Ich sehe: du trägst es mit Fassung.
Die homerische Perspektive kann man heute (allein schon psychologisch und handwerklich) kaum nachempfinden.
Hmm, ich denke gerade drüber nach. Ad hoc sage ich mal: "Herrn der Ringe"? Nun gut, vielleicht ein schlechtes Beispiel, um es mit Homer zu vergleichen. Aber ein ganz passables Beispiel, wie ein Mythos in der Gegenwart (sprachlich-handwerklich, psychologisch-dramaturgisch) neu verarbeitet und verwertet werden kann. Im Fall des HdR sind es aber schwerpunktmäßig andere Sagen und Mythen (Edda, Beowulf, Artus-Sage, wohl vor allem die nordische Mythologie).
Was mir persönlich ganz gut gefällt, ist die Adaption des griechischen Mythos in Franz Fühmanns "Prometheus". Er modernisiert den Blickwinkel, indem er innerhalb der Sagenwelt Hellas' eine Hauptfigur mit Vernunft und Gewissen platziert, die vielleicht tatsächlich in Anlehnung an den berühmten Zeus-Lästerer von JoWovoGo entstanden ist (Prometheus). Insofern ist es natürlich auch keine schlichte "Imitation", sondern "Interpretation". Und die Beziehung von Fühmanns Prometheus zu Zeus, ist der Beziehung von Achilles zu Agamemnon nicht ganz unähnlich.
Zudem ist der homerische Epos ja eher klar, besonnen und erhaben, eben wie der Gott Apollon. Im Gedicht geht’s aber auch um den Rausch, der ja besser zu Dionysos und dem Drama passt.
Lag ich mit Nietzsche gar nicht so schlecht, oder?
Denn mal ehrlich: Der Typus des Achill ist heute ein kompletter Anachronismus.
Jain. Wie siehst du denn Achill?
Ich sehe ihn als jemand, der aus der Masse hervortreten will und sich selbst nur schwer Autoritäten unterordnen kann. Er ist nicht nur ein Kämpfer und Vorbild für sein Volk, sondern gleichzeitig so eine Art Rebell "innerhalb des Systems". Seine Streitereien mit Agamemnon seien hier angeführt. Er ist auf jeden Fall jemand, der ein Ideal unerbittlich vertritt und zur Erreichung seiner Ziele - anders als ein Odysseus - keine Kompromisse eingeht, seien sie auch noch so clever und vorteilhaft. Er wirkt "eigennützig" und stolz auf mich, ein bisschen unkontrollierbar wie eine Naturgewalt. Und er ist jemand, der sich im entscheidenden Augenblick gegen das Leben entscheidet (insofern passt der selbstzerstörerische Dionysos), wenn er die Aussicht auf unsterblichen Ruhm hat.
Solche Kampf-Idealisten und Rebellen existieren auch in den Gegenwart. Menschen, die sich aus einer Masse hervortun und sich gleichzeitig in die Gegenrichtung bewegen. Also spontan fällt mir der Name Che Guevara ein - ich denke, er ist nicht umsonst so ein Idol. Was mir bei der Verehrung von "Che" immer wieder auffällt, ist, dass die Verehrer kaum wahrnehmen, dass er an rund 2.000 Todesurteilen und weit mehr Inhaftierungen im nachrevolutionären Kuba - und zwar als Ankläger maßgeblich - beteiligt war. In was unterscheiden sich diese standrechtlichen Hinrichtungen von denen eines Pinochet? Sie werden anders wahrgenommen. Ich nehme das als kleines Indiz für die menschliche Fähigkeit, das Schreckliche auszublenden und das Befremdliche, das, was nicht ins Gesamtbild passt, zu übertünchen und umzuwerten:
Er verkörpert (denke ich) einfach eine andere Wertewelt, die auf uns heute befremdlich und abschreckend wirkt.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber "Der Rote Baron" soll, wenn man den Rezensionen Glauben schenkt, unter anderem darstellen, wie so ein "Idol" von der Propaganda geformt, forciert und ausgebeutet werden kann. Richthofen ist ein moderner Achilles - er sticht aus einer Gruppe von Kriegern hervor, er rebelliert "ein bisschen" gegen das System, er stirbt auf dem Schlachtfeld. Das ist natürlich alles sehr verallgemeinert.
Ich kann mir schwer vorstellen, wie so jemand „zeitgemäß“ beschrieben werden kann.
http://www.literaturforum.net/viewtopic.php?t=549Vielleicht so? Indem man die mediale, kollektive, politische Konstruktion des Helden hinterfragt...
Zumindest im Kino kommt dieser Helden-Typus ständig vor, von James Dean bis zu Figuren wie Tyler Durden in David Finchers "Fight Club" oder Neo in "Matrix". Rebellen mit Achillesferse, umtriebige Helden, die mit offenen Augen in ihr Verderben rennen.
Ein Jim Morrison oder ein Kurt Cobain - das sind vielleicht auch neuzeitliche Ausgaben eines Achill - getrieben von Wunsch nach Ruhm und zugleich selbstzerstörerisch im Gewühl und Gegenstrom eines "Systems" (den spießigen 60ern, den kommerziellen 90ern, der Musikindustrie, well whatever).
Ein Diego Maradona, vielleicht... Fußball ist definitiv Rausch, kollektiver Rausch.
Aber vielleicht können wir uns darauf einigen, dass jeder Held ein Konstrukt ist: Achilles das "tragische" Konstrukt in einem Epos, der Rote Baron das "heldenhafte" Konstrukt einer Propaganda, Che das "plakative" Konstrukt einer politischen Gegenbewegung und Jim Morrison das "stoned" Konstrukt von Leuten, die mit Elvis nicht so viel anfangen konnten und denen die Beatles zu brav waren. So betrachtet ist der Achill-Typus nicht anachronistisch, sondern archetypisch-zeitlos.
Keine Ahnung, vermutlich ist das Quatsch², was ich hier erzähle...
Und das, also den Kontrast, hatte ich auch bei dem Titel im Hinterkopf.
Schon klar! Rausch, nicht Flausch.
Grüße,
[).
"du trittst da fast in die fußstapfen des unseligen dr goebbels und seiner zensur und verdammungsmaschine." (Ralfchen)