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Zeitansage

Verfasst: 27.05.2006, 05:32
von XL
Wie eilig sie es hat,
die Zeit
will schnell an uns
sich vergehen.

Beständig schürt sie
unser Leid
und niemals bleibt
sie stehen.

Zeit unseres Lebens
und drüber hinaus
auch wenn nicht eine Uhr tickt,
die Zeit fällt nie aus.

Du versteckst dich vergebens
Zeit wohnt in jedem Haus
jetzt hat sie dich erblickt
und deine Zeit ist aus.

Re: Zeitansage

Verfasst: 31.05.2006, 02:25
von [) i r k
Hallo XL,

mit diesem Gedicht habe ich ein paar Probleme, nicht, weil es schlecht geschrieben wäre, sondern weil ich über den Gegenstand anders denke. Diametral entgegengesetzt.

Wie eilig sie es hat,
die Zeit

Hier beginnt bereits der Irrtum, die Zeit kennt weder Eile, noch Weile. Es ist vielmehr unsere Einstellung zu den Dingen, die bestimmt, wie subjetiv schnell oder langsam wir die Zeit wahrnehmen. Kurzweilig kommt uns die Zeit vor, wenn wir viel zu tun haben, wenn wir uns die Zeit mit vielen Tätigkeiten und Vergnügungen zerstreuen.
will schnell an uns
sich vergehen.

Zeit handelt nicht, Zeit fügt uns kein Leid zu, Zeit vergeht (sich) nicht. Eher noch vergeht sich der Mensch an der Zeit, indem er sie nicht oder nicht sinnvoll auszufüllen weiß.

Lyrik beginnt nicht im Naheliegenden, sondern nimmt das Naheliegende als Ausgangspunkt und geht einen Schritt darüber hinaus, sucht das Unalltägliche im Alltäglichen, das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen: Man sagt, Zeit vergeht. Insofern ist dein Wortspiel "vergehen -> sich an etwas/jemand vergehen" schon eine gute Methode. Aber auch der Dichter ist der Wahrheit verpflichtet und trotz der Verliebtheit in das Spiel mit der Sprache darf es nicht zum Selbstzweck werden. Ein Reim, ein Wortspiel, eine Metapher sind keine Garanten für die Folgerichtigkeit unserer Gedanken.

Das hier habe ich für dich gefunden:

Gottfried Keller
Die Zeit geht nicht

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weisses Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

...
Beständig schürt sie
unser Leid

Denk mal darüber nach: Was schürt dein Leid? Was verursacht Schmerzen? Die Aussage, dass wir der Anschauungsform "Raum" unser ganzes Glück zu verdanken hätten, wäre mindestens ebenso absurd.
und niemals bleibt
sie stehen.

Es gibt viele Metaphern für die Zeit: sie geht, sie fließt, sie bleibt nicht stehen etc. Wenn man sich ein wenig "Zeit nimmt" und etwas darüber nachdenkt, kommt man schnell dahinter, wie inadäquat diese Metaphern zur Beschreibung der Beschaffenheit der Zeit in Wirklichkeit sind. Denn die Zeit ist weder ein Fußgänger, noch ist sie flüssig.

Außerdem charakterisierst du die Zeit auf eine Art und Weise, die ich als sehr einseitig empfinde, weil sie nur auf das Vergehen und das dadurch verursachte Leid abhebt. Ich muss sagen, ich stelle mir eine Welt viel schrecklicher vor, in der es keine lineare Zeit gäbe, in der mein Morgen mein Gestern ist und es keinen gegenwärtigen Augenblick gibt. Ich könnte mich weder auf etwas freuen, noch einer glücklichen Erinnerung nachhängen. Ich glaube, die eigentliche Angst, der eigentliche Schrecken, der sich hier - in deinem Gedicht - auf die schuldlose Zeit projiziert, ist die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Die Zeit vergeht nicht, aber wir. Von daher ist die letzte Zeile deines Gedichtes ...
und deine Zeit ist aus.

... auch diejenige, die mir am besten gefällt. :-)

Das Reimschema und die Verknüpfung der ersten beiden Strophen gefällt mir. Aber, wenn du reimst, solltest du dich unbedingt auch um einen etwas gleichmäßigeren Rhythmus deines Gedichtes bemühen, damit sich der Klang der Reime auch richtig entfalten kann.

