An Glaukos.
Guten Tag Herr Glaukos. Ist das ein griechischer Name?
Ok, Spaß beiseite.
An Surja.
Vorherbst. Eine zeitliche Ortung.
Wie sieht die intentionale Ortung im Gedicht aus?
Lassen wir uns auf die Landschaft ein, die sich vor unserem inneren Auge aufschließt:
Von oben, dem freien Himmel, dem lodernden Abendrot, senkt sich der Blick hinab, auf Kastanienbäume, auf ihre Kronen, in ihre Kronen hinein. Von dort in die Blätter, die hinuntergefallen, und dort am Boden wuselt ein Igeltier.
Die letzte Zeile schließt den Kreis, wir sind wieder oben im Baume, wo die Vögel wohnen.
Wenn wir uns die literarische Bewegung vorstellen, beschreibt die lyrische Perspektive eine Art 6, von oben nach unten und wieder etwas nach oben. Ok, behalten wir das im Hinterkopf.
Was eröffnet uns die zweite Strophe?
Ein wunderbares Stimmungsbild, in dem die farbliche Dominante mit wenigen Bewegungselementen unterstrichen wird.
Was wir sehen, dreimal Wasser, einmal Park. Enten tauchen. Laubvoll. Der AU korrespondiert sehr schön. Tauchen und Teich ebenfalls mit dem T-Laut. Dass nun das Teichbild mit einem einsamen Ruderer erweitert wird, dass ist eine geschickte Steigerung, so schafft man Perspektive in der Lyrik!
Und wie geschickt hier das Bewegungsbild angedeutet wird, mit einem Minimalaufwand an Worten: denn die Ruder, die der Ruderer ziehen muss, sind durch den Ruderer bereits unausgesprochen mitgedacht und muessen nicht mehr als Objekt des Bewegungsverbes genannt werden.
Das nahende Dunkel ist ein unbestimmtes Dunkel, das alles umgibt, die Enten, die darin verschwimmen, der Ruderer, der darin untergeht, es dominiert das Wasser als eine unbestimmte, dunkle, alles vereinnahmende Macht.
In der letzten Zeile geht der Dichter wieder in die Totale, alles taucht vor unserem inneren Auge auf: der Teich, nur noch mitgedacht, darum die Bäume, die Wipfel, die nun in einem farbnlich-dominierten Kontrast zum bleichen Wasser als Doppeltrot besonders hervorgehoben werden.
Das ist kein Fehler oder Unachtsamkeit, das liegt vollkommen im Rahmen der inneren Logik dieses kleinen Gedichtes.
Die lyrische Perspektivbewegung ähnelt einer liegenden 7, von vorne immer weiter nach hinten in die Totalbreite übergehend. Versteht man mich?
Ganz offensichtlich. Die Stärke dieses GEdichtes liegt in seiner Stringenz:
1. aktionsreiche Verben (lodern, tragen, rascheln, tauchen, ziehen)
2. Farben, ausgesprochen wie mitgedacht: Rot (lodern), Braun, dunkel-bunt (laubvoll), bleich, Purpur, Rot
3. die für mich zwei stärksten emotionalen Bilder sind: laubvoller Teich, worin Enten tauchen und der Ruderer, der einsam in einem Boot den Teich überquert.
Das ist, wette ich, eine Bildbeschreibung eines romantischen Werkes, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.
Holger