Nun Andres,
für jemand, der so starke Worte gebraucht, bist du doch recht empfindlich. Das bestätigt die alte Seefahrerweisheit: Piraten, die laut mit dem Säbeln rasseln, rufen beim ersten Piecks nach ihrem großen Bruder. In deinem Fall wäre das dann Nietzsche. (O-oh, jetzt habe ich es schon wieder getan: Autor und Text verwechselt!)
:damn:
Deine zuvorkommende Erlaubnis vorausgesetzt, möchte ich eines deiner so treffend ausgewählten Zitate aufgreifen, um ein kleines Stück des ursprünglichen Kontextes erweitern und dies zum Motto meiner Antwort nehmen:
Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwätzt also weiter und lasst mich zuhören! Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.
Wie lieblich ist es, dass Worte und Töne da sind: sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt.
Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
Quelle: Friedrich Nietzsche:
Also sprach Zarathustra. Dritter Teil, Der Genesende.
Übrigens gebe ich dir Recht: Dies charakterisiert unsere bisherige Kommunikation recht gut (und nicht nur unsere). Aber liegt das nur an mir und der Art, wie ich deinen Text behandelt habe?
Nehmen wir mal dieses Zitat: Glaubst du, dass ich diese Aussage für vorbehaltlos wahr halte? Gehst du davon aus, dass du für mich – wenn ich das Zitat erst mal ganz und gar wörtlich nehme – ein Hinterweltler, ein Hanswurst, ein schwätzender Irgendwer bist? Glaubst du, dass ich diesen recht ausführlichen Verriss deines Gedichtes geschrieben habe, um dich – dich als Person – anzugreifen und herunterzuputzen? Glaubst du wirklich, dass ich
so einfach gestrickt bin? Und: wie stehst
du zu diesen Worten? Die Fragen, die sich für mich – in Bezug auf dieses Zitat und unseren spezifischen Kontext – am ehesten stellen, sind: Warum schreibst du? Warum hast du dieses Forum aufgesucht? Und warum habe ich mir die Zeit genommen, deinen Text zu hinterfragen, obwohl ich im Vorfeld wusste, dass du diese Kritik nicht
annehmen würdest?
Ich möchte dich auf einen ersten – in meinen Augen eklatanten – Widerspruch in deinen Aussagen hinweisen. Ein Autor, der auf der einen Seite wiederholt verschiedene Lesarten und Interpretationsversuche seiner Leser negiert und ihre Meinungen zu widerlegen bestrebt ist …
… ein Loblied auf den Neoliberalismus sollte das eigentlich nicht sein.
… und …
Mit dem Begriff „verbrauchte Bilder“ bin ich nicht ganz einverstanden.
… sowie …
Der Versuch einer inhaltlichen Deutung meines Gedichtes gelingt dir nicht.
„Freiheit“ wird in meinem Gedicht negativ definiert, es ist Freiheit von etwas.
… als auch …
Es geht nicht um eine historische Parallele zu den Entdeckern, um einen politischen Aufbruch zu mehr Menschenrechten, um eine Kritik konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse oder um neoliberale Produktpiraterie. Diese Bemerkung zu den Themen sind weit hergeholt, es findet sich im Gedicht kein Hinweis hierauf. Deine persönlichen Assoziationen müssen nicht die des Autors sein.
… und noch einen …
Inhaltlich hast du mein Gedicht zwar gelesen, es aber nicht interpretiert. Deine inhaltlichen Ausführungen erinnern z.T. an die Methodik der „freien Assoziation“, wie sie Freud gerne einsetzte.
… mir dann auf der anderen Seite erklärt, er verstünde sowohl etwas von Literatur …
Das bedeutet aber nicht, dass ich mich erst seit gestern mit Literatur beschäftige.
… als auch von verschiedenen kulturgeschichtlichen Epochen …
Mit den verschieden Epochen musste ich mich fast schon zu lange beschäftigen, daher kann ich deine unterstellte „Ahnungslosigkeit“ nur belächeln.
