Hallo Khadija,
danke für deinen Mut.

Wir haben…
So. Damit Ham und Dirk aufhören dauernd zu drängeln.
…aus guten Gründen gedrängelt wie dieses Gedicht beweist.
Ich kann mich erinnern, dass du in Wien meintest das Gedicht sei vielleicht zu offensichtlich, darin könne also eines seiner Mängel liegen. Die Diskussion bei der Textwerkstatt ergab: Dem ist (zumindest für uns) nicht so. Meine erneute Reflexion über das Gedicht hat dasselbe ergeben – und gerade weil das so ist, ist das Gedicht sehr reizvoll. Ich finde an dem Text übrigens nicht ein Wort zu viel. Es ist nix Überflüssiges dabei wo sich in mir Widerstand regt, wo ich sagen würde: Streichen. Und es ist auch nicht so dass mir die Intention des Gedichtes ins Auge springt, eher habe ich zwei Interpretationsansätze (dazu später). Aber erstmal ein große Lob dafür dass deine Befürchtung bezüglich der Offensichtlichkeit nicht zutrifft. Ob das wirklich am Text liegt ist die Frage – es kann immer auch an den Kritikern liegen die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Allerdings würde ich hier sehr große Wetten darauf eingehen, dass auch Leser, die in der Lyrikinterpretation relativ erfahren sind, nach der Lektüre dieses Gedichtes nicht sagen würden: „Damit will uns die Autorin X sagen und das sagt sie leider viel zu offensichtlich“ – eine Annahme, die mein Lob noch einmal unterstreicht.
Nun zum Gedicht selbst:
[ohne Titel]
Schade eigentlich. Gerade ein Titel hätte hier bei der Interpretation den Lesern sehr viel helfen können. Gut, du gingst von anderen Vorraussetzungen aus (Stichwort Offensichtlichkeit), aber ich finde es grundsätzlich schön wenn das Baby einen Namen hat, möglichst keinen so offensichtlichen Namen, der noch mindestens eine zweite Ebene hat und selber im Blickpunkt der Interpretation stehen kann – aber eben einen Namen. Würde mich freuen, wenn du es noch nachbetitelst.
Als ich das Gedicht das erste Mal hörte war mir nicht klar wo sich das LI befindet. Befindet es sich in der Plastiktüte oder erzählt es von außen etwas über den Vorgang? Rike machte dann eine Anmerkung bezüglich des Zeilensprungs, die glaube ich ein bisschen unterging und – wenn ich sie noch richtig erinnerte – darauf abzielte dass der Zeilensprung nur so Sinn macht wenn sich das LI in der Tüte befindet. Denn…
Eingeschlossen in einer Plastiktüte
Colaflaschen Aschenbecher verzerrt – draußen
Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
…der Zeilensprung scheint auf die Sicht des LI`s aus der Tüte nach draußen hinzuweisen. So nach dem Motto Draußen…passiert dies und das wie ich euch aus der Tüte heraus erzählen kann. Dem stimme ich zu, für mich befindet sich das LI in der Tüte – ich habe nicht mehr im Kopf ob wir das so bei der Diskussion festgehalten haben. Wenn ich diese Interpretation konsequent durchhalte, dann beschreibt das LI in der zweiten Strophe zunächst…
Colaflaschen Aschenbecher verzerrt
Den Zustand innerhalb der Tüte. Das Bild mit den Colaflaschen und Aschenbechern löst bei mir negative Assoziationen aus, so was wie Rumgammeln, wie „Sich-gehen-lassen“, das sorgt bei mir für Entfremdung. Die Colafalschen alleine täten das nicht, verbunden mit den Aschenbechern jedoch ist es so. Das da irgendwas nicht stimmen kann und das Bild auch eher ins Negative tendiert zeigt das Wort „verzerrt“. Allerdings bin ich mir da über die Bedeutung völlig im Unklaren. Verzerrt ist natürlich der Blick aus der Tüte – aber was hat die Beschreibung des Zustandes innerhalb der Tüte mit Verzerrung zu tun? Das ist einer der Punkte an denen ich nicht weiter komme. Gehe ich an diesem Punkt von meiner Interpretation ab und sage hier wird schon von Beginn der zweiten Zeile an die Situation außerhalb der Tüte beschrieben, dann passt das zwar für die ersten drei Wörter – aber warum dann per Bindestrich und Zeilensprung das „draußen“ so deutlich hervorheben? Hier also, wie gesagt, kriege ich Probleme mit der Interpretation.
