nichts

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
DerBaum
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nichts

Beitragvon DerBaum » 16.02.2008, 13:32

da ist nichts
da ist nicht einmal eine leere
da ist kein gesicht
nicht einmal die spur von einem gesicht
da sind wir
du auf dem bahnhof
nackt natürlich nackt
bei uns männern sind alle frauen
immer nackt
sie tragen bunte kleider und
pistolen in der hand
aber sie sind nackt
du sagst
notrufsignal
ich frage dich
ist dies eins von deinen lieblingswörtern
du nickst
wir ficken
nein ficken tun wir nicht
wir glauben nicht mehr dran
wir finden das wort dumm
langweilig
wir sprechen nicht mehr darüber
wir sprechen nichts
da ist nichts
da ist nicht einmal mehr leere
Wenn jemand auf der Stelle tritt und tut dabei niemanden weh, das ist ein schlechter Dichter

KaRe
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Re: nichts

Beitragvon KaRe » 17.02.2008, 16:40

Beim ersten Lesen habe ich im letzten Vers das "nicht" überlesen, das passte mir persönlich wohl besser in den Kram:
"einmal mehr Leere"
Ist Nichts mehr oder weniger als Leere? Für mich klingt das Wort "nichts" nach mehr als das Wort "Leere". Was wäre dann weniger als Leere? eere? e ("ö" ähnlich ausgesprochen, sowie der letzte Ton von "Leere" ;-)

. . . _ _ _ _____ ( )

L
e
e
r
e

l e e r e
e e
e e
r r
e e

Ich weiß nicht. Ich denke hier einfach mal schriftlich.
Ich finde, weniger als leer ist "Eimer". Der hat Form, aber halt (einen) weniger (beachteten) Inhalt.
"nicht einmal mehr Leere" ist für mich mehr als Leere.

achso, wenn mein Eintrag irgendwie zu inhaltslos sein sollte ... soll ich ihn löschen? Dann habe ich immer noch mehr als nichts geschrieben (Jetzt habe ich das Gefühl, das Gedicht wirklich verstanden zu haben). :-D

Danke für die Anregung über "weniger als Nichts" nachzudenken. Bedeutet "weniger als Nichts/Leere" dasselbe wie "weniger ist mehr"?

ah, ich brauche auch ein Notrufsignal. Danke für das Wort "Notrufsignal".
es wäre gar nicht so schön ohne mäntelchen, wenn man keines hätte

vogel
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Re: nichts

Beitragvon vogel » 28.02.2008, 18:27

Hallo Hilbi..

Also ich habe schon lange nichts mehr von dir gelesen.. Aber nun muss ich sagen, irgendwie fehlt mir hier die Magie. Ich habe deine Texte immer geliebt, weil sie einen Bann erzeugt haben, und mich richtig festgehalten haben. Sie haben etwas mit mir gemacht.
Aber der Text hier ist so .. nichtssagend. Er ist da. Und redet. Er ist vulgär (ich kann mich an "ficken" in Gedichten nur schwer gewöhnen). Ich habe nichts gegen nackte Frauen in Gedichten. Aber hier hat das keinen Zusammenhang.
Hilbi, ich weiß wirklich nicht, was mir dieser Text sagen soll. Okay, er unterstützt vielleicht den Titel. Aber das ist so plakativ, dass es schon wieder richtig unzufriedenstellend ist.

Zweifelnde Grüße,
Vögelchen
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.

