Hmhmhm. Hat mich interessanterweise als allererstes an die Novelle "Der brennende Mann" von Williams erinnert, obwohl da gar keine solche Szene vorkommt. Seltsam.
Im Sonnenuntergang, verlassen,
Mein Schwert steht angelehnt an kaltem Stein
Is das da wirklich ein dritter Fall? Hängt wahrscheinlich davon ab, ob dass angelehnt ein Zustandspassiv oder ein adverb ist. Keine Ahnung.
Mit Sonnenuntergang und Schwert ist eigentlich schon viel gesagt und viel bestimmt. Der Leser kann sich jetzt ungefähr vorstellen, worum es gehen wird. Dass er es mit einer Helms-Klamm-Szenarie zu tun bekommen wird, is noch nicht ganz sicher, aber zumindest schon mal angedeutet.
Rot fliesst das letzte Licht, verblassend,
Auf Stahl davon, die Nacht bricht ein
Das Bild ist schön, irgendwie. Ich weiß nicht: stört der unreine Reim verlassen-verblassend? Es gibt da Puristen, die sowas nicht mögen. Wieder keine Ahnung.
`s ist kalt hier auf den ehern‘ Wehren
soweit das Auge blickt steht Feind an Feind
Aha! Jetzt ist wirklich klar, worum's geht. Helms-Klamm-like eben.
wie eines dunklen Feldes böse Ähren
Das Bild mit dem Feld is stark (klingt nach Mutterkorn!

), weniger stark sind aber zwei Adjektive in einer Zeile.
ein Heer, das wie ein endlos‘ Meer erscheint
Der Binnenreim is gut, macht die Sache schön rhytmisch!
bald werden sich die schwarzen Wellen brechen
an uns’ren Toren, Türmen, hohen Wällen
Das "hohen" bremst irgendwie die ganze Zeile, vom Lesetempo her. Außerdem gibt "hoh" den Wällen ein bissl mehr stärke und nimmt damit den Wellen an Bedrohlichkeit.
wir werden aufstehen, uns im Voraus rächen
Da stimmt der Rhytmus nimmer ganz. aufstehen: -uu
wenn man auf aufsteh'n verkürzt, tät's schon helfen, aber ich weiß net, wie sehr das im deutschen sprachgebrauch bei euch üblich is.
doch für uns wird sich kein neuer Morgen hellen
Da is der Rhytmus ganz durcheinand. Weiß nicht, wenn man das "doch" weglässt? Weil dass, um dem Versmaß genüge zu tun, betont gesprochen werden müsste, das aber nicht will und in Konflikt mit seiner Reimpartnerzeile "an uns'ren Toren..." treten tät. Aber ohne das "doch" wird die bedeutung... hm.
kein Hoffen, denn der Feinde sind zu viele
Grammatikalisch heißt's (glaub ich) entweder "die Feinde sind zu viele" oder "der Feinde sind ES zu viele". Kann man auch "der Feinde sind zu viele" sagen? ?-(
kein Weg führt durch die Nacht ins Licht zurück
Wenn man's als "diese nacht überleben wir nicht, daher gibt es keinen Weg zum nächsten Morgenlicht", dann isses ok, aber aus dem Zusammenhang herausgenommen klingt's, ähm, *hüstel* esoterisch.
ein Narr, wer glaubte, daß er heut nicht fiele
Passt!
so bricht die letzte Hoffnung Stück für Stück
Ist mit dem "Hoffen" in der ersten Zeile der Strophe nach ein bissl zu viel, die Hoffnung.
Im Sonnenuntergang, verlassen,
steh’n wir auf hoher Wehr im letzten Schein
Brückenschlag zum Anfang, kommt sehr gut, weil mittlerweile die Stimmung viel gedrückter erscheint als noch zu beginn.
und wir, und was wir glauben, lieben, hassen
wird Vergangenheit am nächsten Morgen sein
Bei der letzten Zeile stimmt das Versmaß wieder nicht ganz, glaub ich?
uu-u-u-u-u-
Es sei denn, das "wird" ist betont? Dann tät's wieder mit dem
steh’n wir auf hoher Wehr im letzten Schein
nicht zusammen, wobei natürlich auch "steh'n" betont sein könnte, was dann aber --u-u-u-u- ergäbe... Spiegelbildlich quasi.
Fazit: auch wenn's ein oder zweimal
sehr haarnadelscharf am Pathos vorbeischrammt - was durchaus gewollt sein kann, es klingt fast wie eine Ballade - find ich's schön bedrohlich-düster schön.
Silly silence