MfG,
[) i r k

Re: Zeitansage

Verfasst: 31.05.2006, 18:04
von Tuesday
Hallo!
Ich will mal nichts zum Gedicht sagen - besonders da ich weitgehend mit Dirks Auffassung übereinstimme -, aber einen Punkt möchte ich nicht unkommentiert lassen:
Ich muss sagen, ich stelle mir eine Welt viel schrecklicher vor, in der es keine lineare Zeit gäbe, in der mein Morgen mein Gestern ist und es keinen gegenwärtigen Augenblick gibt.

So schlimm ist eine solche Welt nun auch nicht! Sie existiert und das parallel zu unserer. Es gibt Kulturen, die eine zyklische Zeitvorstellung haben. Die Zeit vergeht in kleineren und größeren Kreisen. Um es platt auszudrücken, sind das überwiegend die Kulturen, die von Menschen mit linearem Zeitverständnis als chronisch unpünktlich charakterisiert /stereotypisiert (gibt es das Wort?) werden. Ich persönlich finde dieses Konzept ziemlich reizvoll, was sich nicht zuletzt in meiner Vorliebe für Dienstage zeigt, denn auch dem Konzept der Woche liegt letztendlich eine zyklische Vorstellung zu Grunde. Dienstage kommen regelmäßig wieder, nämlich gemäß des Zyklus. Im linearen Verständnis hätte ich mich auf einen bestimmten, nicht wiederkehrenden/wiederholbaren (bspw. den 30.5.2006) festlegen müssen. Ich finde auch nicht, dass diese Vorstellung von Zeit den gegenwertigen Augenblick nichtig macht. Er wird nur anders charakterisiert, nämlich als irgendwann (je nach Zyklus früher oder später) wiederholbar.
So, das als nicht-Gedicht-inspierter Kommentar von mir!
Genießt die Zeit :-)
Tuesday

Re: Zeitansage

Verfasst: 01.06.2006, 01:42
von XL
Hallo zusammen! Also zunächst möchte ich sagen, dass es mir unheimlich schwer fällt über meine Gedichte zu sprechen.Besonders schwer fällt es mir, wenn ich interpretatorisch die Worte beleuchten soll,die ich da geschrieben habe.Ich will eigentlich, mit dem was ich schreibe sehr klar einen Moment, ein Gefühl, das ich habe, oder auch das jemand anders empfinden könnte,ausdrücken.Letzteres, ist in dieser Antwort von entscheidender Bedeutung.

In diesem Gedicht schreibe ich nicht explizit über meine Ansicht zur Zeit, im Gegenteil, ich schreibe über die Zeit aus der Sicht von jemandem der leidet. Er leidet an seinem Leben und daran, dass die Zeit, aus seiner Sicht zu schnell vergeht. Sie vergeht zu schnell, als dass das Leben neben all dem Stress und dem Leid das er empfindet, noch Stunden für Ruhe und Glück bergen könnte.Sie vergeht zu schnell um Zeit zu lassen Probleme zu lösen und sich selbst zu finden.
Und in diesem letzten Punkt vermischt sich dann sicherlich meine Erfahrung, Meinung, Einstellung mit der im Gedicht präsentierten! Aus Sicht mancher, inklusive mir, hat die Zeit es nunmal eilig, denn warum sonst hängen wir an unseren Erinnerungen, an Dokumenten vergangener, vielleicht eben viel zu schnell vergangener Zeiten?Ich bin jetzt erst 23, doch auch ich habe das Gefühl, dass die Zeit bis hierher sehr schnell vergangen ist.
Und das mit dem vermeintlichen Wortspiel siehst du gar nicht so verkehrt:Es liegt Nahe dieses Wortspiel, also "Zeit vergeht", zu nutzen um zu sagen die Zeit vergeht sich an uns. Das mag aus deiner Sicht nicht ganz folgerichtig klingen, aber aus der Sicht eines Menschen, der Probleme hat oder nicht lösen kann, weil aus seiner Sicht die Zeit zu schnell vorübergeht, so kann dieser jemand es durchaus so empfinden, als ob die Zeit sozusagen sein Leid befördert.Also vergeht sie sich aus seiner Sicht an ihm.

Und noch was: Natürlich ist meine Charakterisierung der Zeit in diesem Gedicht sehr einseitig, sie wird ja auch aus der Sicht eines bestimmten fiktiven Protagonisten beschrieben, sie spiegelt ein Gefühl in einem bestimmten Menschen in einem bestimmten Moment wieder. Nenn es einen Moment des Selbstmitleides, der subjektiv beeinflussten Reflexion über ein hartes, schnelles, hektisches Leben.

