Kitsch

Warum schreiben wir? Wie werde ich reich und berühmt durch meine Bücher? Was macht die besondere Schönheit des Adjektivs aus?
Silentium
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Kitsch

Beitragvon Silentium » 13.10.2003, 19:48

An anderer Stelle (=>Gedichte=>Im Eis) ist
folgendes aufgetaucht:

Wie gesagt, über Inhalt und Kitsch und nicht Kitsch kann man streiten ...

Man kann, man könnte ... ja, aber warum tun wir's dann nicht?


Kitsch...eine nette Sache, der Kitsch, nicht war? Was ist das? Irgendetwas klebriges, schleimiges, mit Fühlern und zu vielen Beinen? Rosamunde Pilcher mit Lockenwicklern, die um halb vier Uhr früh mit einer Flasche schalen Rotweins vor unserer Haustüre lauert? Ein Schwarm Hirnfressender Aliens?
Da ist Gefahr im Verzug!

Daher schlage ich im mentalen Lexikon, zu finden in der siebten unteren Hirnwindung rechts, unter K wie Kitsch nach und finde folgenden Eintrag:

Verbreiung von Kitsch: interessanterweise gehäuft in Liebesliteratur jeder Art anzutreffen, jedoch nicht nur. Wird also anscheinend von starker zwischenmenschlicher Emotion angelockt.

Wirklich? Nehmen wir den Durchschnittskitsch her:

Liebe. Punktum.
Sehnsucht.
Vorstufe von Sehnsucht: Trennungsschmerz
Trauer
Wehmut.
Nostalgie.

Aber nix Wut. Finde hin und wieder, aber recht selten Angst-Kitsch, literaturmäßig.
Auch Hass, neben Liebe doch eigentlich die stärkste zwischenmenschliche Emotion, lässt das Kitschbarometer nicht wirklich ausschlagen.

Also können wir K's wirkungsbereich erheblich einschränken. Gefahr ist immer dort, wo man sich nach etwas/jemandem/einem Ideal sehnt, dass entweder schon in vollendung vorhanden/unerreichbar/verflossen ist.
Seien das jetzt die Frau Pilcher, Kaiserin-Sissi-Kaffee-Becher, Stuckengelchen...
Immer dort, wo ein ästhetisches Ziel angestrebt und nicht erreicht wird, kann K. auftauchen. Anscheinend.

Oder: es gibt kaum etwas kitschigeres als Sonnenunter/augangspostkarten. Ehrlich. Aber wenn man in freier Wildbahn quasi einen live-Auftritt selbigen Naturphänomens beobachtet: ist das dann Kitsch? Darf man einen haufen Lichtbrechungen und Photonen und so weiter des Kitsches bezichtigen?

Fazit: misslungene Idealisierung, Verniedlichung. So würd' ich den allgemeinen Haus- und Wiesenkitsch am ehesten definieren. Und dann ist da noch... ach ja, genau, der Grenzwertkitsch, über den man streiten kann. Der auch recht schön ist, obwohl man es nie zugeben würde...
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Re: Kitsch

Beitragvon gelbsucht » 13.10.2003, 20:42

Ein sehr interessantes Thema!

Ich füge mal ein paar Äußerungen an, die in anderen Zusammenhängen von charis in die Stratosphäre geschleudert worden und noch zu diskutieren sein werden:
Aus dem Thread "Im Wissen, nicht verstanden zu werden" im Forum "Rezensionen":

generell möchte ich aber eine lanze FÜR den kitsch brechen und mich weigern, alles kitschige schlecht finden zu müssen.
das finde ich so verdammt kultursnobistisch.

ich schliesse mit einem zitat, von dem ich aber nicht weiss, wer es sagte (mag sein, dass es erich kästner war...?):

"kitsch ist das, was einem gefällt, wenn man allein ist."


Aus dem Thread "Im Eis" im Forum "Gedichte":

der springende punkt am kitsch ist eben, dass es sich um urpersönliche und nicht übertragbare werturteile dbzgl. handelt.

ich will ihn eben nicht per se verurteilen, sondern in einen diskutierbaren rahmen bringen. dazu gehört eben auch die kritik des uneigenen kitsches.

