Hallo Samantha.
Samantha hat geschrieben:PS: Deine Kritik hat mE nichts mit Lyrik oder sprachlicher Kritik zu tun sondern mit einer sensiblen Wahrnehmung mentaler Realitäten.
Das du dieses "übertragene Fühlen" von mir als Frau als "lyrisches Element" einfordert, deutet für mich auf eine schwere Verletzung aufgrund einer Beziehungskrise hin, die du vielleicht einmal künstlerisch aufarbeiten solltest.
Perrys Kommentar ist zwar meines Erachtens zu verknappt, aber ich teile ihn grundsätzlich. Und ich finde, bei allem Respekt, du solltest hier mit persönlichen Werturteilen oder Mutmaßungen über den Seelenzustand des Kritikers etwas zurückhaltender sein. Wenn dir eine knappe, tendenziell kritische Meinungsäußerung nicht passt oder sie deines Erachtens deinen Text verfehlt - kannst du gern dagegen argumentieren. Aber bitte immer sachlich bleiben.
Ein sprachliches Problem, das Perry bereits angesprochen hat, sind Rhythmus und Reime. Ein paar Beispiele:
Alles auch die Nacht ihr Freud gebiert
Und mein Mädchen träumt dass es gestreichelt wird
"Wird" und "gebiert" ist ein unsauberer Reim. Das kann man hören. Ebenso:
Mein Sinn ist Liebe und der Liebe voll
Ich wünsche für mein Kind es fühlt sich immer wohl
Auch die Betonung von "voll" und "wohl" ist nicht hunterprozentig harmonisch.
Hinzu kommen Reime, die zu naheliegend/zu gebräuchlich sind, zudem durch den Paarreim räumlich sehr nah zusammengezogen wurden und daher nicht die gewünschte Wirkung entfalten können. Beispiele hierfür sind "Sterne" - "gerne" sowie "Sorgen" - "borgen". Hier könnte ein anderes Reimschema oder die Wahl weniger gebräuchlicher Reime Abhilfe schaffen. Zudem solltest du bedenken, dass die Verwendung von Paarreimen ein Stilmittel ist, das (nicht ausschließlich, aber doch traditionell) eher in humoristischen / satirischen Gedichten oder in Kinderlyrik angewendet wird. Beides (Humor oder Kinder-Lyrik) scheint mir hier nicht der Fall zu sein, dafür ist der Tenor deines Gedichtes doch zu ernsthaft. Ergo wäre ein "ernsthafterer" Reim geboten.
Eine Grundeigenschaft von guter oder anspruchsvoller Lyrik ist für mich, das Eigentliche uneigentlich zu sagen. Also für das, was ich sagen will, für das, was ich empfinde, Bilder, Metaphern, Gleichnisse, Analogien zu finden. Oder anders ausgedrückt: Das Naheliegende eines Gedankens vermeiden (was harte Arbeit ist). Eine analoge Grundregel im Schreiben von Romanen, Dialogen und Drehbüchern heißt: "Show, don't tell!" Vielleicht ist es das, was Perry mit "übertragenem Fühlen" meinte. In deinem Gedicht scheint so eine lyrische Übertragungsarbeit weitestgehend zu fehlen. Du sagst das, was du denkst und fühlst, direkt und unverschlüsselt - und daher haben Perry und ich den Eindruck, dass deinem Text eine lyrische Dimension - sagen wir nicht gänzlich, aber doch streckenweise - fehlt.
Dafür ein paar Beispiele und Anregungen:
Mein Mädchen schläft wie eine Kronprinzessin
Vier Bären wachen über ihrem Bett
Zuerst das Wort "Kronprinzessin", das den Einstieg in dein Gedicht markiert. Ich empfinde dieses Wort als gewöhnlich (im Gegensatz zu lyrisch). Es ist ein Vergleich, aber es ist ein sehr naheliegender Vergleich. Du solltest an dieser Stelle nach einem neuen Wort, nach einem Ersatz, nach einer Wortschöpfung suchen, die weniger gebräuchlich ist. Sie darf auch gern etwas schief sein, solange sie das trifft, was du sagen willst. Denn ein schiefes Bild ist in Gedichten bei weitem besser als ein tausendmal benutztes und daher sprachlich verbrauchtes. Clustering oder freie Assoziation bietet sich in solchen Fällen als Methode an. Ebenso kannst du die zwei Bestandteile des Wortes zerlegen und nach neuen Prä- und Suffixen suchen.
Ähnliches gilt für die Bären, die über dem Bett wachen. "Über den Schlaf von jmd. wachen" ist eine Phrase, eine sprachliche Floskel, die innerhalb eines Gedichtes vermieden werden sollte. Versuche diese Wache stattdessen zu beschreiben. Versuche dem Sprichwort eine neue Seite abzutrotzen. Das ist leicht gesagt, ich weiß. Aber genau darum geht es in der lyrischen
Arbeit.
Und mein Mädchen schläft und träumt im Bett
In dieser Zeile passiert weder sprachlich noch inhaltlich etwas neues. Es ist eigentlich eine reine Wiederholung der ersten Zeile.
Und die Dunkelheit ein neues Spiel nur wird
Das nachgestellte "wird" ist grammatikalisch ungewöhnlich. Hört sich falsch an.
Macht um den nächsten Tag sich keine Sorgen
Hier wird dein Gedicht zu allgemein. Allgemeine Begriffe wie "Sorgen" oder "Freude" sind in Gedichten meist problematisch. Die Aufgabe des Dichters/der Dichterin ist es ja gerade diese Empfindungen fühlbar herauf zu beschwören, sie durch sprachliche Bilder in den Geist und die Empfindungswelt des Lesers zu projizieren. Und nicht: das Einerlei der menschlichen Emotionen behaupten. Sei konkreter, sei sinnlicher, sei indirekter!
Mein Mädchen möcht ich immer so behüten
...
Ein Mutterherz wünscht Unmögliches so gerne
...
Mein Sinn ist Liebe und der Liebe voll
Das ist die Stelle in deinem Gedicht, die ich als am wenigsten literarisch empfinde. Versteck diese Behauptung vor deinem Leser. Verrate nicht deine Intention, sondern übersetze sie in einen poetischen Raum aus Bildern und Metaphern. Das ist wie einen Krimi schreiben: Du als Autorin weißt, wer der Mörder ist. Die Kunst besteht darin, den Leser bis zur letzten Minuten an der Nase herumzuführen und auf falsche Fährten zu locken.
Sei subtiler, sei geheimnisvoller, sei lyrischer!
Und ich finde, dass "Turbobiene" ein viel originellerer Titel für ein Gedicht ist als "Schlafendes Kind".

MfG,
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