Ingeborg Bachmann Preis
Verfasst: 29.06.2003, 20:32
von Philemon
Ich nehme ja an, dass viele von euch die Bachmann Verleihung mit Spannung verfolgt haben und da sie nun vorbei ist und auch schon ein Sieger feststeht, hätte ich gerne von euch gewusst, was ihr vom Siegertext hält und, ob ihr auch der selben Meinung gewesen seid wie die Jury, auch wenn ich natürlich weiß, dass man solche Fragen nicht stellen sollte, da sie nicht mehr relevant erscheinen.
Ich selbst fand die Erzählung von Inka Parei nicht besonders herausragend, sondern sogar eher äußerst oberflächlich und einfach, wenig gewagt und auch wenig innovativ in Sprache und Inhalt. Aber, das ist nur meine Meinung und ich würde hier kein Thema eröffnen, wenn ich eure nicht auch gerne gehört hätte.
Also?
Sprecht euch aus, ich bin gespannt.
Philemon
Re: Ingeborg Bachmann Preis
Verfasst: 30.06.2003, 17:56
von gelbsucht
Hallo Philemon,
ich hab es nicht verfolgt. Aber ich hab mir auf deinen Beitrag hin mal die 14seitige Geschichte von Inka Parei durchgelesen und mir auch das Portrait angeschaut. Hhm, eigentlich bin ich deiner Meinung: die Story hat mich auch nicht wirklich vom Hocker gerissen. Sie ist auf eine Art verspielt und kitschig, wie ich es nicht besonders mag. Ich hab mich beim Lesen immer gefragt: was soll das jetzt, komm endlich zur Sache, Mädchen. Allerdings entwickelt die Geschichte zum Ende hin dann doch eine gewisse Spannung.
Welcher Autor/welche Autorin hat dir denn besser gefallen? Wer hätte deiner Meinung nach gewinnen sollen?
Für alle, die ähnlich wie ich, die Sendung nicht verfolgt haben oder verfolgen konnten:
http://www.bachmannpreis.at/Hier findet man alle Texte zum Download und alle Autorenportaits und Lesungen als Real-Player-Videos.

gelbe grüße

Re: Ingeborg Bachmann Preis
Verfasst: 01.07.2003, 00:06
von Philemon
Leider konnte ich auch nicht alle Lesungen mitverfolgen, da ich dummerweise keine Zeit hatte, täglich sechs Stunden vor dem Fernseher zu sitzen, dennoch habe ich genug Erzählungen gehört, um sagen zu können, dass in der Tat einige viel besser waren und mehr Anrecht auf diesen Preis gehabt hätten. Der Text "John F. Kennedy und der Ausbruch..." von Hens, hat mir beispielsweise um einiges besser gefallen, da er es gekonnt geschafft hat, Stil und Sprachbedeutung gelungen zu vereinen. Geschichten wie die von Inka Parei, sind stilistisch noch auf dem Stand des späten 19 Jahrhunderts, wo ständig nur Dinge beschrieben wurden, ohne ein Wagnis in der Sprache einzugehen, ohne lyrische Einfühlsamkeit (Ein Haus ist ein Haus und wird es bleiben. Keine metaphorische Kreativität bitte!)
Dummerweise war nur ein Kritiker, nämlich Steinfeld, dieser Meinung und so wurde sie beinahe einstimmig zur Siegerin erwählt.
Ingeborg Bachmann, die Lyrikerin schlechthin, hat Recht sich im Grabe umzudrehen, wenn so ein oberflächlicher, furchtbar realistischer Text, einen Literaturpreis in ihrem Namen erhält.
Aber das ist nur meine Meinung.
Philemon
Re: Ingeborg Bachmann Preis
Verfasst: 06.07.2003, 01:30
von gelbsucht
Hallo Philemon,
jetzt muss ich dir schon wieder Recht geben: die Geschichte "John F. Kennedy und der Ausbruch des Irazú" von Gregor Hens hat mir auch um Längen besser gefallen. Sie hat mehrere Qualitäten, die dem Text von Inka Parei meiner Meinung nach fehlen. Zum einen sind ein altes Haus in Frankfurt und ein alter Mann, der es erbt, nicht sehr spannend. Bei dem Text von Parei hatte ich immer das Gefühl, die Autorin weiß nicht, worauf sie hinaus will. Sie lässt sich treiben, sie schafft sich eine künstliche, mehr oder weniger skurrile Situation, weil ihr die Ideen fehlen. Der Text von Hens dagegen schafft es innerhalb weniger Seiten den Leser in verschiedene Konflikte einzuführen und ihm eine interessante Konstellation von Personen und ihren Charakteren vor Augen zu führen. Also das, was ich von einer Einführung erwarte. Bei Hens merkt man sofort: er hat uns was zu erzählen, er treibt eine Story voran, er hat einen Plan und ein Ziel, er weiß, wie man Spannung erzeugt. Dabei entwickelt der Text sehr viel Dynamik und Tempo. Und, was noch viel wichtiger ist, der Schwung, der den Leser mitreißt, lässt nicht nach. Also der Text von Hens hätte mich, wenn es sich um einen Roman handeln würde, zum Weiterlesen motiviert, der Text von Parei nicht.

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