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Requiem
Verfasst: 28.10.2004, 10:09
von Herbert Eiter
Requiem
Ein Schweigen hängt in der Luft
das niemand wahrhaben will
Vasen schweben durch die Straßen
und verschütten faules Wasser
Ein Bogenschnitt mit der Mondsichel
und alle Sternsaiten sind stumm
Man wartet bis der Sandmann kommt
und einem die Augen eindrückt
Heere von Gedanken ziehn vorüber
Der alte Diktator schaut streng und
mit starrem Blick durch alle hindurch
Ein Chor singt, kleine Kinder winken
Er lächelt. Wie ein Akkord ist das
der das Fieber seines Volks durchströmt
Im Revers die Blaupause des Nichts
Die Endlösung. Der totale Krieg
Brote aus verbranntem Fleisch
bringt der Wind aus Nordwest
Immer lauter wird das Schweigen
das niemand wahrhaben will
© H. Eiter 2004
Re: Requiem
Verfasst: 31.10.2004, 20:47
von Surjaninov
hej Herbert
Eine Totenmesse? Nun feierlich ist hier nichts, aber den Tot - der ist hier.
1
Das Schweigen hängt in der Luft. Jeder spürt es, keiner aber spricht es aus.
Dann schweben Vasen durch die Straßen. Verschütten faules Wasser. Da kann ich mir keinen Reim drauf machen. Was für Vasen schweben dort?
2
Die Mondsichel ist scharf. Das beweißt der Bogenschnitt. Darauf sind alle Sternsaiten stumm.
Was soll aber der Sandmann hier? Und Augen eindrücken? Nee - also wirklich! Der hat hier nichts zu suchen. Das passt nicht gut.
3
Der Diktator schaut streng. Vielleicht schaut er auch von unzähligen Plakaten und Bildern auf sein Volk hinab. Sie singen ihm und winken.
Heere ziehen vorrüber.
Das klingt mir nach einer Militärparade.
4
Nun lächelt unser Diktator. Der Krieg ist schon allen angeheftet. Rs gibt kein Entrinnen! Der Plan steht.
"Endlösung" / "Der totale Krieg" - nun wir wissen woher es kommt, was es damit auf sich hat.
Uvorstellbare Schrecklichkeiten bahnen sich an.
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Kannst du mit verraten was du mit "Nordwest" meinst? Ich komme nicht dahinter. Hat es Bezug zu einem bestimmten Ort? Oder vielleicht einer Richtung?
Es ist zu spät, die Schwelle ist überschritten.
Das Schweigen wird Lauter. Kanonen sind Laut.
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Ach der Titel gefällt mir nicht. Für mich passt er nicht. Gemeinsam ist nur der Tod. Und der Wiederspruch das "Requiem" doch zu nehmen ist mir nicht groß genug.
Die Stelle mit dem Sandmann würde ich auch ändern.
Am besten gefällt mir die viete Strophe, und darin die Zeile: "Im Revers die Blaupause des Nichts". Das ist wirklich gut.
Soweit meine kleine Meinung
lg
Surja
Re: Requiem
Verfasst: 07.11.2004, 11:40
von Herbert Eiter
Vielen Dank, Surja, für diese gute und ausführliche Kritik. Was den Titel angeht, wirst du sogar Recht haben, den habe ich nämlich recht hastig und willkürlich gewählt, ohne mir weiter einen Gedanken darüber zu machen. Hättest du eine Idee für einen Ersatz?
Zu den Vasen, zum Sandmann und zu der Frage, was das Nord-West zu bedeuten hat, will ich nichts sagen. Ich bitte um dein Verständnis, aber es ist einfach nicht meine Art, meine eigenen Gedichte zu erklären.
H.E.
Re: Requiem
Verfasst: 07.11.2004, 18:43
von Surjaninov
hej hej
Hmm so spontan fällr mir auch kein Titel ein. Obwohl, die erste Zeile gibt da schon einiges her.
"Ein Schweigen hängt in der Luft"
Warum nicht als Titel: "Ein Schweigen hängt" Vielleicht noch drei Punkte dahinter.
Oder einfach "Die Blaupause".
Hast du dir da schon etwas überlegt?
lg
Surja
Re: Requiem
Verfasst: 02.12.2004, 02:58
von Herbert Eiter
"Die Blaupause" find ich gut.
Ich habe überlegt, ob ich es "Die Gärung" nennen soll.
Ich kann mich noch nicht ganz von dem "Requiem" trennen. Vielleicht liegt die Messe in dem Schweigen selbst - begründet. Nach dem Krieg, nach dem Krach der Maschinengewehre, nach dem Kreischen der Artillerie - das Schweigen. Kann das nicht etwas feierliches an sich haben? Es geht hier um das Besiegtsein - um das Ende. Christus hängt am Kreuz und stirbt - die Jünger sitzen in ihren Verstecken und zittern, die Frauen wimmern, niemand rechnet zu diesem Zeitpunkt noch mit einem Wunder - geschweige denn mit einer Auferstehung. Der Glaube ist erschöpft. Es ist der Nullpunkt, und man kann es doch nicht wahrhaben, weil man Mensch und weil Hoffnung notwendig ist. Es ist auch das Fest der Verleugnung, der Verdrängung, des Wegsehens, des Umdeutens. Ein absurdes Theater. Die schmerzliche Wahrheit steht schon vor uns, doch wir sind unfähig sie zu erkennen, sie anzunehmen - wir sind traumatisiert. Wir laufen einfach weiter und tun so, als wäre nichts geschehen. Wir drehen uns um, wir wollen weiterschlafen, damit das böse Erwachen nicht kommt.
Macht das Sinn?
H.E.
Re: Requiem
Verfasst: 05.12.2004, 14:35
von Surjaninov
hej herbert
"die Gärung" ist ein sehr guter Titel. Besser zumindest als "die Blaupause", und besser als "Requiem".
"Gärung" klingt so schön blubernd dunkel, man weiss nicht was rauskommt am Ende.
Aber ist es Wirklich das Ende aller Töne, ist es so leise? Gut, der Krieg ist also verloren, aber den Menschen hatten sich nach und nach die AUgen geöffnet und sie versuchten durchzukommen. Dann war der Krieg durch und sie kamen durch in dem sie die ratternden lauten Maschinen des Aufbaus anschmissen.
Aber du hast Recht, das böse Erwachen kam vielleicht wirklich nicht - es war alles eher schleichend - vom Überleben des Selbst geprägt.
Ich möchte mich jedenfalls für "die Gärung" als Titel aussprechen.
lg
Surja