Hm, leider bin ich anlässlich unserer Textwerkstatt im vergangenen Jahr aus Zeitmangel nicht dazu gekommen, über Haikus zu referieren.
Ich kann mich nicht erinnern, bei Basho, Buson oder - meinem japanischen Lieblingsdichter - Issa jemals ein Haiku mit Überschrift gelesen zu haben. Die Regel lautet: 17 Silben. Eine Überschrift empfinde ich daher grundsätzlich als Mogelpackung.

Nimm's mir nicht übel Flocke, ich find's grundsätzlich nicht schlecht von der Tradition einen Schritt abzuweichen. Aber die Überschrift widerspricht meiner Ansicht nach einem sehr wichtigen Grundgedanken beim Haiku-Schreiben, den ich leider nicht richtig verbalisieren kann. Es geht natürlich um Beschränkung, es geht darum, den begrenzten sprachlichen Raum sinnvoll auszufüllen. Aber es geht auch darum, sich auf das Wesentliche zu kon-ZEN-trieren, auf das, was ist - nicht die Dinge einzufrieren und ihnen ein Etikett aufzupappen, sondern sie wahrzunehmen. Sie zu sehen. Überschriften haben mitunter etwas Plakatives oder Generalisierendes an sich, was nach meinem lyrischen Empfinden dem Grundgedanken des Haiku widersprechen kann.
Ein anderes Problem, das sich mir bei einigen deiner Haikus stellt (und woran auch viele meiner eigenen Versuche, Haikus zu schreiben, kranken), ist, dass sie mir zum Teil zu reflexiv und zu wenig konkret sind. Um zu veranschaulichen, wie ich das meine, ein etwas längeres Zitat:
Abgesehen von seiner Begrenzung auf siebzehn Silben, kennt das das Haiku drei "Regeln". [...] Die Regeln lauten:
(1) Haiku soll, und sei's nur in einer Andeutung, einen Naturgegenstand erwähnen außerhalb der menschlichen Natur;
(2) es soll sich auf ein einmaliges Ereignis (eine einmalige Situation) beziehen;
(3) das Ereignis (die Situation) soll als gegenwärtig dargestellt und nicht als vergangen berichtet sein.
Die Regel 1 erfährt eine Spezifizierung durch die Auflage, daß mit dem Naturgegenstand zugleich eine bestimmte Jahreszeit gegeben oder wenigstens angedeutet sein solle. All diese Regeln zielen auf das gleiche: Das Haiku soll konkret sein.
Durch die Einbeziehung eines Dings außerhalb der menschlichen Innerlichkeit wird das Haiku anschaulich; die Festlegung auf ein bestimmtes Ereignis (eine bestimmte Situation) verhindert ein Abschweifen ins Sentenzenhaft-Allgemeine; die Beschränkung auf die Gegenwart macht die Konfrontation mit den Dingen unmittelbar, scheidet die deutenden Bewußtheit des Danach von vornherein aus. So wird der Abstand des Haiku-Dichters zu dem Ereignis, der Situation, die er aussagt, gering gehalten, der Spielraum für Selbstbewußtheit, Selbstdeutung bleibt klein - der Hörer, Leser bekommt die Dinge, von denen das Haiku sagt, dicht vor sich hingestellt; alles weitere, Einordnung in größere Zusammenhänge, Erstellung eines "tieferen Verständnisses" liegt bei ihm.
(Quelle: Dietrich Krusche, "Essay. Erläuterung zu einer fremden literarischen Gattung." In: Haiku. Japanische Gedichte. Münschen: Deutscher Taschenbuchverlag 1994.)
Das Buch kann ich übrigens sehr empfehlen.
Ich versuche mal anhand dieser traditionellen Regeln deine hier vorliegenden Haikus zu beurteilen:
Ich arbeite gerade an einem kleinen Zyklus, 12 Haikus, für jeden Monat einen.
Vorweg gesagt: das grundlegende Konzept für diesen Zyklus gefällt mir. Dass sich in den Monaten eines Jahres auch der Wandel der Jahreszeiten wiederspiegeln kann, spricht für die Idee.
November ... "Morgenfrost"
Ich liebe dieses Haiku! Seltsam ist nur, dass ich mit diesem Haiku immer eher die kristallene Kälte des Frühjahrs (Januar oder Februar) assoziiert habe und nicht die schmuddelige Herbstfeuchte des Novembers. Aber vielleicht bin ich da auch einem Klischee aufgesessen.
Unter dem Schweifstern
auf Knien vor der Krippe
überfällt mich Gott
Zur Fortsetung meines Protestes vernachlässige ich jetzt mal die Überschriften.

- Wie soll ich es ausdrücken: Mir gefällt dieses Gedicht, besonders der Schluss. Obwohl es, wenn man die strengen Kriterien zum Maßstab nimmt, die ich angeführt habe, kein Haiku ist: es ist zu abstrakt (Gott), zu symbolträchtig (ich betrachte den Schweifstern als christliches Symbol, ebenso die Krippe) und es fehlt der konkrete Naturbezug. Dennoch: hat was.
Zeit zwischen Jahren
und kein Perchtentanz verscheucht
mir meine Geister
Zuerst: Was sind Perchen? Meintest du Pärchen? Dieser Dreizeiler ist ein exemplarisches Beispiel für meine Kritik: das ist mir zu innerlich, zu reflexiv, zu ich-bezogen und widerspricht daher mehrfach der Tradition des Haiku. "Zeit zwischen Jahren" - verletzt Regel 2 und 3 und auch in diesem Gedicht fehlt der Naturbezug.
Gesichter maskiert.
Ich steh vor dem Spiegel und
verkenne mich nicht.
Gefällt mir grundsätzlich. Aber auch hier besteht die genannte Problematik.
Aus Rosenduft steigt
erster Sommeratem, bringt
mir ein neues Jahr
Hier besteht der Bezug zur Jahreszeit und - ach - es gefällt mir dennoch nicht. Die ersten zwei Zeilen des Gedichtes finde ich etwas kitschverdächtig, den Schluss wiederum viel zu allgemein. In beiden Fällen (Kitsch und Generalisierung) fehlt das Jetzt, das Hier, das konkrete Ereignis, die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung.
Grillen zirpen weit,
ins Feld blutet Mohn, der Weg
in Staub gebacken
Im Wesentlichen erfüllt dieses Haiku die genannten Regeln. Die Bilder wirken auch keinen Deut banal/abgegriffen/kitschverdächtig auf mich. Dennoch fehlt dem Haiku nach meine Empfinden noch etwas, ein Bruch.
Grillen zirpen weit
Welche Bedeutung hat es, dass die Grillen weit zirpen? Außerdem frage ich mich, ob dieser Ausdruck sprachlich korrekt ist: Grillen zirpen nicht weit, sondern laut und dieses laute Geräusch ist weit zu hören. Aber, wer weiß, während bei uns die Welt zu Gast bei Freunden war, haben die Grillen womöglich gerade ihre WM im Weithüpfen und Weitzirpen veranstaltet.
ins Feld blutet Mohn
Schön. Vielleicht ist das "bluten" für ein Haiku ein bisschen zu effekthascherisch, aber dennoch: schön. Da dieses Bild am schwersten wiegt und es aus fünf Silben besteht, würde ich dir empfehlen, es ans Ende zu stellen.
der Weg in Staub gebacken
Gut gewählte Worte. Habe ich nichts dran auszusetzen. Was hältst du hiervon:
Grillen zirpen dort,
der Weg in Staub gebacken -
Mohn blutet im Feld.
MfG,
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