
Klar, das konnte nur ein Versteck von Gina sein, die ihre Giftchen vor den neidvollen Menschen um sie herum zu verstecken suchte.
Was war jetzt zu tun?
Bekäme Gina die Dinger zu sehen und ich und Leser werden ahnen, was dann geschehen würde, wird sie Tod und Teufel in Bewegung setzen, um - als maßlose Süchtlerin aller Arten von Betäubung, Stimulierung und Beruhigung - daran zu kommen. Und ich fühlte es als meine Pflicht, es zu verhindern.
Oder?
Willst Du es wohl selbst einstecken, was?
Könnte es als kein Pflichtgefühl sein, was hinter meiner Handlungsabsicht steckt?
Nicht Pflicht?
Quatsch! Doch, doch...

Als ich zurückkam, pfiff ich - aus Verlegenheit, aus Täuschung, mir nichts anmerken zu lassen, aus dem Bemühen heraus, wieder einen lockeren Eindruck zu vermitteln - bis ich verstummte, den Gina schaute mich ernsthaft an, so ernsthaft, daß ich sie unwillkürlich fragte: "Ist etwas vorgefallen?" Sie blickte zuerst einige lange Minuten ernsthaft aus dem Fenster, bis sie sich mir wieder zuwandte, sich auf die Tischplatte, die zwischen uns stand, herunterbeugte mit ihren Ellenbogen und bitterernst fragte: "Was hast Du eigentlich in meinem Zimmer gesucht?"
Ich fiel aus allen Wolken.
Natürlich war mir sofort klar, daß sie die Nacht meinte, wo ich ihren Stoffhund zerriß, aus dem Bett zerrte und zum Fenster hinauswarf. Aber das war natürlich nicht der Inhalt der Anklage, sie wollte etwas anderes erfahren. Der Hund war nur ein Vorwand.
Ich fragte sie schon wieder leichthin: "Wie kommst Du auf diesen absurden Gedanken? Äh, dass ich Deinem Zimmer gewesen sein soll!" und pfiff gleichzeitig weiter, unterbrach mich aber einen Moment, und fügte hinzu: "Das glaubst Du wohl selbst nicht? Was soll ich schon in deinem Zimmer gesucht haben, sag mir mal das!"
"Zum Beispiel meinen Stoffhund Bello aus dem Fenster hinauswerfen!"
Auch das wusste sie also!
Na, dann wusste sie wohl alles.
Schließlich, da ich auch nicht vom hintern Mond bin, kapierte ich sofort, das Leugnen nur alles verschlimmern würde, wobei, was war schon daran, in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt zu haben, und in solchen Fällen ist Zugeben, einfach Nicken und Jasagen die beste Methode, um aus dem Schlamassel herauszukommen, wie ich wusste und ich wusste zwar nicht, wie ich da wieder herauskommen könnte, aber das würde sich, wie meistens in einem solchen Fall, schon ergeben und meistens kam nur etwas Harmloses heraus.
"Ja, stimmt, jetzt, wo Du’s sagst, erinnere ich mich. Ich war in Deinem Zimmer."
Pause.
Sie erwartete eine Erklärung, ganz klar.
Nun, sagen wie es ist, dann würde es sich schon zeigen, genauer gesagt, hier ganz langsam vorangehen, Schritt für Schritt erklären, vielmehr schildern, bis eine Ausflucht, eine Spalte in der plötzlich sich auftuenden Fluchttür, eine einleuchtende Erklärung am heiteren Himmel erschiene.
"Ja, an diesem Abend bin ich zu Dir hochgegangen..."
Pause.
Die Devise war doch, sich nur an Fakten zu halten, dann wird es schon irgendwie.
"Aber da warst Du nicht in Deinem Zimmer?!"
"Das weiß ich", sagte Gina prompt und blieb nach wie vor ernst, wenn auch nicht mehr so wie vorhin und ich spürte, meine Strategie hatte Erfolg und ich überlegte: was nur sagt man in so einem Fall?
ICH WAR ZU DIR HOCHGEKOMMEN, WEIL ICH FEUER FÜR MEINE ZIGARETTE BRAUCHTE UND UNSER FEUERZEUG LEIDER LEER GEWESEN WAR.
