Hallo Nadine!
Erst einmal Danke für deine Mail und deine Geduld. Ich habe dein Gedicht gelesen und eine Weile darüber nachgedacht. In deiner Mail schreibst du, einige Freunde und Bekannte hätten dir gesagt, es wäre gar nicht schlecht, was du so von dir gibst. Aber ich frage dich: was denkst du? Was hältst du von deinem Gedicht? Das würde mich mehr interessieren. Ich schreibe jetzt seit fast 10 Jahren Gedichte und habe festgestellt, dass Gedichte schreiben eine Tätigkeit ist, die danach verlangt, ständig an seinen Fähigkeiten zu arbeiten. Am Ende ist auch immer entscheidend, dass es einem selbst gefällt, was man „geboren hat“, dass man von sich sagen kann: ich habe mein Bestes gegeben! Oder: ich habe wieder dazugelernt! Dann ist man nicht mehr von dem Urteil anderer abhängig. Ich erinnere mich an einen Satz mit denen Reiner Kunze seinen Band „frühe gedichte“ einleitet: „Das Bedürfnis des dichters, nach außen hin etwas zu gelten, bricht in dem augenblick zusammen, in dem er begreift, was poesie ist.“ Ich muss häufig an diesen Satz denken ...
Jetzt aber zu deinem Gedicht! Du möchtest konstruktive Kritik? Die sollst du bekommen! Ich werde dir sagen, was ICH anders machen würde und warum. Gleich vorweg: dass ICH es anders machen würde, muss nicht bedeuten, dass ich von dir erwarte, dass DU es anders machen musst. Es muss auch nicht bedeuten, dass dein Gedicht schlecht ist. Es bedeutet nur: ich habe gewisse Vorstellungen, einen persönlichen Geschmack und eine eigene Meinung, die ich mit dir teilen möchte. Teilen aber heißt nicht: aufzwingen. Überprüfe für dich selbst, was ich sage, und schau, wovon du eventuell profitieren kannst, indem du es dir aneignest. – Also zu deinem Gedicht: es ist äußerst reflexiv und beschäftigt sich mit ernsten, tiefreichenden Gefühlen. Beides ist ehrenwert, aber für meinen Geschmack ist das Ganze doch etwas zu weitschweifig. Du benutzt sehr allgemeine und abstrakte Worte (Zweifel, Seele, Selbst, Vertrauen, Eifersucht, Wandel, Freundschaft, Freiheit). Das sind a.) vielleicht zu viele Themen auf einmal (allein zu einem dieser Worte könnte man wahrscheinlich hundert Gedichte schreiben, ohne das Thema zu erschöpfen), und b.) durch die Allgemeinheit, Vieldeutigkeit, Abstraktheit der benutzten Worte kann keine Stimmung entstehen. Es bleibt alles reflexiv: man erahnt, dass du bedeutungsvolles sagen willst, aber es wirkt nicht bedeutungsvoll. Verstehst du, was ich meine? Versuch doch mal ein Gedicht über Zweifel, über Freundschaft, über Vertrauen oder über Eifersucht zu schreiben, ohne das jeweilige Wort zu benutzen. Versuche zu erforschen (in dir!), was diese abstrakten Begriffe für dich (!) bedeuten und wie du das in eine konkretere, anschaulichere, stimmungsträchtigere Sprache, in deine (!) Sprache übertragen kannst! Finde deine eigene Sprache! Schau dir z. B. mal das Thema „Klopstock Gedichte“ im Forum „Club der toten Dichter“ an und das Gedicht das „Rosenband“. Dort ist auch von ernsten und tiefen Empfindungen die Rede, aber der Dichter bemüht sich eben das Ganze zu umschreiben, Atmosphäre entstehen zu lassen. Dort steht nicht so eine Banalität wie: Ich liebte sie über alles, aber trotzdem versucht er das zu sagen. Oder schau dir das Thema „Uneins“ in diesem Forum an: ich habe dort selbst einmal versucht mich einem einzigen (!) Thema zu widmen, versucht das Ganze immer wieder neu zu umkreisen und mit meinen eigenen Worten auszudrücken. Das ist gar nicht so leicht, aber man muss sich diesen Schwierigkeiten stellen. „Große Worte“ heißt es ganz passend in deinem Gedicht: aber übersieh mir nicht die „kleinen Worte“, liebe Nadine, denn sie sind es mit denen sich eine „Große Wirkung“ erzielen lässt. Gedichte schreiben bedeutet: spielen, meditieren, sich selbst erforschen, erinnern, Gedanken entwickeln und verwerfen. Man muss auch fähig sein, was einem als erstes in den Sinn kommt, zurückzuweisen, um einem besseren Ausdruck, einem passenderen Wort, einer originelleren Idee die Chance zu geben, ins Bewusstsein aufzusteigen.

gelbe grüße