… sowie von Literaturkritik …
Du sprichst von Literaturkritik. Ich musste/durfte mich schon häufiger mit Texten dieser Art befassen… Eine emotionalisierte Ausdrucksweise, die an Polemik grenzt, gehört eher in ein Pamphlet und hat nichts mit Literaturkritik zu tun.
… hat sich meines Erachtens – und ohne mein Zutun – eindrucksvoll selbst widerlegt.
Dass du mir Anmaßung vorwirfst…
Deine Aussagen über mich zeugen von Selbstüberschätzung…
… kann ich gut nachvollziehen, aber hast du dir auch mal klar gemacht, wie
dieses Verhalten gegenüber uns, deinen Lesern, wirkt?
Es gibt Gründe, warum ich meine Kritik an dich so formulierte, wie ich es getan habe und, warum ich beispielsweise sehr bewusst vermieden habe, dein Gedicht auf die Art zu interpretieren, wie
du es intendiert hast. War es wirklich so anmaßend, so beleidigend von mir, wie ich dich eingeschätzt habe? Habe ich mich
so sehr in dir getäuscht? War es nicht erwartbar für mich, dass du dein Gedicht selbst interpretieren würdest?
Du kennst meinen Bildungsstand, weist „was mich in meinem Alter bewegt“ und kannst mir obendrein noch sagen, „was mir im Wege steht“. Bemerkenswert!
Deine Aussagen über mich zeugen von Selbstüberschätzung und einer Unfähigkeit, Autor und Werk getrennt zu betrachten.
Versuch mal über deinen Schatten zu springen und dir vorzustellen, dass ich durchaus in der Lage bin, die
eigentliche Intention deines Gedichtes zu verstehen. Das hat nichts mit Selbstüberschätzung zu tun, im Gegenteil. Der Grund ist vielmehr in einer Gemeinsamkeit von uns beiden zu suchen, nämlich in der Tatsache, dass ich für (ich will nicht sagen dieselben, aber für) vergleichbare Empfindungen einen Ausdruck gesucht habe. Das soll nicht lehrerhaft gemeint sein, auch wenn es danach klingt – wenn ich die Gedichte lese, die ich vor zehn/fünfzehn Jahren geschrieben habe, finde ich sich gleichende Themen und ähnliche (wenn nicht gar schlimmere) sprachliche und stilistische Fehler. Es erfordert auch einen Sprung über meinen Schatten, wenn ich hier eines als Beispiel zum Besten gebe:
Vielleicht ein Ende
Wer hat das Wahllose geschickt
Und ist durch ein Motiv verstrickt?
Die nasse Katze streift umher
Und braune Blüten kreuz und quer,
Sie liegen unter dem Holunder,
Vorbei des Frühlings kurzes Wunder.
Ich ziehe wieder los ins Land
Und folge meines Herzens Brand.
Ich folge wider alle Fessel,
Bloß weg aus dem Gewohnheitssessel,
Aus der Bequemlichkeit, so träge,
Fad und verführerisch und schräge.
Doch morgen dann ein neuer Tag,
An den ich noch nicht denken mag,
Ein Tag erfüllt von Pflicht und Sorge,
Die ich mir dieser Welt entborge.
So stürze ich ins Ungenügen,
Die Wärme ihrer kleinen Lügen,
Entlang, wo wahllos Wände stehen,
Und darf vielleicht ein Ende sehen.
Nun gut, vielleicht empfindest du diesen Vergleich erst recht als beleidigend, verzeih.
Eine ehrliche Frage: Für wie alt hältst du mich denn? Deine Position ist die eines Lehrers, der seinem Schüler eine Erklärung für seine miserable Note gibt. Das amüsiert mich eher, als das es mich stört.
