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Über den Fluss

Verfasst: 12.12.2006, 00:00
von Herbert Eiter
ÜBERFLUSS

es quillt

die tapeten schälen sich von der wand
das sofa hat sich voll gesogen
die fenster beschlagen

das glück tropft von der decke

ich liege auf dem bett
ich bräuchte nur den mund zu öffnen

ein warmer strom würde meine kehle
meinen ganzen körper
durchdringen

das glück tropft auf mein gesicht und
fließt zähflüssig über meine wangen
es trocknet in meinen haaren
es klebt an meinen händen
es sickert in meine kleider

ich sehe es
und kann es nicht glauben

ich schwimme im warmen wachs
tauche in die behagliche
honigsüße wabe
des glücks

und mir ist schlecht


Ich konnte mich bzgl. des Titels noch nicht zwischen "Überfluss", "Entfremdung", und "Die Wabe" entscheiden. Wäre dankbar für professionellen Rat.

Re: Über den Fluss

Verfasst: 12.12.2006, 01:47
von Silentium
Die Wabe, definitiv!

ein warmer strom würde meine kehle
meinen ganzen körper
durchdringen

Find ich ein bisserl überkandidelt - außerdem, wenn Sie den Mund aufmachen, dann rinnt das Zeug mal die Kehle runter, durchdringen tuts die Kehle nur wenns Säure ist und dass ist dann auch nicht ideal!

honigsüße wabe
des glücks

Auf das honigsüß würd ich verzichten. Die Honigassoziation hat man ja zu dem Zeitpunkt schon längst gehabt (vor allem, wenn der Titel "Die Wabe" ist) - warum es dann aussprechen, warum eine sich schon längst von selbst eingestellt habende Vorstellung nachträglich aufzwingen? Außerdem is das Wort auch außerhalb des Kontexts abgenudelt.

Lieber Gruß an den Eitrigen,
S.

Re: Über den Fluss

Verfasst: 12.12.2006, 11:33
von Flocke
Grüß Gott, Herr Eiter...

Ich fände "Überfluß" als Titel nicht schlecht. "Wabe" führt hier zu schnell auf den Punkt, denke ich. Aber wenn das gewollt ist, auch gut.

Ansonsten schließe ich mich der Stillen an, "honigsüß" kommt nicht so gut, stößt den Leser mit der Nase auf Dinge, die er eigentlich schon wissen müßte.

Eines vielleicht noch:

fließt zähflüssig über meine wangen


Klingt mir doppelt gemoppelt, zweimal fließt/flüssig hintereinander. Entweder Verb ändern oder Adjektiv. Mir klänge "fließt träge" ganz gut.

Insgesamt :ja:

Lieber Gruß
Flocke

Re: Über den Fluss

Verfasst: 12.12.2006, 14:17
von riemsche
servus herbert -
zur titelfrage kann ich mit "wabe" nur silentium beipflichten. allerdings nur dann, wenn -wie von der stillen auch vorgeschlagen- im text die behagliche wabe des glücks ohne definition einer geschmacksrichtung genügt.
wie wäre es bei den wangen mit "benetzt" statt "fließt zähflüssig über" ?
sonst ein feiner honigtopf
;-) kasparov

Re: Über den Fluss

Verfasst: 09.02.2007, 00:17
von Herbert Eiter
Hallo und vielen Dank für die wirklich nützlichen und einsichtigen Anmerkungen.
Die Wabe, definitiv!

Bin überzeugt! :-D
Find ich ein bisserl überkandidelt - außerdem, wenn Sie den Mund aufmachen, dann rinnt das Zeug mal die Kehle runter, durchdringen tuts die Kehle nur wenns Säure ist und dass ist dann auch nicht ideal!

Stimmt! Die Stelle war mir auch schon ein Dorn im Auge.
fließt zähflüssig über meine wangen

Klingt mir doppelt gemoppelt, zweimal fließt/flüssig hintereinander. Entweder Verb ändern oder Adjektiv. Mir klänge "fließt träge" ganz gut.

Stimmt auch. Habe ich aber anders gelöst, da mir die Beibehaltung des "zähflüssig" doch wichtig war. Ist jetzt zwar auf einer semantischen Ebene immer noch doppelt gemoppelt (laufen & fließen), aber die Wortverwandschaft/Ähnlichkeit ist jetzt nicht mehr so aufdringlich.

Was die "honigsüße" Zutat angeht, scheint ihr euch ja einig zu sein:
Auf das honigsüß würd ich verzichten. Die Honigassoziation hat man ja zu dem Zeitpunkt schon längst gehabt (vor allem, wenn der Titel "Die Wabe" ist)

Ansonsten schließe ich mich der Stillen an, "honigsüß" kommt nicht so gut, stößt den Leser mit der Nase auf Dinge, die er eigentlich schon wissen müßte.

wenn -wie von der stillen auch vorgeschlagen- im text die behagliche wabe des glücks ohne definition einer geschmacksrichtung genügt.

Trotz dieser Einstimmigkeit ist dies der einzige Punkt eurer Kritik, den ich nicht annehmen kann. Ich habe lange hin und her überlegt, was dieses Wort angeht - übrigens auch bevor ich das Gedicht hier eingestellt habe. Aber für mich passt das "honigsüß" auf einer bestimmten Bedeutungsebene sehr gut zum Thema/zum Grundgefühl dieses Gedichts.
warum es dann aussprechen, warum eine sich schon längst von selbst eingestellt habende Vorstellung nachträglich aufzwingen?

Das ist eine gute Frage. Ich überschreite hier wirklich eine Grenze bzw. eine naheliegende Stilregel, derer ich mir auch vollkommen bewusst bin. Aber genau dieses Überschreiten soll den "Zustand" des lyrischen Ichs in diesem Gedicht veranschaulichen. Eben: des Überflusses, des aufdringlichen Geschmacks des Glücks. Was ja selten genug vorkommt und vielleicht gerade deswegen so unannehmbar ist.
Außerdem is das Wort auch außerhalb des Kontexts abgenudelt.

Und das ist der Grund, warum es mir nützt. Ich würde es in einem anderen lyrischen, poetischen, romantischen (etc.) Zusammenhang selbst ungern verwenden wollen, weil es verbraucht/abgenudelt/ausgelutscht ist. Aber genau diese "Wortabnutzungserscheinung", wie ich es mal nennen will, wollte ich mir hier zunutze machen (was mir, wie es aussieht, nicht so ganz geglückt ist - aber sei's drum). So dient dieses "honigsüß" als direkte Vorbereitung auf das "und mir ist schlecht".

Beste Grüße,
H. Eiter

Re: Über den Fluss

Verfasst: 09.02.2007, 00:20
von Herbert Eiter
Hier nun die vorerst endgültige Fassung des Gedichtes.

DIE WABE
    für K.R.
es quillt

die tapeten schälen sich von der wand
das sofa hat sich voll gesogen
die fenster beschlagen

das glück tropft von der decke

ich liege auf dem bett
ich bräuchte nur den mund zu öffnen

es würde
es würde
es würde

das glück tropft auf mein gesicht und
läuft zähflüssig über meine wangen
es trocknet in meinen haaren
es klebt an meinen händen
es sickert in meine kleider

ich sehe es
und kann es
nicht glauben

ich schwimme im warmen wachs
tauche in die behagliche
honigsüße wabe
des glücks

und mir ist schlecht


© Herbert Eiter 2007