Tja, lieber Gelb, da fragst Du mich was! Wenn's recht ist, würde ich meine Antwort aber gerne nicht auf den "Stein der Weisen" beschränken, sondern die ersten vier Teile insgesamt betrachten.
Also, ich hatte eigentlich nie vor, die Bücher zu lesen. Anfangs jedenfalls nicht, weil ich sie, wie viele Erwachsene, für reine Kinderbücher hielt. Natürlich sind sie das bis zu einem hohen Grad, aber sie sind es auch wieder nicht. Jedenfalls hörte ich viel Gutes über diese Bücher, und dann, eines Tages, erhielt meine Frau die ersten drei als Hörbücher, ungekürzt und Wort für Wort gelesen von Rufus Beck, den ich seit dem für den Messias halte. Göttlich! Die Hörbücher sind ein absoluter Hammer!
Sei's drum, da ich als Musiker unter notorischem Zeitmangel litt, hörte ich immer nur hier und da ein Stückchen; aber diese Stückchen zeigten Witz und Charme. Als ich dann vor einiger Zeit das Auto mit der Bahn tauschte, soweit es meinen morgendlichen Weg zur Arbeit betrifft, hatte ich auf einmal massig Zeit, zu lesen. So kam's dann, daß ich die Bücher doch gelesen habe. Eigentlich lag es ja auch nahe, da ich ohnehin einen Hang zur phantastischen Literatur habe. An dieser Stelle kommt er jetzt, der Zusammenhang mit Psychobilly; jener fragwürdigen Musik, die meinen Lebensmittelpunkt bildet (naja, zusammen mit meiner Frau und meinem Kind, die mir auch beide sympathisch sind). Eines der wesentlichen Merkmale dieser Musik ist es ja, daß sie sich mit phantastischen Themen auseinandersetzt (nicht ausschließlich, aber häufig). Ich will es mal so sagen: Wenn ich derjenige gewesen wäre, der die ersten zwei Bücher verfilmen durfte, wäre die Filmmusik anders ausgefallen....
Aber mal zu den Büchern selbst: Kinderbücher? Ja! Ohne Zweifel! Und zwar die besten, die ich kenne! Diese Bücher haben alles, was ein Kinderherz begehren kann, und noch viel mehr; nämlich einen Aufbau und eine Sprache, die einen Erwachsenen nicht unterfordert, ohne dabei ein Kind zu überfordern. Und wer als Erwachsener seine Phantasie nicht verloren hat, kann mit diesen Büchern nicht unglücklich werden - im Gegenteil. Es sind ganz einfach Bücher, bei denen sich der Vater unter Umständen mehr auf das abendliche Vorlesen freut, als die Kinder
Neben der Sprache (die ich nun nur in der Übersetzung kennen gelernt habe, die mir aber sehr gefiel, weil sie schlicht war, ohne plump zu sein oder ihre Bildgewalt zu verlieren) weisen die Bücher noch eine weitere Besonderheit auf, die ich für revolutionär halte - zumindest kenne ich keine andere Kinder- oder Jugendbuchserie, die dieses Prinzip verfolgt: Harry Potter altert im Verlauf der Bücher genau synchron zu seinem Zielpublikum, und in genau derselben Weise ändern sich die Sprache der Figuren (soweit es Kinder sind), ihr zwischenmenschliches Zusammenspiel und, nun ja, sagen wir mal der "Härtegrad" der Geschichten. Während der erste Band wirklich ein Kinderbuch ist (wenn auch mit einigen gruseligen Momenten), ist Band 4 schon nahe daran, ein richtiger Schocker zu sein. Es fliesst nicht eben wenig Blut, und manch einer lässt sein Leben. Dieser Wandel der Erzählweise und der Figuren innerhalb der Erzählung ist unwahrscheinlich spannend.
Und noch ein letztes Wort über Humor: Häufig ist es so, daß auf Kinder gezielter Humor so simpel aufgezogen ist, daß er Erwachsene langweilt; und Humor "für Erwachsene" sich ausschließlich auf irgendwelche Zoten beschränkt. Grausige Fälle. Manchmal gelingt aber die Gratwanderung, und Humor packt beide Lager. Das gelingt in den Harry-Potter-Bänden ungewöhnlich häufig.
Nee, war doch nicht das letzte Wort, mir fällt noch was ein: Die Figuren (vor allem auch die oft vernachlässigten Randfiguren) sind äußerst plastisch - man kann sie auch als Erwachsener wirklich hassen oder schätzen; man fühlt Wut, wenn Harry zum tausendsten Mal von Prof. Snape drangsaliert wird, und auch wenn man weiß oder vermutet, daß sich letztlich alles zum Guten wendet, ändert das doch nichts daran, daß man Snape spontan Eselsohren anhexen möchte.
Fazit: Man muß sich nicht schämen, wenn man um kurz vor sieben in der Früh' mit partiell geschorenem Kopf und Schnürstiefeln in der Bahn steht und Harry Potter liest. Eigentlich fand ich die Blicke der Mitreisenden ganz lustig...