"Ich bin kein Antisemit, aber ..."
Verfasst: 01.12.2003, 00:22
Die Konjunktur des Antisemitismus
Es ist ein heißes Eisen, was ich hier anfassen will. Da muss man aufpassen, was man sagt, da muss man aufpassen, dass Moralkeulen nicht zu Bumerangs werden.
Einmal in der Woche führe ich ein ausführliches Telefongespräch mit Ham, das kann dann auch schon mal fünf bis sechs Stunden dauern, wenn wir uns über unsere Befindlichkeiten und Problemchen, über Uni, O livro und Innenpolitik unterhalten. Zwei Jahre geht das jetzt schon so und es ist auffällig, dass ein Thema immer wieder mal Gegenstand unseres Gesprächs geworden ist, nämlich der Nahostkonflikt und die "Konjunktur des Antisemitismus" in Deutschland. Da uns beide diese Themen sehr interessieren, möchte ich diese Diskussion jetzt auch mal ins Forum tragen und euch nach euren Meinungen, Ansichten und Gedanken dazu fragen.
(1) Es gibt Antisemitismus in Deutschland (und in ganz Europa). Daran besteht kein Zweifel. Eine andere Frage ist, wie verbreitet ist dieser Antisemitismus und was sind seine Ursachen? In einem Lied von Peter Licht heißt es fast beiläufig: "und der gefönte Hausnazi saß mir aufm Schoß". Ist das so? Ist Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit wieder Normalität in deutschen Wohnzimmern, im Privat der eigenen vier Wände, wo man noch sagen kann, was man wirklich denkt? Eine Frage, die ich für noch wichtiger halte, ist, wie lässt sich dieser Antisemitismus wirksam bekämpfen, wie lassen sich Rassismus, Vorurteile und Ressentiments durch Aufklärung entkräften, schwächen und beseitigen? Natürlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass auch Antisemitismus eine Form abweichenden Verhaltens ist, die es immer geben wird. Es wird immer ein paar Idioten geben, die den Holocaust leugnen oder versuchen ihn zu relativieren, es werden immer ein paar Arschlöcher über diese Erde kriechen, die von Hitler und der nationalsozialistischen Bewegung fasziniert sind, so wie es immer ein paar verbohrte und unverbesserliche Hinterwäldler geben wird, die sich an einem wehrlosen Menschen vergehen, nur weil er "anders" ist. Darüber brauchen wir uns keine falschen Hoffnungen machen, was natürlich jetzt nicht als Aufruf zur Toleranz oder zum Wegsehen missverstanden werden soll!!! Wirklich Sorgen muss man sich über dieses Land machen, wenn es nicht mehr nur die Idioten, Arschlöcher und Hinterwäldler, die man bereits auf fünfhundert Meter an ihrem kahl geschorenen Kopf erkennen kann, sind, die so denken, sondern auch der smarte und modisch dezent gekleidete BWL-Student, der neben dir in der Vorlesung sitzt oder die Kindergärtnerin, Ende Zwanzig, die furchtbar nett ist und von der niemand so etwas gedacht hätte. Kennt von Euch jemand so einen oder einen ähnlichen Fall?
(2) Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von bekannt gewordenen Antisemitismus-Skandalen in Politik und im Feuilleton. Walser vs. Bubis, Möllemann vs. Friedmann, Walser vs. Schirrmacher und auch die neueste Affäre dieser Art wurde gleich auf den Namen des Übeltäters getauft: Hohmann. Es reicht dieser eine Name und jeder weiß, wovon die Rede ist: Antisemitismus. Mich würde brennend interessieren, wie ihr diese Skandale wahrnehmt und erlebt. Was geht in euch vor, wenn – schon wieder – ein Politiker oder ein Schriftsteller des Antisemitismus angeklagt und verurteilt wird? Wie beurteilt ihr dabei die Rolle der Medien, der Presse und des Feuilletons? Sind das angemessene Schlagzeilen und Berichte, sind die Vorwürfe und Anschuldigungen berechtigt, die verbalen Attacken und Angriffe gerechtfertigt oder handelt es sich dabei um Rufmord, um Kampagnen und Vorverurteilungen?
