Hallo Edekire,
das ist eins deiner Gedichte, die mir auf den ersten Blick gefallen und auf den zweiten und dritten Blick immer noch standhalten.
Ich versuch mich mal an einer kleinen Interpretation:
die angst vor den schlangen
an kalten bahnhöfen
wo der regen gefriert
Angst vor den Schlangen? Dies wird erst in den nächsten Strophen klar werden: Die kalten Schlangen sind die Schienen, die durch den Bahnhof laufen. Das Gedicht spielt zur Winterzeit in einem Bahnhof, wo sich zwei Frauen begegnen, die (so scheint es mir) einander fremd sind. Der Bahnhof, die Kulisse des Gedichtes, wirkt sehr kalt, winterlich, irgendwie bedrohlich und tödlich. Deine Bilder prägen sich mir als Leser sofort ein.
einfuhr, sie weicht
hinter die linie zurück
verkrallt sich in der luft
damit die schlangen nicht beißen
Die eine Frau, das eine Mädchen hat Angst. Angst vor den Schlangen, die eigentlich Schienen sind. Irgendwie erinnert mich das alles ein bisschen an "Anna Karenina" und ich habe fast den Verdacht, die erste Sie in diesem Gedicht könnte eine Art Selbstmörderin sein, anders kann ich mir ihre Angst kaum erklären. Interessant an diesem Gedicht ist, dass eigentlich leblose Dinge, plötzlich lebendig zu werden scheinen: Kalte, in der Sonne gleißende Schienen werden zu Schlangen, die zubeißen können und Loks werden zu "Zugtieren". Gleichzeitig besteht ein großer Kontrast bzw. Antagonismus zwischen Mensch und Ding in diesem Gedicht - wie soll ich das sagen? Der Mensch in diesem Gedicht wirkt klein und verletztlich gegenüber den lebensfeindlichen, gefährlichen und todbringenden Maschinen. Er wirkt irgendwie ausgeliefert.
an kalten bahnhöfen
mit stachelkranztaubentötern
über der uhr
Stilistisch schön, die Wiederholung aus der ersten Strophe. Wäre vielleicht schön gewesen, wenn dieses "an kalten bahnhöfen" am Ende des Gedichtes nochmals wiederkehrt. Auch die Stachelkranztaubentöter passen wieder in das Gesamtbild der lebensfeindlichen Umgebung. Alles sehr stimmig für mich.
sie, im zug, da sind
die schlangen gebannt
unter den hufen des zugtiers,
Die zweite Sie taucht auf. Vielleicht fährt sie gerade ein, während die andere im Bahnhof auf einen anderen Zug (den "Gegenzug") wartet.
auswärtsblicke
Ist mir nicht ganz klar.
im fensterspiegel geht
ein mädchen den gang hinab
durch fenster: der gegenzug
Okay, hier haben wir verschiedenen Perspektiven: Das Mädchen im Zug spiegelt sich, wie es den Gang hinabgeht, in den Fenstern des Zuges. Gleichzeitig sieht man durch diese Fenster den Bahnhof und den anderen Zug, der evt. gerade einfährt, der andere Zug, auf den das andere Mädchen gewartet hat.
beißende schlangen ohne giftzahn
für das mädchen im gang
starrt sie, wie das bild erzittert
giftrausch, der wunsch
Das ist der Teil des Gedichtes, der für mich am Unklarsten ist. Für das zweite Mädchen (das im Zug) sind die Schlangen keine Bedrohung, weil sie unter das "Zugtier" gebannt sind. Ist sie es, die hier den Wunsch nach Gift und Rausch verspürt? Die Fragen, die sich mir am Ende stellen, sind: Welcher Giftrausch ist hier gemeint? Möglicherweise die Angst, welche das erste Mädchen auf dem Bahnsteig empfindet? Der Giftrausch könnte eine Art Paranoia oder Wahnvorstellung sein (oder ein schlechter LSD-Trip?). Vielleicht kann das Mädchen im Zug diese Irrationalität der Angst nicht nachempfinden und bedauert dies auf irgendeine Art und Weise? Vielleicht sind für sie die Dinge einfach nur Dinge, vom Menschen erschaffene Gegenstände mit einem praktischen Nutzen, aber nicht weiter interessant oder bedrohlich. Vor allem nicht: lebendig. Welche Frau am Ende des Gedichtes ist es, die sieht, "wie das Bild erzittert". Vielleicht die zweite und das erzitternde Bild ist wiederum die Scheibe des anhaltenden Zuges? Macht das Sinn? Vielleicht ist es aber auch eine Metapher für die gesunde Psyche, die hinter den Gesetzen, Filtern und Regelmäßigkeiten der "normalen" Wahrnehmung die Monstrositäten des Pathologischen erahnen kann und es ist ein Mix aus Faszination und Furcht, die es befällt und Erschauern (und metaphorisch ihr Weltbild Erzittern) macht? Ich bewege mich sehr weit im Raum des Spekulativen.
Vielleicht hat jemand anderes noch eine Idee.
MfG,
[) i r k