klein aber oho

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riemsche
Apollon
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klein aber oho

Beitragvon riemsche » 14.08.2026, 23:17

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Der wohl am meisten unterschätzte deutschsprachige Schriftsteller von Weltrang ist Robert Walser (1878–1956). Er gilt als literarisches Geheimnis, um den uns die internationale Literaturwelt, vor allem in den USA und Frankreich, extrem beneidet. Autoren wie Franz Kafka, W.G. Sebald und Susan Sontag verehrten ihn als genialen Vorläufer der Moderne. Walser beschreibt in seinen Prosastücken und Romanen das scheinbar Banale mit einer radikalen, verspielten Leichtigkeit. Seine Texte wirken oft harmlos, sind aber sprachlich brillant, tiefgründig und doppelbödig, Meisterwerke wie der Roman Der Gehülfe oder Jakob von Gunten sowie seine zahllosen kurzen Mikrogramme als Bleistiftnotizen in ihrem Stil einzigartig. Die New York Times und weltbekannte Schriftsteller wie J.M. Coetzee bezeichnen Walser als einen der größten und einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts. In der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit im deutschsprachigen Raum steht er jedoch oft im Schatten anderer Größen. Speziell seine Mikrogramme gehören zu den faszinierendsten Rätseln der Literaturgeschichte, entstanden zwischen 1924 und 1933 in seiner späten Schaffensphase.

Walser litt ab den 1920ern unter einer schweren Schreibblockade. Das Aufsetzen der Feder auf das Papier löste bei ihm krampfartige Angstzustände aus. Er suchte nach einer Methode, um diesen Druck zu umgehen, wechselte vom formalen Schreiben mit Tinte zum spielerischen Skizzieren mit dem Bleistift - dieser erlaubte ihm ein unverbindlicheres, fließendes Arbeiten. Walser nutzte kein reguläres Schreibpapier, beschrieb Rückseiten von Kalenderblättern, Kuverts, Quittungen und Telegrammen, entwickelte eine winzige, kaum lesbare Kurrentschrift. Buchstaben waren oft nur ein Millimeter hoch, die Zeilenabstände extrem eng. Ein einzelner Zettel bot Platz für Hunderte von Wörtern. Die Schrift wirkte wie eine geheime Chiffre. Zeitgenossen hielten die Zettel fälschlicherweise für unleserliche Kritzeleien eines Geisteskranken. Dabei enthalten besagte Mikrogramme Romane wie Der Räuber, Gedichte und hunderte Prosastücke. Es handelt sich nicht um bloße Notizen, sondern um vollendete Kunstwerke. Walsers Sprache löst sich hier von klassischen Erzählstrukturen, wechselt sprunghaft zwischen Ironie, tiefer Melancholie und Alltagsbeobachtungen.

Randständig war Robert Walser nicht. Nach bemerkenswert vielen Wohnungs- bzw. Zimmerwechseln in Bern und auffälligem Verhalten aufgrund einer schweren psychischen Krise, begleitet Lisa Walser ihren Bruder Robert am 25. Januar 1929 in die Heilanstalt Waldau bei Bern. Auf dem Weg dorthin fragt er sie: «Tun wir auch das Richtige?» Sie antwortet nicht, das nimmt er für ein «Ja» und lässt sich einweisen. Bis im Juni 1933 ist Walser dort Patient, schreibt noch Texte, die auch gedruckt werden. Differenzen mit dem neuen Direktor, angestrebte Reformen, denen er sich nicht fügen mag und die Sparsamkeit seiner Schwester, die seine Finanzen verwaltet, führen 1933 gegen seinen Willen zur Verlegung in die Anstalt seines Bürgerkantons. Geboren in Biel, mit Vorfahren in Teufen und Grub, galt er in der Waldau als außerkantonal teurer, in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau hingegen als innerkantonal vergleichsweise günstiger, angeblich mürrischer, rauchender, Spazieren gehender und dauernd auf Zettel kritzelnd ungeselliger, aber ruhiger Patient.