(3) Und wie bewertet ihr die Reaktionen des Zentralrats der Juden und seines Vorsitzenden in solchen Situationen? Davon abgesehen: was kriegt ihr vom Zentralrat der Juden darüber hinaus mit? Was wisst ihr über den Zentralrat der Juden, was ist das überhaupt für eine Institution und was ist ihre primäre Aufgabe?
(4) Wenn wieder so ein Skandal, so eine Medienlawine losbricht, dann wird auch schon mal geschlussfolgert: der Antisemitismus der Stammtische sei jetzt in der Politik angekommen, er sei wieder salonfähig geworden oder ähnliches. Aber ich frage mich: was soll das heißen? Von welchen Stammtischen ist hier die Rede? Und überhaupt, was ist das für eine Art zu folgern, wird doch hier der Einzelfall als symptomatisch bezeichnet, wird doch hier vom einem ein Rückschluss auf eine Mehrheit, eine Tendenz der Mehrheit gezogen? Soll das etwa heißen die Deutschen, die am Samstag Abend in die Kneipe gehen, ein Bierchen trinken und eifrig die Fußballergebnisse des Tages diskutieren, sind durch die Bank wieder Judenhasser, nur weil ein MdB Hohmann von Täter- und Opfervölkern spricht und das auch noch im Konjunktiv? Ich frage mich, wo hier die Verhältnismäßigkeit des Vorwurfs geblieben ist?
(5) Frank Schirrmacher erklärte in seiner Polemik, mit der er einen Vorabdruck des Romans "Tod eines Kritikers" von Martin Walser in der FAZ vom Tisch fegte, dass das "antisemitische Repertoire" des Buches unübersehbar sei. Bei diesem Ausdruck stutzte ich, denn die Selbstverständlichkeit, mit der er von einem "antisemitischen Repertoire" sprach, verwunderte mich dann doch. Ich kreuze natürlich nicht in den intellektuellen Fahrwassern eines Frank Schirrmacher, aber dass er bei seinen Lesern die Geläufigkeit eines "antisemitischen Repertoires" voraussetzt, halte ich für bedenklich. So als wären uns Ressentiments gegen Juden so vertraut wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Aber erst die heftige Debatte in den Feuilletons hat mich für viele der mehr oder weniger sehr subtilen und zweideutigen antisemitischen Vorurteile und Anspielungen sensibilisiert, die ich beim ersten Lesen des Romans "Tod eines Kritikers" schlicht und einfach überlesen habe.
(6) Was mir bei solchen Skandalen im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Antisemitismus immer wieder auffällt, ist die krasse Reduzierung und Verdrehung des ursprünglich Gesagten in den Medien. Mag sein, dass die Angeklagten tatsächlich historische Fakten verdrehen, umdeuten, reduzieren und relativieren, aber die Ankläger bedienen sich oft der selben fragwürdigen rhetorischen Mittel: sie reißen Zitate aus dem Zusammenhang, sie überspitzen und verdrehen Argumente und reduzieren Aussagen, bis von dem ursprünglich Gemeinten nichts mehr übrig ist. Hohmann z.B. wurde auf die Formel "Juden = Tätervolk" reduziert. Dabei hat er das so nie gesagt. Wenn man es genau nimmt, hat er eigentlich genau das Gegenteil gesagt: "Juden ≠ Tätervolk". Wortwörtlich: "Daher sind weder 'die Deutschen', noch 'die Juden' ein Tätervolk." Implizit kritisiert er den Begriff des Tätervolks. Aber nicht falsch verstehen: ich will die Rede Hohmanns nicht verteidigen, da sie wirklich peinlich und unhaltbar ist angesichts historisch belegbarer Fakten.
