die Runde,
@Flocke
Stimmt, der Spruch gegen Angie ist wirklich böse. Aber dazu musst du wissen, dass Angie in allen längeren Gesprächen zwischen Dirk und mir immer eines der Themen ist - wenn auch manchmal nur 5 Minuten. Wir meinen das gar nicht so böse. Auch wenn ich Dirk noch nicht zum glühenden Angie-Fan habe ummodeln können. Aber um Angie mal in ein etwas besseres Licht zu stellen sei folgendes gesagt: Als ich Dirk vor - ich glaube 3 - Jahren mal im Harz für eine Woche besuchte lief in den lokalen Nachrichten die Zusammenfassung einer Wahlkampfveranstaltung mit ihr. Und da wetterete sie gegen die Bundesregierung - wie es eben ihrer Rolle entspricht - und interpretierte einen politischen Klassiker völlig neu. Sie sagte nämlich um ihre Rede zu krönen:"Schon Gorbatschow hat gesagt: Wer zu spät kommt, den
bezahlt das Leben."

Erst großer Jubel, dann ratlose Gesichter auf der Bühne und im Publikum. Ging der Spruch nicht irgendwie anders? Hat der Gorbi das so gemeint? Jedenfalls habe ich sie seitdem noch fester ins Herz geschlossen
Aber um auf deine Frage zurück zu kommen, Ham, Neuwahlen sind angesichts der aktuellen Mehrheits- und Machtverhältnisse wahrscheinlich die sauberste Lösung, zumindest wenn man mit dem Argument kommt, dass nochmal anderthalb Jahre Blockadepolitik nichts bringen. Irgendwie hat der Mann da ja recht. Hoffen wir nur, dass der Schuß nicht nach hinten losgeht.
Na ja, aber dann sag mir mal, wenn ich mit diesem Argument komme, warum auch nur ein Wähler diese Regierung abermals wählen soll ?-( Gewinnt Rot-Grün noch mal, was ich für relative ausgeschlossen halte, ist die Koalition doch genauso blockiert wie vorher. An den Bundesratsverhältnissen ändert sich doch nichts. Dann hieße es sogar Blockade länger als 2006, wenn nicht auf einmal Rot-Grün eine Serie von Landtagswahlsiegen (wobei es 2006 und 2007 ja kaum Landtagswahlen gibt) hinlegt, womit ich nicht rechne. Bin echt gespannt wie Schröder begründen will, warum er nun wiedergewählt werden will.
@Glaukos
Ich weiß nicht, wie Kohl das machte damals. Ich glaube, er verabredete, dass bei einer Abstimmung über irgendein Gesetz eigene Leute abwichen ... es ging also nicht um eine "Kanzlerfrage" damals, "hab ich noch das Vertrauen" ... so habe ich das gestern zumindest rezipiert aus den Medien.
Also Kohl hat damals ein "konstruktives Misstrauensvotum" gegen Helmut Schmidt gestellt. Es ging zunächst in den Monaten davor um die Frage der Haushaltssanierung und die Steuerpolitik. Hier waren sich SPD und FDP nicht mehr grün. Kohl zog mit Hilfe von Genscher die FDP auf seine Seite und stellte das "konstruktive Misstrauensvotum" (das ging von Kohl aus, nicht von Schmidt), von dem er sicher sein konnte, es zu gewinnen, da große Teile der FDP dem Antrag folgten und Regierungschef Schmidt das Misstrauen aussprachen. Somit war Schmidt abgewählt nach - da habe ich mich jetzt erkundigt - Artikel 67 des Grundgesetzes. Kohl musste dann die Parlamentarier des Bundestages befragen, ob er denn Kanzler werden könnte. Das tat er und eichte seine Leute darauf ihn zum Teil nicht zu wählen. Somit gab es keine Mehrheit im Haus und der Bundespräsident konnte Neuwahlen ansetzen - die Kohl gewann. Er hätte sich auch zum Kanzler wählen lassen können, hatte aber Angst dann soviel Rückhalt im Volk zu verlieren, dass das Brandmal "nicht vom Volk gewählter Regierungschef" bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu seiner Abwahl führen würde.
