Hallo Silentium!
Ein schönes Gedicht. Es berührt mich. Es trifft eine diffuse Stimmung in mir, von der ich nicht so recht weiss ob es mir gelingt sie zu Papier zu bringen.
Ich versuche es: Als Klaus Mann seinen Roman
Mephisto schieb erklärte später sein Vater Thomas Mann, es sei in solchen Zeiten ein leichtes ein Buch wie dieses zu schreiben. Denn dank der Nazis lebe man in "moralisch eindeutigen Zeiten". Man hatte sich, wollte er damit sagen, zu positionieren - und zwar gegen dieses Verbrecherregime. Als die 68er für ihre linken Gesellschaftsutopien auf die Strasse gingen hatte man sich ebenfalls zu positionieren. Wieder stand das System in Frage. Sicher - und dies um keine Missverständnisse aufkomen zu lassen - ist die Nachkriegsrepublik der späten 60er-Jahre nicht im Entferntesten mit der barbarischen Nazi-Diktatur vergleichbar, aber darum geht es hier auch gar nicht. Worum es geht ist: Das System
Gesellschaft
als solches, seine Werte, Ziele und Mittel standen in Frage.
Dies führte zu meist eindeutigen Positionierungen, für Erhalt oder Zerschlagung des Systems. In dieser Situation hatte die
Provokation noch einen ganz anderen Wert als sie heute hat. Oftmals stand sie im Dienste einer Ideologie oder Gegen-Ideologie (
Geschwister Scholl - Weisse Rose) wären ein Beispiel aber auch die vor der Kamera praktizierte
freie Liebe der 68er) und sie wurde eingesetzt, weil der, der sie einsetzte, bedingungslos an etwas glaubte, was für ihn existenzielle Bedeutung hatte.
Beides ist heute, so empfinde ich es jedenfalls bei der Betrachtung unserer Gesellschaft, bei weitem nicht mehr in dem Maße der Fall wie damals. Wer heute für die
Menschenrechte oder was weiss ich was Gutes und Lobenswertes auf die Strasse geht, der hat sich in unserer individualisierten Gesellschaft erst mal mit dem Vorwurf des "praktizierten Gutmenschentums" auseinanderzusetzen.
Ein
Gutmensch, das ist in den Augen der Kritiker des
Gutmenschen ein dummer Mensch, der sich tatsächlich noch für das Elend der Welt interessiert, für Hunger, Kriege, Katastrophen etc., sich eventuell gar engagiert, veraltete moralische Standards hat und an längst überholte Visionen glaubt. Ein naiver Idealist zum Belächeln also. Eine aussterbende Spezies übrigens.
Denn
Provokationen, wenn wir sie streng soziologisch einfach mal als
abweichendes Verhalten kennzeichnen sind in einer wesentlich ausdifferenzierteren Gesellschaft, in denen das infrage stellen des Systems nur noch ein müdes Lächeln auslöst (Slogan der MLPD im Bremer Bürgerschaftswahlkampf:"Friede den Hütten
- Krieg den Palästen") auf Dauer schwerer möglich. Nicht nur, weil niemand ernsthaft den Kapitalimus abschaffen will, sondern vor allem auch deshalb, weil
abweichendes Verhalten heutzutage leicht kommerziell integriert werden kann. Dies ist - nur ein Beispiel - bei Musikstilen sehr deutlich zu sehen. Der stil "New Meatal", von einer Band deren Name mir entfallen ist hervorgebracht, führte eben auch sofort dazu dass die Plattenfirmen massenhaft Bands antreten ließen, welche - ohne den Stil weiterzuentwickeln - mehr oder weniger alle das Gleiche spielten. Und schon wird man damit zugeballert, aus Independent und Nische wird Werbung und Vermarktung und jedwedes Anliegen, dass diesem Stil zugrunde gelegen haben mag, verblasst.
Solche Trends führen aber auch dazu, dass
Provokationen keine wirkliche Aussage mehr enthalten müssen. Ihnen muss keine Vision zugrunde liegen und die Provokateure müssen sie nicht aus existenziellen Beweggründen hervorgebracht haben.
Provokationen müssen nur noch eines sein: massenkompatibel.
Daher schreien sich wildfremde Menschen nachmittags in Talk- und Gerichtsshows an, daher putzen sie sich in einem Menschenzoo die Zähne und voten gegen Mitbewohner, mit denen sie gestern noch, beobachtet aus 5 Kameraperspektiven, innigst und tief bewegt über die Sehnsucht nach Sex gesprochen haben. Jedem seine 15.Minuten, 15.Stunden, 15.Tage, meinetegen auch sein Jahr Ruhm. Dann aber Schluss. Frischfleisch muss her. Eine neue Sau muss durchs Dorf getrieben werden. Jede Provokation kann noch platter, noch weniger subtil, noch variantenreicher vorgetragen werden. An diesem Spiel zu verdienen ist der Zweck, dazu ist die
Provokation verkommen. Oder provoziere ich jemanden, wenn ich sage, dass es gerade 30.Kriege auf der Welt gibt, jetzt in diesem Moment? Wen treffe ich denn noch mitten ins Herz, wenn ich sage dass 1,3 Milliarden Menschen auf der Welt kein Zugang zu sauberem Trinkwasser haben?
Ist es nicht wesentlich wichtiger live und exclusiv dabei zuzusehen wie Daniel Küblbock seine Führerscheinprüfung
besteht?
Noch einiges zum Gedicht selbst:
Einst, in einigen Jahren
Ist nicht so schön formuliert. "Einst" weist eher auf die Vergangenheit hin, "in einigen Jahren" auf die Zukunft.
ist, um Moral zu wahren
die Moral gestorben
Klingt wunderbar. Eine meiner Lieblingsstellen. Bin mir nicht sicher, ob ich sie richtig interretiere. Heisst das so viel wie: Die Norm wird sein, dass es keine Norm mehr gibt?
Niemand kann mehr provozieren
wenn es niemanden erregt
was bleibt uns, als dumpf zu stieren
der Rebell hat abgelebt
Das doppelte "niemand" stört etwas. Ansonsten eine sehr schöne, innovative Strophe.
Alle Worte sind gesprochen,
alle Flüche sind getan
die Tabus sind lang gebrochen..
einst fing es als Freiheit an
Gefällt mir ebenfalls sehr gut. Einzig und allein die drei Punkte würden sich hinter der letzten Zeile besser machen und die Wirkung erhöhen. (Ich hab doch auch an allem was zu mäkeln...)
Es ist des Schicksalirrtum einer:
Wenn alles erlaubt ist,
und du zu laut bist
hört dich keiner
Diese schwächste Strophe. Die erste Zeile ist sehr umständlich formuliert. Ausserdem frage ich mich, warum du von
Irrtumredest. Du willst ja sagen: "Wenn alles erlaubt bist, und du zu laut bist, hört dich keiner." Das widerspricht sich.
Die Aussage selber zweifele ich an. Es hören dich sehr sehr viele. Sofern dein Anliegen massenkompatibel, sprich kommerziell integrierbar und leicht zu konsumieren ist. Es geht nur nicht mehr um Existenzielles, weder für die Provokateure noch für die Konsumenten.
Mein Gott, jetzt hast du mal gesehen was man mit einem guten Gedicht bei mir alles auslösen kann. Danke, Silentium. Dieses Gedicht hat mir die Möglichkeit gegeben meine nebulöse Gefühlswelt mal ein bisschen in Worte zu fassen. Es ist mir hoffentlich einigermaßen gelungen.
Gute Nacht,
Hamburger