(7) Aber es gibt andere Fälle der Reduzierung, Fälle, in denen es eher zu bedauern ist, dass im Sog des ungeheuerlichen Verdachts und im Lärm der Ankläger – man habe es schon immer vermutet und jetzt sei es gewiss: der Redner ist ein Antisemit – die eigentliche Aussage sang- und klanglos untergeht und die im Grunde doch diskussionswürdige These weitestgehend verdrängt und vergessen wird. So geschehen mit der Dankesrede von Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Ich würde gern wissen, was ihr von dieser Rede haltet und dem zentralen Gedanken, der sich wohl eher gegen die Meinungsmacher in den Medien und im Feuilleton richtet als gegen die Juden in der Diaspora oder in Israel: "Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. [...] Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung." (Martin Walser: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede.)
(8) Das führt uns zu der Frage der Schuld. Was für eine Schuld, was für eine Verantwortung tragen wir? Welche Bedeutung und welche Konsequenz hat diese Schuld für unser Leben? Wir sind als Deutsche und Österreicher geboren. Vor über 50 Jahren haben Deutsche (und mindestens ein Österreicher soll auch dabei gewesen sein) systematisch 6 Millionen Menschen umgebracht – es gab eine ganz rational geplante und organisierte Bürokratie, Logistik, Forschung und Wirtschaft, die einzig dem Zweck der Vernichtung allen jüdischen Lebens diente. Der Endlösung. Auschwitz ist geschehen, Treblinka ist geschehen, Dachau und Buchenwald sind geschehen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Jetzt kommt das gefährliche Wort: Aber! Mein Vater war neun Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging, meine Mutter war sechs und als ich geboren wurde, lag der Krieg zweiunddreißig Jahre zurück. Das ist sicherlich nicht viel angesichts des Wahnsinns und des Schreckens. Dennoch bin ich, wenn überhaupt, nur der Enkel eines der Täter. Wir sprechen also, wenn wir von Schuld reden, nicht in einem juristischen Sinne davon, denn in einem streng juristischen Sinn bin ich keineswegs verantwortlich und dafür haftbar, dass 6 Millionen Menschen sterben mussten, denn ich hatte weder die Wahl, noch die Möglichkeit es zu verhindern. Ich habe sogar ein Alibi. Als das Verbrechen begangen wurde, war ich noch gar nicht da. Aber hier geht es eben nicht um mich, sondern um Kollektivschuld und um die Deutschen insgesamt. Wir sind schuldig. Und wieder die Frage: Was bedeutet uns diese Schuld? Welche Konsequenzen hat sie für unser Leben, für unser kulturelles und gesellschaftliches Leben? Wie gehen wir mit dieser Schuld um? Welche Pflicht, welche Verantwortung leitet sich daraus für uns persönlich ab?
(9) Der Nahostkonflikt. Eigentlich sollte man ein eigenständiges Thread dafür aufmachen, denn wie schnell geschieht es, dass die Kritik an Israels Politik mit Antisemitismus verwechselt oder gleichgesetzt wird. Das ist heikel. Ich frage euch trotzdem jetzt und hier: wie bewertet ihr den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern? Seht ihr eine realistische Chance, wie dieser Konflikt beendet werden könnte, wie Besatzung, Angst, Armut, Terror, Unterdrückung und der Kreis der Rache und des Blutvergießens unterbrochen werden kann? Ich möchte quasi als Aufhänger ein Gedicht von Erich Fried zitieren, es stammt aus dem Jahr 1967, das Jahr, in dem es zum Sechs-Tage-Krieg kam.
Höre, Israel
Als wir verfolgt wurden,
war ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
wenn ihr Verfolger werdet?
Eure Sehnsucht war
wie die anderen Völker zu werden
die euch mordeten
Nun seid ihr geworden wie sie
Ihr habt überlebt
die zu euch grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
in euch jetzt weiter?
Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
"Zieht eure Schuhe aus"
Wie den Sündebock habt ihr sie
in die Wüste getrieben
in die große Moschee des Todes
deren Sandalen Sand sind
doch sie nahmen die Sünde nicht an
die ihr ihnen auflegen wolltet
Der Eindruck der nackten Füße
im Wüstensand
überdauert die Spur
eurer Bomben und Panzer
(Quelle: Erich Fried: 100 Gedichte ohne Vaterland. Fischer Taschebuch Verlag 2000)
(10) Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat den Europäern "kollektiven Antisemitismus" vorgeworfen. Scharon reagierte mit seinen Äußerungen unter anderem auf eine europaweite Meinungsumfrage, in der eine deutliche Mehrheit Israel als zurzeit größte Gefahr für den Weltfrieden einstufte. 59 Prozent der Befragten vertraten diese Auffassung. An zweiter Stelle nannten jeweils 53 Prozent die USA sowie Iran und Nordkorea. Die Umfrage wurde Anfang November veröffentlicht.
Scharon lehnte es ab, eine Trennlinie zwischen Kritik am Staat Israel und antisemitischen Äußerungen zu ziehen. "Wir reden über kollektiven Antisemitismus. Der Staat Israel ist ein jüdischer Staat und danach richtet sich auch die Einstellung gegenüber Israel." Der israelische Regierungschef erneuerte seine Kritik an den europäischen Regierungen, die in ihren Ländern nicht ausreichend gegen antisemitische Strömungen vorgingen. "Wir stehen in Europa einem Antisemitismus gegenüber, der immer existierte und wirklich kein neues Phänomen ist", sagte Scharon.
Scharon warnte davor, dass die wachsende Zahl von Moslems in der EU das Leben von Juden gefährde. "Da die moslemische Präsenz in Europa immer stärker wird, bedroht dies sicherlich das Leben von Juden", sagte er. Allein die Tatsache, dass es eine "riesige Zahl von etwa 17 Millionen Moslems in der EU gibt", mache dies zu einer "politischen Frage".
(dpa-Meldung basierend auf einem Interview des israelischen Premierministers Ariel Scharon mit dem online-Informationsdienst www.EUpolitix.com )
Was denkt ihr, wenn ihr das lest? Also ich bin ja angesichts dieses Artikels wirklich versucht, ein neues Unwort vorzuschlagen: Antieuropäismus!
Es ist ein heißes Eisen, was ich hier anfassen will. Da muss man aufpassen, was man sagt, da muss man aufpassen, dass Moralkeulen nicht zu Bumerangs werden.
Einmal in der Woche führe ich ein ausführliches Telefongespräch mit Ham, das kann dann auch schon mal fünf bis sechs Stunden dauern, wenn wir uns über unsere Befindlichkeiten und Problemchen, über Uni, O livro und Innenpolitik unterhalten. Zwei Jahre geht das jetzt schon so und es ist auffällig, dass ein Thema immer wieder mal Gegenstand unseres Gesprächs geworden ist, nämlich der Nahostkonflikt und die "Konjunktur des Antisemitismus" in Deutschland. Da uns beide diese Themen sehr interessieren, möchte ich diese Diskussion jetzt auch mal ins Forum tragen und euch nach euren Meinungen, Ansichten und Gedanken dazu fragen.
(1) Es gibt Antisemitismus in Deutschland (und in ganz Europa). Daran besteht kein Zweifel. Eine andere Frage ist, wie verbreitet ist dieser Antisemitismus und was sind seine Ursachen? In einem Lied von Peter Licht heißt es fast beiläufig: "und der gefönte Hausnazi saß mir aufm Schoß". Ist das so? Ist Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit wieder Normalität in deutschen Wohnzimmern, im Privat der eigenen vier Wände, wo man noch sagen kann, was man wirklich denkt? Eine Frage, die ich für noch wichtiger halte, ist, wie lässt sich dieser Antisemitismus wirksam bekämpfen, wie lassen sich Rassismus, Vorurteile und Ressentiments durch Aufklärung entkräften, schwächen und beseitigen? Natürlich müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass auch Antisemitismus eine Form abweichenden Verhaltens ist, die es immer geben wird. Es wird immer ein paar Idioten geben, die den Holocaust leugnen oder versuchen ihn zu relativieren, es werden immer ein paar Arschlöcher über diese Erde kriechen, die von Hitler und der nationalsozialistischen Bewegung fasziniert sind, so wie es immer ein paar verbohrte und unverbesserliche Hinterwäldler geben wird, die sich an einem wehrlosen Menschen vergehen, nur weil er "anders" ist. Darüber brauchen wir uns keine falschen Hoffnungen machen, was natürlich jetzt nicht als Aufruf zur Toleranz oder zum Wegsehen missverstanden werden soll!!! Wirklich Sorgen muss man sich über dieses Land machen, wenn es nicht mehr nur die Idioten, Arschlöcher und Hinterwäldler, die man bereits auf fünfhundert Meter an ihrem kahl geschorenen Kopf erkennen kann, sind, die so denken, sondern auch der smarte und modisch dezent gekleidete BWL-Student, der neben dir in der Vorlesung sitzt oder die Kindergärtnerin, Ende Zwanzig, die furchtbar nett ist und von der niemand so etwas gedacht hätte. Kennt von Euch jemand so einen oder einen ähnlichen Fall?