Dann geb ich hier auch noch mal meine Kitsch-Hypothese zum Besten und zitiere mich einfach selbst:

"Dennoch habe ich wahrscheinlich einen anderen Begriff von Kitsch. Ich glaube nicht, dass es sich dabei allein um 'urpersönliche Werturteile' handelt. Wie wir bestimmte sprachliche Bilder und Metaphern bewerten, hängt maßgeblich von ihrer Seltenheit resp. ihrer Gebräuchlichkeit ab. Desto häufiger ein sprachliches Bild oder eine Metapher benutzt und wiederholt wird, umso mehr empfindet man sie als gewöhnlich, banal und abgenutzt – sprich: als kitschig. Natürlich gibt es hier Nuancen des persönlichen Geschmacks und Leute wie wir, die sich tagtäglich mit sprachlichen Bildern und Metaphern beschäftigen, sind diesbezüglich empfindlicher als andere."

;-) gelb :-)
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Re: Kitsch

Beitragvon gelbsucht » 14.10.2003, 00:46

Kitsch ... Was ist das? ... Rosamunde Pilcher mit Lockenwicklern, die um halb vier Uhr früh mit einer Flasche schalen Rotweins vor unserer Haustüre lauert?

Hey, das ist gut! Das wäre für mich dann schon wieder kein Kitsch, sondern grotesker, aberwitziger, absurder Trash. Trash ist brauchbarer Kitsch. Kitsch, so übertrieben, dass er schon wieder gut ist.

Und wo du das mit Rosamunde, die vor der Haustür lauert, gerade erwähnst: gestern, kurz nach 1.00 Uhr nachts stand hier ein durchgeknallter Mensch vor meiner Tür auf der Straße, hielt zwei Walkie-Talkies in die Luft, was eine grausame Rückkopplung gab, glotzte in den Himmel und schrie: "Haut ab!" Da bei dem Krach kein Mensch schlafen konnte, bestellte ich die Polizei. Inzwischen hatte er die Geräte auf die Straße gelegt, lief im Kreis und machte einen ziemlich gestörten und durchgedrehten Eindruck. Ich glaub, selbst sein Hund schien das zu denken und sich irgendwie für das Verhalten seines Halters zu schämen. Als der Streifenwagen dann da war und die Beamten ausstiegen, brachte er sich in Positur. Er erzählte ihnen, dass er die Walkie-Talkies auf die Strasse gelegt habe und einer der Polizisten hob sie auf. Der Polizeiwagen wäre fast darüber gefahren. Und dann schrie der Typ den Polizisten an: "Ausmachen! Ausmachen, hab ich gesagt." Im Anschluss zog der Typ sich fast aus und es zeigte sich, dass er total verdrahtet war: so ein Pulsmesser oder was weiß ich. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie haben die beiden Polizisten ihn dazu gebracht, sich zu verziehen. Als sie wegfuhren rief er noch: "Och, sind die langweilig!" und lief, sich mit seinem Hund unterhaltend, von dannen. Desto länger ich hier wohne, desto seltsamer erscheint mir diese Stadt.

;-) gelb :-)
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Re: Kitsch

Beitragvon Silentium » 14.10.2003, 15:45

*sicheinelachträneausdenaugenwisch*

Ich wollt eigentlich nur herausfinden, ob der Spruch von Charis wirklich von Kästner kommt und hab gegoogelt. Bin da auf folgendes Gedicht gestoßen.

"Gar vieles, das als Kitsch verachtet,
ist, wenn von andrer Seit betrachtet,
Kultur im besten Sinn des Wortes,
und - wenn am richtigen Ort es -
so geht es uns ins Herz hinein.
Es muss nicht immer Goethe sein!"

Ich lass' das jetzt inhaltlich unkommentiert. Aaaaaaber: interessant von wo ich das hab'. Von 'ner Seniorenseite.
Find' ich irgendwie lustig.
Da:
http://www.seniorentreff.de/diskussion/archiv4/a171.html

edit: von selbiger Seite habe ich folgendes Gedicht:

"Regne, regne, Regen leise,
regnest in mein Herz hinein,
Sonne auf der Reise.

