verspiegelte wand

Warum schreiben wir? Wie werde ich reich und berühmt durch meine Bücher? Was macht die besondere Schönheit des Adjektivs aus?
Edekire
Pegasos
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verspiegelte wand

Beitragvon Edekire » 06.12.2011, 22:05

ich weiß gar nicht so recht wie ich damit anfangen soll,
oder eigentlich fange ich nur nicht an ich fange immer wieder ich ich denke und denke und träume und erzähle mir mich andere wieder und wieder gleiches und anders und wieder nie schreibe ich irgendwas auf oder nur ewig selten, benutze seit drei jahren oder vielleicht vier das gleiche notizzbuch das weder dick noch voll ist und fühle mich immer wieder als müsste ich jetzt was tun jetzt gleich und denk weiter und alles zieht durch mich durch wie breiter strom und keine ahnung was ich alles schon vergessen habe
eigentlich wollte auf was anderes hinaus, hinaus meint ich aus mir oder über mich hinaus ich denke das schreiben sollte über mich gehen, aber gleichzeitig scheint alles unerlebte für mich nicht tief genug durchdrungen zu sein, als könnte ich niemals, weil ich nie tief genug durchdringen kann in ein thema das ich drüber schreiben können würde.... mir geht das bei vielen sachen so ich scheine dem zwang zu unterliegen alles immer von allen seiten betrachten zu müssen jetzt zerfallen meine gedanken in drei einmal gitarren bauen das geht ich treffe eine entscheidung ich denke mir eine erklärung ich weiß sie stimmt nicht das system ist zu ungeheuer komplex ich weiß ich könnte mir immer alles irgendwie physikalisch aber nun tue ich dies also denke ich das so und das geht oder politische diskussionen das geht nicht, ich hab nie das gefühl ich weiß genug um das eine oder das andere wirklich zu glaube oder zumindest oft nicht und ich kann nicht anders als mich zu ärgern wenn jemand eine satz macht mit man müsste einfach...
zb dieses europa thema das ist viel zu groß und weit und weiß so wenig ich kann es auch nicht zusammenfalten.

Näherungsweise
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Re: verspiegelte wand

Beitragvon Näherungsweise » 07.12.2011, 22:24

1.
gedanken sind endlos (alles lügen)
geschichten nicht
(außer die geschichte heißt: lindenstraße)
und geschichten sind überall

2.
ein gedicht ist weder veda
noch exakte wissenschaft
der horizont der erklärungen ist
(notwendiger-glücklicher-weise) begrenzt

3.
die unfertigkeit eines gedanken ist seine essenz
(sag mal hörst du das nicht?)
nicht die konklusion ist das lyrische
sondern die metamorphose

4.
notizbücher sind gut
schreibe alles auf (du bist 6 m groß und alles ist wichtig)
die erkenntnis gibt sich
zu erkennen

5.
wenn das puzzle aus zu vielen teilen besteht
dann beginne am rand
wenn das system zu komplex ist
dann beginne dort wo du gerade bist (wo bist du?)

6.
jedes wort ist bereits eine deutung der wirklichkeit
die aufgabe des dichters besteht (auch) darin
die komplexität zu vervielfachen (die worte mit neuen bedeutungen aufzuladen)
überlass guten gewissens die reduktion den statistikern

7.
anspruch spricht dich an
du sollst du musst
dem man widersprechen kann
ganz selbstbewusst

8.
beobachte den beobachter
und dann spring hinein
wer zu lange in den spiegel schaut
sieht nicht dass das glas sich bewegt

9.
die eigene unvollkommenheit
die eigene subjektivität
die eigene sterblichkeit
sind keine schwächen (sondern literarische themen)

10.
du bist europa
(ich bin das ganze chinesische volk)

11.
fang an
(zieh!)
Besuch mich mal... in meinem kleinen Blog-Haus

[) i r k
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Re: verspiegelte wand

Beitragvon [) i r k » 19.12.2011, 01:18

Ich suche gerade nach Zitaten, und eines davon scheint auch hier in dieses Thread sehr gut zu passen:

"Durch Schreiben wurde ich geboren. Vorher gab es nur ein Spiel der Spiegelungen." (Jean-Paul Satre)