Ich hätte die Angabe, die du während oder nach der Registrierung in deinem Benutzerprofil gemacht hast, nicht gebraucht, um ungefähr einzuschätzen, wie alt du bist. Deine Sprache, so allgemein sie ist, die Bilder, die du gebrauchst, die Themen (wiederkehrend in jeder Generation und wiederkehrend glaubt jede, sie sei die erste), das Herzblut, mit dem du jedes Wort verteidigst, dein selbstbewusstes Ego (wenn ich das mal so nennen darf), der etwas angestrengt wirkende Versuch, etwas zu gelten und dein Wissen unter Beweis zu stellen, sprechen für sich. Bitte versteh das nicht wieder als Beleidigung; mir ist durchaus bewusst, dass dies nichts mit deinem Text zu tun hat. Aber du agierst hier auch nicht nur und ausschließlich als Autor, als das neutrale, unantastbare Schattenwesen, das sich in überlegenes Schweigen hüllt (sorry, aber dazu fehlt dann doch einiges), sondern auch als Interpret deiner eigenen Texte, als Verneiner und Kritiker von anderen Meinungen, als beleidigter, missverstandener, unterschätzter und fehl gedeuteter Autor und auch als das, was du mir vorgeworfen hast: Lehrer. Mal ganz davon abgesehen, dass es auch biographische Interpretationen gibt und die Unterscheidung von Text und Autor nur analytisch denkbar ist (ja, eine Unterscheidung zu der ich hin und wieder auch in der Lage und gewillt bin).
Aber hast du es schon mal von dieser Seite betrachtet: Selbst, wenn ich zugäbe, dass du mit
deiner Interpretation Poeta, Silentium und mich
widerlegt hättest, was sagt das über deinen Text aus?
Deine persönlichen Assoziationen müssen nicht die des Autors sein.
Das ist das Problem. Besteht Literatur darin, dass du mir Gedanken vorkaust und dass ich (wer kann sie erraten?) wie bei einem Kreuzworträtsel genötigt bin, sie buchstabengetreu wiederzukäuen? Wohl wäre ich wirklich ein Hinterweltler, wollte ich dies glauben, jedoch
Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten.
Meine persönliche Assoziationen müssen nicht die des Autors sein – ja, Andres, warum sollten sie auch? Ich gehe nicht davon aus, dass du mir das selbstständige Denken absprechen möchtest, eigene Gefühle oder meine ganz individuellen Erfahrungen? Ist meine Vorstellungskraft falsch, sind die Bilder in meinem Kopf weniger wert, sind meine Assoziationen nutzlos, weil sie nicht das sind, was du im
Sinn hattest, weil sie von dem, was du intendiert hast,
abweichen? Was macht deine Worte zum Maßstab meines Denkens und wo bleibt hier meine interpretatorische
Freiheit?
Der Versuch einer inhaltlichen Deutung meines Gedichtes gelingt dir nicht.
Warum nicht? Weil ich es vermieden habe, dir zu erzählen, was du gern hören wolltest?
Inhaltlich hast du mein Gedicht zwar gelesen, aber nicht interpretiert?
Warum? Weil ich dich mit dem, was ich dein Gedicht hineingedeutet habe, provozieren wollte?
Freiheit wird in meinem Gedicht negativ definiert, es ist Freiheit von etwas.
Sag bloß! Ich weiß, ich wiederhole mich. Diese Wiederholung ist aber (leider) notwendig. Ich glaube, ich habe dein Gedicht (nicht unbedingt hinreichend, doch) eingehend auf die Frage nach dem
wovon abgeklopft. Hier noch mal die Conclusio meiner etwas ausführlicheren Untersuchung, die du oben in Gänze noch mal nachlesen kannst:
Individuelle Freiheit? Du kannst die einfachsten Fragen dazu (wovon und wozu) nicht befriedigend beantworten, geschweige denn gelingt es dir, tiefere Einsichten zu dem Thema beizusteuern.
Unsere Verständigung in diesem Punkt läuft auf einen Nein-Doch-Nein-Doch-Nein-Doch-Vorschulalter-Argumentations-Zirkel hinaus, weil du etwas behauptest, was ich bereits – und zwar argumentativ (!) und belegt durch Textstellen aus deinem Gedicht – in Frage gestellt habe.