Wehe, wehe, Wind so kalt,
rote Sommerblüten welken
Blätter fallen bald,

Frage, frage, Seele frage:
Wo ist Wärme, wo ist Licht?
dunkel sind die Tage.

Leuchtet, leuchtet, kleine Kerzen,
in der Dunkelheit:
Herz wird weit."
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Re: Kitsch

Beitragvon charis » 15.10.2003, 11:54

AHH!

sehr gut, silentium!

danke gelb fürs zitieren. jetzt muss ich nimmer suchen. ;-)

hab nur kurz zeit, melde mich aber noch ausführlicher.

eine frage nur: warum war bollywood vor - sagen wir - 5 jahren kitsch und ist jetzt kult? wird es in 5 jahren wieder kitsch sein, oder kult, der out ist.

ich denke, wir müssen uns in der auseinandersetzung mit dem thema kitsch v.a. auch mit dem thema kult
(und: quasireligiösem konsumieren,
fetisch-isierung...) befassen.

was ist
1. das kitschigste buch, das sich bei euch zuhause findet?
2. der kitschigste gegenstand?
3. die kitschigste platte/CD?

fragt sich
:-p charis

p.s.
antwort auf 1.,2. und 3. verrat ICH natürlich auch. später.

Silentium
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Re: Kitsch

Beitragvon Silentium » 15.10.2003, 18:32

Nur kurz, zeitbedingt:

1.Das kitschigste Buch:
"Manche können sie sehen"
Ein Buch über Blumenelfen, die kleinen, unschuldigen Kindern irgendwelche Lebensweisheiten unterbreiten. Mit mörderisch kitschigen Bildern. Hab' ich mal von einer alten Dame geschenkt bekommen, weil ich für sie Fotos von ihrem Terrier gemacht hab, und hab es dann nie über's Herz gebracht, das Ding wegzuwerfen.

2. Kitschgegenstände gibt's bei uns ncit so viele, weil keiner in meiner Familie solches Zeug in seiner Nähe aushält, ohne akkuten Hautausschlag udn eingerollte Zehennägel zu bekommen. Einen Kitschgegenstand habe ich jetzt nacht gründlicher Suche gefunden: einen kleinen Porzellanschuh, aus dem eine kleine, blauäugige, hässliche Porzellankatze herausschaut. Hab' ich als kleines Kind meiner Frau Mutter geschenkt und irgendwie ist es im Windschatten vom Telefon erhalten geblieben.

3. CDs... ah! au! *vorschmerzaufschrei*
Meine Mutter verfügt da über ein Album mit Weihnachtsliedern, die, an und für sich ganz nett, von Kinderchören getrillert, mit Himmelsgeläute untermalt, wahrlich nicht nett sind.

Ach...Wegem dem Erlebnis mit dem Walkie-Talkie-Mann. Hab' heute in der Apotheke beobachtet, wie ein älterer Herr eine Aphotekerin dreißig Minuten damit beschäftigt hat, ihm seine Augentropfen zu erklären. Alles schreib' ich jetzt nicht nieder, nur so viel:

"Können'S mir den Preis auf die Packung schreiben?"
Sie schreibt willig und verlangt dann zwei Euro für das Medikament.
"Na, Fräulein, sehen's net, des ist gebürenbefreit. I muss nichts zahlen."
Sie verdreht die Augen gegen Himmel.
"Ja, warum lassen Sie mich dann den Preis hinaufschreiben, wenn es eh die Krankenkasse zahlt?"
"Ja, damit ich weiß, wieviel es kostet!"

...

"Darf ma des da Doktor W. auch verschreiben?"
Aphotekerin: "Ja sicher."
"Net nicht nur der Augenarzt?"
Ap:"Nein, der Herr Doktor darf des auch."
"Wissens, weils für die Augen sit. Meine Schwägerin hat des auch einmal gehabt, und I weiß net, ob der des auch verschreiben derf."
Ap: "Sie brauchen des eh net a zweit's mal, weil des reicht für an Monat, bis dahin ist des Aug' lang wieder gsund."
"Aber was tua i dann mit dem Rest?"
Ap:"Wegschmeißen."
"Aber I schmeiß doch nix weg, was Geld kostet hat!"
Ap: "Aber es zahlt doch eh die Krankenkasse!"
"Ah, ja? Geh, können sie mir vielleicht den Preis auf die Packung schreiben?"