(2) Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von bekannt gewordenen Antisemitismus-Skandalen in Politik und im Feuilleton. Walser vs. Bubis, Möllemann vs. Friedmann, Walser vs. Schirrmacher und auch die neueste Affäre dieser Art wurde gleich auf den Namen des Übeltäters getauft: Hohmann. Es reicht dieser eine Name und jeder weiß, wovon die Rede ist: Antisemitismus. Mich würde brennend interessieren, wie ihr diese Skandale wahrnehmt und erlebt. Was geht in euch vor, wenn – schon wieder – ein Politiker oder ein Schriftsteller des Antisemitismus angeklagt und verurteilt wird? Wie beurteilt ihr dabei die Rolle der Medien, der Presse und des Feuilletons? Sind das angemessene Schlagzeilen und Berichte, sind die Vorwürfe und Anschuldigungen berechtigt, die verbalen Attacken und Angriffe gerechtfertigt oder handelt es sich dabei um Rufmord, um Kampagnen und Vorverurteilungen?
(3) Und wie bewertet ihr die Reaktionen des Zentralrats der Juden und seines Vorsitzenden in solchen Situationen? Davon abgesehen: was kriegt ihr vom Zentralrat der Juden darüber hinaus mit? Was wisst ihr über den Zentralrat der Juden, was ist das überhaupt für eine Institution und was ist ihre primäre Aufgabe?
(4) Wenn wieder so ein Skandal, so eine Medienlawine losbricht, dann wird auch schon mal geschlussfolgert: der Antisemitismus der Stammtische sei jetzt in der Politik angekommen, er sei wieder salonfähig geworden oder ähnliches. Aber ich frage mich: was soll das heißen? Von welchen Stammtischen ist hier die Rede? Und überhaupt, was ist das für eine Art zu folgern, wird doch hier der Einzelfall als symptomatisch bezeichnet, wird doch hier vom einem ein Rückschluss auf eine Mehrheit, eine Tendenz der Mehrheit gezogen? Soll das etwa heißen die Deutschen, die am Samstag Abend in die Kneipe gehen, ein Bierchen trinken und eifrig die Fußballergebnisse des Tages diskutieren, sind durch die Bank wieder Judenhasser, nur weil ein MdB Hohmann von Täter- und Opfervölkern spricht und das auch noch im Konjunktiv? Ich frage mich, wo hier die Verhältnismäßigkeit des Vorwurfs geblieben ist?
(5) Frank Schirrmacher erklärte in seiner Polemik, mit der er einen Vorabdruck des Romans "Tod eines Kritikers" von Martin Walser in der FAZ vom Tisch fegte, dass das "antisemitische Repertoire" des Buches unübersehbar sei. Bei diesem Ausdruck stutzte ich, denn die Selbstverständlichkeit, mit der er von einem "antisemitischen Repertoire" sprach, verwunderte mich dann doch. Ich kreuze natürlich nicht in den intellektuellen Fahrwassern eines Frank Schirrmacher, aber dass er bei seinen Lesern die Geläufigkeit eines "antisemitischen Repertoires" voraussetzt, halte ich für bedenklich. So als wären uns Ressentiments gegen Juden so vertraut wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Aber erst die heftige Debatte in den Feuilletons hat mich für viele der mehr oder weniger sehr subtilen und zweideutigen antisemitischen Vorurteile und Anspielungen sensibilisiert, die ich beim ersten Lesen des Romans "Tod eines Kritikers" schlicht und einfach überlesen habe.