Liegt dir etwas an einem nüchternen Gesprächsklima? Wenn ja, dann formuliere bitte deine Antworten an meine Adresse in Zukunft sachlich …
Das ist eine Farce. Wie kann ich mit jemandem sachlich diskutieren, der nichts zur Sache sagt? Der meine Fragen nicht beantwortet, nicht auf meine Argumentation eingeht und mich vorsätzlich falsch versteht? (Und würde ich nicht Vorsatz unterstellen, müsste ich Unfähigkeit attestieren. Aber nein, ich halte dich nicht für einen Hinterwäldler.) Der mich stattdessen mit Zitaten konfrontiert, die peripher etwas mit dem Thema zu tun haben, mich auf Wikipedia-Artikel verweist, die mir auch kein besseres Verständnis seiner problematisch verwendeten Begriffe ermöglicht und meine Art der Interpretation mit der Psychoanalyse von Freud vergleicht.
Weißt du, was ein rhetorisches Fettnäpfchen ist? Wenn ich herablassend über den Bildungsstand von jemand urteile und derjenige dann alles daran setzt, seinen Bildungsstand unter Beweis zu stellen und dabei sein ganzes Wissen und Halbwissen zum Besten gibt.
Es erquickt mich so, dass ihr schwätzt: wo geschwätzt wird, da liegt mir schon die Welt wie ein Garten.
Wenn reflektiertes Verhalten von Bildung zeugt, so ist dies nichts weiter als ein Reflex. Was sollen diese Nietzsche-Zitate bezwecken (über den Gassenhauer von Bejamin Franklin rede ich gar nicht):
Wir setzen unseren Stuhl in die Mitte – das sagt mir ihr Schmunzeln – und ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergnügten Säuen. Dies aber ist – Mittelmäßigkeit: ob es schon Mäßigkeit heißt.
Soll mich das widerlegen? (Wenn ja, würde ich doch gern wissen, inwiefern?)
Soll mich das beeindrucken?
Soll das dein Gedicht nachträglich aufwerten?
Soll dies dein – wie hast du es noch gleich genannt – „Belesenen-Joker“ sein?
Was immer du damit bezweckt haben magst, weder nützt, noch schadet es deinem Gedicht. Es mag ein Indiz für deine Belesenheit sein, aber es hat nur einen oberflächlichen
Bezug zu dem, was ich zu deinem Gedicht gesagt habe. Es verändert nicht den Blickwinkel, es verändert nicht, wie ich über seinen Inhalt und seine Form geurteilt habe. Okay, du liest die richtigen Sachen, das kann auf keinen Fall verkehrt sein – ich mag Nietzsche und das Buch, aus dem du zitiert hast, gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Aber der Punkt ist: Auf der Hälfte des Raumes, den dein Gedicht beansprucht, prangt dieses Zitat, obgleich seiner Kürze und seines fehlenden Kontextes, mit Erkenntnis und Wortwitz. Anders ausgedrückt: Es bringt die
Mäßigkeit deines Gedichtes nur noch besser zur Geltung.
Du kennst meinen Bildungsstand, weist[sic!] „was mich in meinem Alter bewegt“ und kannst mir obendrein noch sagen, „was mir im Wege steht“.
Ich kann, denn du lieferst mir die Beweise. Hier ein bisschen Kafka, da ein bisschen Freud, hier ein Zitat von Nietzsche, da ein Querverweis auf Wikipedia, und alles bunt durcheinander wie in einem Kinderzimmer.
… sind nicht Worte und Töne Regenbogen und Schein-Brücken zwischen Ewig-Geschiedenem?
