Scherben und Splitter

Du schreibst Gedichte? Laß sie nicht in einer Schublade verschimmeln! Menschenbeifall wirst Du hier finden, aber auch Kritik und Rat.
gelbsucht
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Scherben und Splitter

Beitragvon gelbsucht » 09.02.2006, 14:39

DER TROLL

kann nicht leben, kann nicht sterben,
in den bergen haust so ein zwitter:
alles nur scherben und splitter.

kratzt im fels und spielt seine zither,
lässt das fell vom mondlicht sich gerben:
überall splitter und scherben.

inwendig die grate und kerben,
in den schlünden brauen gewitter:
alles nur scherben und splitter.

waberwände, schwarz und verknittert,
grausen und grollen will ihn verderben:
überall splitter und scherben.

doch er schmeckt den regen, den herben,
schmeckt die luft, elektrisch und bitter:
alles nur scherben und splitter.

sollen blitze und neurotransmitter
finsternisse katzengold färben:
überall splitter und scherben.

worte frisst er, kaut auf den verben,
teilt die welt in claims und in gitter,
alles nur scherben und splitter.

wächst aus seinem fleisch noch ein dritter,
der will himmel und erde erwerben:
überall splitter und scherben.

feldspat und humus darf er beerben,
lauschend dem gras und dem schnitter:
alles nur scherben und splitter.
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Hieranonuemus
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon Hieranonuemus » 24.02.2006, 23:17

Hey, das ist ein richtig tolles Gedicht, vor allem formal, ich ziehe meinen Hut vor Dir. Trotzdem ein paar Anmerkungen zum Rhythmus.

1 Strophe: "in den Bergen haust so ein Zwitter"; "haust" und "so" lesen sich wie zwei Betonungen nebeneinander. Oder mir kommt vor, es ist nicht ganz klar, auf welchem der Worte die Betonung liegt.

Strophe 5, erste Zeile: "den Regen, den herben" klingt mir zu sehr nach nachgereichter Erklärung. Wenn Du´s umstellst, ändert sich die Sache, glaub ich, insofern, als dass "herb" zu einem Attribut von Regen wird und nicht bloss eine weitere Umschreibung des Regens ist.

Strophe 6, Zweile 2: "katzengold färben", warum nicht "verfärben"?; das würde gut (besser?) korrespondieren mit "erwerben" und "beerben" in den nächsten Strophen.

Die letzten zwei Verse sind absolut Gold wert.

Beste Grüsse, Norbert
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Silentium
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon Silentium » 25.02.2006, 16:55

Melde höflichst (und kurz): gefällt außerordentlichst! Nur über
grausen und grollen will ihn verderben
bin ich beim vierten Mal lesen auch noch gestolpert. Weiß nicht genau warum, aber es klingt ein bisserl... komisch. Und ich weiß noch nicht genau, wer der dritte ist, aber das find ich noch raus. Die Scherbensplitterwiederholungen sind großartig.
I would go to the Dark Side in a heartbeat if I thought they had better dialog over there.
- Ursula Vernon

gelbsucht
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon gelbsucht » 25.02.2006, 18:52

@Hieranonümus

Vielen Dank, Norbert, dieses Lob aus deinem Mund bedeutet mir sehr viel und freut mich, freut mich, freut mich. :-)

Habe mir übrigens deine "Rauhfasern" zugelegt und darf sagen, dass ich sehr angetan bin. :ja:
1 Strophe: "in den Bergen haust so ein Zwitter"; "haust" und "so" lesen sich wie zwei Betonungen nebeneinander. Oder mir kommt vor, es ist nicht ganz klar, auf welchem der Worte die Betonung liegt.

Ja, hier hast du wohl Recht, das ist wirklich eine Holperstelle. War mir auch schon ins Auge gesprungen, hab aber noch keine bessere Lösung gefunden.
Strophe 5, erste Zeile: "den Regen, den herben" klingt mir zu sehr nach nachgereichter Erklärung. Wenn Du´s umstellst, ändert sich die Sache, glaub ich, insofern, als dass "herb" zu einem Attribut von Regen wird und nicht bloss eine weitere Umschreibung des Regens ist.

Das "herb" ist ein Attribut zu Regen, ein nachgestelltes!? Weiß nicht, die Stelle finde ich eigentlich i.O. so wie sie ist.
Strophe 6, Zweile 2: "katzengold färben", warum nicht "verfärben"?; das würde gut (besser?) korrespondieren mit "erwerben" und "beerben" in den nächsten Strophen.

Warum nicht "verfärben"? Wegen dem Rhytmus. Ursprünglich stand da sogar "verfärben", aber das klingt nicht. Da gingen mir in dieser Zeile die zwei Unbetonten verloren.


@Silence

Auch dir mein aufrichtiger Dank: :thanx:
Nur über
grausen und grollen will ihn verderben

bin ich beim vierten Mal lesen auch noch gestolpert. Weiß nicht genau warum, aber es klingt ein bisserl... komisch.

Ja, da gebe ich auch dir Recht, diese Stelle ist wirklich noch nicht so, wie sie sein könnte. Ich hab hier wohl zu zwanghaft nach einer Alliteration zu "grollen" gesucht. Ich denke noch mal drüber nach.


Ich bin gerade dabei, diesen Text zu vertonen. Also das Liedchen existiert weitestgehend schon, aber ich brauch noch ein paar Tage, es anständig einzuspielen.

Liebe Grüße. :-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)

Hieranonuemus
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon Hieranonuemus » 26.02.2006, 13:06

Recht schönen Dank für Dein Lob. Dabei gehts hier gerade um Dein Gedicht. "den Regen, den herben", macht sich klanglich so ein wenig altbacken aus, finde ich. Dass es sich reimt finde ich gut, aber der Wechsel von dem starkklingenden "R" zum mehr gehauchten "h" lässt den Teil des Verses zum Ende hin auslaufen.

"Auslaufen" ist auch so ein Wort nicht?

Dann eben ausklingen.

Beste Grüsse, Norbert
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Fitnat
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon Fitnat » 06.03.2006, 15:52


freut mich, freut mich, freut mich. :-)



Du hast auch sehr viel Grund dafür den für dieses Gedicht sollte meine meinung nach der Gesamtmannschaft von O livro vor Dir den Hut abnehmen.

:-)

Bravo!
Wenn ich mein Schatten auf dem Asphalt sehe,
denke ich, "Du Armer Poet, bist schon wieder auf dem Boden!"

F.A. "Tanz des Todes"

gelbsucht
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Re: Scherben und Splitter

Beitragvon gelbsucht » 22.03.2006, 18:35

Guck mal:

Señor Amarillo presentado

Hab ich ganz allein gemacht. B-)
"Ein Kluger bemerkt alles - ein Dummer macht über alles eine Bemerkung." (Heinrich Heine)


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