Eine "Vertrauensfrage" unterscheidet sich vom "konstruktiven Misstrauensvotum" darin, dass sie der amtierende Kanzler selber stellt - Artikel 68 des Grundgesetzes. Schröder hat das schon mal gemacht und zwar bei der Frage nach der deutschen Beteiligung des Krieges gegen Afghanistan und diese Sachfrage mit der Vertrauensfrage verbunden. Wer gegen die Beteiligung stimmte, stimmte auch gegen ihn. So zog er letztlich genug Grüne auf seine Seite und setze die deutsche Beteiligung durch.
Unterschied zu heute: Diesmal will er ja das Vertrauen nicht mehr. Da er nicht erwarten kann das die Opposition nach Artikel 67 GG den bösen Buben spielen und ihm ein konstruktives Misstrauensvotum stellen wird, muss er über Artikel 68 GG gehen. Dann kann er gegenüber Köhler argumentieren, er habe nicht mehr das Vertrauen des Hauses - und es müsse Neuwahlen geben.
Übrigens ist das moralisch sehr bedenklich wie ich finde. Denn durch die Landtagswahlen in NRW hat sich, wie du ja auch schon sagst, im Bund doch gar nichts geändert. Er HAT das Vertrauen seiner Koalition. Punkt.
Nun gut, man könnte fies und realistisch sein und sagen das Vertrauen von Hans Christian Ströbele und Andrea Nahles der Schrecklichen sowie einigen weiteren Linken hatte er nie und sein Schritt kommt zu spät
Aber faktisch führt er die Auflösung des höchsten deutschen Parlamentes durch eine Lüge herbei, denn warum auch immer - aus Koalitionsdisziplin, Machterhaltungsgründen oder Überzeugung - er würde keine Abstimmung verlieren im Bund. Wobei er vielleicht einem Aufmucken der Linken und dem tatsächlich eintretenden Fall vorbeugen will, aber das kann er öffentlich nicht sagen, dann verliert er sein letztes Bisschen Reputation...
Gysi ist kein Mitglied der SPD, oder?
Aber er könnte eins werden! Ein Interviewpartner meinte mal zu mir "egal welchen Volksstamm Gregor Gysi wo auf der Welt besucht, der ist so clever, eine Woche später ist er deren Chef!"
Zu Oskar hast du nix gesagt. Lebt der eigentlich noch? Ist er noch SPD-Mitglied?
Ansonsten...
"Die Entscheidung (Schröders) ist konsequent und von verzweifeltem Mut gekennzeichnet. Wir erleben nichts weniger als den politischen Selbstmord eines deutschen Bundeskanzlers aus Angst vor dem Tod."
...trifft dieses Zitat exakt den Punkt, finde ich.
Übrigens ist er Artikel herrlich bitterböse. Meine beiden Lieblingszitate...
"Vor den Bundestagswahlen 2006 hätte George W. Bush auch in Frankreich einmarschieren und ganz Sachsen unter Wasser stehen können - die Wahl für Schröder wäre verloren gewesen."
Und...
"Die Lage von Rot-Grün ist deprimierend. Außenminister Joschka Fischer, einst Star des Kabinetts, reißt noch so viele Anhänger vom Hocker wie der späte Elvis Presley."
Interessant ist auch, dass der Artikel auf das Riesenreformzeitfenster hinweist. Ich glaube 2006 und 2007 sind insgesamt nur zwei oder drei Landtagswahlen. Die Union hätte also eine Masse Zeit um zu tun und zu lassen was sie will. Ich will zwar auch keinen Unions-Sieg, aber andersrum ist die Aussicht auf weitere Blockade in Bundestag und Bundesrat auch nicht sehr erfreulich.
Soweit mein umfassendes politisches Tagesstatement. Jetzt muss ich mal was für Immanuel Kant tun und michs seinen Schriften widmen...
Alsdenn liebe Grüße,
Ham