Nicht sehr überzeugend, oder ich musste mit härteren Bandagen kommen, mit etwas Überraschendem, das würde überzeugen. Ja, ich musste mit etwas kommen, woran sie niemals gedacht hatte und niemals mit gerechnet hätte. Am besten eine kleine Schwäche eingestehen, dann brauchte es nicht die Offenbarung der alles in allem himmelschreiend-peinlichen großen Schwäche - so geht man vor, dies weiß jeder Schüler, der Schwierigkeit hat, sich in eine Schule einzufügen, wobei er immer wieder ins Fettnäpfchen trat und nicht weiß, warum.
Ich spürte jetzt das Plättchen in der Hosentasche.
Warum jetzt spürte ich es?
Wahrscheinlich, weil ich mich so unbehaglich fühlte, und da ist jede Erbse für einen Prinzen ein schmerzendes Stechen.
Mensch, genau, das war die Lösung, kam mir plötzlich die Idee - und gleichzeitig empfand ich noch etwas Bedauern, weil ich damit das Haschisch mit Gina teilen musste und es doch nicht gut für sie war. Aber manchmal muss man Dinge opfern und fallenlassen, damit einem nicht noch Wichtigeres, wertvollere Dinge und Angelegenheiten gestohlen werden würden.
"Na, ich habe so einen dringenden Bedarf nach“, spiele, spiele jetzt, "nach, na ja, einem Joint gehabt." Dabei rauchte ich so gut wie niemals Haschisch, Marihuana, Ganja und dergleichen, wirklich, so gut wie gar nicht. Eigentlich gar nicht.
Sie lachte süffisant.
Ich spürte gleich die damit verbundene Erleichterung.
Sie hatte es geschluckt!
"Aha, ich wusste nicht, daß Du rauchst!", und ihre Augen weiteten sich in Erinnerung des Rauchens, ihrem letzten Joint, ihrem letzten Highsein.
Ich musste jetzt das Eisen schmieden, solange es noch heiß ist.
"Ja, sehr selten zwar, aber manchmal überkommt es mich unbändig - wie an diesem Abend."
War das nicht dünn?
Aber nicht für eine Kifferin wie Gina!
Jetzt kam mein genialster Schachzug: "Aber bitte, sag es nicht Loulou!"
Sie lachte noch mehr und streckte die Hände von ihrem Körper von sich. "In solchen Dingen kann ich Schweigen wie ein Grab."
"Schwörst Du das?"
"Echt! Ich tu’s!", und sie machte ein eindeutiges, besiegelndes Zeichen.
Meine Frage war zwar ein bißchen dumm gewesen, aber naja.
Eine wahrhaft, wenn man vernünftig darüber nachdachte, dumme Geschichte, Verhaltensweise und Ritual, wie ich es einmal nennen will, was aber macht man nicht alles, wenn es einem an den Kragen ging?
Damit war jedoch noch nicht die dumme Geschichte mit dem Stoffhund aus dem Spiel. Hätte ich gehofft, daß Gina vor lauter Freude daran nicht mehr dachte - aber es schien unvermeidlich - dann hätte ich mich sauber getäuscht.
"Und - warum hast du dann den Stoffhund aus dem Fenster geworfen?"
Tja.
Aber ich hatte eine Schnauf-, Denk- und Ruhepause gewonnen, so daß es mir erlaubt schien, danach zu fragen, woher sie dies denn wisse. Sie erzählte davon, daß es ihr der Barkeeper, Bartender, Mixer oder wie immer man ihn betiteln mochte, als es sie an jenem Abend in die Sisha-Bar gezogen hatte, mittgeteilt hatte. Er habe in der Nacht gesehen, beobachtet und verfolgen können, just, als er gerade die Bar schloß und sich auf den Weg nach Hause machte, wie sich so ein langer Typ mit schwarzen Haaren aus dem Fenster des II. Stockes gebeugt hatte und ein Stofftier hinunter auf die Straße geschleudert hatte.
Auweh!
Ich duckte mich.
Ich zog die Schultern ein und hoch bis beinahe zu den Ohren...


© Werner Pentz

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