Die Zeilen 3-6 finde ich bis auf einen kleinen Kritikpunkt äußerst gut:
Gesichter, nur vom Pinsel hingeworfene Farbtupfer
Münder bewegen sich, in einen Stummfilm versetzt
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren
Die Wände steril, Zahnarztpraxisgeruch
Das ist meine Lieblingspassage in dem Gedicht. Diese fragmentarische Außenwelt, die nur bruchstückhaft dargestellt wird, ist dir sehr gut gelungen. Und die Art dieser bruchstückhaften Darstellung sorgt bei mir dafür dass ich diese Außenwelt instinktiv ablehne und mich sofort mit dem LI identifiziere, mit ihm fühle. Das hast du in 4 Zeilen hinbekommen und das ist hohe Kunst. So viel Identifikation geschaffen mit so wenig Aufwand – Respekt.
Zum Kritikpunkt…
Töne brechen sich an der Tüte, ziehen schwarze Schlieren
Vielleicht bin ich was Töne angeht nicht so bewandert, aber wie können Töne schwarze Schlieren ziehen? Schwatze Schlieren sind für mich etwas Sichtbares, etwas, dass auf eine Eintrübung der Wahrnehmung hindeutet – diese aber wird ja gleich im Schlussabschnitt in der ersten Zeile geschildert. Irgendwie geht das Bild nicht auf – die Gesichter, die Münder, den Stummfilm, die gedämpften Laute die in die Tüte kommen, die sterilen Wände und den Zahnarztpraxisgeruch – alles kann ich mir vorstellen, nur die schwarzen Schlieren die die Töne ziehen nicht.
Der Schluss:
Die Welt wird zum Wasserfarbenglas,
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.
An den Wasserfarben hatte ich mich ja erst gestoßen – zu positiv dieses Bild für das Gedicht. Aber ein Wasserfarbenglas, in dem sich alles vermischt ist natürlich nachher schmutzig – und weist auf die Eintrübung der Wahrnehmung des LI hin. Irgendwie ist diese erste Zeile für mich auch so etwas wie eine Rekapitulation des ersten Abschnittes in Kurzform: Die Wahrnehmung der Außenwelt durch das LI wird trüber und trüber – was dort ja in zahlreichen Bildern beschrieben wird.
Sehr schön dann die Verbindung „Ausguss-Aufprall“ – von Tolya bereits zurecht bei der Textwerkstatt gelobt.
Aber insgesamt, was will uns dieses Ende, was will uns dieses Gedicht im Gesamten sagen. Ich habe, wie gesagt, zwei Interpretationsansätze. Der erste Interpretationsansatz ist Einer, den ich erst bei der erneuten Reflexion hatte und diesen nenne ich auch zuerst:
1) Es könnte sein das das LI ein Tier ist. So lässt sich das Gedicht auf jeden Fall lesen – und zwar ohne große logische Lücken. In diesem Fall würde konkret beschrieben was das tierische LI wahr nimmt. Es ist – was bei einem Tier möglich aber bei einem Menschen praktisch unmöglich ist – in einer Plastiktüte eingeschlossen in der sich auch Colaflaschen und Aschenbecher befinden (kleines Problem: Aschenbecher in der Plastiktüte?). Die Wahrnehmung des tierischen LI (meinetwegen einer Fliege) ist generell im Verhältnis zu menschlichen Objekten „verzerrt“ – und natürlich auch beim Blick nach draußen aus der Tüte. Während es versucht aus der Tüte zu entkommen (weiteres Problem: dieser Versuch wird nicht geschildert, aber zwingend muss er das auch nicht) verschwimmt auf Grund der Luftknappheit die Wahrnehmung des tierischen LI mehr und mehr. Die eh schon verzerrte Welt wird zum „Wasserfarbenglas“.