Ab 1936 besucht ihn regelmäßig Carl Seelig, Zürcher Journalist, Förderer und Mäzen unzähliger deutscher, jüdischer oder homosexueller Künstler und politisch Verfolgter. Seelig und Walser unternehmen lange Spaziergänge miteinander, wobei der fünzehn Jahre ältere Walser viel schneller läuft und Seelig meist weit voraus ist. Dreiundvierzig dieser Spaziergänge beschreibt Carl Seelig in seinem Buch Wanderungen mit Robert Walser. Es entsteht das Bild eines sehr belesenen und politisch informierten Dichters. Eindrücklich auch die Beschreibung gemeinsamer Mahlzeiten in Gasthäusern, Bäckereien, Bierhallen und Bahnhofsrestaurants. Walser scheint ein großer Esser und keinem Getränk abgeneigt gewesen zu sein. Den letzten Spaziergang am 25. Dezember 1956 unternimmt Robert Walser allein. Er stirbt im Schnee. In seinem Roman Geschwister Tanner - der 28-Jährige schrieb den Roman 1906 innerhalb von sechs Wochen - lässt Walser seine Figur Simon den Dichter Sebastian tot im Schnee auffinden. Es liest sich, als ob Walser den eigenen Tod bereits fünfzig Jahre bevor er ihn ereilte beschrieben hätte.

Obwohl unfreiwillig eingetreten, fand Walser in der Heil- und Pflegeanstalt Herisau Ruhe, Schutz, Sicherheit und Struktur. Von Alltagssorgen entlastet lehnte er, als Seelig ihm anbot, für ein Leben außerhalb der Anstalt aufzukommen, dankend ab - war wohl eher im Schoss als in den Fängen der Psychiatrie gelandet. Der Klinikdirektor Hinrichsen, selbst Dichter, verhielt sich Walser gegenüber zwar herablassend, aber er ließ ihn auch in Ruhe - behandelte ihn nicht mit den ringsum in den Psychiatrien neuerdings angewandten Methoden wie Insulinkuren, Lobotomie oder Elektroschock. Heutzutage wäre es Robert Walser wohl kaum möglich, mehr als dreiundzwanzig Jahre auf der Station einer psychiatrischen Klinik zu leben. Eher würde man den Sozialdienst bitten, einen Platz in einem betreuten Wohnheim für ihn zu finden. Ob ihm das gefallen hätte, ist fraglich.

Nach Walsers Tod im Jahr 1956 schlummerten deren 526 Blätter jahrzehntelang ungehört in Archiven. Man hielt sie für eine private Geheimschrift. Erst in den 1980er- und 1990er-Jahren gelang den Philologen Bernhard Echte und Werner Morlang eine Sisyphusarbeit. Sie entzifferten die Bleistiftspuren mit der Lupe, veröffentlichten das Ergebnis in der sechsbändigen Ausgabe Aus dem Bleistiftgebiet - offensichtlich eine der größten verlegerischen Sensationen des 20. Jahrhunderts. Die Mikrogramme werden im Robert Walser-Zentrum in Bern verwaltet und erforscht. In dessen Räumlichkeiten finden regelmäßig thematisch wechselnde Ausstellungen statt, werden im Rahmen von Sonderausstellungen immer wieder ausgewählte originale Mikrogramm-Zettel im Glaskasten gezeigt. Die physischen, hochgradig empfindlichen Originaldokumente selbst lagern aus Gründen der Sicherheit und entsprechenden Konservierung im Schweizerischen Literaturarchiv, einem Teil der Nationalbibliothek in Bern. Für die Öffentlichkeit und Literaturbegeisterte gibt es klare Anlaufstellen. Zum einen besagtes Zentrum als weltweit wichtigste Forschungs- und Vermittlungsstätte für Walsers Werk. Neben wechselnden Exponaten beherbergt es eine umfassende Bibliothek, die auch für Laien zugänglich ist. Da die originalen Bleistiftzettel extrem lichtempfindlich sind, können sie nicht dauerhaft ausgestellt werden. Man behilft sich deshalb mit hochauflösenden Faksimiles, die die winzige Schrift spektakulär sichtbar machen. Wer zufällig in der Gegend und jetzt neugierig geworden ist_ goh go luege.
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