(hoffe, niemand hat Probleme mit dem oberösterreichischen Dialekt?)

Ich bin fast gestorben, weil ich mir das Lachen so verbeißen musste. Als er endlich gegangen ist, hat die Apothekerin zu mir im Verschwörerton und ziemlich erleichtert gesagt: "Wenigstens musste ich ihm dieses Mal nicht die Haare schneiden."

Also, gelb, nicht nur du bist von Irren umgeben. :-D

Silentium
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Re: Kitsch

Beitragvon charis » 15.10.2003, 22:55

@ silentium:
ich lach mich kaputt. im windschatten des telefons...? das ist eine geniale ausrede :-D !

hier meine top 3.

1. Das kitschigste Buch. ich gestehe: ich hatte bis vor kurzem zwei Rosamunde Pilcher-Bücher, die ich mir vor Jahren in einem geistigen Anflug von Umnachtung gekauft habe... :-)) Weiters: ein mit 12 selbst verfasstes Machwerk über einen Haufen Prinzessinnen, Erzherzöginnen und ihre Liebschaften & Kindeskinder...

2. Der kitschigste Gegenstand. Eigentlich kürzlich entrümpelt...
Meine Freundin Sandra schenkte mir mal hinterhältigerweise (so ca. vor dreizehn Jahren) ein Ding, das wir gemeinsam in einem Schaufenster gesehen hatten und das ich für absolut grässlich befunden hatte - eine silberfarbene Hand, mit der Innenseite nach oben, aus einem metallic-lackierten Keramikguss, etwas größer als in natura, und offenbar als Schmuckschale oder Briefablage oder sonstwas (Staubfänger) zu verwenden. Das Ding stand jahrelang auf einem Kasten, und ich schaffte es aus unerfindlichen Gründen nicht, es wegzuschmeissen...

3. Hm, gar nicht so einfach, aber ich glaube fast, die Greatest Hits CD von dem französischen Schnulzen-Chansonnier Francis Cabrel könnte es schaffen...
"petite marie", "je pense encore à toi" et cetera... ;-)

charis

p.s. @ silentium: ah, du bist auch aus dem lande der schönen volkstümlichen weisen! (da fällt mir ein, als kinde liebte ich die platten meiner oma von den "kasermandln"... kennst du die...? wahnsinn! wenigstens verstand ich damals die zweideutigen verslein nicht... ;-) )

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Re: Kitsch

Beitragvon Archäopterix » 15.10.2003, 23:36

Beim Thema Kitsch kann ich nicht schweigen: ICH LIEBE KITSCH!!!!!

1. Buch: Marion Zimmer-Bradley, "Die Nebel von Avalon" - lange Jahre mein Lieblingsbuch...(geoutet *seufz*). Ich habe seit ich lesen konnte(mit 5)alles gelesen, was ich über die Sage von König Artus finden konnte. Wechselte dann zu Geschichten über den Zauberer Merlin und bin jetzt bei Terry Pratchett und der Scheibenwelt gelandet - ich hoffe, ich darf jetzt noch bei euch mitmachen...;-))

2. Gegenstand: Ein Strauss bunter Plastikrosen, die mein Mann kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten auf der Kirchweih für mich geschossen hat...

3. Musik: Ich finde keine meiner CDs kitschig, auch nicht die von Dean Martin und schon gar nicht die von Dieter Thomas Kuhn...allerdings leugne ich mittlerweile meine Peter-Maffay-Sammlung...

Ich hoffe ich konnte damit einen angemessenen Beitrsag zu dieser wissenschsftlichen Untersuchung des Themas Kitsch leisten.
Allerdings fände ich ein Leben ohne denselben ziemlich kopflastig und deshalb für mich als bekennende Bauchdenkerin völlig inakzeptabel.

I love You *schnüff*
In mir schlummert ein Genie - nur wird das Biest nicht wach...

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Re: Kitsch

Beitragvon gelbsucht » 16.10.2003, 03:48

Ach, seid ihr wieder kitschig! :-D

@Silentium
*rofl* Also eins ist ja klar, nach Österreich zieh ich jetzt nimmer, wenn ich Ende nächsten Jahres aus dieser Stadt hier verdufte.

