Hey Silentium,
ich muss gestehen, dass ich die Ausgangsidee, die diesem Gedicht zugrunde liegt, ausgesprochen gut finde. Sie ist kurios und rührend, lustig und traurig zugleich – also auf jeden Fall ein guter Stoff zu einem Gedicht. Deine Umsetzung allerdings lässt an einigen Stellen zu wünschen übrig. Die entscheidenden Fehler sind bereits aus anderen Kritiken deiner Gedichte bekannt: a.) ein Hang zu einem etwas altmodisch-biederen Sprachgebrauch, b.) fehlende Dramaturgie beim Erzählen. En detail!
Ein alter Mann, dem die Frau gestorben
der noch immer in der Tiefkühltruhe findet
im Eis eingeschlossen, unverdorben
(was an Menge langsam schwindet)
Zuerst fällt negativ auf, dass der Satz, den du hier beginnst, unvollständig ist. Zu dem Anfang ("Ein alter Mann ...") fehlt das anschließende Prädikat und ein Relativsatz ist ein etwas unzureichender Ersatz dafür. Außerdem kommt mir diese Strophe etwas unrhythmisch vor. Die erste Zeile beginnt unbetont, die zweite betont, in der dritten prallen "Eis" und "eingeschlossen" aufeinander, das ganze müsste hartnäckiger und geduldiger komponiert werden. Und auf die Klammer kannst du ruhig verzichten.
was die Frau, die lang Verblichne
damals zubereitet, konserviert
so ist's, als ob die Entwichne
ihm die Mahlzeit selbst serviert
Der Reim "konserviert" - "serviert" ist eigentlich nicht schlecht, allerdings ist dieser Reim als Abschluss der Strophe etwas schwach, da es sich eigentlich nicht um einen Reim, sondern um eine Wortwiederholung handelt: "serviert" - "serviert" ("krepiert" wäre ein richtiger Reim). Der Reim "Verblichne" - "Entwichne" ist vom Klang tadellos. Allerdings sind beide Worte sprachlich ganz schön angestaubt und passen eher zu einem biederen, betulichen oder gehoben-pathetischen Stil. Mein Gefühl sagt mir: diese beiden Worte verderben die ganze Strophe.
So tropfen trockne Tränen in die Brühe,
wenn der Fund dann aufgetaut
wie ist ihm die Liebe und die Mühe,
die er schmeckt, doch nur vertraut!
Die Strophe ist okay. Vielleicht solltest für die "trocknen Tränen" ein anderes, weniger nahe liegendes Adjektiv finden, denn diese Alliteration ist schon ziemlich abgewetzt.
Doch jeder Vorrat schwindet-
irgendwann wirds wohl die letzte Suppe sein
was die beiden dann verbindet?
Er isst dann wohl allein
Also gegen das Ende ist vieles einzuwenden. Zwei Punkte sind entscheidend: a.) die Pointe fehlt, das Gedicht plätschert so aus und nennt nur noch das, was sich der Leser ohnehin selbst ausdenken kann ("Doch jeder Vorrat schwindet ... er isst dann wohl allein"), b.) die Strophe ist zwar etwas rhythmischer als die Vorgänger, aber die stark variierende Zeilenlänge bringt sehr viel Unruhe hinein (daran ist vor allem Zeile zwei Schuld). Der Reim "sein" - "allein" kommt mir wieder etwas schwachmatisch vor. Dieses Reimpaar ist einfach viel zu gebräuchlich, um damit ein Gedicht zu beenden und abzurunden. Was hier am Ende vor allem fehlt, ist ein Akzent – sowohl inhaltlich wie sprachlich. Das doppelte "wohl" innerhalb der letzten Strophe sollte vielleicht auch vermieden werden.

gelbe grüße