Ich vermisse die Ordnung, die Konsistenz deines Gedanken, den inneren Zusammenhang, ich vermisse den äußeren Zusammenhang mit dem, was ich gesagt habe, ich vermisse es, dass du auf meine Argumentationskette eingehst, dass du die Lücken in meinen Schlussfolgerungen und meine falschen Prämissen entlarvst (dafür hat Razorback zwei Zeilen gebraucht), dass du mich mit deinen eigenen Worten Schach setzt, anstatt mit fremden Erkenntnisschnipseln hausieren zu gehen. Aber noch mehr vermisse ich es, dass du den Leuten in diesem Forum zuhörst (und das macht mich dann wirklich wütend und kann als eine Erklärung für die Emotionalität meiner Rezension gedeutet werden). Bitte, mach dir doch erst mal die Mühe, über das
nachzudenken, was sie sagen, bevor du es verwirfst, bei Seite schiebst, es mit dem Rauschen in deinem Kopf überlagerst, um im Anschluss – wie du es bisher symptomatisch immer wieder getan hast – deine Sicht der Dinge über alle anderen zu erheben. Hör nicht auf mich, ignorier mich, beschimpf mich, wenn du magst, es geht hier nicht um mich. Ich bin ein Hobbyautor wie du, ein mäßig begabter Amateur. Aber, wenn Edekire, Silentium, Mög oder Razorback etwas zu deinen Texten sagen, dann hat das, was sie sagen, in den meisten Fällen Hand und Fuß. Es gibt in diesem Forum Autoren, die Sprachen oder andere Geisteswissenschaften studieren/studiert haben, einige üben das Schreiben als Beruf aus (oder sind auf dem besten Weg, es zu dem zu machen), einige haben bereits veröffentlicht oder wurden zu angesehenen Förderwerkstätten eingeladen und einer unter den Genannten hat bereits mehrere Romane geschrieben. Das heißt, im Vergleich zu uns beiden sind sie, was die handwerklichen Fähigkeiten angeht, Profis – oder zumindest Semiprofis. Es kommt dann schon ein bisschen „komisch“ rüber, wenn du denen etwas über Parabeln erzählst oder vor dem Hintergrund deiner mäßigen Texte Vergleiche mit Kafka oder der Romantik anstellst. Apropos:
Zweitens habe ich nicht behauptet, das[sic!] mein Gedicht ein epochal romantisches ist.
Nicht?
Wieder hätte ein genaues Lesen meines Kommentars ein Missverständnis verhindert: Ich sagte, dass es eher der Romantik zuzuordnen sei.
Wo genau liegt da jetzt der Unterschied? Dass dein Gedicht nicht 1824 – im selben Jahr wie Heines „Loreley“ – entstanden ist, habe ich nicht unterstellt, dass es also zeitlich nicht in diese Epoche gehört, ist uns beiden klar. Wovon reden wir dann und warum fällt dies bei mir unter „Form“ (Sprache, Stil, Ausdruck, Versmaß, Strophen- und Reimformen etc.)?
Um es einmal anders auszudrücken: Wortwahl und Stil wirken nicht „modern“ sondern erinnern eher an frühere Epochen, wie z.B. die Romantik.
Dasselbe in Grün. Ich wiederhole mich (ungern):
Deine Ausdrucksweise wirkt nicht veraltet auf mich, sondern altbacken. Das ist ein Unterschied.
Nun gut, zweiter Anlauf: Wir üben das jetzt mal mit der Argumentation. Bitte gründlich lesen! Du sagst:
Der Stil ist epochal eher der Romantik […] zuzuordnen.
