Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

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Joachim Stiller
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Antonio Tabucchi: Erklärt Pereira

Beitragvon Joachim Stiller » 01.10.2013, 21:50

„Erklärt Pereira“ von Antonio Tabucchi

Tabucchi ist Italiener, lebt aber in Portugal und ist dort Professor für portugiesische Sprache und Literatur. Sein Roman „Erklärt Pereira“ spielt daher natürlich auch in Portugal, Tabucchis Wahlheimat, und zwar im Jahre 1938 während des Spanischen Bürgerkrieges und dem Salazar-Regime.

Pereira, der die Geschichte im Nachhinein einem Dritten erzählt, sich dabei „erklärt“ (daher der Titel), ist nicht selber Ich-Erzähler, was eine ganz interessante Erzählform darstellt, die es meines Wissens so noch nicht gegeben hat. Pereira ist Redakteur des Kulturteils der Zeitung Lisboa.

Er lernt den jungen Monteiro Rossi und dessen Freundin kennen, und macht Rossi zum Praktikanten in seiner Redaktion. Dieser soll ihm Nachrufe auf verstorbene Schriftsteller schreiben, da er über den Tod promoviert hat. Doch Rossi schreibt nur politische Essays, die Pereira nicht drucken kann. Pereira ist eigentlich ein sehr angepasster Mensch und wenig kritisch dem Zeitgeschehen gegenüber. Er registriert nicht einmal die Diktatur im eigenen Land. Alles, wofür sich der Einzelgänger Pereira interessiert, ist die Literatur, vor allem die französische des 19. Jahrhunderts.

Rossi zieht zeitweilig in den spanischen Bürgerkrieg. Pereira fängt an, an sich selber zu zweifeln. Auslöser ist die Übersetzung einer Erzählung von Balzac, die über die Reue handelt. Pereira, so erklärt er, sei dann wegen eines Herzleidens zur Kur gefahren und habe Dr. Cardoso in der Klinik für Thalassotherapie kennengelernt, erklärt Pereira. Dieser öffnet Pereira auf der Grundlage einer neuen französischen Theorie über die Seele die Augen. Dr. Cardoso meint, Pereira bereue nur sein altes Leben, ein neues Ich wolle sich an die spitze seiner Seelenkonstitution stellen.
Als Pereira wieder in Lissabon ist, taucht überraschend Rossi auf, dem Pereira Unterschlupf gewährt. Doch der Friede währt nicht lang. Drei Männer, die sich als Geheimpolizei ausgeben, dringen in die Wohnung ein und töten Rossi.
Für Pereira bricht eine Welt zusammen. Er schreibt einen mitreißenden politischen Nachruf auf den Journalisten Rossi und drückt dessen Freundin sein Mitleid aus. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, dann Pereira sorgt dafür, dass der Artikel tatsächlich erscheint, flieht er nach Paris.

„Erklärt Pereira“ ist ein wahres Meisterwerk eine der wohl besten zeitgenössischen italienischen Schriftsteller. Seine Sprache ist nüchtern, rhythmisch und von einer ungewöhnlichen Leichtigkeit und Schwerelosigkeit. Stellenweise erinnert der Stil an den Spanier Javier Marias, dem er nicht viel nachsteht. Tabucchi singt das hohe Lied auf die Zivilcourage, eine glänzende Parabel, auch dann die Stirn zu bieten, wenn einem der Wind kräftig ins Gesicht weht. Der Roman ist ein höchst moralisches Werk, allerdings ohne zu moralisieren. Tabucchi bekennt sich zur politischen Literatur. Ich habe Tabucchi sehr schätzen gelernt, und nicht umsonst stand „Erklärt Pereira“ in Italien fast ein ganzes Jahr auf der Bestsellerliste. Der Roman sollte auch bei uns und anderswo wieder gelesen werden.

Gruß Joachim Stiller Münster

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