Das Anti-Goethe-Pro-Kitsch-Gedicht von dem Seniorentreff ist gar nicht schlecht. Aber verwundert mich auch nicht – mit Senioren assoziiert man ja auch so was wie Schlager, Volksmusik, Groschenromane, Biedermeierinterieurs, Bilder von Bergidyllen und Wiesengründen, auf denen Rotwild weidet, grüne Pullunder, dicke Hornbrillen, orthopädische Schuhe, unverdauliches Essen (wie Leber, Grünkohl, Schweinskopfsülze, Diätschokolade ...), unförmige Wärmflaschen und vergilbte Blümchentapeten. Das ist quasi Daseinsrechtfertigung, was die auf ihrer Homepage betreiben. :-p

@charis
eine frage nur: warum war bollywood vor - sagen wir - 5 jahren kitsch und ist jetzt kult? wird es in 5 jahren wieder kitsch sein, oder kult, der out ist.

Das ist irgendwie lustig, dass du das erwähnst, denn vor ziemlich genau 5 Jahren war ich im ersten und letzten Bollywood-Film, den ich in meinem Leben gesehen habe. Und zwar in Neu Delhi. Ich zitiere mal mein Reisetagebuch:
Am Abend: Kino. Umar und ich. Ein Hindi-Film namens Ischq. Ich verstehe nichts, außer ein paar englischen Floskeln. Der erste Teil des Films ist eine Komödie und gefällt mir gar nicht schlecht, der zweite, darauf folgende Teil wandelt sich zum Drama und wird dem Klischee von Bollywood gerecht: Ungerechtigkeit, Kampf, Blut, Fehden. Es geht um Heiratsverträge: zwei Väter reicher Häuser versuchen ihre Kinder zu verkuppeln und deren wahre Liebe, ein Mädchen und ein Mann aus einer niederen Kaste, zu verkraulen. Alles spitzt sich zu, mündet aber in einem Happy-End. Am nächsten Tag wird der Film im Fernsehen laufen – merkwürdiges Land. Aber das Erlebnis war es mir wert: die unbequemen Gummiledersitze und die schnulzigen, rührseligen Hindi-Songs – es paßt alles zusammen, zusammen mit warmer Limonade und einer verschwitzten Nacht.

Deswegen kann ich eins nicht nachvollziehen: Warum ist Bollywood jetzt Kult? Laufen bei dir um die Ecke im Kino keine Hollywoodschnulzen mehr, sondern Filme aus Bollywood? Das möchte ich bezweifeln: bisher haben es nur sehr wenige dieser Filme in unsere Kinos geschafft und ich denke, bei den Plots der meisten Bollywood-Streifen wirst du dich zu Tode langweilen, weil dir einfach der soziale Kontext fehlt, dich mit den Hoffnungen und Sehnsüchten, die sich darin ausdrücken, zu identifizieren. Und nur weil Dr. Dre oder Missy Eliot ein Bangra-Sample benutzt haben oder hier und da eine Sitar schnurrt (und das ist ja nun wirklich nichts neues, das gab es schon bei den Beatles), heißt das noch lange nicht, dass Bollywood Kult ist. Im Gegenteil, die indische Kultur – auch deren Musik und Kino bleiben uns nach wie vor weitestgehend fremd und diese Welle mit dem Bangra-Pop hat ihren Höhepunkt auch schon wieder überschritten. Das sind kleine, kurzweilige Mode-Sternschnuppen am großen, ewiggleichen Kitschhimmel. Ich persönlich finde ja dieses ganze 80er-Jahre-Trash-Revival total daneben – das ist genauso ein Schwachmaten-Trend, der hoffentlich bald vorbei ist.

Aber noch mal zurück zu der Frage: Was ist Kitsch?
Wirklich? Nehmen wir den Durchschnittskitsch her:

Liebe. Punktum.
Sehnsucht.
Vorstufe von Sehnsucht: Trennungsschmerz
Trauer
Wehmut.
Nostalgie.

