Sehr geehrter Herr H. Eiter:
kann bei Lyrik vorkommen.
Ja, das kann es.
Das ist wohl der Unterschied zwischen "Zeichensetzern" und Dichtern. Dichter setzen kein Zeichen, und die Zeichen müssen reingelesen werden (oder auch nicht) und "Zeichensetzer" setzen Zeichen, um das Lesen, das Verstehen der Aussage, zu vereinfachen. Und beide wollen, mit und ohne Zeichen, dass gedeutet, interpretiert und verstanden werden will.
Ich kann Zeichen wie Kommata lesen, wenn sie gemeint sind. An dieser Stelle schien mir das aufgrund der grammatikalischen Konstruktion nicht ganz eindeutig zu sein. Und auch inhaltlich gesehen "hängt" der Parasit an dem LI, folglich könnte der Parasit das LI vermissen, falls man von vermissen sprechen kann, wenn der Parasit sowieso die ganze Zeit an dem LI hängt. So betrachtet wäre das Brüten des Parasiten das Vermissen des LI durch den Parasiten. Schließlich braucht ein Parasit seinen Wirt zum Überleben.
Das Komische an dem Gedicht, finde ich, ist die Vorstellung, wie ein Parasit, der ja sowieso am LI "brütet" und "saugt", vom LI vermisst werden kann. Es ergibt sich für mich ein Bild, dass das LI etwas vermisst, was da ist. Daraufhin frage ich mich: vermisst das LI das Vermissen?
Natürlich könnte man das auch so sehen, dass das Vermissen an sich wie ein Parasit an dem LI klebt.
Das LI scheint den Parasiten, das Vermissen an sich, nicht "missen" zu wollen. Ein Parasit könnte entfernt werden, weil ja keine Symbiose besteht mit dem Wirt (LI).
Fragt sich nur, ob das machbar ist, wenn "das herz kraus wie ein mistelnest" ist. Das Herz ist nicht die Mistel/der Parasit selbst, sondern "wie ein mistelnest".
Und trotzdem komme ich immer wieder auf den Gedanken, dass etwas vermisst wird, was anwesend ist.
Warum haben Sie das "kraus" fett gesetzt, wenn ich fragen darf?
ich finde das wort "kraus" vom klang her schön. und inhaltlich gesehen ist es für mich ein wort, dass die gesamten gedanken des LI beschreibt. Man muss es erst einmal schaffen, so "kraus" zu sein, als Wirt seinen Parasiten zu vermissen. Und aus der Sicht des Parasiten wäre es natürlich auch sehr eigenartig, vermisste der Parasit den Wirt, an dem er sich verbissen hat.
So oder so scheint mir das Vermissen eine mistelige Angelegenheit zu sein.
Hochachtungsvoll,
KaRe