Zum guten Schluss...
Verfasst: 25.02.2003, 16:08
Hallo gelbsucht!
Mit den Kritischen Anmerkungen
deines Essays möchte ich mich noch befassen. Es gibt noch drei Punkte, zu denen ich etwas sagen möchte.
1)
Es ging mir genauso wie dir. Auch ich empfand diesen Einschub als unangebracht. Jedoch hat Goethe das Buch ja nicht Anfang des 21.Jahrhunderts geschrieben, sondern Ende des 18.Jahrhunderts. Da frage ich mich, inwieweit die Kritik noch zutreffend ist. Goethe hat sicherlich auch seine aktuelle Leserschaft im Blick gehabt und ob die das Ganze als ganz und gar unzugänglich und pathetisch bewertet haben wage ich zu bezweifeln.
Ich will damit sagen: Unter dem Gesichtspunkt, dass ein gutes Werk seine Zeit um Längen überlebt weil es auch Lesern anderer Zeiten etwas zu sagen hat, trifft deine Kritik bezüglich der Ossian-Vorlesung zielsicher.
Aber Goethe wird nicht nur unter diesem Gesichtspunkt geschrieben haben. Es wäre interessant mal ein paar zeitgenössische Kritiken zu lesen bezüglich der Bewertung der Ossian-Vorlesung.
2) Deine Kritik am hier entworfenen Frauenbild teile ich voll und ganz. Jedoch muss einschränkend gesagt werden, dass der Werther gar nicht in der Lage ist Lotte ein wenig differenzierter zu schildern, so sehr ist er ihr verfallen (das wird Goethe mit Lotte Buff nicht anders gegangen sein).
Sicherlich ann man ihm ankreiden das er hätte schildern können, warum und wie Lotte vollkommen ist. Aber mit Grillen oder gar Schwächen seiner Angebeteten wird er sich nicht befasst haben.
Übrigens habe ich da noch einmal über deine Zukunftsspekulation nachgedacht, ob Werther ein guter Ehemann wäre: Für ihn wäre es eindeutig ein weiteres Problem, jenseits der dann entstehenden Zwänge, dass er dann auch die Schwächen seiner Angebeteten erkennen würde. Nur eitel Sonnenschein allenthalben ein Leben lang - das würde nicht gut gehen. Wie würde Werther reagieren, habe ich mich gefragt, wenn er an Lotte einer Schwäche gewahr würde?
Bezüglich der Grillen und Schwächen hätte eindeutig mehr und früher etwas vom Herausgeber kommen müssen, so meine ich. Allerdings wäre es dann notwendig gewesen den Herausgeber wesentlich früher einzuschalten.
3) Ich empfinde eigentlich auch keine Verwunderung darüber, dass der Werther seinem guten Freund Wilhelm sein Herz ergießt. Natürlich könnte man gerade aufgrund der zeitlichen Umstände stutzig werden, jedoch passt das meiner Meinung nach genau zu Werther`s Charakter. Er braucht jemandem, dem er sich anvertrauen kann, jemandem dem er sein Leid mitteilen kann, weil er es alleine nicht erträgt. Auch mit Fräulein B. redet er ja pausenlos nur über Lotte. Gerade hier halte ich es für eine geschickte Konstruktion, dass Wilhelm, wie du schrebst, "um einiges besonner und bürgerlich-pragmatischer sein muss, als er selbst" (Seite 14, 2.Absatz oben).
Man stelle sich einen Freund vor mit einem dem Werther ähnlichen Charakter. Der wäre nach drei Briefen schon zu Werther gereist oder hätte sonstwie übereilt gehandelt. Gerade das tut Wilhelm aufgrund seiner Natur, über die wir insgesamt nicht viel erfahren, nicht. Auch weil Werther das nach langer Freundschaft wissen wird und weil Wilhelm ein Freund ist und kein Verwandter ist er für Werther der ideale Ansprechpartner oder besser: der ideale Zuhörer bei seinem ewigen Monolog.