Na ja, und Tiere die sich in irgendein Objekt hineinmanövrieren, aus dem sie nicht mehr herauskommen, die sterben relativ schnell an Luftknappheit. Was machen viele Menschen, wenn sie ein solches Tier finden? Sie klauben es mit irgendeinem Hilfsgerät auf und spülen es in den Ausguss. Dort prallt es sozusagen noch ein letztes Mal auf, denn – somit wären die letzten drei Worte als Gesamtfazit zu betrachten – es starb an „zu wenig Luft“.
Soweit Variante Nummer 1, hat irgendwie was, finde ich. Auch wenn das nicht so intendiert war – und wenn Gedichte so viel hergeben ohne große logische Verrenkungen machen zu müssen zeigt das ihre Qualität.
Variante Nummer 2 geht davon aus, wovon wir alle bei der Textwerkstatt ausgingen…
2) ...das LI ist menschlich. Da sich ein Mensch nur sehr schwer selbst in eine Plastiktüte wird einschließen können ist das Gedicht nun im übertragenen Sinne zu deuten. Es geht nicht um die Beschreibung einer konkreten Handlungssituation, wenngleich die verwendeten Bilder sehr realistisch wirken. Illustriert werden soll die Abschottung eines LI von seiner Außenwelt. Es gibt ein Drinnen (Welt des LI) und ein Draußen (Außenwelt). Beide Welten sind – stärker als es „normal“ der Fall ist - voneinander getrennt. Warum dies so ist, darüber erfahren wir als Leser nichts. Die Wahrnehmung des LI trübt sich immer mehr ein auf Grund der Grenze zwischen seiner eigenen Welt und der Außenwelt. Es kann oder will sich nicht aus seiner kleinen Welt lösen und in die Außenwelt hinaustreten. Diese Außenwelt erscheint auch ganz und gar kein erstrebenswerter, lebenswerter Ort zu sein. Dies kann so sein weil das LI die Außenwelt verzerrt wahrnimmt oder aber, weil es tatsächlich so ist. Erstere Variante würde ich hier bevorzugen. Schließlich trübt sich die Wahrnehmung der Außenwelt für das LI soweit ein, dass es nichts mehr erkennen kann („Wasserfarbenglas“). Der Kontakt zur Außenwelt reißt somit ab, da alles eine trübe Mischung geworden ist. Nun teilen sich die Wege meiner Interpretation ein bisschen. Die letzten zwei Zeilen…
ab in den Ausguss
Aufprall. Zu wenig Luft.
…interpretiere ich auf zwei ähnliche Weisen mit leichten Unterschieden. Entweder…
das ganze ist ein Fortlauf. Die eingetrübte Wahrnehmung landet eben im Ausguss, sprich es kann kein Kontakt mehr zwischen Innen- und Außenwelt hergestellt werden und das LI prallt sozusagen an dieser Realität auf, erwacht vielleicht aus einer Hoffnung. Es hat aber „zu wenig Luft“ und stellt fest so nicht weiter existieren zu können. Den Rest können wir uns denken und das Ganze wäre dann ein trauriges Ende für unser LI
Oder aber…
Das „ab in den Ausguss“ wird als versuchter Aufbruch des LI interpretiert. Das LI ist nicht passiv wie in Interpretation 1, sondern es versucht noch einmal sich aufzuraffen, versucht einen Kontakt zur Außenwelt herzustellen – aber es prallt an der Realität auf, erwacht vielleicht….und hier geht das Ganze wieder zu Variante 1 zurück.
Insgesamt ein klasse Gedicht und ich hoffe das Gedicht und diese bescheidene Vorlage bieten noch viel Gesprächsstoff. Das Gedicht und die Autorin haben es allemal verdient.
Liebe Grüße,
Ham