Das ist doch schon mal ein Anfang: Kitsch hat immer mit Sentimentalitäten zu tun. "Liebe. Punktum." Oder um es auf meine Kitsch-Theorie zu münzen: Liebe ist Thema Nummer eins in der Dichtung und darum ist hier auch die Gefahr, in den Kitsch abzugleiten, am größten. Ich find es zum Beispiel immer wieder super-schwierig, allein das Wort "Herz" in Gedichten zu verwenden. Da klingelt sofort der Kitsch-Alarm. Ich kann trotzdem nicht die Finger davon lassen. Vielleicht ist es ja auch gerade die Herausforderung, Metaphern in Kombination mit "Herz" zu finden, die nicht so verbraucht sind. Absolut tabu sind die Herz-Feuer-Metaphern oder Kombinationen mit Verben wie "gießen", "gegossen", "überfließen" etc. Das ist Kitsch pur. Noch fataler ist nur das Reimpaar Herz-Schmerz. Ich hab mal eine Anekdote gelesen, wie sehr Reiner Kunze über eine kleine Metapher gestaunt hat, als er sie in einem Gedicht von Jan Skácel entdeckte, so unscheinbar sie auf den ersten Blick auch ist: "... die im Herzen barfuß sind". So hauchdünn kann die Grenze zwischen Kitsch und Kunst sein.
Fazit: misslungene Idealisierung, Verniedlichung. So würd' ich den allgemeinen Haus- und Wiesenkitsch am ehesten definieren.

Ja, das trifft es. Vor allem ist es das sentimentale und stereotypische Paralleluniversum der privaten Idylle und der heilen Welt, das kitschig ist. Kunst ist eine Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, Kitsch ist die Flucht vor der Wirklichkeit ins bloß Ästhetische, in den Schein, das Idealistische, das Schwarz-Weiß-Denken.

@Archäopterix
ich hoffe, ich darf jetzt noch bei euch mitmachen...

Ich find ohnehin, du solltest dich hier mehr einbringen. Wir brauchen Leute wie dich, wir brauchen Andersdenkende, wir brauchen Gegensätze ... und wir brauchen Kitsch. Eine Welt ohne Kitsch ist undenkbar. Und darum jetzt meine Top-3:

1. Das kitschigste Buch in meinem Haushalt? Friedrich Hölderlin "Hyperion". Also meine Gefühle für dieses Buch sind sehr ambivalent, denn es gibt durchaus auch sehr gute Stellen darin, aber eben auch diese triefenden, fettigen, tropfenden, schweren, öligen Orgasmen. Kleine Kostprobe gefällig?
Ich sahe sie an und Tränen stürzten mir aus brennendem Auge.
So lebe denn wohl, Diotima! rief ich, Himmel meiner Liebe, lebe wohl! – Lasset uns stark sein, teure Freunde! teure Mutter! ich gab dir Freude und Leid. Lebt wohl! lebt wohl!
Ich wankte fort. Diotima folgte mir allein.
Es war Abend geworden und die Sterne gingen herauf am Himmel. Wir standen still unter dem Hause. Ewiges war ins uns, über uns. Zart, wie der Aether, umwand mich Diotima. Törichter, was ist denn Trennung? flüsterte sie geheimnisvoll mir zu, mit dem Lächeln einer Unsterblichen.
Es ist mir auch jetzt anders, sagt ich, und ich weiß nicht, was von beiden ein Traum ist, mein Leiden oder meine Freudigkeit.
Beides ist, erwiderte sie, beides ist gut.
Vollendete! rief ich, ich spreche wie du. Am Sternenhimmel wollen wir uns erkennen. Er sei das Zeichen zwischen mir und dir, solange die Lippen verstummen.

2. Der kitschigste Gegenstand? Da ich allen anderen Kitsch verbannt habe: meine eigene Fresse. Direkt gefolgt von meiner Frisur und dem Hemd, das ich trage.

3. Die kitschigste CD? Roy Orbison "Super Hits" und "The Best of Greatful Dead". Ich gestehe, ich gestehe alles: Ja, ich höre sie sogar! Sehr, sehr selten, aber es kommt vor.

Redet ihr jetzt noch mit mir?