MFG,
Ham
Mit den Kritischen Anmerkungen
deines Essays möchte ich mich noch befassen. Es gibt noch drei Punkte, zu denen ich etwas sagen möchte.
1)
"Zum einen hat mir die Ossian-Vorlesung am Ende des Buches doch einiges verdorben (...) Als moderner Leser empfinde ich diesen Einschub einfach nur als störend." (Seite 13, 2.Absatz von Kritische Anmerkungen
Es ging mir genauso wie dir. Auch ich empfand diesen Einschub als unangebracht. Jedoch hat Goethe das Buch ja nicht Anfang des 21.Jahrhunderts geschrieben, sondern Ende des 18.Jahrhunderts. Da frage ich mich, inwieweit die Kritik noch zutreffend ist. Goethe hat sicherlich auch seine aktuelle Leserschaft im Blick gehabt und ob die das Ganze als ganz und gar unzugänglich und pathetisch bewertet haben wage ich zu bezweifeln.
Ich will damit sagen: Unter dem Gesichtspunkt, dass ein gutes Werk seine Zeit um Längen überlebt weil es auch Lesern anderer Zeiten etwas zu sagen hat, trifft deine Kritik bezüglich der Ossian-Vorlesung zielsicher.
Aber Goethe wird nicht nur unter diesem Gesichtspunkt geschrieben haben. Es wäre interessant mal ein paar zeitgenössische Kritiken zu lesen bezüglich der Bewertung der Ossian-Vorlesung.
2) Deine Kritik am hier entworfenen Frauenbild teile ich voll und ganz. Jedoch muss einschränkend gesagt werden, dass der Werther gar nicht in der Lage ist Lotte ein wenig differenzierter zu schildern, so sehr ist er ihr verfallen (das wird Goethe mit Lotte Buff nicht anders gegangen sein).
Sicherlich ann man ihm ankreiden das er hätte schildern können, warum und wie Lotte vollkommen ist. Aber mit Grillen oder gar Schwächen seiner Angebeteten wird er sich nicht befasst haben.
Übrigens habe ich da noch einmal über deine Zukunftsspekulation nachgedacht, ob Werther ein guter Ehemann wäre: Für ihn wäre es eindeutig ein weiteres Problem, jenseits der dann entstehenden Zwänge, dass er dann auch die Schwächen seiner Angebeteten erkennen würde. Nur eitel Sonnenschein allenthalben ein Leben lang - das würde nicht gut gehen. Wie würde Werther reagieren, habe ich mich gefragt, wenn er an Lotte einer Schwäche gewahr würde?
Bezüglich der Grillen und Schwächen hätte eindeutig mehr und früher etwas vom Herausgeber kommen müssen, so meine ich. Allerdings wäre es dann notwendig gewesen den Herausgeber wesentlich früher einzuschalten.
3) Ich empfinde eigentlich auch keine Verwunderung darüber, dass der Werther seinem guten Freund Wilhelm sein Herz ergießt. Natürlich könnte man gerade aufgrund der zeitlichen Umstände stutzig werden, jedoch passt das meiner Meinung nach genau zu Werther`s Charakter. Er braucht jemandem, dem er sich anvertrauen kann, jemandem dem er sein Leid mitteilen kann, weil er es alleine nicht erträgt. Auch mit Fräulein B. redet er ja pausenlos nur über Lotte. Gerade hier halte ich es für eine geschickte Konstruktion, dass Wilhelm, wie du schrebst, "um einiges besonner und bürgerlich-pragmatischer sein muss, als er selbst" (Seite 14, 2.Absatz oben).
Man stelle sich einen Freund vor mit einem dem Werther ähnlichen Charakter. Der wäre nach drei Briefen schon zu Werther gereist oder hätte sonstwie übereilt gehandelt. Gerade das tut Wilhelm aufgrund seiner Natur, über die wir insgesamt nicht viel erfahren, nicht. Auch weil Werther das nach langer Freundschaft wissen wird und weil Wilhelm ein Freund ist und kein Verwandter ist er für Werther der ideale Ansprechpartner oder besser: der ideale Zuhörer bei seinem ewigen Monolog.
MFG,
Ham