(6) Was mir bei solchen Skandalen im Zusammenhang mit dem Vorwurf des Antisemitismus immer wieder auffällt, ist die krasse Reduzierung und Verdrehung des ursprünglich Gesagten in den Medien. Mag sein, dass die Angeklagten tatsächlich historische Fakten verdrehen, umdeuten, reduzieren und relativieren, aber die Ankläger bedienen sich oft der selben fragwürdigen rhetorischen Mittel: sie reißen Zitate aus dem Zusammenhang, sie überspitzen und verdrehen Argumente und reduzieren Aussagen, bis von dem ursprünglich Gemeinten nichts mehr übrig ist. Hohmann z.B. wurde auf die Formel "Juden = Tätervolk" reduziert. Dabei hat er das so nie gesagt. Wenn man es genau nimmt, hat er eigentlich genau das Gegenteil gesagt: "Juden ≠ Tätervolk". Wortwörtlich: "Daher sind weder 'die Deutschen', noch 'die Juden' ein Tätervolk." Implizit kritisiert er den Begriff des Tätervolks. Aber nicht falsch verstehen: ich will die Rede Hohmanns nicht verteidigen, da sie wirklich peinlich und unhaltbar ist angesichts historisch belegbarer Fakten.
(7) Aber es gibt andere Fälle der Reduzierung, Fälle, in denen es eher zu bedauern ist, dass im Sog des ungeheuerlichen Verdachts und im Lärm der Ankläger – man habe es schon immer vermutet und jetzt sei es gewiss: der Redner ist ein Antisemit – die eigentliche Aussage sang- und klanglos untergeht und die im Grunde doch diskussionswürdige These weitestgehend verdrängt und vergessen wird. So geschehen mit der Dankesrede von Martin Walser anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998. Ich würde gern wissen, was ihr von dieser Rede haltet und dem zentralen Gedanken, der sich wohl eher gegen die Meinungsmacher in den Medien und im Feuilleton richtet als gegen die Juden in der Diaspora oder in Israel: "Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. [...] Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung." (Martin Walser: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede.)
(8) Das führt uns zu der Frage der Schuld. Was für eine Schuld, was für eine Verantwortung tragen wir? Welche Bedeutung und welche Konsequenz hat diese Schuld für unser Leben? Wir sind als Deutsche und Österreicher geboren. Vor über 50 Jahren haben Deutsche (und mindestens ein Österreicher soll auch dabei gewesen sein) systematisch 6 Millionen Menschen umgebracht – es gab eine ganz rational geplante und organisierte Bürokratie, Logistik, Forschung und Wirtschaft, die einzig dem Zweck der Vernichtung allen jüdischen Lebens diente. Der Endlösung. Auschwitz ist geschehen, Treblinka ist geschehen, Dachau und Buchenwald sind geschehen. Daran gibt es nichts zu deuteln. Jetzt kommt das gefährliche Wort: Aber! Mein Vater war neun Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging, meine Mutter war sechs und als ich geboren wurde, lag der Krieg zweiunddreißig Jahre zurück. Das ist sicherlich nicht viel angesichts des Wahnsinns und des Schreckens. Dennoch bin ich, wenn überhaupt, nur der Enkel eines der Täter. Wir sprechen also, wenn wir von Schuld reden, nicht in einem juristischen Sinne davon, denn in einem streng juristischen Sinn bin ich keineswegs verantwortlich und dafür haftbar, dass 6 Millionen Menschen sterben mussten, denn ich hatte weder die Wahl, noch die Möglichkeit es zu verhindern. Ich habe sogar ein Alibi. Als das Verbrechen begangen wurde, war ich noch gar nicht da. Aber hier geht es eben nicht um mich, sondern um Kollektivschuld und um die Deutschen insgesamt. Wir sind schuldig. Und wieder die Frage: Was bedeutet uns diese Schuld? Welche Konsequenzen hat sie für unser Leben, für unser kulturelles und gesellschaftliches Leben? Wie gehen wir mit dieser Schuld um? Welche Pflicht, welche Verantwortung leitet sich daraus für uns persönlich ab?
