Cees Nooteboom: Allerseelen

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Joachim Stiller
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Cees Nooteboom: Allerseelen

Beitragvon Joachim Stiller » 01.10.2013, 21:40

„Allerseelen“ von Cees Nooteboom

Der jüngste Roman von Cees Nooteboom „Allerseelen“ ist ein Großstadt- und ein geheimer Liebesroman, der im wiedervereinigten Berlin spielt.

Hauptdarsteller ist der Niederländer Arthur Daane, der in Berlin lebt. Er hat seine Frau und seinen kleinen Sohn auf tragische Weise bei einem Flugzeugabsturz verloren. Bewaffnet mit einer Filmkamera streift er durch die Stadt Berlin, auf der Suche nach der Vergangenheit. Arthur arbeitet so an einem „ewigen Projekt“.

In dieser schillernden und aufblühenden Metropole fühlt sich Arthur von seinen Freunden aufgehoben. Er diskutiert mit dem Philosophen Arno Tieck, dem Bildhauer Viktor Leven und er Physikerin Zenobia Stein über die Ereignisse der Vergangenheit und ihre metaphysischen Dimensionen, Gespräche voller Ironie, aber auch voller Witz.

Arthur lernt die junge Geschichtsstudentin Elik Oranje kennen, ebenfalls eine Niederländerin. Sie ist für Arthur wie eine Sirene, voller Geheimnisse, doch er hört auf sie. Es entbrannt eine zarte, aber innige Liebe zwischen den beiden, Arthur folgt Elik am Ende bis nach Madrid, bis über die Pyrenäen.

Der Roman ist „der Großstadtroman über die deutsche Wiedervereinigung“ (Harald Loch). Wie im wiedervereinigten Deutschland eine vorsichtige und zarte Liebe zwischen Ost und West entbrennt, so entbrennt auch die Liebe zwischen Arthur und Elik, die wie in eine einzigartigen Parabel für das immer noch geteilte Land stehen. In gewisser Weise ist der Roman ein Gegenwartskommentar des Niederländers Cees Nooteboom zu den deutsch-deutschen Befindlichkeiten und Ereignisse. Der Erzählstrang ist gelegentlich unterbrochen durch keine Einschübe, persönliche Stellungnahmen oder auch Anmerkungen des Autors, die allerdings als „Kommentar im Kommentar“ leicht aufgesetzt wirken.

Am Ende packt die Liebenden das Fernweh, sie gehen beide nach Spanien, der Deutschen Reiseziel Nr. 1. Überhaupt ist Deutschland dieses Jahr wieder Reiseweltmeister geworden. Cees Nooteboom hat in diesem Roman eine überraschend frische Art zu schreiben. Seine, wenn auch stellenweise etwas pseudophilosophischen Gespräche entbehren nicht eines gewissen Charmes. Manche Pointen treffen voll ins Schwarze.

Der Roman „lebt und west“ in der Zeit, wie wir Deutschen in den 90er Jahren Zeit empfundene haben, als ein Niemandsland des Vor- und Nacheinanders der Ereignisse.

Dieser Roman war für mich eine wirkliche literarische Entdeckung. Zweifelsohne ist Cees Nooteboom neben Harry Mulisch der beste zeitgenössische Schriftsteller der Niederlande. Er lebt übrigens selber viel in Spanien. Spanien ist eben ein gutes Pflaster für gute Gegenwartsliteratur, von Portugal einmal ganz zu schweigen.

Gruß Joachim Stiller Münstrer

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