;-) gelb :-)
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Re: Kitsch

Beitragvon Sick Steve » 16.10.2003, 13:09

Hm, das kitschigste Buch....habe noch keins gelesen, das ich als kitschig bezeichnen würde. Am ehesten "Die Nebel von Avalon", aber das habe ich eben nicht ganz gelesen - der Kitsch, der aus jeder Seite troff, hinderte mich daran.

Aber einen tollen, kitschigen Gegenstand habe ich: Eine Blumenvase aus den 50ern in form einer Eistüte; so gestaltet, dass sie mit einem Nägelchen in der Zimmerecke angebracht werden kann. Scheussliches Ding!

Kitschigste CD: Hab ich keine. Aber Vinyl! Eine tolle Europa-Langspielplatte mit dem Titel "Fiesta Mexicana" (Untertitel: Es spielen und singen die "Los Amigos")! Dazu muss man ja nix mehr sagen, oder? Die LP hat einen wirklich tollen Text auf der Rückseite, den sollte ich dieser Tage mal hier posten. Das ist wirklich Poesie!
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Re: Kitsch

Beitragvon razorback » 16.10.2003, 15:35

1.) Kitschigstes Buch:

"Stella Termogen" von Utta Danella. Einer meiner liebsten Schätze, jenes Buch, das ich zuerst im Meer versenken würde, wenn ich auf eine einsame Insel müsste :-D

2.) Gegenstand:

Dicke-Backen-Weihnachtsengelfiguren. Grausig.

3.) Musik:

70er Jahre Hit Sampler, dessen Titel mir gnädigerweise gerade nicht einfällt.

Kennt jemand den Film "Züchte Raben" (Cría Cuervos)? Nun, in diesem Film gibt es ein Lied, dass ich aus diversen Gründen sehr mag, die auszuwalzen hier den Rahmen sprengen würde (wie die Geschichten zu "Stella Termogen" und den Engeln, die ich beide nicht mag, übrigens auch): "Porque Te Vas". Nach Jahren des Suchens erstand ich dieses Stück nun vor wenigen Monaten bei e-bay... musste dafür aber einen ganzen 70er Jahre Hit Sampler mit kaufen. Und da sind Sachen drauf...

Was ist Kitsch... Wie wäre es damit: Der Versuch, mit möglichst einfachen Mitteln stark reduzierte Ideale (Charaktere, Gefühle, Gesellschaften, Lebewesen etc.) abzubilden.

Ach ja, und eine Frage:


eine frage nur: warum war bollywood vor - sagen wir - 5 jahren kitsch und ist jetzt kult? wird es in 5 jahren wieder kitsch sein, oder kult, der out ist.


Ohne auch nur einen Bollywood-Film zu kennen (und mir somit ein Urteil über dessen Kitschgehalt erlauben zu können): Wieso sollten sich die Begriffe "Kitsch" und "Kult" widersprechen? Meiner begrenzten Erfahrung nach, kann alles irgendwann Kult werden.
O You who turn the wheel and look to windward,
Consider Phlebas, who was once handsome and tall as You

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Re: Kitsch

Beitragvon Silentium » 16.10.2003, 19:12

@charis:
ah, du bist auch aus dem lande der schönen volkstümlichen weisen! (da fällt mir ein, als kinde liebte ich die platten meiner oma von den "kasermandln"... kennst du die...? wahnsinn! wenigstens verstand ich damals die zweideutigen verslein nicht...


Kenn ich nicht. Aber ich glaub, ich sollte mich mal bei meiner frau oma erkundigen....


@Archäopterix
Buch: Marion Zimmer-Bradley, "Die Nebel von Avalon" - lange Jahre mein Lieblingsbuch...(geoutet *seufz*). Ich habe seit ich lesen konnte(mit 5)alles gelesen, was ich über die Sage von König Artus finden konnte. Wechselte dann zu Geschichten über den Zauberer Merlin und bin jetzt bei Terry Pratchett und der Scheibenwelt gelandet - ich hoffe, ich darf jetzt noch bei euch mitmachen...;-))


Was ich von bradley halte...