(9) Der Nahostkonflikt. Eigentlich sollte man ein eigenständiges Thread dafür aufmachen, denn wie schnell geschieht es, dass die Kritik an Israels Politik mit Antisemitismus verwechselt oder gleichgesetzt wird. Das ist heikel. Ich frage euch trotzdem jetzt und hier: wie bewertet ihr den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern? Seht ihr eine realistische Chance, wie dieser Konflikt beendet werden könnte, wie Besatzung, Angst, Armut, Terror, Unterdrückung und der Kreis der Rache und des Blutvergießens unterbrochen werden kann? Ich möchte quasi als Aufhänger ein Gedicht von Erich Fried zitieren, es stammt aus dem Jahr 1967, das Jahr, in dem es zum Sechs-Tage-Krieg kam.
Höre, Israel
Als wir verfolgt wurden,
war ich einer von euch
Wie kann ich das bleiben
wenn ihr Verfolger werdet?
Eure Sehnsucht war
wie die anderen Völker zu werden
die euch mordeten
Nun seid ihr geworden wie sie
Ihr habt überlebt
die zu euch grausam waren
Lebt ihre Grausamkeit
in euch jetzt weiter?
Den Geschlagenen habt ihr befohlen:
"Zieht eure Schuhe aus"
Wie den Sündebock habt ihr sie
in die Wüste getrieben
in die große Moschee des Todes
deren Sandalen Sand sind
doch sie nahmen die Sünde nicht an
die ihr ihnen auflegen wolltet
Der Eindruck der nackten Füße
im Wüstensand
überdauert die Spur
eurer Bomben und Panzer
(Quelle: Erich Fried: 100 Gedichte ohne Vaterland. Fischer Taschebuch Verlag 2000)
(10) Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat den Europäern "kollektiven Antisemitismus" vorgeworfen. Scharon reagierte mit seinen Äußerungen unter anderem auf eine europaweite Meinungsumfrage, in der eine deutliche Mehrheit Israel als zurzeit größte Gefahr für den Weltfrieden einstufte. 59 Prozent der Befragten vertraten diese Auffassung. An zweiter Stelle nannten jeweils 53 Prozent die USA sowie Iran und Nordkorea. Die Umfrage wurde Anfang November veröffentlicht.
Scharon lehnte es ab, eine Trennlinie zwischen Kritik am Staat Israel und antisemitischen Äußerungen zu ziehen. "Wir reden über kollektiven Antisemitismus. Der Staat Israel ist ein jüdischer Staat und danach richtet sich auch die Einstellung gegenüber Israel." Der israelische Regierungschef erneuerte seine Kritik an den europäischen Regierungen, die in ihren Ländern nicht ausreichend gegen antisemitische Strömungen vorgingen. "Wir stehen in Europa einem Antisemitismus gegenüber, der immer existierte und wirklich kein neues Phänomen ist", sagte Scharon.
Scharon warnte davor, dass die wachsende Zahl von Moslems in der EU das Leben von Juden gefährde. "Da die moslemische Präsenz in Europa immer stärker wird, bedroht dies sicherlich das Leben von Juden", sagte er. Allein die Tatsache, dass es eine "riesige Zahl von etwa 17 Millionen Moslems in der EU gibt", mache dies zu einer "politischen Frage".
(dpa-Meldung basierend auf einem Interview des israelischen Premierministers Ariel Scharon mit dem online-Informationsdienst www.EUpolitix.com )
Was denkt ihr, wenn ihr das lest? Also ich bin ja angesichts dieses Artikels wirklich versucht, ein neues Unwort vorzuschlagen: Antieuropäismus!