Das „eher“ deute ich so, dass du es mehr/lieber/vorrangig der Romantik, als irgendeiner anderen Epoche zuordnen würdest. Dass du von einer Epoche (der Romantik) sprichst und diese Bedeutung zusätzlich durch „epochal“ unterstreichst, darüber müssen wir, denke ich, nicht diskutieren. Du beanspruchst also Ähnlichkeiten in „Stil“ und „Wortwahl“ mit besagter Epoche. Habe ich das soweit korrekt zusammengefasst? Ich verstärke meine ursprüngliche Aussage (das macht es übrigens leichter für dich, mich zu widerlegen) und sage, dass der „Stil“ deines Gedichtes überhaupt nichts anders als gewöhnlich ist (das heißt, zu keiner Zeit modern/neu/originell/innovativ gewesen wäre). Er ist weder (wahrscheinlich-unwahrscheinlich) der Romantik, noch (unwahrscheinlicher) dem Meistersang, der Klassik, der Renaissance, dem Expressionismus, dem Sturm und Drang, dem Dada, dem Minnesang, dem Rokoko, der Aufklärung, noch dem Vormärz oder dem sozialistischen Realismus „zuzuordnen“. Aber da du dich so prächtig mit der Romantik wie mit allen anderen Epochen (sicher auch denen, die ich nicht genannt habe) auskennst …
Mit den verschieden Epochen musste ich mich fast schon zu lange beschäftigen, daher kann ich deine unterstellte „Ahnungslosigkeit“ nur belächeln.
… was mich angesichts der Fülle deiner Querverweise und Bezüge mal wieder wirklich sehr beeindruckt hat, darfst du mich jetzt eines Besseren belehren. Your turn.
Manchmal hilft ein genaues Lesen der Kommentare, auf die man antwortet.
Fluch der Karibik 1-3 ist unterhaltsam, mehr aber auch nicht. Irgendwelche philosophischen Aussagen über Freiheit etc. lassen sich daraus nicht ableiten. Konkret heißt das:
Konkret frage ich mich, an
welcher Stelle ich das behauptet haben soll? Ich glaube, ich hatte in diesem Zusammenhang vom Respekt vor den Elementen und vor dem Sterben gesprochen sowie von der medialen Verniedlichung dessen, was Piraterie wirklich ist, aber philosophische Aussagen über Freiheit? Manchmal hilft ein… du weißt schon!
Mein Gedicht hat nur einen recht oberflächlichen Bezug zu dieser Filmreihe, der vor allem durch die Filmmusik des ersten Teiles entstanden ist.
Ganz meine Meinung, ich glaube, in diesem Punkt gehen wir vollkommen d’accord. Dass der Bezug „recht oberflächlich“ sowie die Verwendung der Piraten-Analogie unbedacht und problematisch ist, war ja eines der Hauptanliegen meiner inhaltlichen Kritik. Ich könnte dem Vorwurf, dass ich dein Gedicht nicht interpretiert und verstanden habe, entgegensetzen, dass du den Kernpunkt meiner inhaltlichen Kritik nicht gewürdigt hast. Ja, das Ausmaß deines Nicht-verstehen-wollens überrascht mich dann doch. Denn auch in diesem Punkt bist du mir auf den „argumentativen“ Leim gegangen, da die neoliberale / historische / gesellschaftskritische Interpretation, die du jetzt so kategorisch ausgeschlossen hast, …
Es geht nicht um eine historische Parallele zu den Entdeckern, um einen politischen Aufbruch zu mehr Menschenrechten, um eine Kritik konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse oder um neoliberale Produktpiraterie. Diese Bemerkung zu den Themen sind weit hergeholt, es findet sich im Gedicht kein Hinweis hierauf.
… durchaus etwas „Wohlwollendes“ hatte. Denn sie bot eine Erklärung und Rechtfertigung für die Verwendung der Piraten-Analogie, der du dich jetzt gänzlich beraubt hast. Ist der erste Eindruck von Poeta wirklich so „weit hergeholt“, angesichts von Freibeutern, die sich an fremden Eigentum bereichern? Ich glaube nicht. Wenn es im Kern deines Gedichtes wirklich um individuelle Freiheit, um den symbolischen, subjektiv wahrgenommenen Aufbruch zu ihr geht, bestätigt sich nur umso mehr der unreflektierte und problematische Gebrauch der Wörter „Pirat“, „Mord“ und „Freibeuter“. Der Pirat (und zwar jetzt mal nicht im Sinne eines listigen Gratwanderers wie Jack Sparrow) steht als sprachliches Symbol grundsätzlich für die Übertretung der zentralen Normen menschlichen Zusammenlebens.
