Neulich war ich fünf Minuten zu früh bei einer Drehbuchbesprechung. Hatte aber eine gute Entschuldigung: „Verzeih bitte, aber mein Zug ist rechtzeitig gekommen.“„Nein!“
„Doch. Man kann sich wirklich auf nichts mehr verlassen.“
Natürlich war das eine sehr harsche Aussage, geboren aus momentaner Irritation, für die ich mich in aller Form bei der Österreichischen Bundesbahn entschuldigen möchte. Normalerweise kommt sie natürlich so pünktlich zu spät, dass man die Uhr nach ihr stellen könnte. Nun, vielleicht, keine Schweizer Präzisions-Quarzuhr, dafür variieren die Zu-Spät-Zeiten dann doch ein bisschen zu sehr. Auch eine Pendeluhr von ca. 1880 und sogar eine Wasseruhr sind wahrscheinlich ein wenig präziser als die ÖBB, aber eine kaputte frühgriechische Sonnenuhr an einem bewölkten Tag, das ginge definitiv.
Neulich hatte ich einen Termin in Oberösterreich und machte mich so auf die epische Reise in mein Heimatbundesland. In Wien Hütteldorf kam dann die Durchsage, mein geplanter Zug sei ein klein wenig unpässlich, ein andermal würde er aber sicher liebend gerne auftauchen. „Tja“, denk ich mir: „Kein Problem, fahr ich halt nach St. Pölten, dort steig ich um. Dann komm ich locker rechtzeitig.“
Das Blöde nur, dass der Zug nach St. Pölten auch eine Verspätung hatte und ich so den Anschlusszug verpasst habe, der hatte nämlich keine Verspätung. Dafür hatte dann der, den ich erwischt habe, wieder eine Verspätung, womit ich dann meine Verspätung bei meinem Termin mit einer Tripel-Zugverspätung zu erklären versuchte, was auf der Verspätungserklärungsskala sogar noch unter „Der Hund hat meinen Fahrplan gefressen“ rangiert. Und meistens zu spät kommt.
Einen Vorteil allerdings hat die ÖBB definitiv: nämlich, dass sommers die Klimaanlage die meiste Zeit nicht funktioniert. Gut, man muss dann darauf achten, dass man seinen Sitznachbarn nicht berührt, weil man unweigerlich an ihm oder ihr kleben bleiben würde. Und das ist dann doch recht peinlich. Außerdem ist man am Ende der Fahrt so dehydriert, dass man beim Blutspenden keinen Beutel mehr bräuchte, sondern auch ein Sieb verwenden könnte. Aber grundsätzlich ist das bei weitem der Variante vorzuziehen, bei der die Klimaanlage wunderbar funktioniert und das Zugpersonal sich verpflichtet fühlt, einen das auch wissen zu lassen.
Das bekomme ich beispielsweise neulich auf einer Fahrt von Köln nach Wien zu spüren. Es beginnt mit einer milden Brise und steigert sich im Lauf der zehnstündigen Fahrt zu einer sehr realistischen Imitation des arktischen Klimas in einem besonderes frostigen Winter. Gelegentlich muss ich die Eiskristalle von meinen Brillengläsern wischen und der Servicewagen führt neben seinem üblichen Angebot von Käsebroten und Snickers auch Robbenfettsandwichs. Ich bin ziemlich übermüdet, weiß aber, dass man bei solchen Temperaturen nicht einschlafen darf, weil man dann am Ende nie wieder aufwacht. Also versuche ich, mich wach zu halten, in dem ich die Eiszapfen im Bart des gegenübersitzenden Fahrgastes zähle. Irgendwann allerdings döse ich doch weg und laufe ernsthaft Gefahr, im Schlaf zu erfrieren - da aber ertönt zwei Abteile weiter infernalisches Gebrüll und rettet mir wahrscheinlich das Leben. Ich erwache gerade rechtzeitig, um zu sehen, dass der vorbeihetzende Schaffner mit einem altmodischen Gewehr und einer Fackel bewaffnet ist. Auf meinen fragenden Blick hin keucht er nur: „Verdammte Eisbären!“
Ich zucke die Schultern und schaue sehnsüchtig aus dem Fenster hinaus auf die Sommerlandschaft, die vage durch die Eisblumen hindurch zu erkennen ist.
Was ich allerdings liebe, ehrlich und ganz ironiefrei, sind die im Zug drohenden Autobiografien. Im Großraumabteil ist man vor ihnen sicher, aber wenn man nichts zu lesen dabei hat, muss man sich nur in ein Sechserabteil setzen. Innerhalb von maximal fünf Minuten wird einer der anderen Fahrgäste feststellen, dass es für sein weiteres Seelenheil unabdingbar ist, jetzt auf sofort jemandem seine Lebensgeschichte zu erzählen. Die kleine Dicke da mit der Brille, die schaut vertrauenswürdig aus und hält ihr Notizbuch so schön unauffällig, der muss er/sie jetzt ganz dringend erzählen, wie das damals war, in seiner/ihrer Kindheit.
Da war der Nigerianer, der eigentlich Wirtschaft studiert, jetzt am Bau arbeitet und in seiner Freizeit im Chor singen möchte. Die Klavierstimmerin aus Berlin, die in Wien lebt und sich zum ersten Mal in ihrem Leben am Stricken versucht. Die Russin, die ihre Schwester in Wien besucht und die davon träumt, in Amsterdam zu leben. Unternehmer und gescheiterte Dichter, brave Hausfrauen und Weltenbummler - im Zug haben sie alle etwas zu erzählen.
Am lebhaftesten sind mir allerdings Ernst und Maria in Erinnerung geblieben. In den zwei Stunden Fahrt von Wien nach Wels breiten sie ihr ganzes Leben vor mir aus: Wie sie als sudetendeutsche Kinder nach dem zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Wie es ihn nach Deutschland verschlagen hat und Maria nach Sibirien. Wie Maria einmal als junge Frau einen zu aufdringlichen Verehrer zum Entsetzen der gesamten Dorfgemeinschaft ordentlich geohrfeigt hat („Ich war schon eine, wie sagt man, eine Wilde!“) und wie Ernsts erste Frau sogar bei schwerer Krankheit immer noch die Hühner versorgen wollte. Wie sie eines Tages in seinen Armen gestorben ist. Wie Maria bei ihrem Sohn im Wollgeschäft ausgeholfen hat und der daran verzweifelt ist, weil der Arbeitseifer der Mutter die ganze Belegschaft nervös gemacht hat. Wie jeder für sich ein abenteuerliches, arbeitsames Leben geführt hat, bis sie sich im Alter von fast achtzig Jahren kennengelernt haben. Die Kinder haben sie verkuppelt. Am Ende der Geschichte greift Ernst nach Marias Hand und schüttelt beinahe ehrfürchtig den Kopf: „Määnsch, hätt ich das nicht geglaupt! Hätt ich das nicht geglaupt, dass ich bin mit achzig Jahren noch so verlipt!“
Als mich meine Mutter zwanzig Minuten später vom Bahnsteig abholt, lächle ich immer noch.


