Bayern + seine Riten/Essay V.

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Bayern + seine Riten/Essay V.

Beitragvon Pentzw » 03.01.2014, 16:08

(Da alle sogenannten Suchtmittel unter dem Betäubungsmittelgesetz subsumiert sind, ein Bundesgesetz, verwende ich die für den Gegenstand in Frage kommenden Ausdrücke synonym.) Betäubungsmittel außer Bier sind in Bayern praktisch nicht zugelassen.

Ich habe mir sagen lassen, in Norddeutschland dürfe man, sowie man in ein Pinte tritt, keineswegs „Moin, moin“ zum Gruß entbieten, kriegte man doch ansonsten sogleich eine auf die Nuss.
Ähnlich kann es dir auch im Süden der Republik ergehen.
So kann die Bitte eines Gastes in einem Lokal, ein Glas Tee bittesehr, harsch und entschieden mit der schroffen Antwort abgefertigt werden: „Wir sind doch hier nicht krank!“

Offiziell darf es sich freilich der bayerische Staat nicht leisten, ein anderes als sein Lebenselixier zum Genuss anzubieten, allein schon wegen unliebsamen Eurovorschriften, aber was unter dem Ladentisch die Besitzer wechselt, steht auf einem anderen Blatt geschrieben und das muss man wissen bzw. bekommt man sehr bald zu spüren.

Wenn schon Nichteinheimischer Tee wie Schwarzer, Grüner und sogenannter Nichtkräutertee weniger und wenn nur mit äußerstem Widerwillen kredenzt wird, so wird der Gebrauch von exotischeren und explizit exotischen Genuss- bzw. Berauschungsmitteln unnachgiebig verfolgt und als Sucht stigmatisiert.
Legalisierter Eigenverbrauch von ein paar Gramm Marihuana, z. B. wie in anderen Bundesländern erlaubt, – ja was glaubst Du, wo du lebst?
„Was ist das schon, die paar Grämmchen Haschisch, lass 5 gerade sein, Herr Exzellenz Richter, und Schwamm drüber!“, denkt man. Aber nein, da wird hart und unerbittlich durchgegriffen und wer kein Bier trinkt ist kein Bayer, das ist schließlich eine Frage der Identität, so dass man dazu das Klopfen des Richterklöppels hört.
Also - realita gesehen herrscht in Bayern ein totalitäres Regime, mag auf dem Papier des bairischen Verfassungsrechtes stehen was da will.

Hier ein paar Beispiele von Riten

A.) Erst, wenn`D Haarshampoo mit Bier emulierst, bist ein richtiger Bayer, ansonsten sonstwer (umgspr. gegenständlich ausgedrückt: sonst(irgend)was) Ausländisches“. Auf des Bayern Kopfhaut gehört Hopfensud geträufelt, wie bei der Heiligen Taufe des Säuglings, des richtigen Christenmenschen in spe, das Weihwasser. Die vermeintlichen Schnüffelhunde vorm Bayerischen Landtag werden Dich freudig-schwanzwedelnd begrüßen.

B.) Dass es in diesem Zusammenhang zwangsläufig und unvermeidlich zu ersten realen sexuellen Kontakten kommen muss und die homosexueller Natur sein müssen, liegt in der Natur der Sache, wenn eine Horde struzbesoffener Jungen längere Zeit miteinander verkehrt. Natürlich ist dieses Thema in einem katholischen Kulturkreis absolutes Tabu und höchst sträflich-leichtsinnig vom bayerischen Kultusministerium ignoriert, welches unbedingt in ihr Curriculum für den Biologieunterricht für die Jahrgangsstufe 12 den rechten Umgang mit Kondomen vermitteln sollte, auch und gerade in Zeiten von AIDS.
Ich mache mir allerdings keinerlei Illusionen hinsichtlich der Effektivität solch bayerischen Aufklärungsunterrichtes. Mag man noch so viel aufklären, ja sogar durch praktische Übungen eine weitere Sicherung „einzubauen“ versuchen, wobei ich nicht nur an Eigenversuchen, sondern auch an solchen bei Plastiken denke, so befürchte ich, dass die jungen Burschen wohl kläglich versagen, wenn sie sternhagelvoll sind.
Die Dringlich- und Notwendigkeit dieses Postulats unterstützend verweise ich auf meine anschaulichen und tragischen biographischen Stellen in meinen Büchern. ( Es brennt mir auf den Nägeln, den Wunsch zu äußern: unterstütze man doch bitte die Buben und jungen Burschen im Biologieunterricht bei dem Öffnen eines Büstenhalters durch Übung am Objekt, zumal keinerlei Hilfe, ich wiederhole, nicht die geringste Unterstützung dabei von den Mädels ausgeht, ganz Der-Mann-denkt-Gott-lenkt-Maxime unterlegen!)