Und ja, vielleicht ist die mitschwingende Angst, dieses Vorschieben der Zeit, als Grund dafür, das Probleme immer noch ungelöst sind, vielleicht ist dies die eigene Vergänglichkeit, vor der sich jemand fürchtet, vielleicht will er sich aber auch nicht eingestehen, dass er die Schuld trägt an den ungelösten Problemen, die seinen Weg säumen und schiebt es deshalb auf die "viel zu kurze" Zeit.

Ein letzter Satz noch zu deiner Aussage bezüglich meines Reimschemas und meines Rhythmus`.Wenn du etwas genauer hinschaust, wirst du sicherlich sehen, das die ersten vier Zeilen denselben Rhythmus haben wie die zweiten vier.Ebenso verhält es sich mit der dritten und der vierten Strophe. Selbst wenn dies bei manchen meiner Gedichte nicht durchgängig der Fall ist, so kann man sie doch immer sehr melodiös und rhythmisch sprechen.

Als letzes möchte ich zu meinen Gedichten noch einige grundsätzliche Sachen loswerden.Ich schreibe oft sehr unbewußt, d.h. in etwa, dass ich mich oft, wenn ich das Schreiben beendet habe und das fertige Gedicht lese, wundere, wie ich auf einen dort verschriftlichten Gedanken gekommen bin, ob ich das gefühlt habe, wo es herkommt. Ich möchte daher alle, nicht nur dich [) i r k, darum bitten beim Lesen nicht zu denken dass das zwangsweise meine Sicht der Dinge ist. Natürlich schwingt die, wenn auch oft unbewußt, immer mit, aber das ist ja auch ok so.Nur finde ich nicht, dass es ungewöhnlich sei, dass in einem Gedicht nur eine einseitige Sicht der Dinge beschrieben wird.Wie jeder hat auch ein fiktiver Sprecher eine sehr spezifische und individuelle Meinung zu einem Thema. Was mein Sprecher denkt steht im Gedicht. Für ihn ist das sehr logisch.
Ein letzter allgemeiner Hinweis: Meine Gedichte sind nicht nur das was da steht, sondern vor allem das was eure Phantasie daraus macht, wie sie sie liest und schon deshalb muss man sie mit viel Phantasie lesen und interpretieren.
So, ich habe noch nie in meinem Leben einen so langen Kommentar geschrieben und hoffe es war einigermaßen aufschlussreich.Wenn nicht, müsst ihr es weiter so interpretieren wie es euch lieb ist. Ja, ihr dürft auch nix mit meinen Gedichten anzufangen wissen.Allen alles Gute der Welt, Alex

Re: Zeitansage

Verfasst: 03.06.2006, 11:09
von razorback
Nee, XL, so kommst Du aus der Nummer nicht raus. Ob Du das Gedicht nun aus Deiner oder aus jemandes anderen Sicht schreibst - es bleiben Deine Gedanken. Es muss nicht Deine Meinung oder Ansicht sein, aber wenn Du etwas in eine literarische Person projezierst, bleibst immer noch Du es, der oder die projeziert, egal, wie bewusst oder unbewusst Du das machst.

Mir gefällt das Gedicht nicht, weil die Zeit hier personifiziert ist. Das kollidiert so sehr mit meiner Sicht der Zeit, dass mir das Gedicht misslungen erscheinen muss. Rein subjektiv also. Von daher kann ich auch keine brauchbare Kritik liefern, ich bin zu eingeschränkt. Rein sprachlich habe ich nichts auszusetzen.

@Tuesday
Auch die, die Zeit nicht als Linie, sondern als Kreis verstehen, empfinden den ABLAUF der Zeit doch als linear. Entweder weil es aufeinanderfolgende Kreise sind (in drei Tagen wird wieder Dienstag sein, aber ein anderer Dienstag als vor vier Tagen) oder weil der Kreis so gross ist, dass er uns als Linie erscheint (genau der Dienstag von vor vier Tagen wird wiederkehren, allerdings außerhalb des Erfahrungshorizontes meiner derzeitigen, an eine lineare Zeitvorstellung gebundenen Existenz). Ich entziehe mich dem Problem, in dem ich Zeit als reine Ordnungsfunktion ansehe. Und die haben ja keine Formen :-p