DerBaum
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Re: nichts

Beitragvon DerBaum » 28.02.2008, 21:51

Ich mag das Wort "ficken" auch nicht und das Gedicht, wenns ein Gedicht ist, na ja das mag ich schon wegen seinem Ton, aber na ja....
Wenn jemand auf der Stelle tritt und tut dabei niemanden weh, das ist ein schlechter Dichter

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Re: nichts

Beitragvon KaRe » 28.02.2008, 22:37

mir kommt die stimmung in dem gedicht wohlbekannt vor, ich finde, es kommt da was authentisches rüber. für mich ist das eine situation, wenn man schon lange mit jemandem in einer beziehung ist und man das gefuehl hat ... da war irgendwann mal was ... aber jetzt herrscht leere bzw eben weniger als leere, weil da ja schonmal ne menge war und das ist jetzt verloren. Naja, aber vielleicht habe ich da für mich etwas hinein interpretiert, was so nicht in dem text drin steckt.
Es ist auf jeden Fall eine Stimmung für mich spürbar, so was entferntes, kühles. Genauso gibt es da aber auch Dialog, Kontakt.

Ich mag den Text gerne lesen. Obwohl, ich merke grad, dass er für mich beim ersten Lesen besser "funktioniert" hat. Ich bin wohl grad nicht so in Stimmung dafür...
es wäre gar nicht so schön ohne mäntelchen, wenn man keines hätte

vogel
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Re: nichts

Beitragvon vogel » 02.03.2008, 22:08

Wie meinst du das mit dem Ton, Hilbi?
Auch nach mehrmaligen Lesen bleibt da nichts hängen bei mir. Es entfaltet sich nichts, keine Stimmung, keine Gefühl, kein Wissen.. Es wirk so alltäglich. Also viel zu alltäglich... Sehr erschreckend..

*bedenkende Grüße
Mein Ich ist ein Pfogel aus Metall, doch Du hast ihn berührt und beschützt.

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Re: nichts

Beitragvon DerBaum » 02.03.2008, 22:26

Aber genau das wollte ich doch ausdrücken, bedenkliche Kälte, wenn ich das geschafft hätte wäre das schon ziemlich großartig.
Wenn jemand auf der Stelle tritt und tut dabei niemanden weh, das ist ein schlechter Dichter

[) i r k
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Re: nichts

Beitragvon [) i r k » 03.03.2008, 23:02

Ich finde dieses Gedicht sehr erstaunlich. Und zutreffend. Noch erstaunlicher finde ich die erste Kritik von KaRe dazu.

Für mich passen die Kälte, die Nacktheit und das Nichts gut zusammen. In diese Reihe passt auch das kalte Wort "ficken" sehr gut. Sicher, ich kann auch des Vogels Argwohn nachvollziehen:
ich kann mich an "ficken" in Gedichten nur schwer gewöhnen

Eigentlich ist das ein Kompliment, oder? Es ist UNgewöhnlich. Aber, was ich noch entscheidender finde, das Gedicht ist so ungewöhnlich, nicht einfach vom "Ficken" zu sprechen, sondern den Argwohn des Lesers zu antizipieren und über das Sprechen vom "Ficken" zu sprechen (Metasprech):
nein ficken tun wir nicht
wir glauben nicht mehr dran
wir finden das wort dumm

Ficken ist ein vulgäres Wort, es ist "mit jemandem schlafen" ohne Liebe. Das Wort ist kalt, aber präzise. Genau davon handelt das Gedicht: vom Jenseits einer Liebe. Von einer Berührung, die unmöglich geworden ist. Von einer Nacktheit, die nicht mehr unschuldig ist. Von einer verzweifelten Suche nach etwas, das nicht mehr da ist.

Was mich an dem Gedicht stört, ist die letzte Zeile:
da ist nicht einmal mehr leere

Für mich ist das ein assonanter Zungenbrecher. Da gefällt mir - auch inhaltlich-symbolisch der Anfang besser:
einmal eine leere

einmal ... eine ... leere

In Zahlen: 1 mal 1 mal 0.

Oder: Zwei Menschen (einmal eins), die sich gegenüber stehen und die nichts mehr verbindet.

Und das dann doch wieder in der Verneinung:
da ist nicht einmal eine leere

Was aber eine Nicht-Leere ist, darf jeder selbst hineininterpretieren, der das schon mal erlebt hat.

Danke, dass ich das lesen durfte.

Gegrünte Grüße,
[) i r k
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)


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