Seine Freiheit verwirklicht sich darin, sie anderen Menschen zu nehmen – sie zu täuschen, zu betrügen, zu berauben, zu entführen und zu töten. Doch das führt den Begriff der Freiheit ad absurdum, da es ein moralischer Begriff ist, der eine reziproke Beziehung impliziert. Wärest du der einzige Mensch auf der Welt, wäre der Begriff für dich wahrscheinlich bedeutungslos (wenn wir ihn jetzt mal von dem philosophischen Begriff der Willensfreiheit zu unterscheiden versuchen). Aber auch Pirat sein wäre dann sinnlos.
Der Aufbruch zu „neuen Ufer“ ist immer mit Unsicherheit verbunden. Aus diesem Grund erscheint mir das Seefahrermotiv als passend, die Bewegung auf dem Wasser ist für den Menschen von Anbeginn mit Unsicherheiten verbunden. […] Außerdem sind sie mehr Sinnbilder für das Gefahrenpotenzial eines Aufbruches.
Aber selbst dies erklärt nicht die Verwendung von „Mord“ – Wellen, Stürme, Gefahren, Riffe, Untiefen lassen sich nicht „ermorden“. Mord ist ein zu eindeutiges Wort, um es symbolisch zu verstehen. Das ist auch der Grund, warum die Wahl der Worte dein Gedicht, ohne dass du dir selbst dessen bewusst bist, zum Politikum machen, weil es hier einen eklatanten Widerspruch zwischen dem, was du
meinst, und dem, was du
sagst, gibt. Mir ist durchaus einsichtig, dass du etwas anderes ausdrücken wolltest, ein bestimmtes Gefühl, eine dem Sturm und Drang oder der Romantik würdige Empfindung, die sich wahrscheinlich musikalisch sehr viel besser fassen und vermitteln ließe.
Ich gehe noch ein Stück weiter: Ich glaube, dass dir in Bezug auf deinen Freiheitsbegriff ein analoger Fehler zu deinem Literaturbegriff (Argumente siehe oben) unterlaufen ist – und ein allzu menschlicher noch dazu. Der literarische Akt wird sinnlos, wenn du dich zum Interpreten deiner eigenen Gedanken und Worte aufschwingst, dein Text wird zum vermeidbaren Umweg dessen, was du eigentlich sagen wolltest. Du vergisst dabei die Relation, in der die Begriffe „Freiheit“ und „Literatur“ bedeutsam sind, du sprichst einem anderen ab, was nur in wechselseitigem Zugeständnis Geltung besitzen kann:
Inhaltlich hast du mein Gedicht zwar gelesen, es aber nicht interpretiert.
Sag mir, wie kann ich, vorausgesetzt, dass ich ein sprachbegabtes Wesen bin und nicht an einer Art Autismus leide, dein Gedicht
gelesen haben, ohne die Bedeutung der Worte zu
interpretieren? Damit schließt sich, denke ich, wieder der Kreis unseres gemeinsam verwendeten Zitates:
Zu jeder Seele gehört eine andre Welt; für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt.
Zwischen dem Ähnlichsten gerade lügt der Schein am schönsten; denn die kleinste Kluft ist am schwersten zu überbrücken.
In diesem Sinne:
Deine ausführliche Rezension finde ich aus mehreren Gründen wirklich bemerkenswert.
Dann war sie vergebens – wenn ich im Auge zu behalten versuche, was ich damit
intendiert habe. Denn ich wünschte, du hättest den einen oder anderen Aspekt, der sich an deinem Gedicht verbessern ließe,
bemerkt. Ich wünschte, anstatt dir die Mühe zu machen,
uns zu verbessern, würdest du dich auf die Frage konzentrieren, warum deine Texte nicht die Wirkung erzielen, die sie sollen. Du siehst: Auch ich erreiche längst nicht alles, was ich mit meinen Worten zu erreichen beabsichtige.
Seelenunverwandte, umso bemüht höflichere Grüße,
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