MfG,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)

hginsomnia
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Re: verspiegelte wand

Beitragvon hginsomnia » 08.12.2012, 14:34

Von der Verzweiflung des Schreibens gegenüber der Gegenwart

Wie alt man sich beim Schreiben bisweilen fühlt, ohne es zu sein!
Vielleicht fasst man einen Gedanken am Morgen vor der Arbeit, während man seine Gerätschaften einschaltet, und schon indem man 'Gerätschaften' und schon, indem man 'indem' und schon, indem man 'und schon' denkt, erahnt man den Einschlag des Vergangenen in sein gegenwärtiges Handeln. Man könnte die Gerätschaften ja auch einfach benennen, - da hält man plötzlich ein Smartphone in der Hand, dort schaltet man sein Flatscreen-TV ein -, vielleicht erwartet es der Rezipient auch, doch gleich wird man unsicher, ob man sich nicht mit Belanglosem befasst und man, das Belanglose benennend, sich nicht zu sehr der Aktualität anbiedert. Wie gerne mag man das Wort 'Tagwerk', um wieviel lieber würde man es für 'Arbeit' einsetzen, obgleich man weiß, dass man damit zurückfiele hinter die Zeit, sich zudeckte mit den obsoleten Schwüngen der Sprache.
Doch ist die Sprache nicht auch immer eine Ausstellung des Vermissten?
Wer müsste denn zum Beispiel die Chatprotokolle auswerten, ohne sie abzuschreiben, wenn nicht der sich mit dem Vergangenen Auseinandersetzende, wo es doch ein Trugschluß ist, die Gegenwart als beschreibbar zu bezeichnen?
Kaum ist ein Gedanke abgeschlossen, hat sich die Uhr verändert, und es bleibt alles anders. Vielleicht hat man Mittagspause und erfährt vom Tod eines Prominenten oder vom letzen Auftritt einer Prinzessin; wie gleich das dem Gleichen im Ungleichen zugerechnet wird. Hier entsteht, denkt man doch häufig, die Verpflichtung, zu filtern, also die Gegenwart über die Vergangenheit zu prüfen, und man stellt sich ebenso oft die Frage nach der Relevanz des Heutigen.
Doch will man belehren? - Nein, man will erzählen und fragt sich, wie das geht!
Kurz blitzt auf, dass das Erzählen im Gegenwärtigen vielleicht deshalb nicht funktioniert, weil das Gegenwärtige keine Erzählform kennt, sondern allenfalls rudimentäre Kommunikationsformen anbietet, dann aber wird einem deutlich, dass dies eine Ausrede ist, eine schein-elitäre Flucht in den Elfenbeinturm der Hermeneutik. Vielleicht verzweifelt man an dieser Stelle auch, vielleicht ärgert man sich nur über sich selbst, darüber, dass man kein heutiges, kein jetziges Wort zu Papier bringt, vielleicht auch darüber, dass man zu oft 'vielleicht' verwendet, um sich nicht festlegen zu müssen, doch dieses mag einem auch deutlich machen (mit ein wenig Glück), die Gegenwart als jedermanns Hürde im Schreiben zu begreifen, gegen und mit der es zu schreiben gilt.
Schon ist man zu Hause und beschäftigt sich vielleicht mit diesem Gedanken, nimmt sein Abendmahl ein, ist sich bewusst, dass es nicht mehr als 'Abendmahl' bezeichnet wird, bezeichnet es nur als solches, um sich innerlich aufzulehnen, findet das dann natürlich albern und hört damit auf. Dann kommt vielleicht der Ärger über die Verschwendung des Tages an die Reflektion, über die Probleme, die man sich selbst nur macht ... 'obgleich'? - Unsinn! ... 'zu Papier bringen`? - Immer dieses Rückständige! ....
Man hat noch nicht ein Wort geschrieben und das wird sich heute wohl auch nicht ändern, denkt man. Man schwört sich vielleicht, nie wieder derart albern um sich selbst zu kreisen, spätestens morgen anzufangen, einfach was aufzuschreiben, irgendetwas. Am nächsten Tag wacht man dann auf, hat das wieder vergessen und nennt das Schreibblockade .... vielleicht.


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