C.) 1. Initiationsritus à la Bayern: Bei Übergang vom Kleinkind-Kind

Versteckte und öffentliche Selbstkasteiung bis zum Geht-Nicht-Mehr, letzteres zum Beispiel, selbstverständlich und selbstverfreilich Tatort Niederbayern, auf Knien im Kreis um die heilige Maria in Altötting herumhutschend.

d.) 2. Initiationsritus à la Bayern: Bei Übergang vom Kind zum Jugendlichen

Alter mit 12/13, wenn Kind Mann wird, wie es sich bei jedem Naturvolk zuträgt und wenn du dazugehören willst, musst Du Dich mindestens bis zur Besinnungslosigkeit abfüllen, sprich Bierkoma-Saufen. Machst Du es richtig, zelebrierst Du Deine jungfräuliche Ersttat an den entsprechenden Heiligen Stätten, zu denen du wallfahrtest, den Klostern, wo man einst in katholischer Frömmigkeit dieses Urgetränk des Bayern entwickelt hat und heute noch liebevoll braut. Willst Du es richtig machen, fährst Du z. B. nach Kloster Weltenburg und, versteht sich von selbst, dass Du das allerstärkste Bier bestellst und in einem Maß-Krug auf Ex runterspülst: den dunklen Doppelbock.
Ist doch besser, als einen Löwen, wie bei den Naturvölkern in Afrika, zu erlegen, oder?
Gewiss hat man früher noch Böcke schießen müssen, worauf ja wohl diese Biermarke hinweist, aber mangels Ausrottung nahezu jeglicher freilebender Wildtiere macht man das simultan und wie heutzutage Kids in einer Second-World, wo Dir nur noch die Böcke, Gämsen und Wölfe auf einem bunten Bier-Etikettchen oder –deckelchen entgegengrinsen.
Im Grunde nicht die schlechteste und humanste Lösung. Trotzdem, manchmal, wenn Du Sauglück hast, siehst Du sie noch, die echten Bayern, ältere Leute, versteht sich, stolz ihre Insignien und Trophäen herumtragend, meist dann, wenn sich plötzlich eine Schneise öffnet zwischen einem Pulk von Menschen und eine Dame oder Herr mit diesen archaischen grünen Hüten und Federn von Wildgans, Rebhuhn oder Gamsbock an einem stolz vorbeidefiliert.

Wie durch und durch „natürlich“ die Bayern sind, zeigt ein Vergleich mit anderen Naturvölkern, betrachtet man die Funktion von solchen Initiationsriten genauer.
Soll ein Tiger von so einem jungen Hupfer getötet werden, dann nicht bloß deshalb, dass dieser seine Mannbarkeit unter Beweis stellt, sondern auch immer, um der Allgemeinheit, dem Volk, dem Stamm, der Gemeinde einen Dienst zu erweisen. Blickpunkt: Abwehr von Gefahren.
Dieses archaische Moment hat sich natürlich bei den Bayern wie bei keinem bekannten europäischen Volk in Europa sonst derartig hartnäckig und nachhaltig konserviert. Man schaue sich nur die unzähligen „Freiwilligen Feuerwehren“ über Land an. Und wofür? Natürlich für den Notfall! (Wobei es denn ständig an allen Ecken und Enden brennen müsste!)

Notfälle, exakt, darum drehen sich die Initiationsriten, egal, welche Formen sie haben.
Zwar hat man vor ein paar Jahrzehnten noch einen Preußen hergenommen und verdroschen oder Gelehrten, aber, Gott sei’s geklagt oder gelobt, der Prozess der Zivilisation macht leider auch keinen Bogen um Bayern. Auch soll es in noch vorzeitlicheren Dekaden das sogenannte Haberfeldtreiben gegeben haben.

Drehe und wende man es, wie man möge, um einen Sinn darin zu erkennen, junge Kerle müssen nun einmal auf irgendeine Art und Weise ihre Mannbarkeit, ihre Stärke und ihren Nutzen für die (zumal bayerisch-archaische) Allgemeinheit unter Beweis stellen, sonst fühlen sie sich nicht aufgenommen, respektiert und positiv sanktioniert.
Hier nun schließt sich der Kreis, den ich anfänglich mit meiner These eröffnet habe: Bayern und Biertum, Staatsregierung und Brauereiwesen sind zwei Namen eines Gegenstandes.
Denn fragen wir hinsichtlich Bierkonsums: cui bono (=wem dient es?), dann werden wir, wie meist bei allem Tun des Volkes zur Antwort gelangen: auch hier hat eine Oligarchie, zumindest kleine Schicht, vulgo die „herrschende Klasse„ den Nutzen. Schließlich, wer nun hört seine Kasse klingeln, wenn sich Burschen und mitunter auch Madels die Hucke volllaufen lassen: die Brauerei-Klasse.
Wen überrollt der Rubel richtiggehend, wenn sich die unternehmungslustigen und vom diffusen Tatendrang getriebenen Burschen sternhagelvoll knallen mit ihrem Gesöff bis zum Rand, bis zum Kotzen, bis dass es ihnen aus allen Poren und Öffnungen des Körpers trieft, dringt und sprudelt, beim Bier-Koma-Saufen? Helfen dabei halbherzige Alibivorschriften beim münchner Oktoberfest, man solle nur in Maßen Bier konsumieren, bittesehr nicht zu saufen: das ist halt Mal die Aufnahme-Prozedur eines Bierischen in die bierische Gemeinschaft schlechthin, da kannst’D machen, was willst.

Dieser Abschnitt muss mit einem Spruch beenden werden, in dem die ganze Resignation und Deprimiertheit des Autors über die hier beschriebenen Zustände bayerisch-jugendlichen Heldentums sich Bahn bricht, gerade deshalb, weil er selbst ein gebranntes Kind ist:
„Lieber den Magen verrenken, als dem Wirt etwas schenken!“

Buch erhältlich unter:
http://www.pentzw.homepage.t-online.de/literatur.html

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