Hallo XL,
mit diesem Gedicht habe ich ein paar Probleme, nicht, weil es schlecht geschrieben wäre, sondern weil ich über den Gegenstand anders denke. Diametral entgegengesetzt.
Wie eilig sie es hat,
die Zeit
Hier beginnt bereits der Irrtum, die Zeit kennt weder Eile, noch Weile. Es ist vielmehr unsere Einstellung zu den Dingen, die bestimmt, wie subjetiv schnell oder langsam wir die Zeit wahrnehmen. Kurzweilig kommt uns die Zeit vor, wenn wir viel zu tun haben, wenn wir uns die Zeit mit vielen Tätigkeiten und Vergnügungen zerstreuen.
will schnell an uns
sich vergehen.
Zeit
handelt nicht, Zeit fügt uns kein Leid zu, Zeit vergeht (sich) nicht. Eher noch vergeht sich der Mensch an der Zeit, indem er sie nicht oder nicht sinnvoll auszufüllen weiß.
Lyrik beginnt nicht im Naheliegenden, sondern nimmt das Naheliegende als Ausgangspunkt und geht einen Schritt darüber hinaus, sucht das Unalltägliche im Alltäglichen, das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen: Man sagt, Zeit vergeht. Insofern ist dein Wortspiel "vergehen -> sich an etwas/jemand vergehen" schon eine gute Methode. Aber auch der Dichter ist der Wahrheit verpflichtet und trotz der Verliebtheit in das Spiel mit der Sprache darf es nicht zum Selbstzweck werden. Ein Reim, ein Wortspiel, eine Metapher sind keine Garanten für die Folgerichtigkeit unserer Gedanken.
Das hier habe ich für dich gefunden:
Gottfried KellerDie Zeit geht nicht
Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.
Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.
Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.
Es ist ein weisses Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.
...
Beständig schürt sie
unser Leid
Denk mal darüber nach: Was schürt dein Leid? Was verursacht Schmerzen? Die Aussage, dass wir der Anschauungsform "Raum" unser ganzes Glück zu verdanken hätten, wäre mindestens ebenso absurd.
und niemals bleibt
sie stehen.
Es gibt viele Metaphern für die Zeit: sie geht, sie fließt, sie bleibt nicht stehen etc. Wenn man sich ein wenig "Zeit nimmt" und etwas darüber nachdenkt, kommt man schnell dahinter, wie inadäquat diese Metaphern zur Beschreibung der Beschaffenheit der Zeit in Wirklichkeit sind. Denn die Zeit ist weder ein Fußgänger, noch ist sie flüssig.
Außerdem charakterisierst du die Zeit auf eine Art und Weise, die ich als sehr einseitig empfinde, weil sie nur auf das Vergehen und das dadurch verursachte Leid abhebt. Ich muss sagen, ich stelle mir eine Welt viel schrecklicher vor, in der es keine lineare Zeit gäbe, in der mein Morgen mein Gestern ist und es keinen gegenwärtigen Augenblick gibt. Ich könnte mich weder auf etwas freuen, noch einer glücklichen Erinnerung nachhängen. Ich glaube, die eigentliche Angst, der eigentliche Schrecken, der sich hier - in deinem Gedicht - auf die schuldlose Zeit projiziert, ist die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Die Zeit vergeht nicht, aber wir. Von daher ist die letzte Zeile deines Gedichtes ...
und deine Zeit ist aus.
... auch diejenige, die mir am besten gefällt.
Das Reimschema und die Verknüpfung der ersten beiden Strophen gefällt mir. Aber, wenn du reimst, solltest du dich unbedingt auch um einen etwas gleichmäßigeren Rhythmus deines Gedichtes bemühen, damit sich der Klang der Reime auch richtig entfalten kann.
MfG,
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