Hallo AES,
ich bin geneigt mich der Meinung von Hamburger anzuschließen. Barock hin, Barock her, bei diesem Thema hast du dich irgendwie ein bisschen übernommen. Auch Hamburgers Eindrücke bezüglich dem geschwollenen und behäbigen Stil und der ungewollten Komik teile ich. Was mich an diesem Gedicht mit Nachdruck beeindruckt, ist das Metrum. Leider drängt sich mir dabei zugleich das Gefühl auf, dass unter der Beobachtung dieses anspruchsvollen Versmaßes, der Inhalt in Mitleidenschaft gezogen wurde und das ist nimmer ein guter Stil, insistiere ich und kann nicht anders, weil ich doch so ein Inhalt-und-Form-im-Einklang-Fetischist bin.
Der Lenz wie der Sommer, er schenkt Überfluss.
Der Herbst, nah am Winter, birgt ziemlich Verdruss.
Ja, schon der Auftakt zu diesem Gedicht ist irgendwie komisch, gerade die zweite Zeile find ich ziemlich ulkig. Alle vier Jahreszeiten in zwei Zeilen zu pressen, ist auch ein Glanzstück (allerdings ein überflüssiges), das dir keiner so schnell nachmachen wird.
Ich schüre den Ofen mit klammenden Gliedern
Und sinn´ ihnen nach, meinen Sommerpreisliedern.
Diese zwei Zeilen gefallen mir gar nicht schlecht! Obwohl Strophe eins, Zeile drei auch irgendwie seltsam ist. Der Ausdruck "klammende Glieder" ist zwar sehr schön, aber einen Ofen schürt man mit einem Haken, dachte ich. Und hast du schon mal einen Ofen geschürt? Also den möchte ich sehen, der dabei noch klammende Glieder hat! Die müssen schon triefen, um noch kalt und klamm zu sein, wenn die Tür zum Ofen erst einmal offen ist.
In Strophe zwei werden die Zeilen plötzlich von einer Zäsur unterbrochen:
U – U U – U | U – U U – UWozu das? Da wird man ja verleitet, die Strophe in einem ganz anderen Rhythmus zu sprechen, und zwar so:
Der Sommer entwichen,
Gar dürr schon die Auen,
Das feuchtende Wetter,
Es lehrt mich das Grauen.
Doch seht nur die Rebe –
Der Reben-Stock schwanger.
Wir pflücken die Süße,
Dann Tanz auf dem Anger!
Der Sommer entwichen, gar dürr schon die Auen,
Das feuchtende Wetter, es lehrt mich das Grauen.
Auch bringt dieser neue Rhythmus einen etwas abgehackten, weniger ernst zu nehmenden Tonfall ins Gedicht, es wirkt jetzt sehr viel lakonischer, was aber wiederum ganz im Gegensatz zu der ästhetischen Wortwahl und dem gehobenen Sprachgestus steht. Daher rührt die Komik. Eine Zeile wie "Das feuchtende Wetter, es lehrt mich das Grauen" wirkt darum ziemlich albern. Eine Ängstlichkeit, ein Grauen kommt hier nicht auf. Ist dieser Kontrast Absicht? Dein Verweis auf das Gedicht von Arno Holz legt das nahe.
Doch seht nur die Rebe - der Reben-Stock schwanger.
Wir pflücken die Süße, dann Tanz auf dem Anger!
Ein schöner Reim. Es wird immer lustiger, find ich.
Noch viermal zehn Herbste, wenn die sind entwichen,
Dann bin ich wahrscheinlich im Tode verblichen.
Also im Thread "Der Gesang der fünf Pilger" hast du dich mit dreimal zehn Herbsten beschieden. Aber, wie sagen die Vulkanier: Frieden und langes Leben!

Ich glaub, das Reimpaar habe ich zuletzt in dem Gedicht "Die letzte Suppe" von Silentium ebenfalls als etwas angestaubt bekrittelt. Allerdings passt diese Wortwahl zu deinem Gedicht sehr viel besser.
Mein Schreiben bracht Freude der Welt - Immerhin.
Was wird sie wohl sagen, wenn ich nicht mehr bin?
"Tschüs!", vielleicht? Die erste Zeile ist ziemlich hochgestochen, so ein eingebildetes Ich kommt nicht gut. Dieses einsilbige "Immerhin" ist irgendwie ganz, ganz seltsam. Was ist der Sinn dieser Antwort, die das Ich sich selber gibt? Außerdem ist mir schleierhaft, wie sich das inhaltlich in das Jahreszeiten-Bild fügt? Die Wendung zur Vergänglichkeits-Melancholie erscheint mir missglückt.
Ganz ehrlich: dieses Barock-Revival ist nicht mein Ding. Du beschwörst damit eine ziemlich stereotypische Jahreszeitaufnahme und verpackst sie in ein altmodisches Sprachgewand. Der Pathos verpufft aber in kleinen Ulksalven. Für mich ist dieses Gedicht nicht einzuordnen: will es jetzt ernst oder lustig sein? Und das ist auch sein größter Mangel.

gelb
p.s. Übrigens ist das Gedicht von Arno Holz große Klasse. Ich bin darin - schon wieder! - einer Meinung mit Ham. Es wäre wirklich eine Bereicherung für das Forum "Club der toten Dichter". Aber wir wollen dir da ja nicht reinreden ... "tue es, tue es, tue es"!
