Hallo Spider,
aus irgendeinem Grund musste ich bei diesem Gedicht zuerst an die Worte von malino denken, mit denen sie "Nichts als Gespenster" quittiert hat:
Ich hab diese selbsverliebte, orientierungslose Passivität irgendwie satt. Das Schlimme ist, das ich manchmal Sätze schreibe und denke, scheiße, woran erinnert mich das bloß. Ist schon der "Sound" meiner Generation, aber vielleicht geht mir ja auch meine Generation auf die Nerven, inklusive mir selber?
Das ist schon ein merkwürdiges Ding mit den Assoziationen!
Nichtsdestotrotz hast du hiermit, wie ich meine, wieder ein sehr gelungenes Gedicht vorgelegt, ein Gedicht, das mir, seit du es hier hereingestellt hast, nicht mehr aus dem Kopf gehen will, ein Gedicht, das sich festsetzt und zum Nachdenken anregt. Die Resignation, der Stillstand, die Gleichgültigkeit, die Lähmung und Angst, die – vielleicht gesamtgesellschaftliche – Depression von der es handelt, halte ich thematisch für äußerst interessant. Ich finde das Gedicht hat einen sehr politischen oder vielmehr nicht politischen, sondern gesellschaftskritischen Ton. Politik und Gesellschaft (oder sagen wir: Politik und Volk oder Herrscher und Beherrschte) das scheint sich immer weiter voneinander zu entfernen: ein Gesellschaft, die immer individualistischer und pluralistischer wird; keine festen, sicheren Strukturen (Kirche, Familie oder das Unternehmen, in dem man ein Leben lang arbeitet) mehr, an denen sich die Menschen orientieren können; keine großen, gesamtgesellschaftlichen Ziele mehr (außer sog. "Reformen"); Arbeitslosigkeit, Rezession, Politikverdrossenheit, die Flucht ins Private ... Das scheint dein Gedicht anzureißen, zu spiegeln. Wie immer bewältigst du dieses – schwierige und komplexe – Thema mit einer sprachlichen Selbstsicherheit, wie wir sie von dir gewohnt sind.
Der Lemon-Mond hat die Coca-Cola-Sonne ersetzt,
Schon in diesen Worten steckt viel Melancholie: der Mond ersetzt die Sonne, das Wodka-Gemisch das nicht-alkoholische Getränk. Vielleicht geht es hier auch ums Erwachsenwerden oder es ist wirklich von der Flucht in Nacht, Trübsinn und Betäubung (durch Alkohol) die Rede.
jetzt könnten wir tanzen, doch glauben wir nicht,
dass sich irgendwas irgendwie noch bewegt,
Wir glauben nicht mehr, dass sich noch etwas bewegt. Unser Glaube an Fortschritt, an Veränderung, an Bewegung versagt. Vernichtender, resignierender, nihilistischer kann man es kaum ausdrücken.
wir lassen's und trinken unser Wodka-Gemisch.
Gerade diese kleinen Partikel wie "wir lassen's" oder wie "was soll's" finde ich sprachlich sehr schön. Besonders in diesem Gedicht passen sie unheimlich gut und veranschaulichen eine sehr lässige, abwinkende Bewegung, mit der schnell etwas abgetan wird – oder ein Achselzucken.
Deine Hand nähm ich gerne, doch hemmt mich die Angst,
sie danach auch zu halten. Das war immer schon so,
Die Angst, etwas zu halten oder es zu halten und dann die Angst davor, es zu verlieren. Die Angst vor Nähe oder vor Verantwortung?
was soll's? Stahl ist Stahl und Beton ist Beton,
der Glanz der Republik geht uns längst nichts mehr an.
Hier wird das Gedicht seltsam. Hier ist ein Sprung – aus dem privaten Raum springst du plötzlich ins Große, ins Architektonische, ins Staatliche. "Stahl ist Stahl und Beton ist Beton, der Glanz der Republik geht uns längst nicht mehr an." Der Satz ist auch noch aus einem anderen Grund seltsam, denn es kommt mir vor, als würdest du hier vom "Arbeiter- und Bauernstaat", der ehemaligen DDR, reden und nicht von der wiedervereinten Nation mit ihren aktuellen Problemen (obwohl es ja gerade der Bauwirtschaft im Augenblick ziemlich dreckig geht). Und weißt du woran mich das erinnert? An den Zustand der DDR Ende der Achtziger Jahre – in dieser Zeit gab es auch eine Phase des Missmutes, der Unzufriedenheit und der Resignation, die keine Propaganda der Partei und kein Geschwätz von der Erfüllung der Soll-Pläne beheben konnte. Wahrscheinlich ist dieser Vergleich jenseits jeder "political correctness", aber die Kluft zwischen Politikern und Bürgern heute erinnert mich an damals. Die Unzufriedenheit, die Verdrossenheit und der Zynismus ähneln sich.
Die Eigenverantwortung gestärkt, die Schuld neu verteilt,
Das klingt wiederum etwas aktueller. Unsere "Eigenverantwortung" wird ja durch jede neue politische Reform gestärkt. Wieder so ein positives Wort, hinter dem sich etwas weniger angenehmes verbirgt: nämlich weitere Belastungen, die auf die privaten Haushalte zukommen. Bei dem Satz "die Schuld neu verteilt" muss ich an die immer wieder aufflammenden Diskussionen über "
die Schuld der Deutschen" denken ... Anderseits: oft schieben sich ja auch Politik und Wirtschaft immer wieder den "schwarzen Peter" in die Schuhe für die augenblickliche Krise. Das passt vielleicht noch besser!
wir sehen nach vorn und es geht nicht voran,
Herrlich! Ein wunderbar zynischer Einwurf. Zweckoptimismus und eine Realpolitik, die sich bei ihren Steuer- und Wachstumsprognosen immer wieder vertut.
wie ein lebensmüdes Kind im Hobbykeller am Strick
hängt bei Nebel und Nacht in der Luft unser Blick.
Also das Bild mit dem lebensmüden Kind find ich etwas seltsam. Das riecht mir zu sehr nach Effekthascherei, wo Effekthascherei gar nicht nötig ist. Das Bild mit dem Blick, der bei Nebel und Nacht in der Luft hängt, ist anderseits wieder sehr gelungen.
Well done!
Zum Schluss noch eine Frage: Warum heißt das Gedicht "Cocktailbar 2003"? Gibt es von dir ein gleichnamiges Vorgängergedicht?

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