Ich zitiere mich selbst: "weil die keltische Mythologie auf schon fast kriminelle Weise verhakstückt wird- rituale dazuerfunden oder umgedeutet, Kräuter verwendet, die in betreffenden Gebieten nicht wachsen, Familienverhältnisse umgedreht und was die bradley den Thuatha de danan angetan hat, ihrem kleinen Volk... au!
Ich hab's mit dauergesträubten Haaren gelesen." Zitat Silentium Ende :-D

Aber der Rest... so eine Phase hatte ich auch mal, Artusmäßig. Aber ich hab' mich auf Mordred fixiert. Die Verräterfigur hat mir gefallen. Hast du "Der Winterprinz" von Elizabeth Wein gelesen? Wenn du dich für die Materie interessierst- selten so etwas poetisches zu dem Thema gelesen. Kein Kitsch, übrigens (hoffe ich zumindest).
:-D

Und Terry Pratchett- wer ihn einmal gelesen hat, tut es immer wieder. Ich bin mitlerweile soweit, dass ich die Neuerscheinungen zweimal kaufe. Einmal auf Englisch, weil ich nicht warten will, und einmal auf Deutsch, weil ich bei der englischen Version nicht alles verstanden hab. ;-)

Zum Kitsch fällt mir grad noch eines ein:
Ein Schulkollege von mir ist immer in Mädchen verknallt, die nicht besonders viel von ihm halten. Er schreibt ihnen Gedichte und gibt sie mir, damit ich ihm zuerst die Rechtschreibfehler verbessere, bevor er sie bei der momentanen Angebeten abliefert. Ich hab' keines auswendig im Kopf, aber eine feststellung kann ich mitliefern: gibt es schlimmeren Kitsch als den, der mit eiernden Versen verbunden ist? Sprachlich so down, dass mir die Brille beim Lesen anläuft? Wenn "glaubt" und "raubst" gereimt werden.

@gelb: hab von einem anderen Mitschüler heute ein Liebesgedicht gelesen, da Rechtschreibfehler ausbessern.
Reimpaar:

Herz
Liebe
Schmerz
Triebe

AAAAAAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!
>:-E
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Spiderman
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Re: Kitsch

Beitragvon Spiderman » 16.10.2003, 22:45

Ihr wollt es wirklich wissen? Wirklich? Okay, ich sag's Euch.

Mein kitschigstes Buch? Okay, da habe ich keine so große Kitsch-Neigung. Bin aber Besitzer aller Bücher von Lisa Jewell. Und die schreibt wirklich gerne kitschig, ist aber dabei noch recht geistreich, so dass es Spass macht.

Meine kitschigste CD? Wie wäre es mit "Roland Kaiser - seine größten Erfolge", "James Last - Greatest Hits" oder doch lieber "Marianne Rosenberg"? Eine "Take That"-CD hab ich sowieso. Ich darf hinzufügen, dass ich mir diese CDs alle selber gekauft habe!

Kitschigste Gegenstände? Habe eine kunsttigerfellumspannte Säule in meinem Zimmer. Nicht vergessen möchte ich meinen Stuck-Engel an der Wand. Stolz bin ich auch auf ein grahmtes Haino-Autogramm.

Ihr wolltet es ja wissen. Das habt Ihr jetzt davon.

Spider
Die nette Lyrik-Spinne von nebenan!

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Re: Kitsch

Beitragvon charis » 16.10.2003, 23:47

net übel, spider.
dass sich haino mit AI schreibt, wusste ich auch noch gar nicht - aber DU, der du stolzer besitzer eines gerahmten autogrammes von "haino" bist, musst es ja schliesslich wissen... :-D :-D

charis

ach ja: ich hatte euch verschwiegen, dass ich BEIDE soundtrack platten von "dirty dancing" besitze. hehe.

Archäopterix
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Re: Kitsch

Beitragvon Archäopterix » 18.10.2003, 00:29

@Silentium:
Das Buch von Elizabeth Wein kenne ich noch nicht, werde ich aber in meine Liste interessanter Bücher aufnehmen. Danke für den Tip.
...und wenn du mal siehst, hörst, etc., dass Terry Pratchett irgendwo in Deutschland (vorzugsweise Süden) auftritt dann sag mir auf jeden Fall Bescheid - ich habe diesen Mann einmal gesehen und war einfach nur hin-und-weg...
Bist du ihm schon begegnet?

LG
Archäopterix
In mir schlummert ein Genie - nur wird das Biest nicht wach...


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